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9 August 2019 / Lesezeit: 6 minuten

Mehrgenerationen-Wohnen gegen Jugendobdachlosigkeit

Mit 19 im Altersheim

Um die große Wohungsnot unter Finnlands Jugendlichen zu bekämpfen, vermittelt ein Projekt jungen Menschen Wohnplätze in Altenheimen

Titelbild: Fabian Weiß

In Helsinki können sich viele junge Menschen kein Zimmer leisten, sie haben kein eigenes Dach über dem Kopf. Die Stadt will jetzt Wohnraum für sie schaffen – zum Beispiel in Altersheimen

Angeblich hat keiner ihn für verrückt gehalten, damals, als Jonatan Shaya erzählte, er ziehe in ein Altenheim. Mit 19. Nach Laajasalo. Also fast ans Ende der Welt, eine Insel hinter einer Insel. Von Helsinkis Innenstadt eine kleine Weltreise entfernt. Erst mit der Metro, dann noch umsteigen in den Bus, über die eine Brücke und über eine zweite. Ankunft nach einer gefühlten Ewigkeit.

Neben der Bushaltestelle ragen marmorierte Granitfelsen meterhoch empor, auf denen silberne Flechten wachsen und ein paar Preiselbeeren. Kiefern, Birkenblätter im Wind. Rund um den Rudolfstift in Laajasalo ist es ziemlich still, nur gedämpftes Kindergeschrei dringt von einem Spielplatz herüber, das dumpfe Aufprallen eines Basketballs. Das Meer liegt nur einen Steinwurf entfernt. Wunderschön. Aber außer Einfamilienhäusern aus rot und gelb gestrichenem Holz und verlassenen Fahrradwegen gibt es hier nicht viel. Keine Bar, kein Kino. Kaum junge Menschen. Warum also zieht ein 19-Jähriger hierher? Und dann noch in ein Heim mit mehr als 100 Mitbewohnern, die ein Durchschnittsalter von 79 Jahren haben?

Jonatan steht in der Küchennische seines Zimmers und stellt die abgespülten Kaffeetassen in den Abtropfschrank. Er ist klein und schmal, seine dunklen, kurzen Haare sind nach oben gegelt. Das Zimmer ist aufgeräumt und großzügig. Die Einrichtung: einfach. Bett, Schrank, Tisch, ein paar Stühle. Dazu ein großer Balkon mit Blick ins Grüne. „Hierherzuziehen war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe“, sagt Jonatan. Es klingt ziemlich besonnen, erwachsen. Aber er hatte auch einfach keine Wahl. Seine Mutter, bei der er wohnte, zog mit dem jüngeren Bruder aus der Stadt und der angehende Konditor wusste nicht, wohin.

„Eigentlich ist da kein Unterschied zwischen diesem Zimmer und den anderen, die ich angeguckt habe. Außer dem Preis!“ Tatsächlich ist Wohnen in Helsinki teuer. Die finnische Hauptstadt wächst rasant, bei den Mietpreisen rangiert sie noch vor Genf, Rom und New York auf dem 16. Rang der teuersten Städte der Welt. Ein Zimmer in Zentrumsnähe hätte sich der Azubi nicht leisten können, so wie viele andere auch: Jonatan war einer der mehr als 1000 jungen Erwachsenen unter 25 in Helsinki, die kein dauerhaftes Dach über dem Kopf haben. Dann sah Jonatan den Facebook-Aufruf, sich für ein Zimmer zu bewerben. „Das klang in einer Stadt wie Helsinki fast nach Satire“, sagt er. Im Angebot waren 23 Quadratmeter, mit Bad, Küche, Balkon – für nur 250 Euro. Die Voraussetzungen dafür erfüllte Jonatan: 18 bis 25 Jahre alt, akute Wohnungsnot. Mehr als 300 Interessenten bewarben sich um drei Zimmer im Rudolfstift. Jonatan hatte Glück.

Das Ziel: keine obdachlosen Jugendlichen mehr

Dass es in Laajasalo überhaupt Wohnraum für Jugendliche gibt, liegt am Projekt „Oman Muotoinen Koti“, was soviel heißt wie „Ein passendes Zuhause“. Verantwortlich dafür ist Miki Mielonen von der Jugendabteilung der Stadtverwaltung in Helsinki. Das Altersheim ist eine Idee aus dem Projekt, wohnungslosen Jugendlichen zu helfen. Er sagt: „In Finnland gibt es eigentlich eine gewachsene Tradition, dass junge Menschen früh daheim ausziehen. Aber wegen der steigenden Kosten werden sie immer später unabhängig.“

Oft noch scheitert Mielonen an bürokratischen Hürden. „Aber wir wollen mit unseren Ideen die Logik des Systems ändern.“ Das Ziel: Bis 2018 sollen alle Jugendlichen in Helsinki ein dauerhaftes Dach über dem Kopf haben und sozial nicht mehr isoliert sein. Dafür bewirbt Mielonen sich um Mittel aus dem europäischen Sozialfonds, mit denen er auch gemeinschaftlichen Wohnraum in leerstehenden städtischen Räumen ausbauen will. Auch Taimi Taskinen hatte Glück. Sie und Jonatan trennen zwar 62 Jahre, aber beide finden, dass es vieles gibt, was sie verbindet. Die Begeisterung für die Malerei zum Beispiel.

In Taimis Zimmer hängt ein kleines Gemälde, das Jonatan ihr zum Valentinstag, in Finnland ein Freundschaftstag, geschenkt hat. „Er ist talentiert“, sagt Taimi. „Seine Bilder sind viel besser als meine.“ Aber viel wichtiger ist ihr: Nach nur einem halben Jahr hat die mehrfache Großmutter das Gefühl, als hätten sie sich schon immer gekannt. „Oma bin ich genug“, sagt Taimi, die vier Kinder und sechs Enkel hat, „aber Jonatan ist mein Freund.“ Sie hat sich für einen kleinen Ausflug in den Garten zurecht gemacht. Auf dem Kopf ein geblümter Hut des finnischen Labels Marimekko, auf dem Schoß ihre Malutensilien, sitzt sie im Rollstuhl. Jonatan legt seine mit dazu, schiebt Taimi zum Aufzug, dann auf die Terrasse im Garten unter ein Sonnensegel und packt Papier und Buntstifte auf den Tisch.

Taimi malt mit der rechten Hand, die linke hängt schlaff über der Tischkante. „Die Hand funktioniert nicht mehr so gut“, sagt sie. Jonatan hätte sie aber inspiriert, wieder zu malen. Der wiederum hört gern Taimis Geschichten aus alten Zeiten. Von den Jahren nach dem Krieg, von ihrem Job in einer Margarinefabrik. „Ich musste mir damals keine Sorgen über Arbeitslosigkeit machen“, sagt Taimi. „Heute ist das ja ganz anders.“ Wie viele sucht auch Jonatan nach Arbeit. Und solange er sucht, hat er Zeit für Taimi. An manchen Tagen sitzen sie bei ihm im Zimmer, er macht dort den Teig, und auf ihrem Küchentisch rollen sie dann Pulla, finnisches Hefegebäck. An anderen Tagen fahren sie in Cafes oder zum Markt. Sie schauen sich Naturfilme im Fernsehen an oder Schwarzweißstreifen aus den 50er Jahren. Was genau sie unternehmen, ist aber eigentlich Nebensache.

„Es soll eine Win-Win-Situation sein“

„Es geht einfach darum, Zeit miteinander zu verbringen“, sagt Jonatan. Und meistens sind das mehr als die drei bis fünf Pflichtstunden, die Bedingung dafür sind, dass er hier wohnen kann. Viele Bewerber seien bereit gewesen, mehr als die vorgegebene Stundenzahl mit den alten Mitbewohnern zu verbringen, sagt Mika Mielonen. „Es ist ein Vorurteil, dass junge Leute keine Alten mögen und umgekehrt.“ Er hat das Projekt nach dem Vorbild eines Modells im niederländischen Deventer initiiert. Dort können Studenten sogar gratis in Heimen leben, wenn sie sich um die alten Menschen kümmern.

„Es soll eine Win-Win-Situation sein“, sagt Mielonen. „Die Jugendlichen profitieren von der Wohnung, die Senioren in sozialer Hinsicht. Dabei verlangen wir keine soziale oder pflegerische Ausbildung. Es geht einfach nur darum, für die alten Menschen dazusein.“ Dieses Ziel ist schon erreicht. „Ich habe wieder einen Grund, morgens aufzustehen“, sagt Taimi. „Die Jugendlichen hier bringen frischen Wind rein, Leben. Man ist nicht nur Pflegefall, sondern Mensch.“

Tatsächlich ist die Situation in Finnlands Altenheimen ähnlich wie in Deutschland: Viel zu viele Bewohner für viel zu wenige Pfleger. Die Jugendlichen im Rudolfstift helfen somit nicht nur den Alten, sondern auch den Mitarbeitern. „Wir hoffen, dass es weitergeht“, sagt eine Pflegerin. „Das Personal ist vollauf mit der Grundpflege beschäftigt, für Freizeitaktivitäten bleibt da keine Zeit. Wir haben mit den Jugendlichen nur positive Erfahrungen gemacht.“ Taimi weiß, dass sie Glück hatte. Der Grund für Jonatans Entscheidung war naheliegend – Taimi wohnt im Zimmer nebenan.

Erst habe er überlegt, ob er jeden Tag mal mit jemand anderem Zeit verbringen solle, sagt Jonatan. „Aber ich dachte mir, dass letztendlich keiner etwas davon hat. Außerdem würden sich manche nach einer Woche ja nicht mal mehr an mich erinnern.“ Und: Nicht jeder alte Mensch hat Lust auf jugendliche Gesellschaft. Natürlich kommen viele zu kurz: Auf mehr als 100 Alte kommen nur drei junge Bewohner. Neben Jonatan sind da noch Emil, 23, und Veera, 18.

„Jetzt habe ich endlich eine Oma.“

Emil ging es ähnlich wie Jonatan: Er wusste nicht wohin, als sein Vater ins Ausland zog. Nach monatelangem Couchsurfing klappte es für den Kindergärtner endlich mit dem Rudolfstift. Veera hatte zuhause kein eigenes Zimmer. Sie macht ein Jahr Pause in ihrer Ausbildung, jobbt zurzeit in einem Kindergarten und einem Klamottenladen. Ihre Bezugsperson im Pflegeheim ist für Veera eine Art Ersatzoma: „Ich habe meine Großeltern nie kennengelernt. Jetzt habe ich endlich eine Oma.“

Kaffeezeit. Jonatan schiebt Taimi in den Speisesaal. Er schenkt ihr ein, gibt zwei Zuckerwürfel in die Tasse, er weiß längst, wie sie ihren Kaffee gern trinkt. Zucker gegen das bittere Gebräu, daran ist Taimi gewöhnt. Aber mit dem Essen kann sie sich nicht anfreunden. Die Jugendlichen freuen sich, dass sie hier für zwei Euro essen können, in der Stadt kostet das mindestens zehn. „Doch das Essen kommt aus einer Großküche und ist oft ungesund“, sagt Taimi. Deshalb hat Jonatan ihr und anderen Bewohnern geholfen, einen Brief ans Sozialministerium zu verfassen – mit Erfolg.

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Bald findet ein Treffen statt, bei dem die alten Menschen ihre Belange persönlich vorbringen können. Diese Aktion wäre ohne Teamwork kaum zustandegekommen. Für noch mehr junge Bewohner ist – zumindest noch – kein Platz im Rudolfstift. „Die Zimmer sind für dauerhafte Pflegeplätze reserviert, da haben die alten Menschen Priorität“, sagt Mika Mielonen. Noch sei das ganze Projekt „Oman Muotoinen Koti“ klein und experimentell. Aber das Potenzial der Idee sei groß: „Ich halte sie für einen sozial nachhaltigen Weg, um Jugendobdachlosigkeit zu verhindern.“ Diesen Sommer stemmte Mielonen zum Beispiel auch ein Wohn- und Arbeitsprojekt auf Vartiosaari, einer weiteren Insel vor Helsinki.

Junge Leute aus dem sozial schwachen Milieu arbeiteten und wohnten hier, allerdings nur für ein paar Monate. Jonatan hat da mehr Sicherheit, sein Mietvertrag läuft bis mindestens Ende 2017. Und auch wenn er nicht viel jugendliche Gesellschaft hat, sieht es doch ein Stück weit nach Party aus, als abends der Tisch im Garten bunt gedeckt ist. Etwa ein Dutzend Alte sitzen mit Jonatan, Emil und Veera auf Bierbänken. Die finnische Sommersonne steht noch hoch am Horizont. Die jungen Leute haben Pizza bestellt und Pappteller verteilt. Die Stimmung ist aufgekratzt, die sonst oft schweigsamen Finnen lachen und reden durcheinander. „Manchmal vergesse ich hier, dass ich alt bin“, sagt Taimi. Jonatan ist längst zu dem Schluss gekommen: „Ich habe viel darüber nachgedacht, wie unsere Gesellschaft mit Senioren umgeht. Auch ich würde gerne mit vielen Menschen verschiedenen Alters um mich herum alt werden.“