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7 February 2018 / Lesezeit: 3 minuten

Obdachlosigkeit

Ein faltbarer Schlafplatz

80 Zentimeter breit, leicht und faltbar: Das ist der Nachtfalter, ein Bett für Obdachlose, selbstgebaut aus Wellpappe

Titelbild: Nachtfalter

Titelbild: Nachtfalter

Nicht selten fallen die Temperaturen zu dieser Jahreszeit noch in den Minus-Bereich. Problematisch ist das vor allem für die Menschen, die keine feste Bleibe haben, in die sie sich zurückziehen können. Das harte Leben auf der Straße soll durch den „Nachtfalter” erleichtert werden

Der „Nachtfalter“ – ein poetischer Name für ein Bett, das aus Versandkartons besteht. Funktional, leicht und modulierbar soll es sein. Ein treuer Begleiter für Obdachlose, die es selbst aus den Einzelteilen zusammen stecken und zum Transport zusammenfalten können, wie eine Zieharmonika. Auf dem Nachtfalter liegt man vielleicht nicht so komfortabel wie auf einem Bett mit Lattenrost und Matratze – aber zumindest ein paar Handbreiten von dem kalten, schmutzigen Boden entfernt. Außerdem kann man seinen Besitz unter der Liegefläche verstauen und ihn so vor Diebstahl schützen.

Nachtfalter: Ein faltbares Bett für Obdachlose

Die Idee stammt von den Kommunikationsgestalterinnen Daniela Eisele, Laura Raab und Andrea Klause. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit wollten die drei Studentinnen ein Konzept zur nachhaltigen und sozialen Wiederverwertung von Versandkartonagen entwickeln. Denn davon gibt es mehr als genug: immer mehr Produkte werden online bestellt und in Kartons geliefert, die sich dann nach dem Auspacken im Altpapier stapeln. Doch es muss nicht sein, dass Wellpappe als reines Abfallprodukt unbeachtet im Müll landet. Mit dem Projekt „Nachtfalter“ soll sie einen neuen Wert gewinnen – und zu einem praktischen Helfer für Menschen ohne Obdach werden.

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Zu diesem Zweck entwickelten Eisele, Raab und Klause einen speziellen Versandkarton, aus dem sich, je nach Größe, unterschiedlich viele einzelne Module heraustrennen lassen. Die Pappteile sollen dann in bundesweit zu diesem Zweck aufgestellten Containern und kooperierenden Einrichtungen gesammelt werden, wie beispielsweise in Suppenküchen oder Wohnheimen. Vor Ort sollen sie an Obdachlose verteilt werden, die aus insgesamt 16 Modulen ihren eigenen Nachtfalter zusammenbauen können. Die Breite eines fertigen Nachtfalters beträgt 80 Zentimeter, die Länge kann selber bestimmt werden.

Das Leben ohne ein Dach über dem Kopf

Als obdachlos gelten Menschen ohne feste Unterkunft, die auf der Straße oder auf öffentlichen Plätzen wohnen oder in niederschwelligen Einrichtungen wie Wärmestuben oder Notschlafstellen übernachten. Kälte und Hunger sind nicht die einzigen Probleme, unter denen sie leiden. Hinzu kommen die kritische hygienische Situation, eine mangelnde gesundheitliche Versorgung, eine ständige Bedrohung durch gewalttätige Übergriffe oder Diebstahl und auch die „soziale Kälte“, die sich in Form von gesellschaftlichem Desinteresse oder Verachtung äußert.

Ein tragbares Möbelstück, das Schlafplatz und Stauraum in einem ist, könnte den harten Alltag auf der Straße erleichtern und ein Gefühl von Autonomie und einer gewissen Sicherheit vermitteln. Zumindest erhält das faltbare Bett viel positiven Zuspruch von obdachlosen Personen, die es bereits getestet haben. In ihrer Abschlussarbeit beschreiben die drei Studentinnen die Resonanz der Testpersonen folgendermaßen: „Die Funktionalität, Einfachheit und Ästhetik überzeugt alle Probanden. Besonders das schnelle Auf- und Abbauen erzeugt sehr viel Euphorie. Selbst jahrelang Wohnungslose, welche lediglich auf der Straße schlafen, nehmen das Projekt freudig an und bieten ihre Unterstützung an.“

Noch ist der Nachtfalter jedoch nicht verfügbar. Für die Umsetzung des Projekts werden aktuell noch Förderer gesucht. Sollten sich genug Partner finden, die die Kartons vertreiben und ihre Waren darin verschicken, könnte der Nachtfalter neben Kältebussen und Notunterkünften zu einem weiteren Projekt werden, das Menschen ohne Obdach hilft, mit den harten Bedingungen der Straße zurechtzukommen. Abgesehen davon, dass es sich an eine benachteiligte Gruppe der Bevölkerung wendet, hätte das Projekt auch den positiven Nebeneffekt einen sinnvollen und nachhaltigen Umgang mit Verpackungsmüll zu unterstützen.

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Symptombekämpfung alleine reicht nicht aus

Trotzdem ist es unerlässlich, dass präventive Maßnahmen gegen die Obdachlosigkeit unternommen werden. Es fällt schwer eine exakte Zahl der Menschen in Deutschland zu erfassen, die tatsächlich ohne Obdach leben, doch laut Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe (BAG e.V.) waren es 2016 bereits etwa 860.000. Bis zum Jahr 2018 wird ein Anstieg um 40 Prozent erwartet, sodass in zwei Jahren bereits rund 1,2 Millionen Menschen ohne feste Bleibe sein werden.

Gründe für die Obdachlosigkeit kann es viele geben: Verlust der Arbeit, Schulden, häusliche Gewalt, kriminelle Belastung oder Haftentlassung, Krankheit, Sucht und  psychische Probleme können verantwortlich sein, aber auch der zunehmende Wohnungsmangel, die steigenden Mietpreise und die Gentrifizierung. Vor allem die Bekämpfung von zunehmender Wohnraumknappheit und Verarmung liegt in der Verantwortung der Politik und muss in Angriff genommen werden.