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15 May 2018 / Lesezeit: 4 minuten

Wege aus der Obdachlosigkeit

Zuerst ein Dach über dem Kopf

Erst ein Dach über dem Kopf, dann kommt die Problembewältigung: „Housing First“ hilft Obdachlosen in ein geregeltes Leben

Bevor Obdachlose in Deutschland eine Wohnung bekommen, müssen sie ein komplexes System aus Notunterkünften und Übergangsheimen durchlaufen. Daran scheitern die meisten. Ein neuer Ansatz verspricht mehr Erfolg: Housing First

Fünfmal hat Michael versucht, eine eigene Wohnung zu bekommen. Und fünfmal ist er gescheitert. Immer wieder wollte er den langen Weg durch das in Deutschland geltende Stufensystem gehen: erst ein paar Monate Übergangsheim, dann einige Zeit im Wohnheim, ein Wohntraining – und regelmäßig der Abbruch wegen seines Alkoholkonsums und seiner Heroinsucht. Also wieder auf die Straße, wie fast 20 Jahre schon. Bis der Düsseldorfer Verein „Fifty-Fifty“ Michael einfach eine günstige Wohnung zur Verfügung stellte und er mithilfe von Sozialarbeitern sein Leben langsam wieder in den Griff bekam.

Das Prinzip, Wohnungslosen zuerst ein Dach über den Kopf zu verschaffen und sich dann ihrer Probleme anzunehmen, heißt „Housing First“. Unter Experten gilt es als eine Art Wundermittel gegen Obdachlosigkeit. Der relativ neue Ansatz kommt aus der US-amerikanischen Sozialpolitik und wird seit einigen Jahren auch in Deutschland umgesetzt. „Es geht im Grunde darum, Wohnungslosigkeit zu beenden, statt diese nur zu verwalten“, sagt Volker Busch-Geertsema von der Gesellschaft für Innovative Sozialforschung und Sozialplanung in Bremen. Der promovierte Sozialwissenschaftler hat mehrere Housing-First-Projekte in verschiedenen europäischen Städten untersucht.

„Housing First“ stellt das Stufensystem auf den Kopf

Mit „verwalten“ meint Busch-Geertsema das Stufensystem, an dem auch Michael scheiterte. Doch dieses System steht seit Jahren in der Kritik. „Beim Stufenmodell bekommt ein erheblicher Teil der Leute keine Wohnung innerhalb der Begleitzeit“, sagt Volker Busch-Geertsema. „Es droht außerdem immer der Wohnungsverlust und die Ungewissheit, wie lange man bleiben kann.“ Das seien alles Belastungen, die Stress verursachen, was zum Beispiel für viele Alkoholiker oder Drogensüchtige eine Rückkehr in die Sucht bedeute. Und damit iegen sie aus dem Stufensystem raus und müssen wieder von vorne anfangen.

Mit dem Housing-First-Prinzip wird das Stufensystem auf den Kopf gestellt: Erst wenn jemand eine eigene Wohnung hat, so die Idee, erst wenn ein Mensch also eine stabile und sichere Basis hat, kann man Probleme wie Sucht oder Langzeitarbeitslosigkeit dauerhaft lösen. Außerdem, davon ist Volker Busch-Geertsema überzeugt, sei die eigene Wohnung die beste Schule, in der Menschen lernen, selbstständig und eigenverantwortlich zu leben. „Man ist dann in einer Situation mit realen Bedingungen, mit realen Nachbarn und mit realen Herausforderungen wie etwa der Einsamkeit. Schwimmen lernt man am besten im Wasser.“

Erfolgsquote? Bis zu 90 Prozent

Tatsächlich weisen die von Volker Busch-Geertsema untersuchten Housing-First-Projekte große Erfolge auf: Bis zu 90 Prozent der ehemaligen Wohnungslosen hatten nach fünf Jahren immer noch eine eigene Wohnung. Kein Wunder also, dass immer mehr Städte wie Amsterdam, Wien, Lissabon und Glasgow das Prinzip aufgreifen, um Wohnungslosen zu helfen. In Ländern wie Dänemark oder Finnland ist Housing First sogar als nationale Strategie eingeführt.

Auch bei den sogenannten „schwierigen Fällen“ hat sich das Prinzip bewährt. Schon als die Idee in New York in den 1990er-Jahren zum ersten Mal umgesetzt wurde, richtete es sich vor allem an Obdachlose mit psychischen Problemen. Und als Salt Lake City 2005 zuerst den psychisch Kranken und Drogensüchtigen Wohnungen anbot, reduzierte sich die Zahl der Wohnungslosen binnen zehn Jahren um 78 Prozent.

„Housing First“ bedeutet aber nicht „Housing Only“. Genauso wichtig wie die eigene Wohnung ist die Betreuung durch Sozialarbeiter. Im Unterschied zum Stufensystem entscheidet hier aber der ehemalige Wohnungslose selbst, wann und wie viel Hilfe nötig ist. Nur er hat auch den Haustürschlüssel und das volle Mietrecht. Das schafft Vertrauen. „Bei Housing First wissen die Menschen, dass sie bleiben können“, sagt Volker Busch-Geertsema. Das motiviere sie, sich mit der Nachbarschaft bekannt zu machen und Kontakte zu knüpfen. „Sie müssen ja nicht wie üblich nach einem halben Jahr wieder raus.“

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Künstler wie Ai Weiwei spenden

So gut es auch klingt, Housing First ist keine Universallösung. Und im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist das Prinzip in Deutschland noch nicht ganz angekommen. Laut Busch-Geertsema gibt es viele Gründe dafür. Es fordert neben der Abkehr vom etablierten Stufensystem auch Änderungen in der Arbeitsweise der Sozialarbeiter. Aber vor allem hört er immer wieder ein Gegenargument: „Viele Sozialarbeiter sagen: Wir finden das ganz prima. Doch erkläre uns, wie wir an die Wohnungen kommen, dann können wir weiterreden.“

In der Tat ist der Mangel an Sozialwohnungen in Deutschland eklatant, auch Kleinwohnungen fehlen millionenfach. Woher also nehmen? „Es wäre natürlich von Vorteil, wenn Housing First mit Sozialwohnungen von der Kommune durchgeführt werden könnte – das ist bei uns halt leider nicht der Fall“, sagt Ralf Brunner vom Düsseldorfer Straßenmagazin und Verein „Fifty-Fifty“, der auch Michael eine Wohnung besorgte und derzeit Deutschlands größtes Housing-First-Projekt unterhält.

Brunner und seine Mitstreiter haben einen anderen Weg gefunden: Der Verein „Fifty-Fifty“ kauft eigene Wohnungen und vermietet diese an die Verkäufer des Straßenmagazins. Finanziert wird das Ganze durch Spenden – und aus den Einnahmen der eigenen Kunstgalerie: Dank Kontakten zur Düsseldorfer Kunstakademie haben international angesagte Künstler wie Ai Weiwei oder Gerhardt Richter Werke gespendet. „Die Wohnungen sind in ganz Düsseldorf verteilt und befinden sich in ganz normalen Anlagen. Wenn sie für uns finanzierbar waren, haben wir sie gekauft und die Leute einfach da einziehen lassen“, erklärt Ralf Brunner.

Aktuell vermietet „Fifty-Fifty“ knapp 20 Wohnungen an 51 Menschen nach dem Housing-First-Prinzip – mit großem Erfolg. Nicht ohne Stolz erzählt Ralf Brunner Geschichten wie die von Michael, dem im Stufensystem Gescheiterten. „Jetzt hat er eine kleine Wohnung von 40 Quadratmetern und fühlt sich pudelwohl“, freut sich Brunner. „Im Stufensystem wird den Leuten unterstellt, sie könnten nicht alleine wohnen. Wir beweisen das Gegenteil. Die Leute können das schon – wenn man sie in Ruhe lässt.“