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14 Januar 2018 / Lesezeit: 3 minuten

Ehrenamt

111 Engel schneiden Haare – kostenlos

Die Friseure des Vereins „Baber Angels Brotherhood” schneiden bedürftigen Menschen kostenlos die Haare

Titelbild: Chris Weber

Titelbild: Chris Weber

Was kann jeder Einzelne von uns tun, um den unzähligen wohnungs- und mittellosen Menschen in Deutschland zu helfen? Mit dieser Frage hat sich Claus Niedermaier, der Gründer der Barber Angels Brotherhood e.V., auseinander gesetzt und die für sich richtige Antwort gefunden: Er verpasst ihnen einen neuen Haarschnitt

Die Armut in Deutschland hat laut Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands einen neuen Höchststand erreicht. Die Zahlen wohnungsloser Menschen sehen ebenso erschreckend aus: 2016 gab es Schätzungen zufolge 860.000 von ihnen. Von den Zukunftsprognosen möchten wir gar nicht erst anfangen. Schnell stellt man sich die Frage: Was können wir tun, um diesen Menschen zu helfen?

Ebendiese Frage beschäftigte Claus Niedermaier, als er einen Fernsehbericht über obdachlose Menschen in München sah. Für eine große Spende stand nicht genug Geld zur Verfügung, trotzdem möchte er etwas bewirken. Also beschließt der Friseur, anderweitig zu helfen – mit einem kostenlosen Haarschnitt.

Feuer und Flamme für seine Idee, steckt er vier seiner Freunde damit an. Zusammen gründen sie den Club „Barber Angels Brotherhood”. Das war im November 2016. Aus fünf Mitgliedern wurden 111 Angels, die innerhalb von einem Jahr 3500 Bedürftige aus ganz Deutschland frisiert haben.

Kostenloser Haarschnitt für Obdachlose

Was so ein Haarschnitt bewirken kann? Laut Niedermaier sehr viel. Er und sein Team möchten den obdachlosen und bedürftigen Menschen neue Kraft, Selbstvertrauen und Würde schenken – und damit vielleicht einen ersten Impuls für eine Veränderung, raus aus der Bedürftigkeit zu geben. „Wir möchten ihnen das Gefühl geben, dass sie Menschen sind, dass sie wichtig sind. Sie bekommen von uns eine optimale Frisur, wie jeder andere Kunde in unseren Geschäften auch“, ergänzt der Präsident der Barber Angels. Das Einzige, was sich zu den üblichen Friseurbesuchen unterscheide: Bei ihren Aktionen akzeptieren die Friseure nur Dankbarkeit als Bezahlung.

Damit eine solche Aktion zustande kommen kann, muss eine Diakonie, ein Männer- oder Frauenhaus eine Anfrage beim Verein stellen. Wird diese bestätigt, gibt es in der Einrichtung einen Aushang, der die Menschen über die Aktion informiert, die meistens keinen Zugang zu sozialen Medien oder dem Internet haben. Und dann kann es losgehen: An einem Sonntag oder Montag – die regulären friseurfreien Tage – erscheinen 10 bis 15 freiwillige Friseure in Lederweste, die den Ansturm bewältigen.

Keine Show: Die Barber Angels möchten andere zum Helfen animieren

Die Motorradweste ist das Erkennungszeichen der Barber Angels – hat aber mit einer Rockerbande nichts zu tun. „Keiner von uns fährt Motorrad“, lacht Claus Niedermaier. Es ginge vielmehr darum, Aufmerksamkeit zu generieren, Zugehörigkeit zu stiften, aber genauso auch darum, die Barriere zwischen den Bedürftigen und den Friseuren abzubauen. „Wenn wir eine Aktion durchführen und jeder käme mit seinen Markenklamotten und klimperndem Schmuck, passt das an diesem Tag einfach nirgendwo hin.“

Jeder Einsatz der Barber Angels wird von den Medien begleitet – wofür Niedermaier und sein Team häufig kritisiert werden. Mehrfach betont er, dass es ihm nicht um Selbstdarstellung ginge, es gehe um die Menschen; darum, etwas zu verbessern. Die Medien seien insofern wichtig, dass sie andere Handwerksgruppen zum Teilnehmen animieren. Apollo Optik habe man so schon als Partner für sich gewinnen können. „Ich bin froh, dass es so langsam Früchte trägt. Dass sich der Gedanke der Barmherzigkeit etwas verbreitet, jedem etwas wärmer wird und jeder etwas tut.“

Obdachlosigkeit und Armut können jeden treffen

Trotz ihrer positiven Wirkung sei die Arbeit auch kräftezehrend, denn viele Kunden haben dramatische Schicksalsschläge erlebt, von denen sie berichten. „Nach jedem Einsatz gibt es eine gewisse Ruhephase, wo jeder erstmal in sich geht und zehn Minuten gar nichts spricht“, erklärt Niedermaier. Die Geschichten machen nachdenklich und zeigen, dass es ausnahmslos und sehr schnell jeden treffen kann – selbst den erfolgreichen Steuerberater.

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Umso wichtiger sei es auch in Zukunft zu helfen. Das Ziel ist klar: Innerhalb von Deutschland ein flächendeckendes Netzwerk aufzubauen, welches sich nachhaltig, ein Mal im Monat um die Bedürftigen kümmert. Dies soll mit einem kleinen Kern aus Friseuren und anderen Engagierten geschehen, der sich vor Ort der Organisation und Durchführung der Aktionen annimmt.