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8 Mai 2018 / Lesezeit: 6 minuten

Wege aus der Obdachlosigkeit

Arm in einem reichen Land

Auch in Deutschland ist Obdachlosigkeit ein großes Problem

Mehr als 900.000 Menschen in Deutschland müssen auf der Straße oder in Notunterkünften leben. Schuld sind unbezahlbare Mieten, störrische Jobcenter und eine verfehlte Wohnungspolitik

Carina fällt auf in der kleinen Caféstube in dem Flachbau, indem die Redaktion des Hamburger Obdachlosenmagazins „Hinz&Kunzt“ sitzt: Sie ist großgewachsen, gepflegt und nur eine von drei Frauen. Obdachlos ist Carina schon lange nicht mehr. Seit 13 Jahren lebt die 45-Jährige in einer kleinen Wohnung im Hamburger Norden. Ein kleines Wunder, wenn man ihre Lebensgeschichte hört. Mit 18 geht die Pferdewirtin weg aus ihrem Elternhaus in Neustadt an der Ostsee. Verliebt sich in einen Hamburger. Wird drogenabhängig. Lebt am Hauptbahnhof der Hansestadt, schläft im Eingang eines Supermarktes oder in einem Wohnschiff für Obdachlose auf der Elbe. Um ihre Sucht zu finanzieren, geht sie anschaffen.

Heute hat Carina nicht nur ein Dach über dem Kopf und braucht kein Heroin mehr, sondern sie arbeitet auch: Sie verkauft an einem festen Platz nahe eines Supermarkts im Stadtteil Rissen „Hinz&Kunzt“. Die Leute seien sehr freundlichen zu ihr, sagt Carina, streichelt ihren Mischlingshund Nelly und wirkt zufrieden.

Carinas ehemaliges Schicksal, auf der Straße leben zu müssen, teilten im Jahr 2016 in Deutschland mehr als 52.000 Menschen, in den Großstädten machen ausländische EU-Bürger 50 Prozent von ihnen aus. Die Ursachen sind vielfältig. Rumänen oder Bulgaren zum Beispiel sind in der Hoffnung auf ein besseres Leben hier gestrandet.

„Deutsche Wohnungslose haben häufig soziale Schwierigkeiten oder sind alkoholkrank. Sie sind nicht mehr in der Lage, Anträge bei Ämtern und Behörden zu stellen oder professionelle Unterstützung zu nutzen“, sagt Rolf Keicher vom Zentrum Migration und Soziales des Bundesverbandes Diakonie Deutschland. Der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirchen betreibt über 500 Heime, Notunterkünfte oder Tagestreffs für Menschen ohne Wohnung. Auf seinem Hilfeportal im Internet bündelt er Informationen zum Thema und informiert über den Umgang mit Obdachlosen. „Viele Menschen sind zum Beispiel verunsichert, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie helfen wollen“, weiß Keicher.

Obdachlosigkeit: Anstieg um 150 Prozent

Hilfsangebote, Unterbringungsmöglichkeiten und auch private Initiativen gäbe es eigentlich genug, sagt der Diakonie-Mann. Auch der Einbruch der wirtschaftlichen Existenz, gekoppelt mit einer persönlichen Lebenskrise führe häufig dazu, dass Menschen nicht mehr in der Lage seien, ihren Alltag selbstverantwortlich zu regeln. „Das sind dann die Fälle, in denen die Menschen ihre Post nicht mehr aufmachen, weil sie keine Probleme kriegen wollen. Aber damit fangen die Probleme erst an.“ Bis zur Wohnungslosigkeit ist es dann nicht mehr weit: Eine Räumungsklage kann schon nach zwei nicht bezahlten Monatsmieten angestrengt werden.

Der gern assoziierte ungepflegte Mann, der dann im Schlafsack auf Lüftungsschlitzen übernachten muss, ist aber nicht die Regel. Mindestens so alarmierend wie die 52.000 Obdachlosen sei laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) eine weitere Zahl: 860.000 Menschen hatten 2016 keine eigene Wohnung. Regelmäßig schätzt die BAGW mit einem statistischen Verfahren die Anzahl der Wohnungslosen, die Bundesregierung beruft sich in ihrem Armutsbericht darauf. Seit 2014 bedeutet das einen Anstieg um rund 150 Prozent. Die BAGW prognostiziert bis Ende 2018 sogar einen weiteren Zuwachs um etwa 350.000 auf dann 1,2 Millionen wohnungslose Menschen.

Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften zählt die BAGW mit, auch ein Grund für den rasanten Anstieg. Aber: „Wenn man die Zahl von 860.000 auflöst, kommen wir auf 420.000 wohnungslose Deutsche und EU-Bürger sowie Bürger aus Drittstaaten“, sagt Thomas Specht von der BAGW. Dazu kämen etwas mehr als 440.000 Geflüchtete im Asylsektor. „Die Zahl der Wohnungslosen ist in Deutschland auch ohne Berücksichtigung der Flüchtlinge in den vergangenen beiden Jahren um etwa 25 Prozent gestiegen.“

Zu hohe Mieten, prekäre Beschäftigung

Auf der Straße sieht man den meisten Menschen ihre Wohnungslosigkeit nicht an. „Ein Teil lebt bei Freunden und Bekannten, sie betreiben das sogenannte Couchsurfing oder Mietwohnen,“ so Specht. Das klappe meistens ein paar Monate, dann landen sie in sogenannten ordnungsrechtlichen Notunterkünften der Kommunen. Dort käme man aber als EU-Bürger nur unter, wenn die Kommunen auch für diese Gruppe Notunterkünfte zur Verfügung stellen würden. „Doch das ist zum Teil gar nicht oder in zu geringem Umfang der Fall.“ Andere lebten in Heimen der freien Wohlfahrtspflege oder in Wohnungen, die von freien Trägern wie der Caritas oder dem Diakonischen Werk angekauft wurden. Für Christoph Butterwegge von der Universität Köln liegt der Hauptgrund für die hohen Zahlen bei der versteckten Wohnungslosigkeit: „Die hohen Mieten. Wohnungen werden als Ware gehandelt wie Waschmaschinen oder Würstchen. Kapitalkräftige Investoren oder die sogenannten Heuschrecken missbrauchen Wohnungen als Spekulationsobjekt.“ Nicht zuletzt deshalb fänden selbst Normalverdiener in vielen Groß- und Universitätsstädten kaum noch bezahlbaren Wohnraum.

Der Politikwissenschaftler forscht seit vielen Jahren zum Thema Armut in Deutschland. Verantwortlich seien auch eine über Jahrzehnte verfehlte Wohnungsbaupolitik und – trotz Mindestlohn – die prekären Beschäftigungsverhältnisse von Millionen Menschen, sagt Butterwegge. „Armut und Wohnungsnot dringen darum immer weiter in die Mitte der Gesellschaft vor.“ Die Forderungen von Experten wie Specht und Butterwegge an die Politik: Förderung des sozialen Wohnungsbaus; gezielte Maßnahmen, um wohnungslose Haushalte wieder mit eigenen Wohnungen zu versorgen; Quoten für die Vermietung von geförderten Wohnungen an wohnungslose Menschen; Akquise von Wohnungsbeständen bei privaten Vermietern und der Wohnungswirtschaft zur Versorgung von Menschen in einer Wohnungsnotfallsituation. Stärkung der Prävention von Wohnungsverlust. Und nicht zuletzt: Menschenwürdige Unterbringung und ausreichende medizinische Versorgung der 52.000 tatsächlich Obdachlosen. Geld dafür sei in einem reichen Land wie Deutschland ausreichend vorhanden, es fehle am politischen Willen.

Jedes Jahr würden zudem 60.000 bis 80.000 Sozialwohnungen ihre Belegungsbindung oder Mietpreisbindung verlieren – zum Beispiel, weil die öffentlichen Baudarlehen zurückgezahlt sind, erklärt Specht von der BAGW. 1,2 Millionen Sozialwohnungen gibt es noch in ganz Deutschland. Anfang der 1970er-Jahre waren es noch vier Millionen. Christoph Butterwegge gibt den Städten die Schuld daran: „Sie haben ihre Wohnungsbaugesellschaften privatisiert und die eigenen Wohnungen verkauft. Damit haben sie natürlich auch den Einfluss auf die Wohnungspolitik und die Mieten aufgegeben.“ Er nennt ein Beispiel aus seinem Wohnort: „Hier in Köln hätten 48 Prozent der Einwohner eigentlich das Recht auf einen Wohnberechtigungsschein. Sozialwohnungen gibt es aber nur für 6 oder 7 Prozent der Bevölkerung.“ Heute würden schon viele Familien bis zu 50 Prozent ihres Einkommens für die Wohnungsmiete ausgeben, die Gefahr von Wohnungslosigkeit steige.

70.000 Zwangsräumungen

Laut einer Studie der Humboldt-Universität in Berlin sind auch die Jobcenter maßgeblich für Wohnungslosigkeit von Hartz-IV-Empfängern verantwortlich, weil sie Gelder zu spät oder auf falsche Konten zahlten und Bewilligungen verweigerten. Die Studie bezeichnet die Jobcenter darum neben den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften als „Motoren von Verdrängungen und Zwangsräumungen“ – allein in Berlin gibt es 5000 bis 7000 Zwangsräumungen pro Jahr, deutschlandweit sind es bis zu 70.000. „Jobcenter sind häufig nicht bereit, die Miete vollständig zu übernehmen, weil die Wohnung angeblich nicht angemessen ist“, weiß auch Christoph Butterwegge.

Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfänger bekommen zwar von den Jobcentern Geld, um ihre Miete und ihre kalten Betriebskosten zu zahlen. Der Sozialstaat zahlt aber nur bis zu einer gewissen Obergrenze. Diese variiert nach Größe des Haushalts und nach Wohnort: Die Kommune bestimmt also, wie viel Geld angemessen ist. „Hartz-IV-Bezieher müssen dann aus ihrem Regelbedarf, von dem man ohnehin kaum leben kann, auch noch Teile der Mietkosten übernehmen“, sagt Butterwegge. Angesichts des knappen Wohnraums ist es aber kaum möglich, eine günstige neue Wohnung zu finden. Am Ende kürzt der Staat die Zuwendungen – und die sozial Schwachen geraten in Existenznot

Der Mainzer Arzt Gerhard Trabert vom Verein Armut und Gesundheit in Deutschland e. V. kennt genügend solcher Fälle. Er ist der Erfinder des Mainzer Modells: Mit einem Arztmobil, einer rollenden Ambulanz, suchen er und seine Mitstreiter seit 20 Jahren wohnungslose Menschen auf der Straße auf, um sie kostenlos zu behandeln. Trabert ist der erste Arzt in Deutschland, der dafür eine Zulassung erhielt.

Neben den steigenden Mieten prangert er an, dass das Gesundheits- und Sozialversorgungssystem immer grobmaschiger werde. Längst kämen darum nicht mehr nur Wohnungslose oder Menschen in Armut in die Ambulanz, die sein Verein seit 2013 betreibt und mit Spenden finanziert. „Da ist auch der privatversicherte Selbstständige darunter, der sich die Beiträge nicht mehr leisten kann“, sagt Trabert. Oder der EU-Bürger, der, wenn er sich in keinem sozialversicherungsrechtlichen Arbeitsverhältnis befindet, auch keine Krankenversicherung besitzt. Nicht zuletzt Geflüchtete, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz nur Anrecht auf eine Behandlung bei einer akuten Erkrankung und Schmerzzuständen haben. Trabert: „Meines Erachtens ist das nicht vereinbar mit den Menschenrechten.“

Rente reicht nicht mehr

Trabert, der auch Sozialarbeiter ist, beschäftigte sich schon in seiner Doktorarbeit mit den Themen Armut und Krankheit. Was ihn ärgert: „Unsere Erfahrung zeigt, dass die Menschen nicht wirklich über ihre Rechte und die Möglichkeiten informiert werden – vom Sozialamt, vom Jobcenter, von den Krankenkassen nicht.“ Es gebe zum Beispiel zehn Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland, was das Verstehen von komplexen Anträgen erschwere. Anträge und Informationsblätter müssten deshalb in „leichter Sprache“ verfasst werden, so Trabert. Auch viele ältere Menschen seien mit den Informationsschriften überfordert. Auch von ihnen kommen immer mehr zu seinem Team in die Ambulanz. Rolf Keicher von der Diakonie ergänzt: „Ältere Menschen werden außerdem sozusagen von zwei Seiten in die Zange genommen. Die eine ist die Mietkostenbelastung. Die andere sind die strukturellen Lücken, die durch die Rentengesetzgebung entstehen. Kurz gesagt: Die Rente reicht nicht zum Leben und Bezahlen der Miete.“

Neben Älteren sind es auch immer mehr Frauen, die für Zulauf in Traberts Ambulanz sorgen. Laut der BAGW sind 28 Prozent aller Wohnungslosen in Deutschland weiblich. Für Frauen sei laut der Organisation die Situation in der Regel noch schlimmer, sie seien noch verletzlicher und schämten sich. Studien belegen zudem, dass Frauen viel häufiger als Männer von Gewalt betroffen sind – neun von zehn weiblichen Wohnungslosen müssen so eine Erfahrung machen. Und sie leben auch öfter versteckt wohnungslos. Das bedeutet in den meisten Fällen: Sie gehen sogenannte Zwangspartnerschaften ein, in denen sie ausgebeutet werden – meistens auch sexuell.

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Carina hatte – „das war mein Glück“ – immer ihren damaligen Mann und später ihren Ex-Freund an der Seite. „Darum ist mir auch nichts passiert.“ Doch sie hat erlebt, wie drogensüchtige, obdachlose Frauen behandelt werden. „Es gibt genügend Männer, die wollen die Lage dieser Frauen in jeder Hinsicht schamlos ausnutzen“, sagt sie. Hätte sie es in der Hand, würde sie die Notunterkünfte für Obdachlosigkeit im Winter rund um die Uhr öffnen – in Hamburg sind sie tagsüber geschlossen. Sie würde auch eine bessere medizinische Versorgung organisieren. Und Carina wünscht sich etwas, was nichts kostet: einen respektvollen und würdevollen Umgang mit Obdachlosen.