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17 Dezember 2019 / Lesezeit: 6 minuten

Gastbeitrag

Was wir von unseren Vorfahren über Sex lernen können

Selbstverständlicher Partnertausch und eine freie, von Schuldgefühlen oder Scham unbelastete Sexualität – so lebten unsere Vorfahren.

TITELBILD: GAELLE MARCEL/UNSPLASH

TITELBILD: GAELLE MARCEL/UNSPLASH

Was, wenn unsere angebliche Veranlagung zur Monogamie eine krasse Fehlinterpretation wäre? Ein Psychologe und eine Psychiaterin begeben sich auf Spurensuche.

In westlichen Kulturen entsteht leicht der Eindruck, wir Menschen seien etwas Besonderes, einzigartig unter allen Lebewesen. Wir wähnen uns über und außerhalb der natürlichen Welt, befreit von den Einschränkungen, die das Leben für Tiere bereithält. Die Natur ist unter unserer Würde, und wo sie doch durchscheint, empfinden wir Scham oder Ekel – als sei sie etwas Übelriechendes und Unordentliches, das man besser hinter zugezogenen Läden verbirgt und mit frischem Minzgeruch überdeckt. In Wahrheit sind wir, genau wie Bonobos und Schimpansen, die triebgesteuerten Nachkommen hypersexueller Vorfahren. Das mag übertrieben klingen, doch es sind schlichte Fakten, die eigentlich zur Allgemeinbildung gehören sollten. Die Konvention der monogamen Bis-dass-der-Tod-euch-scheidet-Ehe droht unter dem Ballast einer falschen Überlieferung zu kollabieren, die uns beharrlich eine andere Identität andichten will.

Unter Androhung der Folter wurde Galileo 1633 von der Inquisition der Römisch-katholischen Kirche zu der öffentlichen Falschaussage gezwungen, die Erde sei das unbewegliche Zentrum des Universums. Dreieinhalb Jahrhunderte später, im Jahr 1992, gab Papst Johannes Paul II. zu, dass der Wissenschaftler recht gehabt hatte – die Inquisition sei aber „gut gemeint“ gewesen. Genau wie die kindisch-eigensinnige Vorstellung von einem Universum, das um die Erde kreist, bietet das Standardnarrativ der prähistorischen Vergangenheit raschen und schlichten Trost. Und wie Papst um Papst jegliche Kosmologie untersagte, die dem Menschen seine zentrale Stellung in den endlosen Weiten des Alls nehmen wollte, so wie Darwin früher (und in manchen Kreisen noch immer) für seine Erkenntnis, der Mensch sei durch Naturgesetze entstanden, verspottet wurde, genauso können manche Wissenschaftler auf Grund emotionaler Widerstände noch immer nicht den Gedanken zulassen, dass es eine Evolution der Sexualität ohne monogame Kernfamilie gegeben haben könnte.

Warum schwindet die Leidenschaft oft schon bald nach der Hochzeit?

Wir leben zwar angeblich in liberalen Zeiten, doch manche auf der Hand liegenden, schmerzhaften Wahrheiten darf man nicht aussprechen. Der Gegensatz zwischen dem, was wir fühlen sollen, und dem, was wir tatsächlich fühlen, ist möglicherweise die Hauptursache von Verwirrung, Unzufriedenheit und unnötigem Leid. Die üblichen Antworten lösen ja nicht das Rätsel, das unser Liebesleben durchzieht: Warum sind Männer und Frauen in ihren Sehnsüchten, Fantasien, Reaktionen und in ihrem Sexualverhalten so verschieden? Warum betrügen wir einander und lassen uns immer häufiger scheiden, sofern wir überhaupt noch heiraten? Woher kommen die Heerscharen alleinerziehender Mütter und Väter? Warum schwindet die Leidenschaft oft schon bald nach der Hochzeit? Wodurch erlischt das Verlangen? Warum fühlt es sich für viele Frauen und Männer an, als stammten wir von unterschiedlichen Planeten?

Sind wir Opfer einer gut gemeinten Inqusition?

Die amerikanische, an Medizin und Wirtschaft orientierte Gesellschaft hat als Antwort auf die anhaltende Krise eine ganze Industrie aus Paartherapeuten, Erektionshilfen, Sex-Kolumnen und gruseligen Vater-Tochter-Jungfräulichkeitsriten hervorgebracht, dazu einen endlosen Strom aufdringlicher Werbemails („Lass dein Liebesmonster von der Leine! Sie wird es dir danken!“). Monat um Monat beliefern uns ganze Wagenladungen von Hochglanzmagazinen mit den immer gleichen Tricks, die unserem Sex neues Leben einhauchen sollen. Ein paar Kerzen, verruchte Dessous, eine Handvoll übers Bett gestreute Rosenblüten, und es wird wieder wie beim ersten Mal sein! Wie – er schaut noch immer anderen Frauen hinterher? Sie wirkt immer noch irgendwie distanziert und enttäuscht? Er ist schon fertig, kaum dass Sie angefangen haben? Na, dann sollen doch die Fachleute herausfinden, woran es hapert – bei Ihnen, Ihrem Partner oder in der Beziehung. Vielleicht braucht er eine Penisvergrößerung, oder sie muss sich ihre Vagina machen lassen. Vielleicht leidet er unter Bindungsängsten oder einem „fragmentierten Super-Ego“, oder – Gott bewahre – am Peter-Pan-Komplex. Sie fühlen sich depressiv? Sie lieben Ihren Partner seit zwölf Ehejahren, fühlen sich aber sexuell nicht mehr so wie früher zu ihm hingezogen? Einer von Ihnen oder Sie beide liebäugeln mit einem anderen? Vielleicht sollten Sie mal versuchen, es auf dem Küchenboden zu treiben. Oder sich dazu zwingen, ein Jahr lang jede Nacht miteinander zu schlafen. Vielleicht durchlebt er gerade eine Midlife-Crisis. Nehmen Sie diese Pillen. Lassen Sie sich eine neue Frisur machen. Irgendetwas muss doch mit Ihnen falsch sein! Haben Sie sich je als Opfer einer gut gemeinten Inquisition gefühlt?

Sex – die wahre Geschichte

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Sex – die wahre Geschichte“ von Christopher Ryan und Cacilda Jethá. Es ist im März 2019 auf Deutsch im Klett Cotta erschienen und für 25 Euro erhältlich. Es stützt sich auf Forschungsergebnisse aus der Anthropologie, Primatologie, Physiologie und Vorgeschichte.

Für die Unterhaltungsindustrie ist das schizophrene Verhältnis zu unserer wahren Sexualität nichts Neues, man findet hier die gleichen Brüche zwischen öffentlich geäußerten Empfindlichkeiten und heimlich ausgelebten Trieben. So verdient Rupert Murdoch, der Besitzer von Fox News Network und dem Wall Street Journal, der führenden konservativen Zeitung in den USA, mehr Geld mit über Satellitenfernsehen ausgestrahlten Pornos als der Playboy mit all seinen Magazinen und den über Kabel und Internet verbreiteten Angeboten. Der amerikanische Telekommunikationskonzern AT&T, ebenfalls ein Vertreter konservativer Werte, verkauft an mehr als eine Million amerikanischer Hotels Hardcore-Pornos.

Wir brauchen daher dringend ein ganz neues Verständnis unserer Sexualität.

Die angestrengte Heuchelei ist angesichts des traditionellen Modells der menschlichen Sexualität eigentlich unerklärlich – diesem zufolge ist Monogamie ja naturgegeben, die Ehe eine universelle menschliche Konstante und jede Abweichung von der Kernfamilie etwas Abnormes. Wir brauchen daher dringend ein ganz neues Verständnis unserer Sexualität, eines, das nicht von der Kanzel herab gepredigt oder durch Hollywood-Wohlfühlfantasien vermittelt wird, sondern auf einer unerschrockenen Sichtung der reichen Datenlage beruht.

Es ist bekannt, dass die Wildbeuter-Gesellschaften in den Zeiten der Menschwerdung aus kleinen, äußerst egalitären Gruppen bestanden, in denen nahezu alles geteilt wurde. Wildbeuter teilen untereinander Fleisch, stillen die Säuglinge der anderen, haben wenig oder gar keine Privatsphäre, und ihr Überleben hängt stark von den Mitgliedern der Gruppe ab. Während sich in unserer Gesellschaft alles um das Konzept von Privatbesitz und Eigenverantwortlichkeit dreht, ist es dort genau umgekehrt – entscheidend sind Gemeinwohl und Gruppenidentität.

Nach unserer Überzeugung erstreckte sich die Kultur des Teilens auch auf die Sexualität, so wie es eine Vielzahl von Forschungsarbeiten innerhalb der Primatologie, Anthropologie, Anatomie und Psychologie belegt: Menschen und ihre menschenartigen Vorfahren haben den größten Teil der vergangenen Millionen Jahre in kleinen Horden gelebt, in denen die meisten Erwachsenen mehrere sexuelle Beziehungen zugleich hatten. Außer durch die vielen wissenschaftlichen Belege wird dieses Bild auch durch Berichte von Entdeckern, Missionaren und Anthropologen gestützt, die von orgiastischen Ritualen, selbstverständlichem Partnertausch und einer freien, von Schuldgefühlen oder Scham unbelasteten Sexualität erzählen.

Die Entstehung der Landwirtschaft ist das entscheidende Ereignis in der Geschichte der Menschheit – der Wendepunkt, der dazu führte, dass moderne Menschen völlig anders als alle anderen Tiere und früheren Menschentypen leben und denken.
Steven Mithen, Archäologe

Erst als die Menschen begannen, sich in Siedlungen niederzulassen, veränderte sich die Gesellschaft grundlegend und unwiderruflich. Plötzlich war es von entscheidender Bedeutung, wo das eigene Feld endete und das des Nachbarn begann. Man denke an das Zehnte Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.“ Die größten Verlierer der Agrarrevolution waren (vielleicht abgesehen von den Sklaven) ganz offensichtlich die Frauen. Während sie in den Wildbeuter-Gesellschaften eine zentrale, respektierte Rolle innegehabt hatten, wurden sie nun zum Besitz des Mannes, den dieser zusammen mit Haus, Sklaven und Vieh verteidigt. „Die Entstehung der Landwirtschaft“, schreibt der Archäologe Steven Mithen, „ist das entscheidende Ereignis in der Geschichte der Menschheit – der Wendepunkt, der dazu führte, dass moderne Menschen völlig anders als alle anderen Tiere und früheren Menschentypen leben und denken“.

Dieser zentrale Punkt beeinflusste den Verlauf der menschlichen Geschichte stärker als die Beherrschung des Feuers, die Magna Carta, der Buchdruck, die Dampfmaschine, die Kernspaltung oder sonst etwas. Durch die Landwirtschaft verändert sich buchstäblich alles: die Natur von Status und Macht, Gesellschafts- und Familienstrukturen, der Umgang mit der Natur, die Götter, die Wahrscheinlichkeit und die Art kriegerischer Auseinandersetzungen, die Lebensqualität, die Lebensspanne und mit Sicherheit die Regeln, nach denen die Menschen sexuelle Beziehungen hatten. Nach Sichtung der relevanten archäologischen Befunde kommt der Archäologe Timothy Taylor, Verfasser von The Prehistory of Sex, zu dem Schluss: „Während die Sexualität von Jägern und Sammlern auf der Idee des Teilens und der Komplementarität beruht, war der Sex der frühen Landwirte voyeuristisch, repressiv, homophob und auf die Fortpflanzung ausgerichtet (…) in ihrer Furcht vor der Wildnis, machten die Bauern sich daran, diese zu zerstören“.

Vieles muss und wird sich ändern

Und was nun? Vieles in der neueren Geschichte kann man als Wellen der Toleranz und Akzeptanz sehen, die gegen die felsige Landzunge starrer Gesellschaftsstrukturen anrollen. Auch wenn es ewig zu dauern scheint, am Ende gewinnen immer die Wellen, die das unnachgiebige Gestein zu lockerem Sand zermahlen. Im 20. Jahrhundert haben wir derartige Felsformationen bereits bröckeln sehen – unter dem Druck von Bewegungen, die sich gegen Sklaverei, für Frauenrechte, gegen Rassentrennung und in neuer Zeit für die Rechte von Schwulen, Lesben, transsexuellen und bisexuellen Menschen einsetzen.

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Weder durch stumpfes Beharren noch durch gut gemeinte Inquisitionen ist es gelungen, die Gezeiten aufzuhalten, und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sich das in Zukunft ändern wird. Anstelle des endlosen Kriegs der Geschlechter und anstatt an einem von Anfang an unstimmigen Familienmodell festzuhalten, sollten wir endlich Frieden mit der wahren Natur der menschlichen Sexualität schließen. Vielleicht bedeutet das, dass wir mit neuen Familienkonfigurationen improvisieren müssen. Vielleicht müssen alleinerziehende Mütter und ihre Kinder mehr von der Gemeinschaft unterstützt werden. Oder vielleicht müssen wir auch lernen, unsere Erwartungen in Bezug auf sexuelle Treue herunterzuschrauben. Eines aber ist gewiss: Heftiges Leugnen, starre religiöse Regeln oder Gesetze und mittelalterliche Steinigungen in der Wüste, all das hat sich unseren prähistorischen Neigungen gegenüber als machtlos erwiesen.