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4 Januar 2021 / Lesezeit: 3 minuten

enorm Macher*innen blicken zurück – und nach vorn

Zukunft entspringt immer im Alltag

Wie wird Journalismus wieder unbroken? Das ist eine der Fragen, die wir uns bei enorm stellen. (Symbolbild).

Bild: imago images / blickwinkel

Bild: imago images / blickwinkel

Jede Ausgabe des enorm Magazins war und ist das Ergebnis kritisch-fröhlicher Teamarbeit. Entsprechend fallen auch die Berichte aus der Redaktion aus. Entscheidend waren und sind bis heute Vertrauen, Mut – und Neugier.

Seit mehr als acht Jahren dabei, wird’s nicht langsam langweilig?

„Journalismus ist broken.“ Diesen Satz hat im vergangenen Jahr eine BWL-Professorin bei einer Konferenz über die Zukunft der Demokratie in die Runde geworfen. Mehrfach. Verächtlich. Vielfach abgenickt. Und für uns der Tiefpunkt einer Entwicklung, die nicht mehr wegzudiskutieren ist. Medienverachtung hat sich in die Mitte der Gesellschaft gefressen. Die Beziehung zwischen Journalist*innen und Leser*innen hängt nicht mal mehr an einem seidenen Faden, er wurde vielfach schon gekappt: Ciao, wir brauchen euch nicht mehr, haben unsere eigenen Quellen.

Wie kommen wir aus der Sackgasse raus? Indem wir uns zumindest schon mal mit den Kritikpunkten auseinandersetzen, die bekannt sind. Leser*innen fühlen sich unter anderem bevormundet und belehrt, wie sie die Welt zu sehen haben. Es fehlt an klarer Trennung zwischen Fakten und Kommentar. Zu einseitig. Zu viel Gonzo. Zu viel Storytelling. Zu viel Ich. Und indem wir uns mit professionellem Blick die Frage stellen, welche Konsequenzen sich daraus für uns ergeben und warum.

Journalismus heißt: Informieren. Konsequent hinterfragen, statt weichzuspülen. Auch Debatten führen, die aus unserer Sicht vielleicht schon durch sind – weil wir nur auf einen Teil der Gesellschaft blicken. Kurz: Für eine kritische Öffentlichkeit sorgen, Basis einer jeden Demokratie.

Die Macher*innen von enorm hatten 2010 den Mut, ein neues Thema aufzugreifen und dadurch die Debatte, wie wir wirtschaften, arbeiten und leben wollen, zu bereichern. Dieser offene Blick – stets gepaart mit einer Lust am Diskutieren, Streiten, Experimentieren und Sich-neu-Erfinden – ist in all den Jahren nicht verloren gegangen. Deshalb ist es uns eine Freude, Teil des Teams zu sein. Diese Haltung werden wir auch brauchen, um eine der relevantesten und unlangweiligsten Fragen unserer Zeit zu beantworten: Wie wird Journalismus wieder unbroken?

Anja Dilk und Heike Littger schreiben seit Anfang 2012 für das Magazin und gehören seit 2017 zur enorm Redaktion. 

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Erwachsen arbeiten

Damals wusste ich es natürlich noch nicht, aber bei enorm konnten wir schon drei Jahre vor Corona praktizieren, wie man als Team hervorragend zusammenarbeiten kann, ohne räumlich zusammen zu sein. Der Verlag war von Hamburg nach Berlin gezogen, die Redaktion theoretisch mit, aber praktisch blieben die Hamburger*innen in Hamburg; und so richtig viel Platz war in den Berliner Räumen auch nicht. Also bekam enorm eine virtuelle Redaktion. Wir konferierten wenig – zweimal pro Ausgabe – und vertrauten viel.

Für jedes Schwerpunkt-Thema waren ein bis zwei Kurator*innen verantwortlich, von Anfang bis zum Ende. Und das waren auch wirklich diejenigen aus der Redaktion, die sich wirklich, wirklich für genau dieses Thema interessierten; dafür brannten. Nur Cover, Schlagzeilen und Themenplanung machten wir alle gemeinsam.

Für das Team klappte das wunderbar, und für das Heft denke ich auch. Dass diese Art von Remote-Arbeit eine gute Atmosphäre und ein gutes Produkt hervorgebracht hat, beides meiner Ansicht nach besser als zuvor, beruhte wohl auf zwei Grundbedingungen, die am Anfang festgelegt wurden: Wir arbeiten professionell, und wir sind erwachsen. Wir achten uns gegenseitig, wir vertrauen uns gegenseitig, wir hören einander zu, und wenn wir uns streiten, und auch das gab es natürlich oft, geht es dabei um die Sache. Klingt einfach, oder? Und wenn das in eurem Remote-Team im Jahr 2020 gut funktioniert hat, dann herzlichen Glückwunsch.

Detlef Gürtler war von enorm Redaktionsleiter 2017 bis 2019 und ist weiterhin enorm Autor.

Warum der Claim „Zukunft fängt bei Dir an?“

Game over! Moderne Gesellschaften können als Ganzes kaum mehr besser werden. Zu zerrissen sind Wahrheit und Fakten, Gegensätze und Widersprüche everywhere. Täglich wird der Felsblock nur mehr kurz bewegt – mit politischer Muskelmasse, kapitalistischer Hyperenergie, kulturellem Summsumm und medialem Gebrüll. Alle Teilsysteme tun aber so, als ob sie stringent auf eine große, womöglich auch bessere Zukunft ausgerichtet wären. But, all systems red! In Wahrheit kapitulieren sie stärker denn je vor ihren eigenen Möglichkeitsräumen. Politik spaltet, Wirtschaft beutet aus, Kultur vereinsamt und die Medien gackern. Im Gestrüpp von Widersprüchen und Paradoxien grüßt das Murmeltier jeden Tag vom düsteren Systemhimmel.

Deshalb ist und bleibt es enorm wichtig, dass Zukunft auch dort entspringt, wo sie eigentlich hingehört. In den Lebensalltag, in den Lebensentwurf, ja, ich würde sogar sagen, in die einzelne Lebensbiografie. Nur hier kann man noch autonom und radikal sein. Sich um sich sorgen und damit andere versorgen. Verantwortung übernehmen, Sinn stiften – als Ausgangspunkt starker Selbstentfaltungslinien für sich und andere. Mehr wollen, als im Kompromiss-Kleinklein der Systeme zugelassen wird. Mehr Zukunft entdecken, als der Überbau bereitstellen kann. Mehr Zukunft wagen, aber von unten.

Zukunft fängt bei Dir an – nie war dieser Claim wertvoller als heute! Schön, dass ich bei seiner Entwicklung dabei sein durfte.

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Peter Felixberger war Mitherausgeber von enorm und ist Programmgeschäftsführer von Murmann Publishers sowie Herausgeber der Zeitschrift „Kursbuch“.