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2 März 2022 / Lesezeit: 3 minuten

Kriegsberichterstattung

Warum „Medienhygiene“ jetzt wichtig ist

Das ständige Verfolgen von „Fast News“, etwa zum Ukraine-Krieg, hat Auswirkungen auf unsere Psyche. Es kann helfen, den eigenen Mediumkonsum zu hinterfragen – und zu ändern.

Bild: IMAGO / Ikon Images

Bild: IMAGO / Ikon Images

Unser Gehirn ist unser empfindlichstes Organ – und doch lassen wir Infos unkontrolliert darauf einprasseln. Gerade jetzt ist es sinnvoll, „Fast News“ zu identifizieren, zu meiden, und den eigenen Medienkonsum zu kontrollieren. Neurowissenschaftlerin Maren Urner spricht von „Medienhygiene“, zum Schutz der psychischen Gesundheit. Im Folgenden erklären wir die Bedeutung von Medienhygiene und stellen Konsequenzen vor, die jede:r daraus ziehen kann. 

1. Fast News

Fast News locken uns mit ähnlichen Versprechen wie Fast Food oder Fast Fashion. Sie sind der Weg des geringsten Widerstands und stillen unsere Bedürfnisse vermeintlich sofort. Die negativen Folgen machen sich zeitversetzt bemerkbar. Fast News sind Häppchen ohne Kontext, sie bilden meist nur das Problem ab, sensationalisieren es, und / oder skizzieren Weltuntergangsszenarien, etwa, indem Vergleiche mit anderen Katastrophen aus der Vergangenheit oder Gegenwart gezogen werden. So entsteht das Gefühl, nur von ausweglosen Krisen umgeben zu sein.

Hygiene-Tipp:

Konsumiere gezielt und nicht wahllos. Konstruktive Medienbeiträge lassen dich nicht mit der Katastrophe alleine. Die Seite „Ukraine verstehen“ etwa sammelt Beiträge in Text und Audio, die Hilfsangebote thematisieren. Generell kann es hilfreich sein, Menschen über das Thema reden zu hören, anstatt nur Bilder oder Schrift zu sehen. Zum Beispiel in Podcasts vom Deutschlandfunk (Nova; Kultur), der BBC („Ukrainecast“) oder in den Formaten „Lage der Nation“ und „Was jetzt?“ „Dekoder“ übersetzt russische und belarussische Stimmen aus Journalismus und Wissenschaft ins Deutsche, um die Vielfalt an Meinungen und Geschichten fernab von staatlich kontrollierten Medien sichtbar zu machen.

Natürlich ist es, jenseits von Hilfsangeboten, nahezu unmöglich, konstruktiv und lösungsorientiert über einen Krieg zu berichten. Ebenso ist es logisch, dass Berichte darüber an die Substanz ihres Publikums gehen. Wichtig ist nur, sich daran zu erinnern: Nachrichtenkonsum ist nichts, das einem einfach passiert, sondern gesteuert werden kann. Gönn dir Pausen, um nicht die Kraft zu verlieren, den Menschen in der Ukraine zu helfen.

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Hier fassen wir für dich fortlaufend zusammen, wie du den Menschen in der Ukraine helfen kannst

2. Sozialer Austausch

Die Medienlogik sozialer Netzwerke und digitaler Nachrichtenseiten schlägt Kapital aus dem menschlichen Bedürfnis nach intensivem sozialen Austausch und der Angst, etwas zu verpassen. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut geworden, um das Medien und Techkonzerne kämpfen.

Hygiene-Tipp:

Es ist okay, auch mal offline zu sein. Gerade dann, wenn sich die Ereignisse überschlagen. Dass wir Fast News konsumieren, obwohl wir merken, dass sie uns emotional überwältigen, liegt auch an unserer Angst vor sozialem Ausschluss. Im Gespräch mit Freund:innen oder Kolleg:innen wollen wir nicht als „uninformiert“ dastehen, denn das wird gleichgesetzt mit „ungebildet“. Eine Norm, von der wir uns unbedingt freimachen sollten. Stattdessen: weniger Konsum, dafür qualitativer. Entscheide dich für Beiträge, die nicht nur die Krise schildern, sondern in die Zukunft blicken: Wie geht’s weiter? Gibt es erste Lösungsansätze und wer arbeitet daran, wie realisierbar sind die Ansätze? Viele konstruktive Online-Medien sind mitgliederfinanziert und dadurch fast oder komplett werbefrei. Das macht sie unabhängig von der ungesunden Maxime: Aufmerksamkeit um jeden Preis.

Plädoyer für einen bewussten Nachrichtenkonsum

In diesem Essay aus dem Jahr 2020 geht es um unser digitalisiertes Mediensystem: Im Kampf um Aufmerksamkeit funktionieren Nachrichten immer mehr wie Hypes. Themen überschlagen sich, vieles wird nur angerissen oder geht ganz unter, dystopische Schlagzeilen dominieren. Was macht das mit uns und wie können wir es ändern?

3. Negativitätseffekt

Der sogenannte Negativitätseffekt lässt uns negative Informationen intensiver wahrnehmen als positive. Das muss uns vor allem jetzt klar sein, wo wir von Kriegsberichterstattung umgeben sind. Denn: Die heftigen Reaktionen auf das Gesehene, Gehörte, Gelesene finden zunächst unterbewusst statt. Der Stress kann auf Dauer ernsthaft krank machen. „Erlernte Hilflosigkeit“ und Depression heißen die schlimmsten Folgen. Das ist deswegen so gefährlich, weil dystopische Headlines süchtig machen – auch „Doomscrolling“ genannt: Wir klicken uns immer weiter durch immer düstere News, obwohl wir keine neuen Informationen mehr aufnehmen und negative Emotionen in uns hochkochen.

„Wir haben einen angeborenen Hang zu negativen Nachrichten“, sagt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Evolutionsbedingt würden uns negative Schlagzeilen magisch anziehen, da uns das Verpassen einer negativen Botschaft in vergangenen Epochen das Leben kostete. Zum Beispiel, wenn wir in der Steinzeit nicht erfuhren, dass sich Raubtiere in unserer Nähe aufhielten. Die räumliche Nähe des Ukrainekriegs intensiviert das Doomscrolling-Verhalten. Mach dir das bewusst – und richte dir feste Medienzeiten ein.

Hygiene-Tipp:

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Konsumiere Fast News weder morgens, beim Start in den Tag, noch abends vor dem Zubettgehen. Die Inhalte wühlen auf und stören den Schlaf. Definiere stattdessen Zeitfenster, in denen du dich informierst, zum Beispiel in deiner Mittagspause. Deaktiviere Push-Nachrichten.