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31 Dezember 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Gründung des enorm Magazins 2010

„Die Kolleg*innen hielten uns für komplett verrückt“

Der erste Chefredakteur von enorm erzählt von den Anfängen des Magazins.

Bild: imago images / Ikon Images

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Vor 13 Jahren zog Thomas Friemel die Reißleine. Raus aus dem alten Job. Rein in die Welt der Sozialunternehmer*innen. Der erste Chefredakteur des enorm Magazins über Begegnungen, Aufbruch und wichtige Skizzen auf Serviettenpapier.

Hand aufs Herz, liest du noch enorm?

Thomas Friemel: enorm ist ein wichtiger Meilenstein in meiner journalistischen Laufbahn. Man gründet nicht alle Tage ein eigenes Magazin und baut dafür einen Verlag auf, es war schon eine außergewöhnliche Zeit. Insofern freue ich mich immer noch, wenn alle zwei Monate eine neue Ausgabe in meinem Briefkasten landet. Als ehemaliger Chefredakteur hat man ein Abo auf Lebenszeit (lacht). Es ist weit entfernt von dem, was wir am Anfang gemacht haben. Aber das ist gut so. Stillstand ist das Schlimmste, was einem Magazin passieren kann.

Was ist genau der Unterschied zwischen damals und heute?

Unser Ansatz war sehr stark normativ geprägt. Wir haben zwar immer gesagt, dass wir auf keinen Fall mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen wollen. Nur zeigen, was ist und wie es anders geht. Doch hinter vorgehaltener Hand war er eben doch da, der implizite Zeigefinger. Rückblickend würde ich sagen: Die Flughöhe war zu hoch und unser Heft zu weit weg von der Lebensrealität unserer Leser*innen. Erst vor Kurzem habe ich zu jemandem gesagt: Jetzt, zehn Jahre später, wäre der richtige Zeitpunkt, um mit enorm auf den Markt zu kommen.

Auch auf enorm: Was macht gutes Klima-Storytelling so schwer?

Erzähl noch mal, wie bist du auf die Idee gekommen, enorm zu gründen …

Da müssen wir 13 Jahre zurückspringen. Damals war ich Chefredakteur beim Männermagazin Player, das 2007 eingestellt wurde. Ich landete in der Corporate-Abteilung des Verlages und musste Hefte für irgendwelche Mittelständler konzipieren. Das hat mich total fertiggemacht – und zum ersten Mal habe ich mir so richtig die Frage gestellt: Warum bist du eigentlich Journalist geworden? Wer bist du? Was willst du? Wo liegt dein Anspruch? Ich komme aus Ostwestfalen, erzkonservativ, tiefschwarz, aber stark von ehrenamtlichem Engagement geprägt. Man setzt sich ein. Will etwas bewegen. Einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten. Letztlich hat mich das nach all den Jahren des Hocharbeitens und Frohseins, Fuß gefasst zu haben in der Medienbranche, eingeholt. Ich wollte nicht im Lila-Laune-Lifestyle-Journalisten-Land hängenbleiben und nur noch Texte schreiben, die niemand braucht.

Und der entscheidende Tritt …

… kam von Michael Hoppe, selbst Sozialunternehmer und zumindest damals Coach für Journalist*innen. Ich saß bei ihm im Wohnzimmer, trank grünen Tee und klagte ihm mein Leid. Berufliche Sackgasse und so weiter. Bis er nach einer Stunde zu mir sagte: „Sie haben jetzt innerhalb von einer Stunde 20-mal ,Mein Job kotzt mich an‘ gesagt. Entweder Sie kündigen, dann dürfen Sie gerne wiederkommen. Oder Sie kündigen nicht, dann bleiben Sie mir vom Hals.“ Und dann gab er mir den Tipp, die Berliner Zukunftskonferenz Vision Summit zu besuchen. Das war der initiale Funke für enorm. Der Ursprung von allem.

Vision Summit 2008, mit Muhammad Yunus auf der Bühne …

… genau, Gründer der Grameen Bank und Friedensnobelpreisträger. Für meinen Geschmack etwas zu guruesk, aber schon auch inspirierend, vor allem die Szene war komplett neu für mich. Damals dachte ich, als Journalist mit täglich 3.000 Tickermeldungen, Mails und Faxen auf dem Tisch wüsste ich schon, was da draußen vor sich geht. Doch über Social Entrepreneurship hatte ich bis dato nichts gehört und nichts gelesen. Nach der Konferenz bin ich direkt in die große Buchhandlung am Bahnhof Zoo, um zu sehen, ob es zu dem Thema schon ein Magazin gibt. Doch da war nichts. Danach ging es ziemlich schnell. Gemeinsam mit Verlagskaufmann Alexander Dorn, den ich aus unserer gemeinsamen Zeit bei der Hamburger Morgenpost kannte, nahmen wir Kontakt zu Peter Spiegel, dem Organisator des Vision Summit, auf. Der vernetzte uns in seinem Büro mit Grafikdesigner Carsten Hermann-Hehl, der noch am selben Tag mit seinem Bruder David Diallo, selbst Social Entrepreneur, telefonierte. Beide hatten ebenfalls die Idee von einem Magazin über soziale Innovator*innen. Der perfekte Match. Gleich danach hockten wir uns alle im Kultlokal Ständige Vertretung am Berliner Schiffbauerdamm zusammen, tranken ein paar Bier und skizzierten auf einer Serviette die ersten Eckpunkte.

Am 18. März 2010 dann das erste Magazin. Wie waren die Reaktionen?

Die Journalistenkolleg*innen hielten uns für komplett verrückt. Kurz nach der Finanzkrise mit einem Wirtschaftsmagazin auf den Markt zu kommen. Und dann auch noch Print, schon damals totgeglaubt. Aber wir waren überzeugt: Alle hatten gerade gesehen, dass der Kapitalismus in seiner extremen Form des Turbokapitalismus nicht das gehalten hat, was er den Menschen versprochen hat. Insofern müsste der Zeitpunkt doch perfekt sein, um über Alternativen zu schreiben. Zu zeigen, dass es auch andere Formen des Wirtschaftens gibt. Hört sich rückblickend reichlich naiv an, aber ich habe tatsächlich geglaubt, wir bringen enorm raus, und die Welt wird sich verändern.

Thomas Friemel

ist Mitgründer von enorm und war von 2010 bis Anfang 2014 der erste Chefredakteur des Magazins. Noch im selben Jahr gründete er gemeinsam mit dem Kommunikationsstrategen Hauke Brekenfeld die Agentur Kombüse, Kommunikationsbüro für Social Entrepreneurship.

Hat sie aus deiner Sicht aber nicht?

Sagen wir, die Welt hat sich einfach weitergedreht. Und das Thema Social Entrepreneurship ist trotz mehrerer Hypewellen – Eco Social Business, Impact Economy – nischig geblieben. Auch wenn es gerade wieder an Tempo zulegt, was wir vor allem dem Engagement des Netzwerks Social Entrepreneurship Deutschland (SEND) verdanken. Markus Sauerhammer und seine Mitstreiter*innen haben es geschafft, die Politik für das Thema zu sensibilisieren. Dieser Link ist immens wichtig, das habe ich in den letzten zehn Jahren gelernt: Wir Journalist*innen können uns noch so sehr die Finger wund tippen, der Hebel der Veränderung liegt in der Politik. Sie muss den Rahmen setzen, damit sich Wirtschaft bewegt. Insofern müssen wir unsere Leser*innen ermutigen, sich auch auf diesem Feld zu engagieren. Eintreten für die transformativen Überzeugungen, mitgestalten, Druck aufbauen.

Der Claim des Heftes hat sich genau in diese Richtung gedreht. Von „Wirtschaft für den Menschen“ über „Wirtschaft. Gemeinsam. Denken“ bis hin zu „Zukunft fängt bei Dir an“…

Am Anfang haben wir uns in der Tat zu stark an der Wirtschaft als abstraktes Gebilde abgearbeitet. Marc Winkelmann und Christiane Langrock-Kögel haben das Magazin ab 2013 vollkommen richtig zum Nachhaltigkeitsmagazin umgebaut, unter Detlef Gürtler sowie Jan Scheper ist das Heft noch einmal näher an die Leser*innen herangerückt. Die Entwicklung ist richtig. Weil es letztlich auf den Einzelnen ankommt, um in der Summe etwas zu bewegen. Aber nicht im Sinne von Pflicht und Bürde. Sondern weil es sich gut anfühlt, Verantwortung zu übernehmen und Veränderung zu bewirken. Im Grunde wäre das auch mein Tipp für die nächsten Schritte: enorm Lust machen auf den wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Wandel. Das Thema ist für die nachkommende

Generation noch zu oft und zu stark spaßbefreit. Würdest du enorm Stand heute noch einmal gründen?

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Vor allem die Anfangszeit war heftig. Ein zu kleines Team für ein anspruchsvolles Blatt. Jede Ausgabe war ein dickes Brett, durch das wir durchmussten. Ich erinnere mich noch gut an unsere Konferenzen: Jeder Redakteur und jede Redakteurin, später auch Textchef und Volontär*in musste vorab jeden Artikel lesen und dann wurde diskutiert. Mitunter zwei Stunden lang über einen einzelnen Text. Unsere Autor*innen wussten: Nach dem Briefing kommt definitiv ein Rebriefing (lacht). Aber ja, auf jeden Fall: Ich würde es immer wieder tun.