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20 Oktober 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Filme und Serien mit Impact

Streaming-Tipps mit Sinn für deine Herbstabende

Ntando Mahlangu gewann bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro die Silber-Medaille im 200-Meter-Sprint. Der Südafrikaner qualifizierte sich auch für die Spiele in Tokio.

Bild: imago images / Mika Volkmann

Bild: imago images / Mika Volkmann

Die Tage werden kürzer, die Socken dicker und das Sofa erscheint noch gemütlicher. Was jetzt fehlt, sind Filme und Serien, die nicht nur unterhalten, sondern zum Nachdenken und Mitfühlen anregen. Geschichten, die zu selten erzählt werden. Hier sind die Streaming-Tipps der enorm Redaktion für den Herbst.

Rising Phoenix (Netflix)

Der Sprinter Ntando Mahlangu posiert in einer leeren Fabrikhalle, neben ihm lauert ein Gepard. Er steht auf Prothesen. Ellie Cole taucht ein in tiefschwarzes Wasser, sie schwimmt mit einem Bein. Eine französische Stimme sagt: „Wir sind Superhelden, weil wir alle etwas Tragisches erlebt haben. Das ist unsere Stärke.“ Der Dokumentarfilm „Rising Phoenix“ („Phönix aus der Asche) erzählt die Schicksalsschläge und Erfolge von neun Athlet*innen, die an den Paralympischen Spielen in Peking, London, Sochi und/oder Rio de Janeiro teilnahmen. Es geht auch um die Historie, die Wahrnehmung und den Impact der Veranstaltungen. Im Vorfeld der Paralympics in London 2012 fürchteten sich viele Teilnehmer*innen vor leeren Rängen und Stille, doch sie erlebten ekstatische Euphorie in gefüllten Arenen. Vier Jahre später in Rio: Geisterstadien und Frust, weil sich das Olympische Komitee am paralympischen Budget bediente. Viele Bildszenen der Dokumentation sind aufwändig inszeniert und heroisieren die Sportler*innen manchmal zu übertrieben, hinzu kommen Interviews mit Verantwortlichen, die sich gegenseitig mit Komplimenten überschütten, sowie dramatische Hintergrundmusik. Doch die Athlet*innen bleiben im Fokus. Ihre Geschichten sind der Grund, warum das Streaming-Erlebnis begleitet ist von Gänsehaut. Das Event sind sie.

Techno, Tanz und Tiergeräusche (ARD)

Dominik Eulberg ist ein international bekannter, deutscher Techno-DJ und Musikproduzent. Zu „Dream Machine“ oder „Tanz der Glühwürmchen“ wurde und wird sich auf der ganzen Welt bewegt. Mit der Zeit sind seine Sets ruhiger geworden und tragen Titel wie Zahnpunkt-Marienkäfer, Dreizehenspecht oder Elfenbein-Flechtenbärchen. Fantasien eines Ravers? Nein, das reale Anliegen eines studierten Ökologen und EU-Botschafters der UN-Dekade für Biodiversität. Eulberg mixt elektronische Beats mit Naturgeräuschen. Er schreibt außerdem Bücher und erkundet Ökosysteme im SWR. Seine Mission: Menschen für die Artenvielfalt vor der eigenen Haustür sensibilisieren. Vor seiner Haustür erstreckt sich der Westerwald mit einer hohen Dichte an Vogelarten und Insekten, die den DJ inspirieren. Die HR-Dokumentation (online bis August 2021) erzählt, wie Eulberg aufgewachsen ist und warum Natur und Techno für ihn kein Widerspruch sind. Daran schließt sich die Geschichte seines DJ-Kollegen Pantha du Prince an, der seine erfolgreiche Musikkarriere ebenfalls dazu nutzt, Menschen zu mehr Naturverbundenheit und Umweltschutz zu bewegen.

Auch auf enorm: Naturdokus für die Zeit zuhause

Love on the Spectrum (Netflix)

Die vierteilige Dokuserie folgt jungen Erwachsenen im Autismus-Spektrum, während sie in die turbulente Welt des Datings eintauchen. Die Suche nach der wahren Liebe ist für jede*n eine Herausforderung – für Autist*innen aber ist die Unvorhersehbarkeit sozialer Interaktionen besonders nervenaufreibend. So beschreibt Netflix die australische Produktion. Was die Serie allerdings sehenswert macht, sind andere Botschaften. Sie veranschaulicht, dass jeder einzelne Mensch mit Autismus-Spektrum-Störung einzigartig ist – Jede*r hat ganz eigene Schwierigkeiten und Bedürfnisse. In den vier Folgen geht es um Probleme im Bereich der sozialen Kommunikation und Interaktion. Aber es gibt viele verschiedene Formen von Autismus und verwandte Störungen, daher der Begriff Spektrum. Die Dokureihe hat auch unterhaltsame und emotionale Momente, die sich aus der grenzenlosen, liebenswerten Ehrlichkeit der Teilnehmer*innen und den Kommentaren ihrer Familien ergeben. Diese Elemente überschatten allerdings nicht den wohl wichtigsten und vielleicht unerwartetsten Effekt von „Love on the Spectrum“ („Liebe im Spektrum“): Nicht das Verhalten der Protagonist*innen wirkt wunderlich, sondern die Welt, durch die sie navigieren: Gemeinsamkeiten abfragen, Komplimente machen, niemals Stille eintreten lassen, aber bloß nicht zu viel preisgeben. Warum nicht auch mal schweigen? Oder Gameboys mitbringen und vor dem Hauptgang eine Runde zocken? Warum nicht nach dem Essen direkt offenbaren, dass man sich nichts Ernstes vorstellen kann? Die Frage, die lange nachhallt, ist die: Warum sind Menschen außerhalb des Spektrums so merkwürdig?

Auch auf enorm: Wie Genderklischees Autistinnen unsichtbar machen

Küss den Frosch (Disney+)

Pünktlich zu Halloween sollte einem Disney-Märchen Aufmerksamkeit geschenkt werden, das bisher zu wenig bekam: „Küss den Frosch“ („Princess and the Frog“) aus dem Jahr 2009. Die Neuinterpretation des Gebrüder-Grimm-Märchens vom Froschkönig spielt im New Orleans der Zwanziger Jahre, einer Welt voller Jazz und kreolischer Kultur. Statt einer weißen Prinzessin, die in einem Schloss lebt, ist die Hauptfigur eine junge Frau namens Tiana – eine Schwarze Waise, die hart arbeitet, um ein eigenes Restaurant eröffnen zu können. In sie verliebt sich ein eitler und verwöhnter Prinz, der von einem düsteren Magier (der eine unterhaltsame, aber auch etwas klischeelastige Voodoo-Performance abliefert) in einen Frosch verwandelt wird. Der Clou: als Tiana den Prinzen in Froschgestalt widerwillig küsst, wird der nicht zum Menschen, sondern auch sie zu einem Frosch. Die Geschichte um die erste Schwarze Disney-Prinzessin überhaupt ist ein feministisches Halloween-Märchen über soziale Ungleichheit und die Liebe zwischen Außenseiter*innen. Ein besonderer Bonus: Es ist der erste und einzige Disney-Film der Nullerjahre, der nicht animiert, sondern mit viel Mühe per Hand gezeichnet worden ist.

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Keine Disney-Prinzessin, sondern ein ganz normales Mädchen: „Küss den Frosch“ ist eine moderne Interpretation der ewig gleichen Märchengeschichte. Hier geht es um soziale Ungleichheit und Black Empowerment. Bild: Imago Images / ZUMA Press 

I am Greta (Hulu)

„Erkennt die Person jenseits des Mythos”, schreibt Jonathan Romney vom Guardian. „Findet die wahre Identität unter der öffentlichen Aktivistin”, urteilt IndieWire. „I AM GRETA – A Force of Nature” ist ein Dokumentarfilm, auf den viele gewartet haben. Am 16. Oktober ist das Porträt von Greta Thunberg in die deutschen Kinos gekommen, am 13. November erscheint es auf der US-amerikanischen Streamingplattform Hulu. Ab dem 14. November ist der Film in der ARD-Mediathek verfügbar. Der schwedische Regisseur Nathan Grossman hat die Schülerin und Klima-Aktivistin ein Jahr lang begleitet – angefangen im August 2018 mit ihrem Schulstreik in Stockholm, bis hin zu den internationalen Protesten, die von Greta Thunberg inspiriert wurden. Wer ist das damals 15-jährige, ruhige Mädchen mit Asperger-Syndrom wirklich, das kurze Zeit später mit dem Menschenrechtspreis von Amnesty International sowie dem „Alternativen Nobelpreis” ausgezeichnet wurde? Und was haben Greta Thunbergs Eltern mit ihrem Impact zu tun? Der Film gibt einen intimen Einblick in das Leben und Wirken der berühmten Aktivistin und verdeutlicht die Dringlichkeit ihrer Mission.