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24 October 2017 / Lesezeit: 4 minuten

Interview

Drehscheibe für die Zivilgesellschaft

Die Schmalbart-Initiative will Drehscheibe der Zivilgesellschaft sein

Titelbild: Max Slobodda

Titelbild: Max Slobodda

Was macht es mit einem, wenn man durch sein zivilgesellschaftliches Engagement auf einmal im Zentrum der Aufmerksamkeit steht? Der IT-Manager und Schmalbart-Gründer Christoph Kappes über seine Erfahrungen

Herr Kappes, das Letzte, was ich über Sie gelesen habe, war, dass es sich bei der von Ihnen gegründeten Schmalbart-Initiative um eine „staatsfinanzierte Zensureinrichtung“ handle.

Ach ja, das. Das war Mitte Juli (2017, Anm. d. Red.) auf Twitter, als wir mit elf anderen Demokratie-Initiativen zusammen zwei Tage lang einen „Demokratiefrische“-Workshop auf Einladung der Toepfer-Stiftung veranstalteten. Solche Vorwürfe kommen immer wieder auf – woran auch noch so viele Richtigstellungen nichts ändern: Es kommt nicht zu einer Auseinandersetzung. Das ist ein bisschen unbefriedigend, aber wohl nicht zu ändern.

Also nicht staatsfinanziert?

Kein bisschen. Auch die Toepfer-Stiftung, um bei diesem Beispiel zu bleiben, wird nicht vom Staat finanziert, sondern aus den Erträgen ihres Stiftungsvermögens.

Und auch keine Zensureinrichtung?

Auch nicht. Als ich am 29. November 2016 den Blogbeitrag veröffentlichte, mit dem alles anfing, war ich tatsächlich in Sorge, was ein rechtspopulistisches Boulevardmedium wie Breitbart in Deutschland anrichten könnte. Aber es ging in keiner Weise um Zensur und das hat sich seither auch nicht geändert. Wir wollten und wollen diejenigen Menschen erreichen, die populistischer Rhetorik Glauben schenken und sich vorstellen können, Populisten zu unterstützen; und wir wollten und wollen die Zivilgesellschaft aktivieren.

In diesem Blogbeitrag hatten Sie sieben Aktivierungs-Möglichkeiten aufgezählt, von „in eine Partei eintreten“ bis „sich rechtsextremen Gewalttätern in den Weg stellen“. Ihr Schmalbart-Projekt wollte nur einen dieser Wege beschreiten: die Auseinandersetzung mit Medien von Populisten. Und war damit offenbar besonders aktivierend …

Was aber so gar nicht geplant war – es ist halt so passiert. Ich dachte ursprünglich an vielleicht ein Dutzend Leute, die sich von meinem Blogbeitrag angesprochen fühlen, und mit denen ich mich zusammensetzen kann. Statt dessen meldeten sich in kurzer Zeit hunderte, die dabei sein wollten – ich bin da komplett überrollt worden. Ich hatte mir einen Spaziergang vorgestellt, und musste einen Marathon laufen.

Sie hätten sich aber nicht überrollen lassen müssen. Sie sind IT-Manager und Jurist, haben mehrere Unternehmen gegründet, mehrere Konzerne beraten, unzählige Projekte begleitet …

… es dürften so um die tausend Projekte gewesen sein. Wieso sollte mich da gerade das 1001. Projekt komplett überrollen? Weil ich es gerade eben nicht wie eins von vielen Projekten in meinem Erwerbsleben aufziehen wollte: Ich habe meinen Beruf nicht aufgegeben, auch nicht meine Arbeitszeit reduziert, ich habe mich auch nicht in die Mitte der Bewegung gestellt, Teams gebildet und Meilensteine gesetzt.

Die dann fehlten …

Es könnte sein, dass es ein Fehler war, keine klassische Organisationsform für Schmalbart zu wählen. Aber ich habe eben an das Netzwerk geglaubt.

Haben Sie auch einmal daran gedacht, zumindest für eine Zeitlang den Job Job sein zu lassen und sich mit voller Energie in Schmalbart zu stürzen?

Im Nachhinein schon. Ich kenne einige, die in solchen Situationen gespürt hatten, dass sich ihnen gerade eine Chance bietet, wie sie im Leben vielleicht nie wieder kommt. Und dann sind sie mitten hinein gesprungen. Ich bin am Rand geblieben. Aber es war eine bewusste Entscheidung, und ich bereue sie nicht.

Wie sieht es mit neuen Feindschaften aus? Mit den persönlichen Bedrohungen und Anwürfen? Immerhin richtet sich Schmalbart ja explizit gegen Rechtspopulisten, und da gibt es ja einige, die so etwas übel nehmen könnten.

Nö. Das hat mich auch gewundert. Ich hatte zwischenzeitlich die Sorge, dass unsere Veranstaltungen gestört werden könnten. Meine Freundin hatte befürchtet, dass es zu persönlichen Angriffen kommen könnte. Nichts. Ich hatte eigentlich erwartet, dass ich Beschimpfungsmails bekomme, das ist aber alles nicht passiert, im Gegenteil. Ich habe zwei bis drei Leute, die versucht hatten, mich per E-Mail anzugehen. Aber daraus ist eher ein dauerhafter Dialog geworden als eine Bedrohung.

Und einen medialen Angriff gab es: vom FAZ-Blogger Rainer Meyer alias Don Alphonso.

Das war in der Tat unangenehm, weil der Angriff in einer Form vorgetragen wurde, auf die ich nicht reagieren konnte. Meyer hatte mir vorgeworfen, ich würde nach Aufmerksamkeit gieren. Würde ich darauf antworten, wäre ja der Beweis erbracht, dass der Vorwurf stimmt – genauso wenn ich in irgendeiner Weise versuchen würde, dagegen vorzugehen. Ob ich nun wollte oder nicht, es blieb mir gar nichts anderes übrig als gar nichts dazu zu sagen. Mit knirschenden Zähnen abtropfen lassen … Zwischendurch dachte ich mal, ich müsste mich bei einem der FAZ-Herausgeber beschweren, weil das nicht die Art sei, wie die FAZ agiere, aber dann fand ich das zu affig und habe es gelassen. Und das war wohl auch das Beste so.

Schmalbart wurde ins Leben gerufen, um ein deutsches Breitbart und einen deutschen Trump zu verhindern. Jetzt kommt kein Breitbart zu uns, und der Rechtspopulismus scheint seinen Zenit auch überschritten zu haben. Ziel erreicht?

Zu einem guten Teil schon. Der Zerfall der AfD ist natürlich nicht auf Schmalbart zurückzuführen, das würde uns gewaltig überschätzen. Aber diese Initiative hat mit anderen zusammen Signale gesetzt, das wiederum hat zu einer Änderung der Atmosphäre in Deutschland beigetragen. Es war wichtig, klar zu machen, dass die nicht das Volk sind, und das ist gelungen.

Also auf zu neuen Zielen?

Das sagen Sie, nicht ich. Jede Organisation hat ein Ziel, das im Moment ihrer Konstituierung festgelegt wird. Wenn dieses Ziel wegfällt, hat die Organisation ein Problem. Da sind wir nicht die einzigen, das geht vielen anderen ebenso: Da kann man allenfalls eine Art Feuerwerk veranstalten, aber nicht dauerhaft die Leute motivieren. Hätte ich eine ordentliche Struktur aufgebaut, mit Verein, Satzung, Stiftung, Unternehmen, mit Büro und Beschäftigten, ich müsste mich jetzt intensiv um neue Aufgaben und Ziele kümmern,allein schon, um den Apparat am Laufen zu halten. Aber nichts davon habe ich, also bin ich ganz entspannt.

Also Schluss mit Schmalbart?

Das nun auch wieder nicht. Wenn das Ziel sich in Wohlgefallen auflöst, bedeutet das noch lange nicht, dass sich auch Schmalbart jetzt wieder auflösen muss. Die Organisation kann dann mutieren, um beispielweise, wie im Workshop bei der Toepfer-Stiftung, zu etwas Größerem beizutragen. Ich sehe das eher so wie schlafende Netzwerke, die jederzeit wieder aktiviert werden können, wenn es darauf ankommt.

Würde also wieder eine Situation auftauchen, die der nach der Wahl von Donald Trump ähnelt …

… würde ich nicht mehr, wie damals, mit mir alleine anfangen, sondern wüsste bereits von den ersten paar hundert Leuten, wer sie sind, was sie wollen und was sie können. Und ich hätte ein bisschen Struktur dafür: Mit einem einzigen Newsletter wären wir wieder startbereit. Und da sich niemand im Unfrieden abgewandt hat, wären die meisten Leute auch sicher bei einer neuen Herausforderung dabei.

Sie sagten ja, sie hätten Schmalbart von Anfang an eher wie ein Freizeitprojekt behandelt. Wie groß war denn der Zeitaufwand tatsächlich?

In den ersten Monaten ging das hart an die Grenze dessen, was man noch als „Freizeit“ verkaufen kann: so etwa 25 bis 30 Stunden pro Woche. Inzwischen ist der Aufwand deutlich geringer geworden – eher bei zehn Stunden pro Woche.

Würden Sie sich als ein Vorbild sehen? Als jemand, der etwas unternommen hat, das andere auch so oder so ähnlich unternehmen könnten?

Darum geht es mir überhaupt nicht, und ich hielte das auch für keinen guten Ansatz. Ich glaube nicht, dass man mit dem, was man tut, jemand anderem folgen sollte – sondern man sollte seiner inneren Stimme folgen.

Und was war Ihre innere Stimme?

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Ich habe lange nachgedacht, was mich da treibt – schon vor dem Start von Schmalbart. Ich glaube, das hat mit meinem leiblichen Vater zu tun, den ich kaum kannte. Zu dem wenigen, das ich von ihm weiß, gehört, dass er in Frankreich im Umfeld von Francois Mitterrand zwischen Wirtschaft und Politik moderierte. Ich glaube, dass mich das antreibt, auch selbst kleinere Welten zu verbinden, eine Art Drehscheibe zu sein. Und wenn man das mit der inneren Stimme einmal verstanden hat, hört auch die Unruhe auf, denn dann weiß man, dass das richtig ist.

 

Transparenzhinweis: Der Interviewer war Anfang 2017 mehrere Monate bei Schmalbart aktiv.