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31 März 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Filme und Dokumentationen

Streaming-Tipps für die Osterfeiertage

Im September 2019 brachen Forscher*innen aus der ganzen Welt auf, um die Klimaprozesse in der Arktis zu erforschen. Ein Dokumentarfilm über die Arbeit der Crew zeigt nun faszinierende und zugleich erschreckende Aufnahmen aus dem „ewigen“ Eis.

Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Der Lockdown zieht sich seit November wie Kaugummi. Was wir jetzt brauchen, ist ein wenig gute Unterhaltung. Hier ist unsere Auswahl sehenswerter Filme und Dokumentationen sowie hörenswerter Radio-Features für die Osterfeiertage.

Als wir tanzten (Amazon Prime)

Als der georgische Film „Als wir tanzten“ in die Kinos kam, löste das gewalttätige Proteste im ganzen Land aus. Ultrarechte Gruppen versuchten die Ausstrahlung zu verhindern, die Orthodoxe Kirche kritisierte den Film öffentlich. Der Grund: Die Geschichte von Regisseur Levan Akin dreht sich um zwei Tänzer des konservativen georgischen Nationaltanztheaters, die sich ineinander verlieben. Ein Tabuthema in Georgien. Doch die homophoben Märsche, die in Tiflis und Batumi stattfanden, konnten nicht verhindern, dass „Als wir tanzten“ zum erfolgreichsten Film des modernen georgischen Kinos wurde: Auf dem Cannes Film Festival reagierte das Publikum mit einer 15 Minuten langen Standing Ovation. Die einfühlsame Geschichte zeigt zwei Männer, die die Traditionen ihrer Kultur lieben und nicht akzeptieren, dass sie aufgrund ihrer Homosexualität nicht daran teilhaben dürfen. Der Film gibt einem das Gefühl, bei ihrem widersprüchlichen Alltag zwischen arrangierten Ehen und der pulsierenden Elektroszene der georgischen Hauptstadt immer hautnah dabei zu sein.

Junge Politikerinnen – Yes she can (ARD)

Ein älterer Mann, er trägt Anzug und Krawatte, spricht mit ernster Stimme in die Kamera: „Die Frau ist in der politischen Aktivität ja sehr stark behindert durch die Führung ihres Haushaltes…“ Es handelt sich um eine alte Filmaufnahme – sie ist schwarz-weiß – vermutlich aus den 1950er oder 1960er Jahren. Dann kommt mit der Stimme der Reporterin Farbe ins Bild: „Das letzte Jahrzehnt hat dann doch ganz gut aufgehört für uns Frauen – Ursula, Christine, Kamala – Angela sowieso. Es ist die Zeit von Greta, von Luisa, von Alexandria, von Swetlana. Es ist die Zeit, in der eine 34-jährige Ministerpräsidentin von Finnland wird.” Die Reportage „Junge Politikerinnen – Yes she can” porträtiert den politischen Alltag von Usedoms Bürgermeisterin Laura Isabelle Marisken, von der Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages Aminata Touré (Die Grünen), der FDP-Bundestagsabgeordneten Gyde Jensen und der Abgeordneten der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament Terry Reintke. Der Film stellt starke, mutige und kluge Frauen vor, die sich erfolgreich ihren Platz in einer immer noch männlich-weiß dominierten Politiklandschaft erobert haben. Eine Doku, die empowert und zeigt, wie gleichberechtigte Politik heute funktioniert und überzeugt. Yes, she can and yes she will!

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Expedition Arktis – Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis. (ARD)

Im September 2019, gut sechs Monate vor Beginn der Pandemie, brechen Forscher*innen aus der ganzen Welt auf, um die Klimaprozesse in der Arktis zu erforschen. Der deutsche Eisbrecher „Polarstern” trägt sie tief hinein in die Dunkelheit – so weit, wie bisher wohl kein Forschungsteam vorgedrungen ist. In der zentralen Arktis angekommen, „sucht” der Expeditionsleiter der Mission „MOSAiC“, Markus Rex, eine dicke, stabile Eisscholle, an der sich das gewaltige Schiff „festfrieren” kann, um anschließend mit der Scholle über den Nordpol zu driften. Die Suche dauert länger als gedacht – so schlimm steht es angesichts der Klimakrise inzwischen um das „ewige” Eis.

Die 300 Wissenschaftler*innen aus 20 Nationen, darunter Geolog*innen, Atmosphärenforscher*innen, Meeresbiolog*innen und Physiker*innen, wollen Daten sammeln, die uns noch fehlen, um die Prozesse der Erderhitzung genau zu verstehen. Wie schnell schmilzt das Meereis? Wie hoch ist die Biodiversität unter der Eisschicht? Wie wirken sich die Veränderungen in der Arktis auf das globale Klima aus?

Unter extremen Wetterbedingungen installiert das Team kleine Forschungscamps auf der Scholle und verbinden sie mit einem kilometerweiten Netz aus Messstationen. Die Umgebung mutet an wie ein fremder Planet – und die winzigen Gestalten in roten Thermo-Overalls, die sich mit Schneemobilen und Kajaks von Forschungscamp zu Forschungscamp hangeln, wie Teilnehmende einer Mondmission. Der entscheidende Unterschied: Ihr (Raum-)Schiff ist riesig – es verfügt über eine Kantine mit Köch*innen und Bäcker*innen, über Schlafkajüten für hunderte Menschen, einen Friseur, eine improvisierte Drogerie (wo es unter anderem Shampoo zu kaufen gibt), und einen Eisbärwächter, der es versteht, die Crew bei Laune zu halten, indem er zum Beispiel ein Radio-Programm nachstellt. Seine Kolleg*innen behalten die (Wartungs-)Arbeiten auf der Scholle immer im Blick. Falls sich neugierige Eisbären nähern, alarmieren sie die Crew zum Rückzug.

Das meiste ist hingegen nicht zu überwachen oder zu kontrollieren: die Stürme, die die Eiswüste aufwühlen, das Verschieben und Ineinanderkrachen der Eismassen, die schwere Dunkelheit. Und schließlich: die Einschränkungen, die eine weltweite Pandemie mit sich bringt und die den dringenden Personalwechsel erschweren… Der Dokumentarfilm von UFA Show & Factual in Zusammenarbeit mit rbb, NDR und HR, ist bild- und tongewaltig. Die Aufnahmen faszinieren und erschrecken zugleich. Sie halten für nachfolgende Generationen fest, wie es in der Arktis einmal ausgesehen hat.

Hinweis: Die Doku ist bis zum 16.06.2021 in der ARD-Mediathek verfügbar. Vergiss nicht, die Videoqualität im Stream-Menü höher zu stellen, um die Bilder in ihrer vollen Pracht genießen zu können!

Ab auf’s Meer (WDR/SWR)

„Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?“ So heißt es in Heinrich Heines bitterschönem Gedicht „Fragen“. Das Setting, wenn wir den pathetischen Unterton rausrechnen, kennen viele von uns: am Meer stehen – und nachdenken. Wie aktuell Heines letztgenannte Frage danach ist, wo wir hingehen, zeigen zwei Radiofeatures, die in der ARD Audiothek abrufbar sind. Es geht sowohl bei den Autoren Lorenz Schröter und Tom Schimmeck um den echten Schritt auf’s Meer – ganz im Wortsinn.

Schimmecks „Siedeln auf Hoher See – der Traum vom staatenlosen Leben“ (WDR 2021) funktioniert als dichtes Hörstück, das bei seinen Hauptdarsteller*innen bleibt, etwa libertäre Aktivist*innen, die wie Ex-Soldat Chat oder Hausbauer Koen, bemerkenswerte und spannende Biografien, Pläne, Ängste und Hoffnungen mitbringen. Die Mittel der Wahl reichen von besonderen Gebäuden bis hin zum ausrangierten Kreuzfahrtschiff. „Seasteading“ ist der zentrale Begriff, also die Besiedlung der See. Hinter der einfachen, pragmatisch gemeinten Begrifflichkeit steckt Komplexes. Denn hier wird der Diskurs ein philosophisch-politischer und damit auch ein für viele Akteur*innen reizvoller: Seesiedler*innen träumen nicht selten davon, urbaner Enge zu entfliehen, sondern auch von eigenen Regeln und gänzlich freien, autarken Gesellschaften. Ein Großteil der Ozeane ist herrschaftsfrei.

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Welche Regeln gelten aber nun außerhalb staatlicher Einzugsbereiche und wer hat Anspruch auf was? Die Frage, wie sich ein neues Land, Festes auf Flüssigem, schaffen lässt, versucht auch das Feature „Die Freiheit der Meere – Inselstaaten Marke Eigenbau“ (SWR 2020/21) zu beantworten. Autor Lorenz Schröter ist hier unmittelbar in einen Inselbau am Bodensee involviert. Abenteurer*innen, wie Richart Sowa erklären, wie es gehen könnte. 18 Jahre hat der Pionier auf einer selbstgebauten Eiland vor der mexikanischen Küste gelebt. Zwischendurch beschreibt ein erfahrener Jurist die Hürden für die Anerkennung eines neuen Staats. Das Feature über ein experimentelles Kunst-Projekt, um das alle wesentlichen Fragen, also die nach Herrschaft, Besitz, Umweltschutz und Utopischem erzählerisch kreisen, verhandelt den großen „Traum von einer eigenen Insel“ aber letztlich mit lakonischer und ehrlich einladender Heiterkeit.