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28 Dezember 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Glossar zum Mediensystem

„Fast News“ und das Geschäft mit der Aufmerksamkeit

Nachrichten kommen und gehen heute wellenartig. Dadurch gehen viele wichtige Themen unter (Symbolbild).

Illustrationen: Nina Eggemann

Illustrationen: Nina Eggemann

„News sind appetitlich, leichtverdaulich und gleichzeitig höchst schädlich“, schreibt der Bestseller-Autor und Journalist Rolf Dobelli. Dahinter verbirgt sich ein System, das Medienwissenschaftler*innen als Aufmerksamkeitsökonomie beschreiben. Worum geht es dabei?

Aufmerksamkeitsökonomie

Ökonomische Theorie, nach der Aufmerksamkeit eine Währung geworden ist. Die Qualität des Produktes oder gar das Produkt selbst wird durch Aufmerksamkeit ersetzt. In den von Werbeeinnahmen abhängigen Medien wird nach dieser Logik nicht mehr für den journalistischen Beitrag selbst bezahlt, sondern nur für die Aufmerksamkeit / Klicks, die durch die gezielte Provokation von Emotionen (sogenanntes „Clickbaiting“) in der Beschreibung und Bewerbung des Beitrags gewonnen wird. Diesen Effekt sieht man insbesondere in der Verbreitung von Nachrichten in Sozialen Netzwerken.

Etwa die Hälfte aller Onlinemedien- Nutzer*innen in Deutschland vertraut sozialen Netzwerken als Nachrichtenquelle nicht. Gleichzeitig steigt aber die Anzahl an Menschen, die Social Media als Nachrichtenquelle nutzen (37 % im Jahr 2020).

In der Aufmerksamkeitsökonomie sind Medien immer auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen und springen dabei auf Hypes auf. Die Folgen: Nachrichtenthemen überschlagen sich – Geschichten werden nur angerissen und nicht zu Ende erzählt oder gehen ganz unter. Es entstehen „blinde Flecken“ in der Nachrichtenberichterstattung.

Der Anteil der Deutschen, die bereit sind, für Online-News zu zahlen, steigt in allen Altersgruppen. Der höchste Zuwachs wird unter den 18- bis 24-Jährigen verzeichnet: 16 % sind zahlende Nutzer*innen, 5 % mehr als im Vorjahr 2019.

Slow Journalism / Entschleunigter Journalismus

Ein Gegenkonzept zu dem weltweiten Medien- Trend, bei dem zugunsten von Geschwindigkeit und Aktualität auf Einordnung, ausgiebige Recherche und Konstruktivität verzichtet wird. Ein Aspekt des Konzeptes ist es, Themen auch und gerade am Ende eines „Aufmerksamkeitszyklus“ wieder aufzugreifen. Entschleunigte Medienformate sind oft mitgliederfinanziert und dadurch werbefrei.

Auch auf enorm: Wir brauchen mehr Konstruktivität in der Klimaberichterstattung

Das britische Slow-Medium Tortoise, das seit 2019 online ist, gibt an, dass 42 % seiner zahlenden Mitglieder unter 30 seien. Mitgegründet wurde das Onlinemagazin 2018 von James Harding, ehemaliger Direktor von BBC News.

Verfügbarkeitsheuristik / Availability Heuristic

Prinzip, bei dem Menschen zu fehlerhaften Urteilen kommen, weil sie zum Beispiel durch die Themenauswahl der Medien zu bestimmten Dingen mehr Informationen und Bezug haben, als zu anderen. So wird die Wahrscheinlichkeit und Bedeutung eines Ereignisses danach beurteilt, wie häufig das Ereignis in den Medien auftaucht. Ein Beispiel aus dem Guardian, 2018: Flugzeugunglücke kämen selten vor, aber gelangten immer in die Nachrichten, Autounfälle passierten ständig, gelangten aber selten in die Nachrichten. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, in einem Auto zu sterben, hoch sei und die, in einem Flugzeug zu sterben, sehr gering, hätten deutlich mehr Menschen Flugangst.

TV-News haben in Deutschland während der Pandemie an Bedeutung gewonnen. Für 50 Prozent sind sie die wichtigste Nachrichtenquelle. Vor der Coronakrise waren es nur 42 Prozent.
Von Mitte März bis Mitte Mai 2020 gab es aufgrund der Coronakrise innerhalb von 15 Wochen 42 Sendungen ZDF spezial und 51 Sendungen ARD extra. Im gesamten Jahr 2019 waren es 12 ZDF-Sondersendungen. Das Format ARD extra wurde wegen der Corona-Pandemie ins Leben gerufen.

News Avoidance und News Fatigue als Folgen der Aufmerksamkeitsökonomie

Phänomen, bei dem Menschen durch die ständige Überreizung infolge einer Informationsflut aus insbesondere negativen Nachrichten ihren Nachrichtenkonsum reduzieren oder ganz einstellen, um „News Fatigue“ – passive Ermüdung und Gefühle wie Traurigkeit, Frust, Wut und Hoffnungslosigkeit – zu vermeiden. Studien zufolge ist der Anteil negativer Nachrichten seit den 1950er-Jahren stark gestiegen, obwohl die Welt seitdem deutlich sicherer, gerechter und gebildeter geworden ist.

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2019 vermieden 25 % aller Menschen in Deutschland bewusst das aktive Konsumieren von Nachrichten. Der weltweite Durchschnitt lag bei 32 %, und den höchsten Durchschnitt pro Land verzeichnete Kroatien mit 56 %. Japan hat mit 11 % den niedrigsten Wert. Viele dort sehen das Konsumieren von Nachrichten als bürgerliche Pflicht.

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