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21 January 2020 / Lesezeit: 6 minuten

„Urbanismo Ambiental“ in Medellín

Von der gefährlichsten zur innovativsten Stadt der Welt

Innovatives Konzept Metrocables in Medellín, Kolumbien: Das sind elektrische Seilbahnen, die die ärmsten Viertel an den steilen Hängen des Valle de Aburra an die städtische Infrastruktur im Tal anbinden.

Bild: Marcela Vasquez

Bild: Marcela Vasquez

Man nennt es das Wunder von Medellín: Bis in die 2000er dominierten das urbane Leben Terror und Gewalt. Heute steht die Millionenstadt im Nordwesten Kolumbiens für innovative Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit. Doch der Ruhm bringt auch Probleme mit sich.

Kopenhagen, Oktober 2019, Weltkonferenz der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Applaus. Federico Gutiérrez betritt die Bühne. Soeben hat Michael Bloomberg, Ex-Bürgermeister von New York City, Medellín einen Preis für das Projekt „Corredores Verdes“ – grüne Korridore – verliehen. Zuvor hatte bereits die britische Wohltätigkeitsorganisation Ashden die zweitgrößte kolumbianische Stadt mit einem renommierten Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Die grünen Korridore sind ein Projekt, das die Straßen der kolumbianischen Stadt grüner machen, die steigenden Temperaturen senken und die Architektur wieder mit der Natur vereinen soll. Bisher wurden 8300 Bäume und mehr als 350.000 Pflanzen entlang 18 ausgewählter Straßen und zwölf ausgewählter Bachläufe gepflanzt. Zwei bis drei Grad Celsius kühler ist es an den Stellen heute.

Wunder von Medellín: 100 neue Parks für den Urbanismo Ambiental

Die Corredores Verdes sind aber nur ein Teil einer größeren Strategie des ‘Urbanismo Ambiental’ (umweltbewusster Urbanismus), erklärt Alejandro Restrepo Montoya. Der Architekt war Leiter für strategische urbane Projekte während Gutiérrez’ vierjähriger Amtszeit zwischen 2016 und 2019 als Bürgermeister. 100 neue Parks sollen das Zusammenkommen im Grünen in den Vierteln (Barrios“)  der Stadt ermöglichen. Der Urbanismo Ambiental soll die urbane Architektur, Infrastruktur und die Menschen einer rasant wachsenden Stadt mit ihrer natürlichen Umgebung versöhnen. So die neueste Vision aus Medellíns urbanem Experimentierkasten.

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2012 wurde Medellín vom Wall Street Journal und der CitiBank als innovativste Stadt der Welt gekürt. 2014 erhielt sie den Zuschlag für die begehrte Ausrichtung des World Urban Forums, der weltweit führenden Konferenz über die Zukunft von Städten, ausgerichtet von den Vereinten Nationen. Medellín hat sich in den letzten Jahren einen Ruf als die innovativste und nachhaltigste Stadt der Welt gemacht. Bürgermeister aus aller Welt pilgerten in die Stadt, um Projekte wie die Metrocables zu bestaunen: Das sind elektrische Seilbahnen, die die ärmsten Viertel an den steilen Hängen des Valle de Aburra an die städtische Infrastruktur im Tal anbinden. Man nennt es das Wunder von Medellín: 1991 galt sie als die gefährlichste Stadt der Welt. Heute steht sie für innovative Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit.

Wunder von Medellín: Sozialer Urbanismus statt Gewaltspirale

Pablo Escobar, der 1993 über den Dächern der Stadt erschossen wurde, hatte hier seine Machtbasis. Noch weit in die 2000er Jahre hinein war das urbane Leben von Terror und Gewalt dominiert, die Mordraten unter den höchsten weltweit. Die Kämpfe zwischen den Drogenkartellen, zwischen der FARC, einer sozialrevolutionären Guerillabewegung, und den staatlich unterstützten Paramilitärs versetzen die Stadt in Angst und Schrecken. 2,5 Millionen Menschen leben heute in Medellín. 575.000 davon sind offiziell als Opfer der kolumbianischen Gewaltkonflikte registriert.

Ein historischer Höhepunkt der Gewaltspirale wurde 2002 mit der Operation Orión erreicht: Staatlich unterstützte Paramilitärs marschierten in die Comuna 13 ein, einem der ärmsten Viertel der Stadt und Hochburg der Guerillas. Es war ein Blutbad: Mehr als 71 Menschen, überwiegend Zivilisten, wurden umgebracht, 92 Menschen verschwanden spurlos. Ein Trauma, das die Comuna bis heute verfolgt. „Nunca más“ – niemals wieder, schworen sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels und organisierten lokalen, friedlichen Widerstand. Überall in der Stadt bildeten sich lokale Initiativen und Nachbarschaftskollektive, um der Gewalt etwas entgegenzusetzen und den öffentlichen Raum mit Tanz, Musik, Graffiti, Theater und sozialen Projekten zurückzuerobern.

Grün umrahmt: Hauptstraße unter der Metro im Zentrum von Medellín. Bild: Nyna Estrada.

Unter Bürgermeister Sergio Fajardo wurden zwischen 2004 und 2007 die Grundsteine für die Transformation gelegt, die man heute sozialen Urbanismus nennt: Mit massiven Investitionen in die Armenviertel der Stadt, den Bau von Bibliotheken, Schulen, Sportplätzen, innovativen Verkehrsmitteln wie den Metrocables und Sozialprogrammen, aber auch mit umstrittenen Zwangsumsiedlungen prekärer Communities in andere Teile der Stadt. Die Stadt muss für alle da sein, für alle sicher sein, für alle Möglichkeiten eröffnen. Durch die enge Zusammenarbeit von politischen Entscheidungsträgern mit zivilgesellschaftlichen Gruppen sollte aus einer Stadt am Abgrund wieder ein Zuhause für alle werden.

Nach Jahrzehnten der exzessiven Gewalt erlebt die Stadt des ewigen Frühlings, wie sie wegen ihres über das ganze Jahr milden Klimas heißt, heute eine neue Blütezeit.

Wunder von Medellín: Der Erfolg lenkt von Problemen ab

Doch trotz all der Erfolge und der beeindruckenden Entwicklung, die Medellín in den letzten Jahren durchgemacht hat, steht die Stadt vor großen Herausforderungen. Der internationale Erfolg sei lokalen Entscheidungsträgern zu Kopfe gestiegen, sagen einige Bürger in den ärmeren Vierteln der Stadt. „Eine Stadt, die wächst, darf die Verlierer der Veränderung und des Wachstums nicht vernachlässigen und Probleme verschweigen. Das passiert viel zu oft”, kritisiert Aka, Rapper und Social Leader aus der Comuna 13.

Das Vertrauen in staatliche Akteure ist bei vielen Menschen bis heute gering. Zu tief sitzen die Gewalterlebnisse, die die Menschen durch das Fehlen staatlicher Kontrolle oder gar durch staatliche Akteure über Jahrzehnte erlebt haben. Obwohl insbesondere während Bürgermeister Fajardos Amtszeit massiv in die ärmsten Viertel der Stadt investiert wurde, fehlen in zahlreichen „Barrios“ bis heute staatliche Dienstleistungen. Medellín ist über Jahrzehnte rasant gewachsen, durch wirtschaftliche Migration und durch abertausende Binnenvertriebene der kolumbianischen Gewaltkonflikte: ungeplant und unstrukturiert. Die Mehrheit der Häuser wurde und wird von den Bewohnern der Viertel selbst gebaut. Und die Stadt wächst weiter. Die Regel ist: Je höher an den Hängen und je weiter im Norden, desto prekärer sind oftmals die Lebensverhältnisse. Reiche Viertel im Süden, arme im Norden: Die Ungleichheit ist enorm.

„Don Estadito betrügt uns und übergießt die Stadt mit Zement“

Luz Mila überlegt. Die 58-jährige ist „Lideresa Social“, eine „Social Leaderin“, in Moravia, einer informellen Siedlung im Herzen Medellíns. Social Leader gibt es in jedem „Barrio“ in Medellín: Sie sind Teil der informellen Governance-Strukturen, die sich durch das Fehlen staatlicher Strukturen über die Jahre gebildet haben. Sie übernehmen eine wichtige Rolle bei der Organisation des alltäglichen Lebens. „Don Estadito“ (Vater Staat), sagt sie und zeigt auf die Karikatur einer männlichen Figur, die vor ihr liegt. „So nennen wir ihn.“ Das Kulturzentrum Moravia hat zur Jahresplanung eingeladen. An verschiedenen Tischen diskutieren Mitarbeiter, Künstlerinnen und Leute wie Luz Mila über die Bedeutung der Kultur- und Bildungsangebote des Centro de Desarollo Cultural de Moravia für das Viertel und die Rolle Moravias in der Stadt. „Don Estadito beraubt uns, betrügt uns und übergießt die Stadt mit Zement.“

Die 58-jährige Luz Mila ist „Lideresa Social“, eine „Social Leaderin“, in Moravia, einer informellen Siedlung im Herzen Medellíns. Bild: Low Carbon City.

„Mucho Cemento“, viel Zement: Das hört man überall in der Stadt. Die Stadtverwaltung will die selbstgebauten Häuser Moravias durch neue Hochhäuser ersetzen. Modernisierung, nennt das die Stadt. Ignoranz, nennt es Luz Mila. „Sie berauben uns unserer Heimat, wieder einmal.“ Sicher, Moravia brauche Veränderung, aber nicht so, ohne den Dialog mit den Anwohnern. Kein einziges Mal sei Bürgermeister Gutiérrez während seiner Amtszeit in Moravia gewesen. Dabei war der soziale Dialog über die Zukunft der Stadt doch das, was Medellín so erfolgreich gemacht hat.

„Die Vision eines sozialen Medellín für alle, die Bürgermeister Fajardo im Dialog mit der Bevölkerung erschaffen hat und von seinen Nachfolgern noch mit Leben gefüllt wurde, verblasst“, sagt Jorge Perez Jaramillo und wippt auf seinem Stuhl vor und zurück. Von 2012 bis 2015 war der Architekt Chefstadtplaner Medellíns. Gut hundertfünfzig Leute sind ins Auditorium des Museo de Antioquia im Zentrum Medellíns gekommen, um ihm zuzuhören. Jaramillo hat ein Buch über die Transformation Medellíns geschrieben: Medellín – Urbanismo y Sociedad (Urbanismus und Gesellschaft). „Ich bin kein Autor“, sagt er, „nur ein Bürger dieser Stadt, der sich Sorgen um die Zukunft macht.“ Nach Jahren des Hypes müsse die Stadt lernen, die eigene Arbeit kritischer zu reflektieren.

Die Erwartungen an den neuen Bürgermeister Daniel Quintero, mit 39 Jahren der jüngste Bürgermeister der Stadtgeschichte, sind groß– nicht nur in Moravia. Vorgänger Gutiérrez trat bei den Wahlen Ende Oktober 2019 nicht mehr an. „Sie wollen aus uns eine europäische Stadt machen“, sagt ein Taxifahrer und schlägt wütend auf sein Lenkrad. Die Straßen sind dicht, nichts geht voran. Stau, wie so oft. Der Verkehr in der Stadt hat zugenommen, die Luftverschmutzung gesundheitsbedrohliche Ausmaße angenommen, der öffentliche Nahverkehr platzt zur Rush-Hour aus allen Nähten und die Stadt wird heißer.

„Mucho cemento“, sagt auch er. 1500 öffentliche Baustellen hat Gutiérrez Amtszeit der Stadt eingebracht. Autos wurden radikal aus großen Teilen des Zentrums verbannt, 40 neue Grünflächen geschaffen und viele Fahrspuren für Radwege geopfert. Das Wunder von Medellín gefällt nicht allen.

„Wir brauchen einen Kulturwandel“

Stadtplaner Alejandro Restrepo Montoya rechnet vor: 1,3 Millionen Menschen kommen jeden Tag ins Zentrum, die große Mehrheit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mehr Radwege und kostenlose Leihräder sollen die Menschen zum Fahrradfahren bewegen. Bisher klappt das eher mäßig: Knapp drei Prozent der Stadtbevölkerung fährt regelmäßig Fahrrad. „Stand heute hat der Taxifahrer recht“, sagt Montoya, „Die Radwege sind leer und die Straßen verstopft.“ Eine europäische Stadt solle Medellín nicht werden. „Aber wir brauchen einen Kulturwandel. Wir müssen weg vom privaten Auto, den öffentlichen Nahverkehr weiter ausbauen und Radfahren attraktiver machen. Der Klimawandel macht auch vor uns nicht halt.“

Für den Moment freut sich Montoya über die kleinen Erfolge. Noch vor einigen Jahren, lacht er, konnte man problemlos Bäume im Stadtgebiet abholzen. Macht man das heute, gibt es überall einen Aufschrei.

Jonas Freist-Held arbeitet derzeit als Fellow des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben zum Potential von Städten bei der Lösung globaler Herausforderungen und verbrachte Ende 2019 drei Monate bei der kolumbianischen NGO Low Carbon City in Medellín. Von 2015 bis 2018 war er europäischer Vertreter im Jugendbeirat von UN-Habitat, dem Stadtentwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.