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21 January 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Vorsorgen, Alter!

Gründen im Alter: Von wegen Parkbank

Paul Koncewicz erzählt in seinem Buch „Paul / Paweł“ von seinen beiden Familien: der polnischen seines leiblichen Vaters sowie dem seit 1990 mit ihm in Deutschland lebenden Familienteil – Mutter, Stiefvater und Schwester

Die Jungen zahlen ein – und die Alten? Die geben wieder etwas zurück. Immer mehr Ruheständler engagieren sich heute im sozialen und kulturellen Bereich. Und wir alle profitieren von ihrem Wissen

Der junge Mann bewegt sich ziemlich unsicher über den Bürgersteig, langsam, irgendwie schleppend. Um seine Knie und Knöchel, die Handgelenke und Ellenbogen trägt er schwarze Manschetten mit Klettverschluss. Eine Art Nierenschoner umschließt seine Taille, auf seiner Nase sitzt eine dicke Skibrille. Ein gleichaltriges Mädchen führt ihn behutsam am Arm, ihnen folgen weitere Jugendliche, im Rollstuhl, am Rollator, mit Krücken.

Die Jungen trainieren das Altsein. Wie fühlt man sich, wenn die Beine schwer sind, der Kopf schwindelig, die Sicht beschränkt? Die Hamburger Oberstufenschüler, die an diesem warmen Tag auf dem Bürgersteig ihre Übungen absolvieren, tragen 32 Kilo mehr Gewicht als sonst. Ihre Manschetten sind Teile eines so genannten Alterssimulationsanzugs; er soll sie auf ihren Einsatz für das Sozialunternehmen „KulturistenHoch2“ vorbereiten, auf ihre Aufgabe, alte Menschen ins Theater, Konzert oder zu einer Ausstellung zu begleiten.

Initiiert hat das Projekt vor drei Jahren Christine Worch, 61, blonde Haare, blaue Augen, ruhig-konzentrierte Art. Mit Ende 50 startete sie mit der Gründung ihrer gemeinnützigen Unternehmergesellschaft noch einmal durch – in einem Alter, in dem andere schon an die Frühpensionierung denken. Die Hamburgerin betreibt mit ihrem Einsatz doppelte Altersvorsorge: Senioren mit kleiner Rente holt sie aus ihren stillen Wohnungen ins lebendige Kulturleben. Aber auch sich selbst tut sie Gutes: Sie schafft sich eine erfüllende Aufgabe.

Die sogenannte dritte Lebensphase, der Ruhestand, hat heute nicht mehr viel zu tun mit dem Bild milde lächelnder Pensionäre auf Parkbänken. Die Mitglieder der Generation 60 plus werden als „Best Ager“ oder „Silver Ager“ bezeichnet; sie gelten als agil und mobil, haben Lebenserfahrung und ein breites Netzwerk. Sie wollen nicht die Hände in den Schoß legen, sondern ihr Wissen sinnvoll einsetzen – und Spuren hinterlassen.

Allein in Deutschland leben 35 Millionen Menschen 50 plus

In Deutschland sind die über 50-Jährigen eine große Bevölkerungsgruppe. Hierzulande leben an die 35 Millionen Menschen 50 plus – bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen. Kein Wunder also, dass die jungen Alten von Organisationen und Institutionen als große Hoffnung gehandelt werden, die Unternehmensgründer, insbesondere im Bereich Social Business fördern.

Was bei uns gerade beginnt, ist in den USA schon etabliert. Von San Francisco aus wirkt dort die Organisation „encore“ (französisch für „Zugabe“) seit 20 Jahren als wichtigster Schrittmacher. In Deutschland sind seit einigen Jahren Gründungsberatungen wie „Gründer 50plus“ und andere Förderprogramme aktiv. Gerade lobt die Hamburger Körber Stiftung einen neuen Preis für die sogenannten Senior Social Entrepreneurs (also spät gründende Sozialunternehmer) aus – er heißt ebenfalls „Zugabe“ und wird im Sommer 2019 zum ersten Mal verliehen. Öffentlichkeitswirksam soll er zeigen, dass ältere Innovateure etwas haben, das viele Junge erst noch lernen müssen: Alter und Social Impact können sich gewinnbringend ergänzen.

Christine Worch ist in Belgien aufgewachsen und hat Romanistik studiert. Den größten Teil ihres Berufslebens hat sie aber im Marketing verbracht. Mit 49 begann bei ihr durch die Demenz ihres Vaters ein sehr grundsätzliches Nachdenken über den Sinn des eigenen Tuns. Sie zog ihre Konsequenzen, machte eine Ausbildung als Fundraiserin und stieg beim Verein „KulturLeben Hamburg“ ein, der (ähnlich dem Tafel-Prinzip bei Lebensmitteln) nicht verkaufte Veranstaltungstickets an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt.

Worch sah, wie wichtig diese Teilhabe am Kulturleben ist – aber sie sah nicht, wie ein gehbehinderter Pensionär allein in die Oper kommen sollte. Also machte sich selbstständig mit der Idee, Schüler aus demselben Wohnviertel zur Begleitung von Senioren zu machen. Das war vor drei Jahren. 2018, schätzt Worch, wird ihr Team rund 350 Tandems zum gemeinsamen Abendprogramm losschicken. Das Feedback der Alten ist: „Ich fühle mich wieder jünger!“ Die Jungen schreiben anschließend in die Whatsapp-Gruppe: „Wir haben sonst so wenig Begegnung mit alten Menschen – und Respekt davor, was sie alles erlebt haben.“ Neulich habe eine der Schülerinnen erzählt, sie habe mit „ihrer“ Seniorin noch gemeinsam in der Küche gesessen und selbstgebackene Pfannkuchen gegessen.

78 Prozent bereit für einen Neustart im Alter

Das Besondere an dem Konzept ist, dass jeder der Beteiligten den anderen zu etwas einlädt: Die Senioren bringen die Tickets mit, die jungen Leute haben zehn Euro aus der Kulturisten-Kasse in der Tasche – fürs Pausengetränk. Wenn man Christine Worch in dem hellen Wintergarten ihres Hauses im großbürgerlichen Stadtteil Uhlenhorst fragt, warum sie das Risiko auf sich genommen habe, mit Ende 50 ein eigenes Unternehmen zu gründen, sagt sie: „Das Thema war mir zu wichtig, um nur Besuche im Altersheim zu machen. Ich wollte es auf professionelle Beine stellen. Das ist einfach verbindlicher.“

Für die Körber Stiftung leitet Imke Bredehöft das Projekt „Zugabe – Der Preis für soziale Gründer*innen 60plus“. Sie sagt: „Risikobereitschaft und Gründergeist werden den Jungen zugeschrieben. Aber solche Pauschalisierungen treffen nicht zu. Viele der heute über 60-Jährigen sind ganz anders unterwegs als frühere Rentnergenerationen – sie haben anders gelebt und werden auch anders alt.“

Die Stiftung hat beim Sozialforschungsinstitut forsa eine Umfrage in Auftrag gegeben zum „gesellschaftlichen Potenzial der 50- bis 75-Jährigen“. Demnach sind 78 Prozent offen für einen Neustart im Alter, für drei Viertel von ihnen ist soziales Engagement denkbar. Immerhin jeder fünfte könnte sich vorstellen, ein Social-Business-Projekt zu gründen. Und: 88 Prozent finden, ihr Potenzial, in unserer Gesellschaft etwas positiv zu verändern, werde unterschätzt. Aber die Hürden sind hoch.

In Christine Worchs Alter sind gerade einmal knapp sieben Prozent aller deutschen Unternehmensgründer – und ein Sozialunternehmen auf solide Beine zu stellen, ist oft eine besondere Herausforderung. Imke Bredehöft und ihre Kollegen suchen nach Pionieren. Entsprechend groß ist das „search commitee“, das sie entdecken soll: Knapp 60 Experten suchen bis November nach Sozialunternehmern „60plus“. Einfach sei das nicht, viele der nicht so vielen Sozialunternehmer über 60 Jahre haben schon vor etlichen Jahren gegründet.

Es gibt aber auch Leuchtturm-Beispiele wie den Hamburger Professor, der nach seiner Zeit als Chefarzt eine „Praxis ohne Grenzen“ für Nichtversicherte aufgemacht hat. Oder die ehemalige Religionslehrerin aus München, die Vätern regelmäßige Besuche bei ihren Kindern ermöglicht, die mit den Müttern weit weg in eine andere Stadt gezogen sind. Für dieses Engagement wird die Körber Stiftung im Juni 2019 drei Menschen jeweils mit einem Preisgeld von 60.000 Euro auszeichnen. „Wir wollen Vorbilder sichtbar machen und sie zusammenbringen“, sagt Bredehöft. Sich mit dem Thema Alter zu beschäftigen, mache ihr Spaß – und Mut. „Mich beeindruckt es, wenn sich jemand nicht nur über einen Missstand ärgert, sondern aktiv wird“, sagt die 35-Jährige. „Und nicht sagt: Dafür bin ich zu alt.“

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Sehr spitze Zielgruppe

In der Jury sitzt auch Ralf Sange, 58 Jahre alt, Ashoka Fellow seit 2013, Geschäftsführer und Gründer der Agentur „Gründer 50plus“ sowie selbst ein Spätgründer-Sozialunternehmer. Sange bietet bundesweit Coachings und Workshops an für eine Neuorientierung für Menschen, die älter als 50 Jahre sind. Er findet, eine solche Standortbestimmung sollte eigentlich jeder in diesem Alter machen: „Wir nennen das Biographiearbeit. Dabei suchen wir nach Antworten auf Fragen wie: Wo liegen meine Stärken? Welche Erfahrungen habe ich gewonnen? Was kann ich geben?“ Sange spricht mit unüberhörbarer Fröhlichkeit in der Stimme. Er hat seine persönliche Altersvorsorge gefunden, ein Projekt, das ihn erfüllt. „So wird man gesund alt“, lacht er.

Aber er sagt auch, dass die Zielgruppe „60 plus und frischgebackener Sozialunternehmer“ sehr spitz sei. „Das ist eine weitreichende Entscheidung. Man muss soziale Affinität haben. Sich voll darauf einlassen. Das Unternehmer-Gen haben. Das Modell Social Business ist leider noch zu wenig bekannt.“ Dabei passe es so gut zu den Qualitäten der Älteren. Sie sehen die Welt entspannter, sind nicht mehr so eingebunden, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das Thema, für das sie sich engagieren wollen, haben sie meistens schon gefunden – es fehlte bislang nur an der Zeit dafür. „Gründer in jungen Jahren sind oft daran interessiert, eine Firma aufzubauen, um sie dann gewinnbringend wieder zu verkaufen. Daran denken die Älteren nicht“, sagt Sange. „Sie versammeln ein junges Team um sich, zu beiderseitigem Nutzen. Sie wollen Bleibendes schaffen. Und es den anderen noch einmal richtig zeigen.“

Christine Worch sagt, sie habe bei ihrer Entscheidung zu gründen, ein Kribbeln im Bauch gehabt. Manchmal musste sie auf der Yogamatte ziemlich tief durchatmen. Aber sie hat sich dann gefragt: „Was kann mir Schlimmeres passieren, als eine Pleite hinzulegen?“ Sie hat einen Businessplan geschrieben und sich das Geld besorgt, „das habe ich ja gelernt“. Inzwischen hat ihr Projekt eine Stiftung im Rücken; mit diesem Modell, sagt sie, komme man leichter an langfristige Fördermittel heran. Spenden sammeln, Patenschaften anwerben, Sponsoren suchen: Das sei trotzdem noch ihr täglicher Job. Aber sie schicke immer mehr Schüler-Senioren-Tandems in die Kulturtempel der Stadt. „Wir holen die Älteren raus aus ihrer Blase“, sagt Worch. Auch das ist Altersvorsorge. Im Kopf.