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18 January 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Vorsorgen, Alter!

Erst die Arbeit – und dann?

Paul Koncewicz erzählt in seinem Buch „Paul / Paweł“ von seinen beiden Familien: der polnischen seines leiblichen Vaters sowie dem seit 1990 mit ihm in Deutschland lebenden Familienteil – Mutter, Stiefvater und Schwester

Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, da ist das Berufsleben für jeden zu Ende. Hier erzählen fünf Menschen, wovon und vor allem wie sie im Alter leben wollen

Chiara Frese, 18, Abiturientin, Hamburg

„Ich lebe gerade sehr für den Augenblick. Ich habe diesen Sommer mein Abitur gemacht und absolviere nun ein Praktikum bei Greenpeace. Ich weiß noch nicht genau, was ich später beruflich machen werde, aber ich will mich für die Umwelt engagieren oder in den sozialen Bereich gehen. Etwas Sinnstiftendes zu machen, ist mir wichtiger als ein hohes Gehalt.

Ich ging eigentlich immer davon aus, dass ich einmal eine Rente vom Staat bekomme. Aber wie unser Rentensystem genau funktioniert, könnte ich nicht erklären. Genauso wenig, ob man eine private Rentenversicherung braucht – davon habe ich ehrlich gesagt auch noch nichts gehört. Vielleicht sollte das mal auf den Lehrplan, schließlich haben wir doch das Schulfach „PGW“ – Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. Da gehört so was rein. Genau wie das Thema Klimawandel, das wir auch nicht durchgenommen haben.

Ich habe etwas Geld angespart und dazu noch etwas geerbt, und werde es für eine größere Reise verwenden: Australien, Neuseeland, Hawaii. Über alles, was weiter in der Zukunft liegt, mache ich mir noch keine Gedanken. Nach dem Berufsleben will ich sagen können: Ich habe alles ausprobiert und kann mich jetzt zurücklehnen, ohne das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben. Und ich werde dann sicher noch ehrenamtlich arbeiten, ein, zwei Tage in der Woche. Und: viel in der Natur sein und wandern gehen, das mache ich schon jetzt gerne.“

Carmen Kovac, 28, Dramaturgin, München

„Angefangen hat es damit, dass meine Oma 80 wurde. Ich war damals 18, und es war das erste Mal, dass das Thema Rente für mich eine gewisse Dringlichkeit bekam. Meine Oma schloss damals eine private Rentenversicherung für mich ab und zahlte dann jeden Monat 50 Euro ein. Das war 2008, während der Finanzkrise, die meine Eltern und Großeltern noch einmal in ihrer glühenden Überzeugung von der Unbeständigkeit der Sozialsysteme bestärkte. Jeden Monat 50 Euro gegen die Angst, für später. Mich hat das damals natürlich nicht interessiert.

In meiner Familie gab es schon immer eine starke Verunsicherung in Gelddingen, eine eigenartige Verschwiegenheit und einen großen Materialbezug zu Grundbesitz, Autos, zu Gold und solchen Sachanlagen. Vor Kurzem ist meine Oma 90 geworden, und ich habe die Zahlungen für die private Rentenversicherung mittlerweile selbst übernommen. Ich frage mich aber ständig, ob ich die Versicherung, trotz der Verluste, die das ja mit sich bringt, nicht einfach kündigen soll, weil ich gehört habe, ich könne mich nicht darauf verlassen, das Geld und die versprochenen Zinsen später tatsächlich auch zu bekommen.

Mit Vorsorge im klassischen Sinne befasse ich mich eigentlich kaum. Ich habe ja noch nicht einmal meinen ersten Rentenbescheid bekommen. Was aber möglicherweise ausschlaggebend war, als ich meinen festen Job angenommen habe, war die betriebliche Rentenversicherung. Was das bedeutet, hat mir damals eine Kollegin erklärt. Und da wurde mir plötzlich klar, wie schwierig es geworden wäre, als Freiberuflerin in gleicher Weise für mich selbst etwas zurückzulegen.

Wie viele meiner Freundinnen und Freunde beruhigt mich die Aussicht auf das Erbe, aber auch das ständige Misstrauen und die Sparsamkeit, der übermäßige Protektionismus in meiner Familie. Da kommt nichts weg. Und was mich am meisten beruhigt, ist, dass ich nicht blöd bin. Ich werde ja immer irgendetwas arbeiten können. Das ist mein Kapital, nicht irgendein Sparkassen-Sparbuch oder das Ferienhaus in Dubai. Ich will nie aufhören mit dem, was ich mache.“

Bernd Seebauer, 49, Grafikdesigner, Berlin

„Nach meiner Schulzeit habe ich direkt mit einer Polizeiausbildung angefangen, um dem Wehrdienst aus dem Weg zu gehen. Danach war ich in unzähligen Verlegenheitsjobs unterwegs und habe ein paar Jahre im Ausland gelebt. Demgemäß dauerte es eine ganze Weile, bis weit nach dem Studium, ehe bei mir zum ersten Mal Gedanken an meine Altersvorsorge aufkamen. Ich habe mich später als Grafikdesigner selbstständig gemacht und eigentlich erst mit Ende 30 wirklich etabliert mit dem, was ich mache.

Mittlerweile verdiene ich sehr gut, und natürlich habe ich irgendwann auch eine private Pensionsversicherung eingerichtet, aber in diese werde ich bei Erreichen des gesetzlichen Rentenalters kaum mehr als 30 Jahre eingezahlt haben. Letztlich vertraue ich ohnehin viel eher auf die Rendite, die meine Immobilien abwerfen. Weil ich auch im Alter noch viel reisen möchte, habe ich mir zwei Sommerhäuser gekauft. Außerdem lebe ich mit meiner Familie in einer Eigentumswohnung mitten in Berlin, die wir Anfang der Nullerjahre noch sehr günstig erworben haben. Die Wohnung ist bald abbezahlt und wir planen, dann noch eine weitere Immobilie zu kaufen.

Außerdem haben wir eine mittlere Summe in Aktien und Fonds angelegt und uns an zwei Start-ups beteiligt. Mit dieser Streuung sehe ich mich und meine Frau für die Rente gut aufgestellt und mache mir bei unseren Rücklagen überhaupt keine Sorgen, dass es später einmal nicht reichen könnte, oder dass wir unseren Lebensstandard minimieren müssten. Hinzu kommt, dass ich, wie viele Leute in Kreativberufen, eigentlich nicht vorhabe, irgendwann komplett aufzuhören mit meinem Beruf.“

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Wolfgang Hertwig und Ingelor Schmidt, beide 75, Ruheständler, Hamburg

Er: „Ich habe mir mein gesamtes Berufsleben über nie einen Kopf gemacht, ob ich später einmal ausreichend versorgt sein werde. Ich war als IT-Fachmann für große Firmen tätig, habe recht gut verdient und konnte auch ausreichend für das Alter vorsorgen. Dann kam die ‚Dotcom-Blase‘, der Zusammenbruch der jungen Technologiebranche im Jahr 2000, und ich war mit fast 60 meinen Job los. Eine adäquate Beschäftigung zu finden, erschien mir damals aussichtslos; ich entschied mich für den vorzeitigen Ruhestand.

An diesem Punkt war ich gezwungen, mir eine Frage zu beantworten, die ich mir nie zuvor gestellt hatte. Und ich kann an dieser Stelle nur jedem jungen Menschen raten, sie sich selbst so früh zu stellen wie möglich: Wie will ich nach der Karriere leben, wenn wichtige Impulse fehlen, die einen angetrieben haben? Ich habe mich entschieden, nicht wesentlich anders zu leben, als zu meiner Berufszeit. Ich habe noch mein Büro und eine tägliche Agenda, nur mache ich jetzt eben Sachen, für die ich früher nie ausreichend Zeit hatte.

Ich fotografiere zum Beispiel. Keine Sonnenaufgänge, was sicher auch schön ist, sondern Straßenszenen, mit denen ich dokumentiere, wie Menschen sich heute im öffentlichen Raum zeigen. Ich hatte schon Ausstellungen in Hamburg und in Schleswig-Holstein. Ich bin überzeugt, dass mich meine Art von Ruhestand auch jung bleiben lässt.“

Sie: „Ich wusste im Gegensatz zu Wolfgang schon recht genau, was ich nach meiner aktiven Zeit machen werde. Ich war Geschäftsführerin und Anteilseignerin eines Verlages und habe mich frühzeitig darum gekümmert, eine Nachfolge zu finden, um mit 63 in den Ruhestand gehen zu können. Als Unternehmerin wusste ich, dass ich später nicht auf eine große staatliche Rente zurückgreifen kann.

Zur Altersvorsorge zählt für mich heute, dass unser Haus abgezahlt ist und wir Anlagevermögen bei der Bank haben. Da die Zinsen aber schon lange so niedrig sind, leben wir eigentlich von der Substanz und versuchen, uns nicht allzu sehr zu sorgen, ob es reichen wird. Vielen ist der Begriff Ruhestand nicht geheuer, weil damit ein Ende verbunden wird. Ich denke aber, er ist der Beginn von etwas Neuem.

Ich habe mich an der Universität eingeschrieben und mir damit den lang gehegten Wunsch erfüllt, noch einmal Geschichte zu studieren. Nach der Karriere ist man ja nicht plötzlich ein anderer Mensch, und ich war immer schon eine Person, die, egal was sie machte, immer auf ein konkretes Ziel hin gearbeitet hat. Das tue ich auch jetzt noch.

Angeregt durch das Studium habe ich mit einigen Mitstreitern ein Stadtteilarchiv gegründet. Hamburg verändert sich städtebaulich immer schneller, da ist unsere Arbeit umso wichtiger. Ruhestand heißt sicher auch, dass wir morgens länger im Bett bleiben können und erst einmal die Zeitung lesen, bevor der Tag beginnt. Aber es heißt heute auch, dass man Zeit hat, Neues zu wagen. Etwa zu heiraten, wie Wolfgang und ich es gemacht haben. Das war neu und so schön, dass könnte ich glatt jedes Jahr wieder machen.“