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21 April 2022 / Lesezeit: 3 minuten

Krieg in Europa

Wie Freiwillige die Kulturschätze der Ukraine retten wollen

Ein Wandbild (Mural) des Künstlers INO in Kyjiw zeigt eine Balletttänzerin, die auf einer Bombe auf Spitze tanzt. Auch die Kultur der Ukraine ist massiv vom Krieg bedroht.

Bild: INO via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Bild: INO via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Russlands Präsident Putin erkennt die nationale Identität der Ukraine nicht an – und lässt daher gezielt auch Denkmäler und Kulturstätten vom Militär angreifen. Immer mehr internationale Initiativen tun sich zusammen, um das kulturelle Erbe des Landes zu retten.

Die Kultur, Geschichte und Traditionen eines Volks bestimmen seine Identität. Wladimir Putin leugnet die Identität der Ukraine und will sie zerstören. Die deutsche Bundesregierung hat deshalb das „Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine“ ins Leben gerufen, um insbesondere materielle Kulturschätze zu retten, etwa Sammlungen in Museen und Bibliotheken. Die App Polycam hat dagegen das Projekt Backup Ukraine gestartet, um das Kulturerbe der Ukraine zu bewahren: Menschen in der Ukraine können die Software kostenlos herunterladen und damit zum Beispiel Kunstwerke und historische Gebäude in ihrer Umgebung scannen. Die App erstellt dann 3D-Versionen des gescannten Kulturerbes. Im Internet engagieren sich derweil zahlreiche Initiativen dafür, das kulturelle Erbe der Ukraine digital zugänglich zu machen. Etwa die Plattform „Saving Ukrainian Cultural Heritage Online“ (SUCHO). Gegründet haben sie die Informatiker:innen Quinn Dombrowski und Anna Kijas aus den USA und Sebastian Majstorovic aus Österreich. Mehr als 1.300 Programmierer:innen und Forschende weltweit helfen ihnen dabei, bedeutsame Inhalte zu archivieren. Die Datenbank steckt voller Websites, Fotografien, Texte, Schnittmuster und Videos über die ukrainische Kultur und gibt einen Einblick in die reiche und komplexe Geschichte eines Landes, das seit Hunderten von Jahren um seine Unabhängigkeit kämpft. Hier ein paar Beispiele.

Ukrainische Architektur

Sieben historische Bauwerke in der Ukraine sind von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt und von Zerstörung durch Bomben bedroht. Darunter befindet sich die berühmte orthodoxe Sophienkathedrale in Kyjiw* mit ihren unzähligen grün-goldenen Türmen sowie der gesamte Altstadtkern der westukrainischen Stadt Lwiw. Aber auch weniger bekannte architektonische Wunder wie die Holzkirchen der Karpaten, die mit ihren Pagoden aus dunklen Brettern fast ostasiatisch anmuten, oder die Ruinen der antiken griechischen Kolonie Chersones auf der Halbinsel Krim sind von der Unesco ausgezeichnet worden. Meisterwerke der zeitgenössischen Architektur, wie die prächtigen Stationen der Kyjiwer Metro, sind ebenfalls bedroht. Sie zeugen von ukrainischer Geschichte: Manche sind voller sowjetischer Embleme oder gleichen orthodoxen Kloster-Gewölben, andere haben Fresken, die den Krieg im Donbass dokumentieren.

Die Sophienkathedrale in der ukrainischen Hauptstadt ist eines der sieben historischen Bauwerke des Landes, das von der UNESCO offiziell als Weltkulturerbe anerkannt wurde. Foto: Imago/ Panthermedia

Bortnytstvo: Wildbienen hüten

Bortnytstvo-Imker:innen suchen im Wald nach entwurzelten Bäumen, höhlen sie aus und bestreichen sie mit altem Bienenwachs. Dann befestigen sie die Stämme an lebenden Bäumen, damit sich Wildbienen darin einnisten können. Die Imker:innen beschützen sie vor natürlichen Feinden wie Spechten und Mardern, verwenden keine Pestizide, ernten nur einmal im Jahr und überlassen dem Bienenvolk genug Honig. Diese uralte Tradition wird in Polissia nahe der russischen Grenze immer noch praktiziert. Durch den Krieg ist die Region bereits stark zerstört worden. Jeden August wird die Honigernte mit einem Fest gefeiert und von einem Priester gesegnet. Kein anderes Land in Europa produziert so viel Honig wie die Ukraine.

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Jüdisches Erbe der Ukraine

Die Plattformen Myshtetl und Jewish Heritage UA klären anhand von Fotografien, Stammbäumen und Dokumenten über die reiche jüdische Geschichte der Ukraine auf. Landkarten zeigen den Weg zu Kulturschätzen, Denkmälern, die an die Opfer des Holocausts in der Ukraine erinnern, und „Schtetls“, die jiddische Bezeichnung für jüdische Siedlungen in Osteuropa.

Gemälde des Künstlers Jarosław Pstrak (1873 – 1916), via Wikimedia Commons / S. Nededa

Slawische Identität

Die Tracht der Ukrainer:innen heißt Wyschywanka, meist weiße Kleidung, die mit slawischen Stickmustern verziert ist und an Festtagen getragen wird. Die 1997 verstorbene ukrainische Volkskünstlerin Marija Prymatschenko verwendete diese Muster in ihrer Malerei, Stickerei und Keramik. 25 ihrer Werke wurden seit der russischen Invasion zerstört. Ein anderer wichtiger Teil des slawischen Erbes der Ukraine sind Volkslieder. Das „Polyphony Project“ sammelt traditionelle ukrainische Musik, darunter religiöse Hymnen und Lieder der ukrainischen Kosaken. Videos von Chören und Vokalensembles können online kostenlos gestreamt werden.

Auch ein Kulturerbe der Ukraine: Streetart

Im Zuge der Maidan-Proteste 2014 erlebten ukrainische Städte wie Kyjiw und Mariupol einen Street-Art-Boom. Auf riesigen Murals verarbeiteten Künstler:innen den Krieg. Auf Seiten wie „The Murals of Kyiv“ gibt es Karten und Fotografien der Graffiti-Kunstwerke.

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Kunst der Krimtatar:innen

Das turksprachige, muslimische Volk der Krimtatar:innen ist eine indigene Minderheit der Ukraine. Schon im Zuge der Krim-Annexion wurden zahlreiche der 250.000 Krimtatar:innen aus ihrer Heimat vertrieben. Für die Krimtatar:innen ist der russische Angriff eine besonders traumatische Erfahrung: Bereits unter Stalin wurden Hunderttausende von ihnen deportiert und mussten in Gulags Zwangsarbeit verrichten. Menschenrechtsorganisationen weisen immer wieder darauf hin, dass die tatarische Kultur von der russischen Besatzung unterdrückt wird. Umso bedeutender war es für die Krimtatar:innen, dass im Dezember 2021 ein zentraler Bestandteil ihrer Kultur, das sogenannte Örnek-Ornament, zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde. Örnek-Ornamente bestehen aus Hunderten verschiedenen Motiven, die alle eine feste Bedeutung haben: Eine Rose steht zum Beispiel für eine verheiratete Frau mit Kindern, während eine Mandelblüte ein unverheiratetes junges Mädchen symbolisiert. Die Ornamente finden sich unter anderem auf Teppichen, Geschirr, Schmuck und auf der traditionellen Kleidung der Krimtatar:innen.