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18 Februar 2022 / Lesezeit: 7 minuten

Förderidee für Gründer:innen

Der Kreativfonds ist ein umgekehrter Generationenvertrag

Die Kreativ- und Kulturbranche besteht zu knapp 97 Prozent aus Kleinst- und Kleinunternehmer*innen. Katharina Schumacher und Julian Römer vom U-Institut schlagen einen Kreativfonds vor, um sie zu unterstützen. 

Eine Milliarde Euro würde 20.000 kreativen Gründer:innen Zugang zu Startkapital in Höhe von 50.000 Euro gewähren, sagen Julian Römer und Katharina Schumacher vom u-Institut, einem Beratungsunternehmen der Kreativwirtschaft. Der Staat könnte wichtige unternehmerische Ideen so nachhaltig etablieren und fördern. Klingt erstmal gut, oder? Wie das konkret funktionieren kann, erklären die beiden Projektexpert:innen im Interview.

Keine Veranstaltungen, Umsatzverluste zwischen 10 und 15 Milliarden Euro pro Jahr: Wie bewertet ihr die Situation der Kultur- und Kreativbranche nach zwei Jahren Pandemie?

Katharina Schumacher: Es ist keine Frage, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Branchen gehört. Und die Maßnahmen, die zur Rettung angeboten wurden, waren zu oft nicht auf die konkreten Bedürfnisse von Solo-Selbständigen und Kleinstunternehmer:innen oder die private Kultur- und Kreativwirtschaft zugeschnitten. Nichtsdestotrotz kennen wir aus unserer Arbeit mit den Kultur- und Kreativpilot:innen Deutschland und als Projektträger:in des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes viele Geschichten von Gründer:innen, die sehr schnell nach Lösungen gesucht haben und bereit waren, nochmal komplett neu zu denken. Diesen Mut brauchen wir an vielen Stellen, um jetzt tatsächlich Dinge zu bewegen.

Julian Römer: Man könnte sagen, die Unternehmer:innen der Kultur- und Kreativwirtschaft sind in den letzten beiden Jahren in die Vorfinanzierung von Innovation gegangen. Aber dafür war die existentielle Not und Sorge der kreativen Unternehmer:innen sicherlich zu groß. Die Krise beutelt die Kreativwirtschaft hart, aber sie motiviert auch viele Kreative dazu, die größeren Themen anzugehen und mit an einer besseren Welt zu bauen. Dies zeigt sich auch an den vielen Lösungen, die in den letzten beiden Jahren aus der Kultur- und Kreativwirtschaft entstanden sind. Die Projekte und umgesetzten Ideen reichen von neuen Bildungsangeboten, über interaktive digitale Veranstaltungsangebote bis hin zu nachhaltigen Lösungen für den hybriden Erhalt des Einzelhandels.

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Gibt es ein ausreichendes gesellschaftliches Bewusstsein für die ökonomische Dimension der Branche? 

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Julian Römer: Häufig existiert zwar ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst und Kultur, selten aber für die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche oder die Möglichkeiten der kreativen Unternehmer:innen für die Transformation unserer Gesellschaft angesichts der nächsten Krisen, die kommen oder längst gekommen sind. Bestimmt ist das Bewusstsein durch die Pandemie und die enorme Betroffenheit der Branche aber trotzdem gestiegen. Immerhin liest, sieht oder hört man jetzt häufiger in den Medien etwas über „die Kultur- und Kreativwirtschaft“.

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Katharina Schumacher: Und auch politisch drückt die gestärkte Position der Branche im Koalitionsvertrag ein gewachsenes und ganzheitliches Bewusstsein aus. Bei der Auszeichnungsveranstaltung der Kultur- und Kreativpilot:innen Deutschland haben die Beauftragte für Kultur und Medien, Staatsministerin Claudia Roth und Staatssekretärin Anja Hajduk aus dem BMWK (Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Anm. d. Red.) sehr deutlich gemacht, dass nicht nur die Kultur- und Kreativwirtschaft weiter laut sein soll, sondern dass jetzt auch der Moment des Austauschs auf Augenhöhe gekommen ist. Das ist ein großes Versprechen und eine Chance, kreatives Unternehmer:innentum und das Bewusstsein um seine ökonomische Bedeutung weiterhin und stärker zu fördern.

Katharina Schumacher und Julian Römer

Katharina Schumacher und Julian Römer sind seit Mitte Februar 2022 Teil der Geschäftsführung des u-Instituts in Berlin. Es versteht sich als Beratungsunternehmen und Projektträger:innengesellschaft. Im Zentrum der Arbeit des Institut stehe die „Überzeugung, dass kreative Unternehmer:innen mit innovativen Geschäftsmodellen für die Zukunftsentwicklung in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik essentiell sind“.

Inwieweit sind Gründer:innen für die sozio-ökologische Transformation unserer Wirtschaft entscheidend?   

Julian Römer: Was die Gründer:innen auszeichnet, mit denen wir uns beschäftigen, ist die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme. Um zu gründen, müssen existenzielle Entscheidungen für die eigene Biografie getroffen werden. Vertrautes und Sicherheit müssen zurückgelassen werden, um Neues zu ermöglichen. Dabei zeichnet die Unternehmer:innen aus, wie sie ihren Handlungsraum wahrnehmen. Sie blicken mit einem realistischen Optimismus auf die Welt: Wo andere Probleme und Alternativlosigkeit sehen, finden sie Hebel, um etwas zu verändern – um Experimente anzuschieben, die neue Wege öffnen. Und ohne diesen Spirit wäre Innovation und Transformation schlichtweg unmöglich.

Katharina Schumacher: Genau diesen unternehmerischen Antrieb und Willen, etwas zu bewegen, brauchen wir, um uns den Herausforderungen und Chancen des gesellschaftlichen Wandels zu stellen, sei es das Empowerment und die Teilhabe von marginalisierten Gruppen oder nachhaltige Geschäftsmodelle als einen Beitrag auf dem Weg in eine klimaneutrale Welt. Beispielhaft dafür sind die Kreativpilotinnen Manik und Melisa von „My Migrant Mama“, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit Elementen wie Festivals, Lesungen und Community-Arbeit das Narrativ von der Migration positiv zu verändern und Menschen den Wert von kultureller Vielfalt nahe zu bringen. Genauso wie die Kreativpilot:innen von Novaheal, die den Pflegeberuf durch ein zeitgemäßes Ausbildungsangebot attraktiver gestalten möchten oder das Team von „Credible Messenger“, ein Projekt aus dem Wettbewerb „Gesellschaft der Ideen“, das jugendliche Intensivstraftäter:innen mit pädagogisch geschulten ehemaligen Strafgefangenen vernetzt, um dauerhafte Wege aus der Kriminalität zu erarbeiten.

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Inwiefern gibt es bisher sinnvolle staatliche Förderung? 

Katharina Schumacher: Es mangelt nicht an staatlichen Förderungen. Aber die wenigsten sind auf die Bedürfnisse von Unternehmer:innen der Kultur- und Kreativwirtschaft zugeschnitten. Die Branche besteht zu knapp 97 Prozent aus Kleinst- und Kleinunternehmer:innen. Kreative Unternehmer:innen sitzen ähnlich wie Sozialunternehmer:innen noch zu häufig zwischen den Stühlen und sind weder klassisches Start-up noch Kultureinrichtung oder haben eine gemeinnützige Struktur. In der Praxis passiert es daher zu häufig, dass die Unternehmer:innen die Voraussetzungen nicht erfüllen und deshalb an vielen Ausschreibungen gar nicht erst teilnehmen. 

Julian Römer: Ein Förderprogramm, das versucht, sich diesem Problem anzunehmen, ist etwa das Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IPG), bei dessen Entwicklung wir auch unser Know-how einbringen konnten. Dort geht es bei der Auswahl der Projekte explizit um eine neue Problemlösung und nicht um die Förderung einer technischen Innovation. Wenn auch klein im Umfang, ist das durchaus ein Anfang und doch bleibt in den aktuellen Förderstrukturen viel kreatives, ökonomisches und transformatives Potenzial auf der Strecke, gerade jetzt, in der aktuellen Situation, weil kultur- und kreativwirtschaftliche Akteur:innen ihren Tätigkeiten oftmals – noch – nicht im Haupterwerb nachgehen können oder bisherige Instrumente nicht passgenau sind.

Was ist der Kreativfonds und wie soll er funktionieren?

Julian Römer: Der Kreativfonds ist unsere Antwort auf die beschriebenen Lücken und der Vorschlag, neue nachhaltige Förderlogiken für Unternehmer:innen zu gestalten. Und das geht so: Eine Milliarde Euro wären nötig, um 20.000 kreativen Gründer:innen Zugang zu Kreativ-Seed-Kapital in Höhe von 50.000 Euro zu gewähren und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, ihre unternehmerischen Ideen nachhaltig zu etablieren. Der Fonds ist dabei als umgekehrter Generationenvertrag angelegt, was bedeutet: Die Finanzierung wäre ein Vertrauensvorschuss, den die Gründer:innen bei Erfolg – etwa in Raten von einem Zehntel ihres Jahresumsatzes über einen begrenzten Zeitraum von sieben bis zehn Jahren – zurückzahlen würden. Die Refinanzierung des Fonds erfolgt nach einer Anlaufphase von circa fünf Jahren durch die am Markt erfolgreich etablierten Unternehmer:innen. Im Bildungsbereich hat sich dieses Konzept deutschlandweit, aber auch international als extrem erfolgreich herausgestellt. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist aber mehr als prädestiniert für ähnliche Erfolge. Und nur mal für den Vergleich: Eine Milliarde Euro sind gerade mal 0,023 Prozent des Bundeshaushalts.

Katharina Schumacher: Genauso gilt dies für den Bereich Social Entrepreneurship, in dem die Unternehmer:innen ähnlich zwischen den Stühlen stehen wie die Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Auch hier gäbe es die Möglichkeit, mit den von Julian beschriebenen Rahmenbedingungen, analog zum Kreativfonds etwa in einem Purposefonds Voraussetzungen zu schaffen, um Unternehmer:innentum zielgerichtet, unbürokratisch und erfolgreich zu fördern. Solche Fonds könnten kreative und soziale Gründer:innen dabei unterstützen, ihre Ideen leichter in die Tat umzusetzen. Die Politik könnte so Branchen und Bereiche langfristig nachhaltig und widerstandsfähig machen und Transformationen ermöglichen, ohne einen dauerhaften Posten im Bundeshaushalt schaffen zu müssen, da sich die jeweiligen Fonds nach der Anfangsphase selbst tragen werden. 

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Im neuen Koalitionsvertrag ist der Innovationsbegriff erweitert worden. Auch soziale Aspekte spielen nun eine Rolle. Welche Vorteile ergeben sich daraus? 

Katharina Schumacher: Eine solche Begriffserweiterung ist Gradmesser eines politischen Bewusstseins für Soziale Innovation und Grundstein, um Innovationen zu fördern, die unsere Gesellschaft voranbringen. Das ist angesichts der sozio-ökologischen Transformation auch dringend nötig. Welche Chancen das bietet, haben wir ja bereits besprochen. Viele Gründer:innen können an Stellen ansetzen, wo der staatliche Handlungsspielraum aus unterschiedlichen Gründen seine Grenzen findet. Kreative und Soziale Unternehmer:innen können hier ergänzen, indem sie schneller agieren, experimentieren und Produkte, Formate und Geschäftsmodelle entwickeln, die aufzeigen, wie eine gerechte, nachhaltige Zukunft und unser gesellschaftliches Zusammenleben darin aussehen kann. So zeigen sie uns täglich, was möglich ist, wenn wir sie als Transformationslabor der Gesellschaft bewusst wahrnehmen und fördern.  

Julian Römer: Die Erweiterung des Innovationsbegriffs um die soziale Dimension macht es also schwieriger, die Hindernisse für Gründer:innen in diesem Bereich weiterhin aufrechtzuerhalten und zu reproduzieren. Es gibt jetzt konkrete Punkte und Aussagen, an die angeschlossen werden kann und an denen sich die Regierung messen lassen muss. Interessant wird es, wenn sich der Staat wirklich als Impulsgeber, Gegenstand und Träger Sozialer Innovationen versteht, somit Verantwortung für dringend notwendige Veränderungen übernimmt – sie gegenständlich macht. Dann wird aus der semantischen Begriffserweiterung eine echte Veränderung.

Was tut die Ampel-Regierung mit Blick auf den Koalitionsvertrag für Gründer:innen in Deutschland?

Julian Römer: Sicherlich verspricht dieser Koalitionsvertrag einiges für Gründer:innen. Geringere bürokratische Hürden für Gründungen, besserer Zugang zu Seed-Funding oder geeignetere Rechtsformen für Sozialunternehmen sind absolute Notwendigkeiten. Er rückt aber auch Unternehmer:innen in den Fokus, die ein neues Mindset in die deutsche Wirtschaft bringen, indem deren Bedürfnisse gesehen werden und in neue Maßnahmen einfließen sollen. So wurde beispielsweise auch initiiert, die einseitige Wertschätzungsdimension des wirtschaftlichen Erfolgs zu überdenken und zu erweitern. 

Katharina Schumacher: Der Koalitionsvertrag legt darüber hinaus auch Leitlinien für eine agile, kollektiv agierende und gestaltende Verwaltung an, welche Mut und Kreativität stärker in den Fokus rückt. Solche Änderungen sind nicht direkt für Gründer:innen gedacht und doch wichtig für das Entwickeln passgenauer Strukturen und Maßnahmen. Politik und Verwaltung dürfen sich nicht nur als Treiber von Transformation verstehen, sondern müssen sich selbst zum „transformierenden Gegenstand“ machen, denn ihre Werkzeuge reichen nicht mehr aus. Es braucht nicht nur Experimentierräume und Reallabore „da draußen in Wirtschaft und Gesellschaft“, sondern in den Ministerien und Behörden. Das sind ambitionierte Ziele des Koalitionsvertrags und der neuen Regierung.

Julian Römer: Dies erleben wir auch bereits in unseren persönlichen Gesprächen mit Ansprechpartner:innen in den Ministerien und der Politik. Es gibt eine größere Offenheit, über ungewöhnliche Ideen und Instrumente nachzudenken und Neues zu schaffen.  

Welche Maßnahmen fehlen noch? 

Julian Römer: Generell wird in Maßnahmen für Innovationen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft oder Social Businesses noch viel zu oft mit reinen Modellprojekten gearbeitet, in denen jedoch keine langfristige Perspektive angelegt ist. Der Bedeutung von Sozialen Innovationen für eine zukunftsfähige Gesellschaft wird, jedenfalls mit Pilotprojekten, nicht ausreichend Rechnung getragen. Diese Projekte zeigen dann exemplarisch, wie es gelingt, erfolgreich mit neuen Wegen und Mitteln zu innovieren, Projekte zu starten oder Unternehmen zu gründen. In der neuen Regierung sollten aus diesen Modellprojekten nun endlich nachhaltige Maßnahmen entstehen für und mit den richtigen Leuten. Solche Maßnahmen könnten zum Beispiel der Kreativ- und der Purposefonds oder eine Agentur für Soziale Sprunginnovation sein.

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Katharina Schumacher: Wichtig dabei ist, dass die Maßnahmen die Arbeits- und Wirkungsweisen dieser neuen Generation von Unternehmer:innen endlich richtig wahrnehmen und berücksichtigen. Nur durch ein neues Agieren von Politik und Verwaltung, welche ihre Lösungen iterativ und vor allem unter Einbeziehung der Akteur:innen entwickelt, können die Potenziale kreativen und sozialen Unternehmer:innentums angemessen gefördert werden. Hier gibt es noch einigen ungenutzten Spielraum.