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16 September 2021 / Lesezeit: 8 minuten

Human Rights Film Festival

Transkript: GoodNews enorm Podcast Folge 29

Unter dem Motto „The Art of Change“ findet vom 13. bis 26. September das Human Rights Film Festival Berlin statt. Im Mittelpunkt der Filme stehen die Geschichten von Menschenrechtsverteidiger:innen, Aktivist:innen und humanitären Helfer:innen.

Bild: Human Rights Film Fetsival Berlin

Bild: Human Rights Film Fetsival Berlin

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 29 von „Good News enorm“. Können Filme die Welt verändern? Wir finden schon! In dieser Folge stellen wir euch das „Human Rights Film Festival“ vor, das dieses Jahr unter dem Motto „The Art of Change“  Dokumentarfilme aus aller Welt zeigt – online und in Berlin: Von surfenden Mädchen in Bangladesch und warum Awareness hilft, gegen Menschenrechtsverletzungen anzugehen. Zu Gast: Die Filmdirektorin des Festivals Anna Ramskogler-Witt. Bitte unterstützen: #freeLoujain.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge spricht Good-News-Redakteurin Bianca Kriel mit der Filmdirektorin des „Human Rights Film Festival“ Anna Ramskogler-Witt.

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute sprechen wir über das Human Rights Film Festival – aber erst einmal der Gute Nachrichten Überblick:

In den Niederlanden tragen noch viele Menschen den „Sklavennamen“ ihrer Vorfahren. Die Stadt Utrecht möchte es Betroffenen nun erleichtern den Namen zu ändern: Die Änderungsgebühr von über 800 Euro sowie die Pflicht zur psychologischen Untersuchung sollen fortan entfallen.

Die evangelisch-lutherische Kirche zählt zu den größten evangelischen Kirchen der USA. Nun setzt sie ein Zeichen für Diversität: Mit Megan Rohrer wurde nun weltweit erstmals eine Transgender-Person in das Amt des Bischofs eingeführt.

Der schnelle Ausstieg aus der Kohlekraft ist eine wichtige Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel. Eine Studie der Londoner Denkfabrik E3G zeigt nun: Weltweit werden deutlich weniger Kohlekraftwerke geplant. Seit dem UN-Klimagipfel 2015 ist die Anzahl geplanter Kraftwerke um 76 Prozent gesunken.

Ein Dankeschön vom öffentlichen Nahverkehr: Menschen mit einem Monats- oder Jahresabo dürfen vom 13. bis 26. September in ganz Deutschland kostenlos mit Bus und Bahn fahren. Semestertickets, Schülertickets und Jobtickets sind ebenso in die Aktion eingeschlossen.

Eisflächen für den Wintersport zu betreiben ist bisher wenig nachhaltig. Die Schweizer Firma „Glice“ hat daher synthetische Eisplatten entwickelt, durch die Strom, Wasser und CO2 deutlich eingespart werden können.

In den Niederlanden gibt es 22 Millionen Fahrräder – die brauchen Platz. In Amsterdam wird darum ein neues Fahrradparkhaus für 4000 Fahrräder gebaut. Der Clou: der Bau steht in einem Fluss und unterstützt mit Kokosnussmatten, Plastikfangnetzen und Netzkörben die Unterwasserwelt.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca. Ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir euch heute ein Festival vorstellen dürfen, was mir persönlich besonders am Herzen liegt. Ich hab da selber 2018 als Freiwillige mitgearbeitet. Dieses Gespräch aber hat nichts damit zu tun. Es geht um das Human Rights Filmfestival in Berlin, das am 16.9. startet. Ich freue mich besonders, dass wir heute die Direktorin des Festivals bei uns haben: Anna Ramskogler-Witt. Herzlich willkommen!

Anna: Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich total, hier bei euch im Podcast zu sein. Ich höre den selbst total oft und finde ihn immer wieder inspirierend und berührend.

Bianca: Das freut mich sehr. Ihr steht ja jetzt ganz kurz vor Festivalbeginn – für diejenigen, die euer Festival noch nicht kennen: Was genau erwartet da die Zuschauer:innen?

Anna: Genau, wir sind ein Dokumentarfilm Festival. Das heißt, wir zeigen während der zehn Festival-Tage 40 Dokumentarfilme aus der ganzen Welt. Wir haben über 50 internationale Gäste hier, Filmemacher:innen, Protagonist:innen und Expert:innen, die anschließend an die Filme mit unserem Publikum über die Themen sprechen. Neben dem Filmprogramm haben wir dieses Jahr zum zweiten Mal eine multimediale Ausstellung bei uns im Festivalzentrum in den Atelier Gardens in der BUFFA, wo man zehn internationale Kunstprojekte sieht, die auf unterschiedliche Arten und Weisen sich mit dem Thema Menschenrechte beschäftigen. Und die dritte Komponente des Festivals ist eine viertägige Konferenz zum Thema Storytelling und Aktivismus, wo es um die transformative Kraft von Storytelling geht.

Bianca: Du hast vorhin das Inspirierende angesprochen; dass dich immer wieder unser Podcast inspiriert. Ich glaube, euer Festival will ja auch inspirieren. Jetzt vielleicht nicht nur Missstände aufzeigen, sondern auch zum Handeln inspirieren. Welcher Film macht dir dieses Jahr besonders Hoffnung?

Anna: Puh, das ist eine sehr schwere Frage, sich auf einen Film zu zu beschränken, aber dadurch, dass ihr Good News heißt und ich mich da ein bisschen an dem Titel festhalten will: Ein Film, der mich besonders positiv berührt hat, ist Bangla Surf Girls. Es geht um eine Surfschule in Bangladesh, wo junge Mädchen, die eigentlich zwangsverheiratet hätten werden sollen und wenig Perspektiven haben, indem sie zu Surflehrer:innen ausgebildet werden oder einfach nur surfen lernen, neue Lebensperspektiven kriegen.

Bianca: Wenn jetzt Menschen nicht in Berlin sind, können sie sich den auch angucken?

Anna: Auf alle Fälle. Wir zeigen alle unsere Filme – mit der Ausnahme von zwei, die anschließend aber in Deutschland ins Kino kommen, und damit ist es gar nicht schlimm, dass wir die vorher online zeigen – zeigen wir alle Filme über unsere Partner Plattform Sooner. Und für diejenigen, die sich die Filme nur online anschauen können, gibt es dennoch die Möglichkeit, an den Gesprächen mit unseren Regisseur:innen und Expert:innen teilzunehmen, nämlich über unseren YouTube-Kanal. Wir werden alle Gespräche online streamen und wer Fragen hat, kann einfach in die Kommentarfunktion reinschreiben. Und dann geben wir die Frage an die Regisseur:innen und Expert:innen weiter.

Bianca: Ja, mega, wir packen euch den Link in die Shownotes für alle Interessierten, weil wie gesagt: ich lege euch das Festival wirklich sehr ans Herzen. Dieses Jahr habt ihr Themenschwerpunkte Gerechtigkeit, Kämpfe, Klimakrise, Gender Equality und Meinungsfreiheit. Ich stelle mir vor, dass die Menschen, die diese Dokumentarfilme drehen und auch die Menschen, die darin vorkommen, zum Teil unter schwierigen Umständen leben und diese Filme auch nicht einfach entstehen. Was können wir tun, um diese Dokumentarfilmer:innen und auch die Menschen, die darin vorkommen, zu unterstützen?

Anna: Das geht auf ganz unterschiedlichen Arten und Weisen. Das erste und Wichtigste ist ins Kino gehen und den Film anschauen und sich informieren über das Thema. Mit den Regisseuri:nnen in den Austausch treten, zuhören. Viele der Dokumentarfilme werden auch von einer Impact Kampagne begleitet, die direkt Handlungsmöglichkeiten aufzeigt. Wir haben aber auch für viele Filme Partner:innen aus dem NGO Bereich, die auch Möglichkeiten aufzeigen, wie man sich engagieren kann. Ein ganz einfaches Beispiel ist, wenn man zum Beispiel sich mit dem Thema Pressefreiheit beschäftigen will, dann ist es immer super zu schauen, was macht Reporter ohne Grenzen beim Thema Menschenrechte und Demokratie. Einer unserer Hauptpartner in diesem Jahr ist Amnesty International und ich meine, jede Unterschrift bei jeder Aktion von denen schafft Ungeheures, generiert tatsächlich einen Impact.

Bianca: Und gibt es für dich ein besonderes Thema oder einen besonderen Schwerpunkt, wo wir – ich meine, das sind alles dringende und drängende Probleme und Herausforderungen – aber wenn man sich jetzt erst mal für eins entscheiden müsste, worauf sollten wir jetzt am meisten achten?

Anna: Puh, das ist eine schwierige Frage. Und ich glaube, meine Antwort fällt sehr persönlich aus. Ich meine Klimawandel ist natürlich ein extrem wichtiges Thema, aber was ganz viele Studien oder zumindest Artikel, die ich lese, zeigen, ist, dass wenn wir Gleichberechtigung schaffen, dass Frauenrechte wirklich weltweit gestärkt werden, dass wir dann auch Themen wie Klimawandel wesentlich effektiver angehen können. Auch bei der Bekämpfung gegen den Hunger sind Frauen der Schlüssel, also die Schlüssel-Akteurinnen. Wenn wir schaffen, dass alle Frauen weltweit Zugang, alle Menschen weltweit und im besonderen eben auch Frauen, denen es im Moment besonders verwehrt wird, Zugang zu Bildung haben, dann verändert sich eine Gesellschaft. Ich habe gerade heute in der Früh einen Artikel gelesen, dass vor allem Regionen, in denen kriegerische Auseinandersetzungen herrschen und wo sehr viel Armut herrscht, es sehr viele Benachteiligungen von Frauen gibt und dass der Bildungsgrad von Frauen und Mädchen und wie gleichberechtigt sie sind, gleichzeitig ein Indikator ist, wie wohlhabend, wie gut es einer Gesellschaft geht. Und ich denke, das ist etwas, was wir im Blick haben müssen und wohlhabend nicht in dem Sinne geldtechnisch, dass jede:r reich ist, sondern dass jede:r sich sein Leben tatsächlich leisten kann und nicht Not leidet.

Bianca: Weil du von Gleichberechtigung, auch Vorkommen und vorhin von Meinungsfreiheit gesprochen hast: ihr habt dieses Jahr eine ganz besondere Schirmherrin. Sie kann sich ja dieses Jahr bei eurem Festival nicht persönlich äußern. Kannst du ein paar Worte zu eurer Schirmherrin sagen?

Anna: Unsere Schirmherrin ist Loujain al-Hathloul. Eine der großartige Frauen- und Menschenrechtsaktivistinnen aus Saudi-Arabien. Wir kennen sie wahrscheinlich alle, weil sie war die junge Frau, die trotz eines Fahrverbots mit dem Auto gefahren ist und darüber einen Social Media Post gemacht hat. Danach wurde sie mit anderen Vorwürfen verhaftet und hat 1000 Tage in der Haft verbracht. Seit März ist sie wieder freigelassen, steht jedoch in Saudi-Arabien unter Hausarrest und hat eine Aktivismus-Verbot. Wir freuen uns umso mehr, dass sie die Schirmherrschaft übernommen hat und dass ihre Schwester Lina nach Berlin kommt und davon erzählt, wie Aktivismus, wie Engagement dazu geführt hat, dass ihre Schwester entlassen wurde und dass sich langsam aber doch die Frauenrechts-Situation in Saudi-Arabien zumindest ein klein wenig verbessert. In dem Zuge gleich auch einen Film-Tipp: Wir zeigen „The Dissident“ im Rahmen des Festivals über den Fall Khashoggi und Lina wird anschließend an den Filmen ein Q&A geben.

Bianca: Sehr schön. Und was könnten wir tun, um Loujain al-Hathloul zu unterstützen? Jetzt in Ihrem Fall ganz konkret.

Anna: Es gibt die Kampagne #freeLoujain und am besten ist möglichst viel Öffentlichkeit erzeugen für den Film, retweeten auf Instagram posten, darüber sprechen, Bundestagsabgeordnete anschreiben. Je größer der internationale Druck in solchen Fällen ist, und das ist jetzt nicht nur im Fall von Loujain so, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es politischen Gefangenen, dass sie entlassen werden oder dass ihre Haftbedingungen sich zumindest etwas entspannen, weil der internationale Fokus dann drauf ist. Und in ihrem Fall, dass sie sich wieder frei bewegen darf und sprechen darf.

Bianca: Natürlich sind Menschenrechte ein globales Thema. Ich habe mich gefragt, wie es in Deutschland aussieht. Ich habe heute gelesen, dass Menschen in Deutschland, die in einer sogenannten rechtlichen Vollbetreuung stehen, also z.T. manche Menschen mit Behinderungen, bisher ja nicht wählen durften und dieses Jahr zum ersten Mal, ich glaube, bis um die 85000 Menschen zum ersten Mal wählen dürfen, die eben bisher oder immer noch in dieser sogenannten Vollbetreuung stehen. Ich persönlich fand das eine sehr erfreuliche Entwicklung für Deutschland. Ich habe mich dann auf die Suche gemacht nach anderen positiven Entwicklungen in Deutschland und habe nicht so viel gefunden. Also wenn es allgemein um um Rechte geht, um inklusive Zugänge geht, hast du vielleicht eine Nachricht oder etwas, was dir im letzten Jahr aufgefallen ist, das sich zum Positiven entwickelt hat?

Anna: Das ist eine sehr gute Frage, was ich als positiv beobachtet habe. Ich würde jetzt sagen, nicht nur im letzten Jahr, sondern in der letzten Zeit ist die unfassbar wunderschöne Energie von jungen Menschen in Deutschland, die für gegen die Klimakrise und gegen Rassismus immer wieder auf die Straße gehen und sehr laut sind. Und das fand ich total berührend und schön, weil es für mich eine neue Art der Energie ist. Und ich finde, man merkt grundsätzlich, was die Klimakrise angeht, ein Umdenken. Das Zweite, was ich schön finde, ist, ich weiß, das mag jetzt schwierig klingen, aber zumindest in meinem Umfeld arbeiten so viele Menschen daran, gefährdete Personen aus Afghanistan rauszubringen und hegen so eine unfassbare Solidarität mit allen Menschen, die aktuell in in Afghanistan von dem politischen Umsturz betroffen sind, dass mir das Hoffnung gibt, dass es so viele Menschen gibt, die sich engagieren.

Anna: Vielleicht zum Schluss noch einen ganz kurzen Rundumschlag an Film-Tipps, damit für jede:n was dabei ist: Absolute Top-Empfehlung natürlich unser Opening-Film „Sabaya“. Dann, am Freitag, den 17. September, kann ich „School of Hope“ empfehlen. Ein unfassbar schöner Film am Samstag, den 18. September: „Imad´s Childhood“, über die Nachwirkungen von der IS-Gefangenschaft auf Kinder, wahnsinnig wichtiger Film. Am Montag, dem 20. September: „Shadow Game“ über junge Geflüchtete auf ihrem Weg von den griechischen Inseln nach Europa und wie sie die verschiedenen Grenzen erfahren. Ein unfassbar wichtiger Film. Am 21. September zeigen wir „Ghost of Afghanistan“, der sich die letzten 20 Jahre inklusive der aktuellen politischen Situation in Afghanistan annimmt. Und die letzten zwei Tipps: „Fly so far“ am 22. September über das unglaublich restriktive Abtreibungsgesetz in El Salvador, wo Frauen, die eine Fehlgeburt hatten, als Mörderin verurteilt werden. Ein sehr wichtiger Film und wir versuchen in der anschließenden Diskussion auch über die rechtliche Situation in Deutschland zu sprechen. Und am 23. September der neue Dokumentarfilm von Katja Riemann „… And here we are“, die auch anschließend zum Publikumsgespräch da sein wird.

Bianca: Wie gesagt, ich empfehle es euch allen! Schaut es euch an, wir packen euch alle Links in die Shownotes. Gibt es denn überhaupt noch Tickets? Kann man online wahrscheinlich unbegrenzt Menschen zuschauen lassen, oder?

Anna: Ähm, wir haben online auch begrenzte Tickets, einfach damit wir den Kinostart für die Filme nicht ruinieren. Oder auch, weil es für mich zu einem Festivalgefühl gehört, dass es auch begrenzte Tickets gibt. Aber wir haben für die Filme alle noch Tickets und wir freuen uns über möglichst viele Menschen, die zu uns ins Festival Zentrum kommen, in unsere Berliner Kinos oder online zuschauen.

Bianca: Ich wünsche euch ein großartiges Festival und freue mich sehr dabei zu sein. Vielen Dank, Anna!

Anna: Vielen Dank, Bianca und wir freuen uns, dich beim Festival begrüßen zu dürfen.

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