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6 November 2020 / Lesezeit: 5 minuten

El Búho, Pantha du Prince und Dominik Eulberg

Wie sich Techno-DJs für den Naturschutz einsetzen

Robin Perkins alias El Búho verbindet elektronische Beats mit organischen Tönen, vor allem von Vögeln. Aufgewachsen ist er in den Wäldern des Peak District National Park im Nordwesten Englands.

Bild: Lizett Diaz

Bild: Lizett Diaz

Gehaltlos, kalt, hedonistisch – das wird Technomusik oft nachgesagt. Die Sounds von DJs wie Pantha du Prince und El Búho sind anders: synthetisch und organisch zugleich, emotional und politisch. Sie sollen Menschen nicht nur zum Tanzen bewegen, sondern zu mehr Umweltbewusstsein.

2000 „Baum-Worte“ haben Forstwissenschaftler*innen bisher dokumentiert. Der Wald spricht, lautlos und unsichtbar. In seinem neuesten Album als DJ Pantha du Prince stellt sich Hendrik Weber vor, wie das klingen könnte. Wie es sich anhört, wenn Bäume organische Moleküle freigeben, die andere vor Schädlingsangriffen, Trockenheit und Krankheiten warnen, indem sie sich mit dem Wind im Wald verteilen. Oder wenn hauchdünne Pilzfäden, sogenannte „Hyphen“, Wasser und Nährstoffe von Baumwurzel zu Baumwurzel übertragen, damit junge Nachbarn schneller wachsen können. Tonaufnahmen aus dem Wald, Klänge handgefertigter Instrumente und elektronische Beats vermitteln in „Conference of Trees“, was der Mensch nicht wahrnehmen kann und erst seit Kurzem sicher weiß: Gesunde Wälder gleichen riesigen sozialen Netzwerken. „Das eigentliche Leben findet hier statt“, sagt Hendrik Weber in einer ARD-Dokumentation, während er im Wald steht. „Und wenn wir das nicht schützen, dann werden wir uns einfach vernichten.“ 

Beats wie Herzklopfen

Hendrik Weber alias Pantha du Prince ist einer der erfolgreichsten deutschen Techno-DJs. Außerdem ist er Kulturwissenschaftler, gelernter Tischler und Klangforscher, der das, was in der Natur passiert, zugänglich machen möchte. Mit „Conference of Trees“ zelebriert er die Gemeinschaft, spricht sich aus gegen das „mechanistische Zerteilen der Welt in stoffliche Einheiten”, in Kategorien wie „‚Das sehe ich. Das kann ich nachprüfen, das kann ich schmecken’“. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zusammenleben der Bäume und andere Formen von Kooperation in der Natur – all das sollte beispielgebend sein für ein sozialeres Miteinander und mehr Naturverbundenheit.  

Musikalisches Engagement für den Umweltschutz ist nicht neu oder widersprüchlich. Bands und Sänger*innen wie Radiohead und Jack Johnson tragen es bis in ihre Songtexte hinein. Wofür oder wogegen Techno steht, ist hingegen selten direkt klar. Wenn der Beat tanzbar ist, wird er gefeiert – wie in Trance und unabhängig davon, wer ihn produziert hat. Maschineller Rhythmus gibt den Ton an, auch bei DJs wie Pantha du Prince, Dominik Eulberg und El Búho. Doch nicht nur. Künstlich erzeugte Geräusche aus dem Computer verbinden sich mit Urtönen wie Vogelgesang, Flügelschlagen, Blätterrascheln oder Wassertropfen. Wie passt das zusammen – Synthetisches und Organisches, Techno und Natur? Und inwiefern kann wortkarge Tanzmusik aktivistische Botschaften vermitteln?

Hendrik Weber (Pantha du Prince) ist DJ, Klangkünstler, Tischler und studierter Kulturwissenschaftler. Die Instrumente, die in seinen Tracks zu hören sind, baut er selbst.
Bild: Imago Images / Pop-Eye

Techno ist nicht gebunden an etwas Materielles. Hendrik Weber begreift seine Musik daher als einen großen kreativen Freiraum, einen „unendlichen Ozean von Möglichkeiten“. Robin Perkins sieht das ähnlich: Elektronische Musik sei universell und erreiche daher ein diverses Publikum. Jede*r könne sie sofort verstehen, gerade weil sie ohne Texte funktioniere. Dominik Eulberg vergleicht Technobeats mit dem ersten natürlichen Geräusch, das ein Mensch hört: den Herzschlag der Mutter. Naturschutz heute, dem Magazin der NGO Naturschutzbund Deutschland (NABU), sagte er: „Techno ist ein sehr ursprünglicher und triebhafter Musikstil, der vom Rhythmus bestimmt ist. Solche Musikformen gibt es in vielen alten Kulturen”, beispielsweise Trommeln. Eulberg ist nicht nur ein global gefeierter DJ, der bei großen Festivals wie Tomorrowland auflegte, sondern Biologe, EU-Botschafter für die „UN-Dekade der Biodiversität“ und Fledermausbotschafter vom NABU. Sich selbst bezeichnet er als „Natur-Sensibilisierer“, der eines nicht akzeptieren kann: Dass viele Menschen durch den Wald liefen und nichts hörten.

„NGOs richten sich immer an die gleichen Menschen, im gleichen Tonfall und in der gleichen Sprache. DJs sprechen ein viel diverseres Publikum an.“
Robin Perkins

Techno und Naturschutz: DJ El Búho

Robin Perkins alias El Búho möchte dazu beitragen, dass es dort langfristig etwas zu hören gibt. DJ El Búho (spanisch für „die Eule“) ist Aktivist. Erst als „Senior Campaigner“ bei Greenpeace, heute als Musikproduzent in Vollzeit. Neun Jahre setzte er sich bei der Umweltorganisation gegen die Kurzlebigkeit, Umweltverschmutzung und den Überkonsum elektronischer Geräte ein – heute produziert er elektronische Tracks für den Artenschutz. „Bei Greenpeace wird viel über die Bedeutung von kulturellem Wandel gesprochen“, sagt er. „Solche Organisationen verstehen es, große Aktionen zu planen und Konzerne zum Umdenken zu zwingen.“ Entscheidend sei aber auch: „Wie änderst du das Mindset und Verhalten von Individuen?“ Elektronische Musik erreiche viele Menschen auf eine Weise, wie es Nonprofit-Organisationen nicht könnten. „NGOs richten sich immer an die gleichen Menschen, im gleichen Tonfall und in der gleichen Sprache.“ DJs sprächen aber nicht nur ein diverses Publikum an. „Sie können wichtige Botschaften auf eine deutlich inspirierendere, packendere Art und Weise senden.“ Beispielsweise indem sich das Konzept eines Albums um das wundersame Zusammenleben der Bäume dreht oder dessen Bewohner*innen in den Mittelpunkt stellt: bedrohte Vogelarten, die in den Regenwäldern dieser Welt um ihr Leben singen.

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„A Guide to the Birdsong of Central America, Mexico & the Caribbean“ heißt das zweite Album einer Crowdfunding-Kampagne, die Robin Perkins’ Musiklabel Shika Shika im Sommer 2020 veröffentlichte. In jedem der zehn Tracks ist die Stimme eines anderen Vogels Mittelamerikas zu hören, dessen Überleben aufgrund von menschlichen Umwelteinflüssen wie Abholzung, Erderhitzung und Bergbau akut gefährdet ist. Wie schon „A Guide to the Birdsong of South America“ aus dem Jahr 2015 ist das Projekt wieder in Zusammenarbeit mit bekannten DJs und Musiker*innen aus den Heimatregionen der Vögel entstanden. Die erste Kampagne generierte umgerechnet rund 13.000 Euro, die das Label an lokale Programme zur Rettung, Rehabilitation und Brutpflege der betroffenen Vogelarten spendete.

Das Berliner Musiklabel Shika Shika von Robin Perkins (El Búho) und Agustín Rivaldo (Barrio Lindo), brachte dieses Jahr das zweite Album der Crowdfunding-Serie A Guide to the Birdsong heraus. Das gesammelte Geld geht an drei NGOs in der Karibik, Costa Rica und Mexiko.
Bild: Scott Partridge

Ornithologische Raver*innen

Woher rührt diese Faszination für die Ornithologie, der Hang zu Bio-Beats? Im digitalen Interview sitzt Robin Perkins in seinem Arbeitszimmer in Paris, während er gedanklich durch seine Heimat streift: dem „Peak District National Park“ im Nordwesten Englands. Als Kind zog es ihn in die pittoreske Hügellandschaft, um Vögel zu beobachten. Später nahm Perkins Gezwitscher und Waldrauschen auf, um daraus aktivistische Tanzmusik zu machen. Dass er mit „A Guide to the Birdsong“ keine Spezies wird retten können, ist ihm bewusst. „Die ausgewählten Vogelarten stehen symbolisch für ein größeres Problem, nämlich unseren destruktiven Einfluss auf die Natur und wie wir mit ihr umgehen”, sagt der Brite, der lange in Mexiko lebte. „Vögel sind sensible Wesen, die schnell auf Umweltveränderungen reagieren. Ihr sukzessives Verschwinden reflektiert, was gerade passiert.“ Was er meint ist das sechste Massensterben. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind laut der Vereinten Nationen aktuell vom Aussterben bedroht. Viele können bereits in den kommenden Jahrzehnte verschwinden – und mit ihnen unsere Lebensgrundlage.

Menschen für den Artenschutz gewinnen, klar machen: Wir brauchen die Natur mehr, als sie uns. Das ist auch Dominik Eulbergs Mission. Seine ornithologischen Klangreisen fliegen Hörer*innen allerdings nicht in tropische Regenwälder, sondern fahren sie ins deutsche Mittelgebirge. Wer zu Eulbergs Musik tanzt, denkt nicht unbedingt an den Westerwald, bewegt sich aber in dessen Klangkosmos. Seine Tracks erzählen vom Flug des Rotmilans, der Metamorphose des zweibrütigen Scheckenfalters und dem Leben des Elfenbein-Flechtenbärchens. In einem Radiointerview mit dem Hessischen Rundfunk sagte der Westerwälder: „Das bringt etwas zum Schwingen: In jedem von uns steckt ein natürliches, kindliches Erstaunen darüber, was verschüttet wurde durch den Kapitalismus, durch die Technik, durch Handy und was weiß ich nicht alles. Das möchte ich wieder reaktivieren.“

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