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10 November 2021 / Lesezeit: 2 minuten

Rapper Amewu aus Berlin

„Unsere Gesellschaft erwartet, dass du Klischees bedienst“

Rapper Amewu aus Berlin nutzt Musik, um koloniale Machtstrukturen zu hinterfragen.

Bild: Amewu / LNOB

Bild: Amewu / LNOB

Rapper Amewu setzt sich in seinen Texten mit der Kolonialgeschichte auseinander. Für ihn ist Musik ein guter Ort, um die Thematik zu vermitteln und um eigene Diskriminierungserfahrungen zu verarbeiten.

„Koloniale Strukturen gibt es noch immer – vom Alltagsrassismus bis zu ungleichen Chancen. Die Musik ist ein guter Ort für Austausch. Er funktioniert auf zwei Ebenen. Da sind zum einen die Hörer:innen: Sie setzen sich über die Musik mit der Thematik auseinander und hinterfragen im Idealfall ihre eigene Position innerhalb kolonialer Strukturen. Zum anderen ist da der Künstler, der Problematiken thematisiert und gegebenenfalls eigene Diskriminierungserfahrungen verarbeiten kann.

2017 haben mich die Rap-Künstler Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion eingeladen, Teil des Albums Platz an der Sonne der Black Superman Group zu sein. Das Album beschäftigt sich mit Afrika, der Kolonialgeschichte und der postkolonialen Situation in Deutschland, aber auch generell Schwarzer Selbstermächtigung. In einer Strophe des Tracks ,Geschichtsunterricht‘ beschreibe ich, wie ich begann, mich mit Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen. Erst dadurch konnte ich das ganze Ausmaß der Problematik erfassen und verstehen, warum Menschen mich in Deutschland mit einer derartigen Selbstverständlichkeit diskriminieren. Auch den Genozid in Namibia und die koloniale Kontinuität in den gegenwärtigen ökonomischen Strukturen thematisiere ich in diesem Song.

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Die Klischees im deutschen Rap-Business werden wenig hinterfragt. Warum sind ,Gangsta Rapper‘, die mit Kokain dealen und Gewalt thematisieren, oft migrantisiert? Warum sind im Gegenzug Rapper, die erfolgreich sind, ohne diese Themen zu bedienen, überwiegend weiß? Unsere Gesellschaft erwartet, dass du solche Klischees bedienst, wenn du als nicht-weißer Rapper erfolgreich sein willst. Du fällst damit nicht aus dem Rahmen. In kolonialen Machtstrukturen hat eben jeder seinen Platz – das müssen wir ändern.

Als ich um die Jahrtausendwende mit Rap anfing, war die Musik ein Rückzugsort für mich. Ich habe die Welt von klein auf oft als feindselig erlebt – aus rassistischen Gründen. Im Rap hingegen waren die Hauptakteure Schwarze Menschen und sie wurden respektiert. Inzwischen ist Rap in der Mitte der Gesellschaft angekommen und definitiv nicht mehr der Rückzugsort für mich, der er mal war.

Heute schaue ich mit gemischten Gefühlen auf den Safe Space, den ich mir damals geschaffen habe. Eigentlich war es eine Flucht aus dieser Gesellschaft – durch die ich andere Wege nicht gegangen bin. Ich habe mich in meiner Jugend für viele Dinge interessiert, zum Beispiel Journalismus und Psychologie. Allerdings wurde mir schon zu Schulzeiten immer wieder gezeigt, dass es für Menschen mit meiner Hautfarbe eben gewisse Mauern gibt, die man nicht so einfach durchbricht. Also habe ich gar nicht erst so groß gedacht. Natürlich war es gut, eine Nische für mich im Rap zu finden. Aber es wäre schöner gewesen, ich hätte diese Nische gar nicht gebraucht.“

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Dieser Text erschien in der Ausgabe Oktober/November 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Tschüss, Kolonialismus“.