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8 Juli 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Feministische Sagen und Klimaprosa

Leseempfehlungen für den Sommer

James Noël hat für seinen Debutroman Was für ein Wunder den Internationalen Literaturpreis 2020 des Hauses der Kulturen der Welt erhalten.

Bild: imago images / Leemage

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Ein Roman, der das Erdbeben von Haiti aus nicht-westlicher Perspektive zeigt, Homers Epen aus weiblicher Sicht und das neue Genre „Klimaprosa“: Das sind unsere Buchempfehlungen für den Sommer.

2020 ist ein Jahr, in dem uns spätestens die globale Pandemie gezwungen hat, neue Perspektiven einzunehmen: auf unsere Wirtschaft, auf den Umweltschutz und auf die in unserer Gesellschaft tief verankerte Diskriminierung von Minderheiten. Doch neben zahlreichen journalistischen Analysen, Sachbüchern und Dokumentationen sind es insbesondere prägnante Erzählungen, die helfen können, einen anderen Blickwinkel auf die Welt einzunehmen, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Maike Braun: In 80 Jahren eine neue Welt

Der Berliner Verlag Mikrotext startete gemeinsam mit dem Literaturmagazin „Mischen“ im Januar 2020 per Aufruf einen Wettbewerb für Texte, die sich dem neuen Genre „Klimaprosa“ zuordnen: Ein Gewinner*innentext ist „In 80 Jahren eine neue Welt“ von der Biologin und Unternehmensberaterin Maike Braun. Die Autorin liefert einen „Zukunftsbericht einer klimafreundlichen Beispielfamilie“, die in mehreren Generationen immer diverser und ökologischer wird und auf dem ganzen Planeten verteilt ist. Die knapp 40 Seiten lange Novelle erinnert stilistisch mehr an einen gedruckten Poetryslam-Text.

Alle Familienmitglieder beschäftigen sich mit der Frage, wie sie die Welt verbessern können: Eine Tochter eröffnet einen Imbiss, in dem sie im Labor gezüchtetes Fleisch verkauft, ein anderer Protagonist beschäftigt sich mit nachhaltigem Baumaterial aus Taiwan und wieder ein anderer forstet jeden Sommer Wälder in Brasilien auf. Unterdessen sinkt und sinkt der globale CO2-Ausstoß. Eine Gruppe US-amerikanischer Millionär*innen kauft gemeinsam weltweit Ölfelder auf und erklärt sie zur menschenfreien Zone. Öl wird so teuer, dass auch die USA auf erneuerbare Energien umsteigen müssen. In Deutschland geht es eher geruhsam zu: „Nelly stellt einen Antrag an die Hausverwaltung, in dem sie fordert, dass die hauseigene KI des Wohnblocks, die den Stromverbrauch der Mieter registriert und reguliert, ihr Kontingent für die nun vierköpfige Familie erhöht. Die Hausverwaltung lässt den Antrag erst einmal liegen.“

Das Buch ist eine spannende Mischung aus einer Dokumentation der aktuellsten Trends zu erneuerbaren Energien, umweltfreundlichen Verkehrsmitteln und Ernährung und einem sarkastischen Kommentar. Denn mit dem kollektiven Umweltbewusstsein hält auch eine Zwangsoptimierung und ein gewisser Fanatismus Einzug in die tapfere, neue Welt. In Brauns Zukunftsentwurf wird man von Mitmenschen öffentlich gedemütigt, wenn man nicht genügend Strom spart und die Altstädte Europas werden durch Hyperloop-Tunnel miteinander verbunden, damit Tourist*innen das Gesamtpaket Europa an einem Tag abhaken können. Der Kapitalismus ist weiterhin der Puls des Systems, auch wenn er jetzt einen leuchtend grünen Anstrich hat. Mode ist unterdessen nicht mehr so wichtig, dafür gibt es jetzt Video-Tattoos und allerlei Mikrochips, die sich europäische Influencer*innen eifrig unter die Haut pflanzen lassen, um Sinne und Körper zu verbessern. Man könnte den bei genauer Betrachtung des Textes recht dystopisch anmutenden Entwurf für eine CO2-neutrale Welt auch als Warnung verstehen, dass bei der Errichtung einer umweltbewussten Gesellschaft soziale und kulturelle Fragen keineswegs in den Hintergrund gedrängt werden dürfen.

Maike Braun, „In 80 Jahren eine neue Welt“, Mikrotext 2020, Ebook, 3,99 Euro.

Natalie Haynes: A Thousand Ships 

Mehreren Autor*innen haben in den vergangenen Jahren einen feministischen Blick auf jene altgriechischen Sagen gelenkt, die die westliche Kultur maßgeblich geprägt haben. So hat Mary Beard in ihrem kurzen Manifest „Women and power“ nachgezeichnet, wie die männliche Rezeption weiblicher Sagengestalten – wie der Medusa als Stereotyp der „mächtigen, wütenden, hässlichen Frau“ – in unserer Kultur die Diskriminierung von Frauen in Machtpositionen bis heute zementiert hat.

Vor allem aber erfreut sich auch die Feministische Fiktion, die sich an den antiken Held*innen bedient, großen Erfolges: Madeline Millers Buch „Ich, Circe“ eroberte 2018/2019 weltweit Bestsellerlisten: Die ebenfalls von Männern in der Kunst meist hoch exotisierte und sexualisierte Gestalt der legendären Magierin Circe wird bei Miller als emanzipierte Frau auf der Suche nach ihren eigenen Idealen dargestellt.

Nun hat die studierte Altphilologin-und Althistorikerin Natalie Haynes in ihrem Buch „A Thousand Ships“ die homerischen Epen Ilias und Odyssee aus der Perspektive der Frauen nacherzählt. Statt Achilles, Odysseus und Hektor zu preisen, geht es hier um die Schicksale und Gedanken von den Frauen, die in der ursprünglichen Sage kaum oder nur kurz erwähnt werden: Andromache, die Witwe des trojanischen Helden Hektor, wird nach dem Krieg zur Sklavin des Sohnes von Achilles, der ihren geliebten Hektor getötet hat und versucht zu überleben. Penthesilea, die kriegerische Amazonenkönigin, die Achilles ebenbürtig ist, sehnt sich nach dem Tod. Und Kassandra, die Wahrsagerin, die das Schicksal Trojas voraussagte, aber der niemand aus ihrer eigenen Familie Gehör schenkte, wird von ihrer eigenen Mutter sogar nach der Erfüllung ihrer Prophezeiung immer noch gemieden und geschlagen.

Auch auf enorm: Bücher für die Zwanzigerjahre

Es geht um das Heroinentum: der Kampf um die eigene Würde in einer Welt, in der man als Frau kein Mensch, sondern primär männlicher Besitz und selbst im Kreis anderer Frauen einer strengen Hierarchie unterworfen ist. Helena, die Frau, deren Verführung durch Paris den trojanischen Krieg erst auslöst, erwidert den trojanischen Frauen, die sie dafür tadeln, dass sie ihren Mann Menelaos und ihr Kind für den trojanischen Prinzen verließ: „Auch Paris war verheiratet“, sagt sie, „warum wird das immer vergessen?“ Die Muse Caliope, die alle Episoden des Romans als Erzählerin begleitet, fragt den Lesenden: „Nehmt die Bergnymphe Oeone, die Paris mit ihrem Baby zurücklässt, um Menelaos‘ Frau Helena zu erobern. Ist Oenoe weniger Held als Menelaos? Er verliert seine Frau, also versammelt er eine Armee, um sie zurückzubringen (…) Oeone verliert ihren Mann und sie erzieht ihren Sohn. Was ist der heroischere Akt?“ Eine beeindruckende Dekonstruktion maskuliner Ideale.

Natalie Hynes, „A Thousand Ships“, erschienen bisher nur in Englischer Sprache im Pan Macmillan Verlag, 2019, 18,95  Euro. 

Leseempfehlungen für den Sommer: James Noël: Was für ein Wunder

Der Debütroman des haitianischen Dichters James Noël wurde dieses Jahr mit dem Internationalen Literaturpreis 2020 des Hauses der Kulturen der Welt ausgezeichnet: Sieben Jahre nach dem großen Erdbeben von Haiti, dass Hunderttausende Menschen ihr Leben kostete, wirft der Dichter einen Blick auf seine Insel, der frei von Sensationalismus und Mitleid ist. Es geht um die kreolische Sprache und Identität und wie sich Haiti im Ansturm hilfsbereiter NGOs und ehemaliger Kolonialmächte behaupten muss. Es geht um Voodoo-Geister und um die Liebe, die auch inmitten von Trümmern und zerberstenden Knochen neu aufflammen kann.

In verschiedenen kurzen Kapiteln nimmt Noël den Lesenden mit in das Erdbebenopfer-Lager Canaan, benannt nach dem historischen Gebiet, in dem laut der Bibel „Milch und Honig“ fließen, das aber in Haiti verzweifelte und desillusionierte Christ*innen bewohnen, die ihrem Gott nach dem erfahrenen Leid abschwören. Der Autor macht sich auch über die internationale Betrachtung der Katastrophe in den Medien lustig, die von kolonialen Vergleichen und absurden Solidaritätsbekundungen bis hin zu Donald Trumps berüchtigter Bezeichnung des Staates als „Shithole-Country“ reichen.

2018 erregte Noël weltweit Aufsehen, als er Trump einen offenen Brief als Antwort auf diese Diffamierung schrieb. In diesem Brief bezeichnete er Trump als „Wunder“, ein Wort, dass in Haiti sowohl für Katastrophen, als auch für schöne Ereignisse benutzt wird. „Was für ein Wunder!“, heißt es dann in seinem Werk, als eine Frau inmitten der Trümmer ein Baby auf die Welt bringt, aber auch, „was für ein Wunder“, als nach dem Erdbeben der Kampf um internationale Gelder und die Cholera ausbricht. Die vielen Perspektiven, bei denen man ständig zwischen dem Macho-Erzähler Bernard, seiner Geliebten und unzähligen anderen Haitianer*innen wechselt, zeichnen ein widersprüchliches, weil herrliches und schreckliches Bild der Katastrophe. Es ist ein politischer Kommentar über kreolische Identität.

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James Noël, „Was für ein Wunder“, aus dem französischen übersetzt, Litradukt 2020, 12 Euro.