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30 Dezember 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Kenias Kunstszene

Zwischen Boom und Überlebenskampf

Maureen Adino posiert für ein Foto im Kibera-Township in Nairobi, Kenia, wo eine Szene aus lokalen Performancekünstler*innen entstanden ist. 2019 gingen ihre Bilder um die Welt.

Bild: imago images / ZUMA Wire

Bild: imago images / ZUMA Wire

Kenianische Künstler*innen bekommen international immer mehr Anerkennung. Doch in ihrer Heimat ist es für viele Künstler*innen ein Kampf, ihren Traum zu verfolgen.
Das Haus der Kunst steht imposant inmitten von München. Plakate der Ausstellung „Paradise Edict“ des britisch-kenianischen Künstlers Michael Armitage, der binnen kürzester Zeit zu einem der aufregendsten jungen zeitgenössischen Maler*innen  der Welt geworden ist, bewarben die Eröffnung im September. Zurzeit kann die Ausstellung digital besucht werden. Doch in Armitages Heimat Kenia hält sich die Kunst bedeckt. Das Künstler*innenkollektiv BrushTu ist in einem unscheinbaren Haus hinter einem hohen Tor in einem Stadtviertel östlich von Nairobis Zentrum nur schwer zu finden. Nicht einmal ein Namensschild ist draußen zu sehen. „Wir wollen keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen“, sagt der 29-jährige Künstler Emmaus Kimani. Zeitgenössische afrikanische Kunst bekommt weltweit zunehmend die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die sie verdient. Der Südafrikaner William Kentridge ist mit seinen großangelegten multimedialen Werken schon lange ein Liebling der internationalen Kunstszene. Jüngst füllten gigantische Werke des Ghanaers El Anatsui die meterhohen Räume des Hauses der Kunst. Immer mehr finden auch kenianische Künstler Beachtung, von Peterson Kamwathi und Wangechi Mutu bis zu Michael Armitage und Jackie Karuti, die jüngst den Henrike Grohs Art Award des Goethe-Instituts erhielt. Und das 2017 eröffnete Zeitz Museum of Contemporary African Art in Kapstadt, das die Sammlung von Ex-Puma-Chef Jochen Zeitz zeigt, hat diese Entwicklung befeuert.
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Kunstszene in Kenia: Keine Institutionen für Kunstgeschichte

Doch für die meisten kenianischen Künstler*innen bleibt das ein Traum. In ihren Heimatländern haben viele mit fast unüberwindbaren Hindernissen zu kämpfen – von mangelnden Institutionen und finanzieller Unterstützung bis zu gesellschaftlicher Ausgrenzung und politischer Repression.

Dass das kulturelle Erbe seiner Heimat nicht leicht zugänglich ist, ist aus Michael Armitages Sicht das wohl größte Problem. „Wir haben keinen Ort, an dem man Kunstgeschichte sehen kann“, sagt er über Kenia. Als aufstrebende*r Künstler*in „kannst du nicht lernen und verstehen, in wessen Fußstapfen du trittst“. In Nairobi gibt es an staatlichen Institutionen neben der veralteten Nairobi Gallery, in der Artefakte verstauben und Anzeigen vergilben, nur das National Museum, das ab und an Kunstausstellungen zeigt. „Nicht anzuerkennen, dass es eine Kunstgeschichte in der Region gibt, in Kenia und außerhalb, erweist allen einen schlechten Dienst und entspricht nicht der Wahrheit“, sagt Armitage.

Dagegen setzen Armitage und das Haus der Kunst ein Zeichen. Neben seinen Gemälden werden Werke älterer kenianischer Künstler*innen ausgestellt, die Armitage beeinflusst haben – eine Seltenheit bei Solo-Ausstellungen. „Wir meinen nicht, eine ganze Geschichte repräsentieren zu wollen“, sagt der künstlerische Leiter des Museums, Andrea Lissoni. „Doch die Geschichte ist stark, und das bisschen, das wir tun können, ist es, den Künstler*innen diesen Platz zu geben.“ Für Armitage war es wichtig zu zeigen, wer ihn beeinflusst hatte. „Ich wäre kein Maler und Künstler ohne diese Typen. Sie sind das Fundament, auf dem ich meine Denke aufgebaut habe“, sagt er.

Zeitgenössischer Kunst mehr Gehör verschaffen

Doch die Problematik für aufstrebende Künstler*innen in Kenia hat noch tiefere Wurzeln. „Kultur und Kunst existieren in der Peripherie“ der Gesellschaft, sagt Peterson Kamwathi. Der Kenianer ist seit fast zwei Jahrzehnten Künstler und hat sich vor allem mit seinen politischen Werken internationales Renommee erarbeitet. Auch Kimani, der einer jüngeren Generation angehört, hat mit der mangelnden Anerkennung in der Gesellschaft zu kämpfen. „Die Menschen glauben nicht, dass Kunst eine Karriere oder eine Lebensweise sein kann.“ Er habe seinen Eltern lange nicht sagen können, dass er Künstler werden wolle.

Da es in Kenia von oben kaum Unterstützung gibt, kommt sie stattdessen immer mehr von unten – etwa von Künstler*innenkollektiven wie BrushTu. Dem Kollektiv gehören zwölf Künstler und Künstlerinnen an, die in dem Studio arbeiten und ausstellen können. „Gemeinsam sind wir stärker“, erklärt Kimani. Das Kollektiv bietet Ausstellungen und Bildungsmöglichkeiten an. Und BrushTu ist eine treibende Kraft in dem Kampf, zeitgenössischer Kunst mehr Gehör zu verschaffen. „Dies ist das Wichtigste und Wirkungsvollste, was Nairobis Kunstszene zu bieten hat“, sagt Kimani. „Es wäre sehr schwer, ohne das zu überleben.“

Diesen Wandel will auch Armitage mit einem eigenen Institut unterstützen. Das gemeinnützige Nairobi Contemporary Art Institute (NCAI) hat zum Ziel, mit einer Ausstellungsfläche, einer Bibliothek, einem Archiv und Programmen Kunst zu fördern und Ostafrikas Kunstgeschichte zu bewahren und zugänglich machen. Zudem unterstützen ausländische Institutionen wie das Goethe-Institut oder die Alliance Française Künstler*innen in Kenia. Und Galerien wie die Circle Art Gallery, die inzwischen bei vielen der weltweit größten Kunstmessen vertreten sind, befeuern mit ihren Ausstellungen und Kunstauktionen den Erfolg und das Interesse an kenianischer Kunst.

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Kunstszene in Kenia: Nicht genug geteiltes Wissen

Doch das allein reicht nicht aus, um die Kunstszene in Kenia zu verwandeln. Galerien und Sammler seien „wichtig und transformativ“, sagt Kamwathi. „Aber wir können uns nicht ständig zum Westen wenden, um infrastrukturelle Unterstützung zu bekommen.“ Zudem sei die Reichweite von privaten Institutionen limitiert. Der Wandel müsse im öffentlichen Raum stattfinden – und zwar zunächst in der Bildung. Auch muss sich trotz des steigenden Interesses international noch viel tun. „Es gibt noch nicht genug geteiltes Wissen über Kenia“, sagt Lissoni vom Haus der Kunst in München. „Da ist eine ganze Welt, die nicht „entdeckt“, sondern anerkannt werden muss.“

Dass auch kenianische Kunst direkt von der Straße in der Lage ist, internationale Schlagzeilen zu machen, bewies jüngst die Szene der Fashionistas des Kibera-Slums, eines der größten Townships in Nairobi. Hier organisieren die Bewohner*innen ihre eigenen Mode-Shows, Catwalks und Performances. 2019 gingen Fotos der Szene um die Welt. Einer von Ihnen, der Designer Avido, hat nun ein Label gegründet und will die Mode aus Kibera international bekannt machen.