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5 März 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Musikerin spielt Konzerte im Gefängnis

„Ich konnte die Spannung spüren, all diese übermäßigen Emotionen“

Seit Diana Ezerex Gefängniskonzerte spielt, weiß sie: „Du siehst es den Leuten nicht an, wo sie herkommen, wo sie hingehen oder was sie gemacht haben.“

Bild: JVA Gießen

Bild: JVA Gießen

Die Singer-Songwriterin Diana Ezerex spielt seit zwei Jahren ehrenamtlich Gefängniskonzerte. Die 25-Jährige möchte dorthin gehen, wo sonst niemand hingeht – und den Insass*innen zeigen, dass sie nicht abgestempelt, sondern als Menschen wertgeschätzt werden.

Du hast schon 12 Gefängniskonzerte in Deutschland und der Schweiz gespielt. Warum machst du das?

Ich habe die Motivation, dorthin zu gehen, wo sonst niemand hingeht. In den Nachrichten hört man, dass jemand zu so und so vielen Jahre Haft verurteilt wurde – und dann ist er einfach weg. Aber was machen diese Leute dann? Wie leben sie? Gefängnisse sind eine Art Paralleluniversum. Ich glaube, dass meine Auftritte auch in irgendeiner Form ermutigen. Allein schon, dass ich einfach nur da bin, dass ich extra zu ihnen gekommen bin. Sie fühlen sich dadurch wertgeschätzt und nicht direkt abgestempelt. Darin sehe ich auch meine Verantwortung: Ich schaue sie nicht mit hochgezogenen Augenbrauen an und zeige ihnen somit eine Perspektive, dass das wohl auch nach der Haft nicht jeder machen wird. Die Menschen haben oft großen Respekt davor, wieder rauszukommen, weil sie im Gefängnis in einer Welt leben, in der quasi die Zeit stehen bleibt. Natürlich haben sie Fernsehen, aber die Welt wird immer schneller und auch digitalisierter. Sobald sie dann rauskommen, hat sich viel verändert.

Wie kam dein erster Auftritt in einem Gefängnis zustande?

Ich mache Musical Camps für Teenager. Bei einem war auch ein Gefängnisseelsorger vom Jugendgefängnis in Neustrelitz, ein Mönch. Ich habe ihn angesprochen und gefragt, ob ich mal vorbeikommen darf. Er sagte dann: Ja klar. Seither habe ich einfach weitere Gefängnisse angeschrieben und gefragt, ob sie Lust auf ein Konzert hätten. Die meisten sind super offen dafür.

Welches Konzert hat dich persönlich besonders berührt?

Bei einem Konzert in der JVA Dieburg haben ein paar jüngere Leute nebenbei viel gelabert. Ich weiß, sie kennen die Situation vielleicht nicht so und hören Singer-Songwriter-Musik nicht im Radio, aber ich zweifle dann immer wieder auch an mir selbst. Aber am Ende bei dem Teil zum Mitsingen haben dann viele gestandene Männer gesungen. Einer besonders inbrünstig, da dachte ich schon, der übertreibt und will mich verarschen. Aber danach kam er auf mich zu, mit Tränen in den Augen, hat die Hand auf seine Brust gelegt und gesagt, dass es ihn so berührt hat und er es nie vergessen wird. Das passiert immer wieder. Da denke ich mir dann: Krass, dass ich das Privileg habe, so etwas auszulösen. Das ist einer der Punkte, warum ich weiter machen möchte. Ich habe diese Gabe, die meine Stimme ist, für die ich sehr dankbar bin. Jeder hat etwas, das er einsetzen kann. Man muss nur kurz die Augen von seinem eigenen Tellerrand wegnehmen. Man muss dafür ja nicht direkt ins Ausland, sondern kann auch einfach vor der eigenen Haustür etwas bewegen.

Liegen solche starken emotionalen Reaktion an der besonderen Situation im Gefängnis?

So krasse Emotionen und Reaktionen – und dass mir die Leute das auch sagen – hatte ich auf meine Musik außerhalb eines Gefängnisses noch nicht. Ich weiß nicht, ob das außerhalb so richtig geht. Weil man hat draußen ja immer die Möglichkeit hat, von lauter Zeug beeinflusst zu werden. Im Gefängnis ist das schon eine besondere Atmosphäre. Im Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd zum Beispiel war ich bei meinem zweiten Konzert in der U-Haft. Da ist so viel Hoffnung und Ungewissheit. Die Frauen wissen nicht: Sitzen sie für die nächsten zehn Jahre im Gefängnis? Wann sehen sie ihre Kinder wieder? Oft haben sie ja eine Familie. Die Frauen haben sehr viel geheult. Und ich auch, denn ich konnte die Spannung spüren, all diese übermäßigen Emotionen.

Haben die Konzerte deinen Blick auf Menschen im Gefängnis verändert?

Ja, und das war auch ein Ansporn. Ich möchte Leute nicht in eine Schublade stecken. Du siehst es den Leuten nicht an, wo sie herkommen, wo sie hingehen oder was sie gemacht haben. Das war eine der krassesten Erkenntnisse, die ich hatte. Ich finde es wichtig, Menschen offen zu begegnen. Im Knast kann man davon ausgehen, dass manche ordentlich Dreck am Stecken haben. Aber du kannst ihnen trotzdem so begegnen, dass sie sich als Menschen wertgeschätzt fühlen.

Sprichst du manchmal mit den Insass*innen darüber, warum sie im Gefängnis sitzen?

Manchmal erzählen sie mir, was passiert ist, aber ich würde nie danach fragen. Einfach, weil es mich nichts angeht. Manchmal schockt mich eine Geschichte schon, aber gerade bei Frauen nur noch bedingt, weil ich weiß, dass 70 Prozent von ihnen Opfer waren, bevor sie Täter wurden. Sie konnten einfach nicht mehr ertragen, was man ihnen angetan hat. Es ist einfach so: Ich hab keine Ahnung, durch was sie gegangen sind. Ich denke mir dann: Scheiße, dass das bei dir so gelaufen ist und habe auch mal Mitleid – gerade weil mein Leben so geschmeidig läuft in vielen Sachen. Ich hoffe, dass die Menschen, wenn sie wieder rauskommen, wieder etwas aus ihrem Leben machen können und eine Chance bekommen.

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Die 25-jährige Singer-Songwriterin Diana Ezerex kommt aus Biberach. Nach dem Bachelor in Bildungswissenschaften in Magdeburg studiert sie derzeit in Karlsruhe im Master Kulturvermittlung.
Bild: Stephan Hentschel

Was musst du beachten, um in die Gefängnisse reinzukommen?

Das ist von Gefängnis zu Gefängnis und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Meistens muss ich ein Führungszeugnis oder eine Kopie meines Ausweises einreichen, damit sie einen Background-Check machen können und sehen, dass ich nicht vorbestraft bin. Mittlerweile gehe ich außerdem oft vorher auf die Toilette, weil das auch schwierig sein kann. Es kommt auf die Infrastruktur des Gefängnisses an. Wenn es eine reine Männereinrichtung ist, gibt es manchmal nur ein Klo für die Mitarbeiterinnen. Einmal musste ich aufs Klo und das war aber nicht offen. Über drei Walkie-Talkies mussten sie einen Schlüssel von einem Beamten organisieren, bis ich aufs Klo konnte.

Wenn du ein paar Stunden in den Gefängnissen verbracht hast: Wie fühlt es sich an, einfach so wieder rausgehen zu können?

Es ist jedes Mal verrückt, wenn ich das Klicken dieser schweren Schlösser höre, die hinter mir zufallen. Ich komme dann raus und denke: Krass, ich kann einfach wieder rauslaufen und die Jungs und Mädels bleiben weiter da drin. Jedes Mal ist es krass, dieses Wissen, dass ich frei darin bin, überall hin zu gehen, während jemand anderes diese Freiheit nicht hat.

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