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28 März 2022 / Lesezeit: 4 minuten

Grand Kiev Ballet im Exil

„Wir spüren jetzt die Unterstützung der Europäer wie nie zuvor”

Während in ihrem Land der Krieg tobt, tanzen Alexander Stoyanov und Kateryna Kukhar in Frankreich mit dem Grand Kiev Ballet weiter: Sie wollen, dass Europa die Ukraine nicht vergisst.

Bild: Grand Kiev Ballet

Bild: Grand Kiev Ballet

Als die russische Armee auf Putins Befehl hin in die Ukraine einmarschiert, ist das Grand Kiev Ballet gerade auf Tournee in Frankreich. Nun macht die Truppe weiter. Sie wollen, dass der Krieg nicht vergessen wird. Aber wie schafft man es zu tanzen, wenn Bomben auf die Heimat fallen?

Auf den ersten Blick scheint alles wie immer, als das Kyjiwer* Ballett am zweiten März auf die Bühne des Theaters in La Teste-sur-Buch im Südwesten Frankreichs tänzelt. Die lieblichen Melodien von Tschaikowskis Schwanensee erklingen. Prinz Siegfried trägt goldbestickten Brokat, Prinzessin Odette einen Kranz aus weißen Federn. Doch nichts ist so wie immer: Als die Vorstellung vorbei ist, treten die Tänzer:innen nach vorne und legen die Hand aufs Herz. Sie singen „Schtsche ne wmerla Ukrajina” („Noch ist die Ukraine nicht gestorben”), die Nationalhymne. Odette schwenkt die blau-gelbe Flagge, während sie auf Spitze tanzt. Das Publikum erhebt sich zu Standing Ovations. Der Vorhang fällt.

Die Videos der Aufführung schickt Alexander Stoyanov, künstlerischer Leiter des Grand Kiev Ballets, per Telegram. Fragen kann er nur zwischen zwei Auftritten beantworten: Jeden Tag tanzt er, und wenn er nicht tanzt, verfolgt er die Nachrichten aus der Ukraine. Man hört die Erschöpfung in seiner Stimme, aber auch Stolz. „Nach der Hymne weinten viele von uns, wir tanzten für unser Volk, für unser Land”, sagt er. Nie hätte er gedacht, dass er nach dieser Tournee nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann.

Ende Februar befindet sich das Ensemble auf einer Tournee in Frankreich. „Die letzte Show war für den 23. Februar in Menton geplant. Es war so ein fröhlicher, sonniger Tag,” erzählt Kateryna Kukhar, Primaballerina der Oper von Kyjiw. Sie und Alexander sind nicht nur ein Paar, sondern auch ein Team: Unzählige Male haben sie schon gemeinsam das Pa De Deux – das Duett – von Schwanensee getanzt. „Wir waren zum ersten Mal seit 15 Jahren in Frankreich und kamen zufällig während des Zitronenfestes nach Menton.” In der Stadt an der Cote D’azur werden jeden Februar die frisch geernteten Zitrusfrüchte zu Kunstwerken aufgetürmt. Die ganze Stadt erstrahlt golden. „Doch das Leben machte um fünf Uhr morgens eine Pause, als uns unsere weinende Nanny anrief, die mit unserer kleinen Tochter allein war,” sagt Kateryna. Als die ersten Bomben auf Kyjiw fallen, kauft Alexander Flugtickets in die Hauptstadt, um ihre Kinder in Sicherheit zu bringen, doch der Luftraum wird abgeriegelt. Der Patenonkel reist drei Tage lang mit der 7-jährigen Tochter von Alexander und Kateryna zur polnischen Grenze. Der ältere Sohn wird von Verwandten nach Ungarn gebracht. Schließlich findet die Familie in Frankreich wieder zusammen.

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Wie kann man tanzen, wenn die Heimat zerstört wird?

Doch nicht alle Tänzer:innen haben so viel Glück. Viele bereiten sich auf die Aufführungen in Frankreich vor, ohne zu wissen, ob ihre Verwandten und Freunde noch am Leben sind. Einige reisen ab, um sich freiwillig der Armee anzuschließen. Einem Paar aus der Truppe gelingt es, Kyjiw zu erreichen – dort wartet ihr einjähriges Kind auf sie. Bis heute hat es die Familie noch nicht geschafft, das Kriegsgebiet wieder zu verlassen.

25 Tänzer:innen sind in Frankreich geblieben. Sie haben auf der Website des Grand Kiev Balletts einen Spendenbutton eingerichtet und mit Hilfe französischer Musik-Veranstalter in Rekordzeit eine Mini-Tournee in Frankreich auf die Beine gestellt, unter anderem im berühmten Pariser Palais Garnier. Die Hotelkosten der Tänzer:innen trägt der Veranstalter. Aber wie kann man tanzen, wenn das eigene Zuhause zerstört wird?

Für Alexander Stoyanov stellt sich eher die Frage: Wie kann man nicht tanzen?

„Ballett ist unser Lebenswerk. Jetzt, wo wir kein Zuhause mehr haben, sind wir froh, wenigstens tanzen zu dürfen. Ich möchte nicht, dass meine Tänzer und Tänzerinnen wegen des Krieges nicht mehr proben und auftreten können, ihre Form verlieren und ihren Beruf aufgeben”, sagt er. Es geht ihm nicht nur darum, seine Künstler:innen finanziell abzusichern, sondern auch darum, weiterhin Aufmerksamkeit in Europa für die Ukraine zu schaffen. Kateryna nennt ihre Aufgabe: den Widerstand gegen die Besatzer verkörpern.

„Als ich am 20. März, fast einen Monat nach Kriegsbeginn, zum ersten Mal wieder auf die Bühne kam, wollte ich schreien. Ich dachte darüber nach, wie ich den Schmerz, der jetzt in allen unseren Herzen ist auf meinen Tanz übertragen kann.” Da erinnerte sich Kateryna an die Worte ihrer Lehrerin Eleonora Steblyak, die ihr einmal sagte, dass der weiße Schwan ein Abbild der gefangenen Weiblichkeit sei. „Das war für mich ein Satz, der mir geholfen hat zu tanzen wie nie zuvor in meinem Leben. Denn unsere Ukraine, unsere Schönheit, unsere Unbezähmbare, befindet sich jetzt in Gefangenschaft. Und ich hatte das Gefühl, sie würde tanzen.”

Unzählige Male haben die Tänzer:innen Alexander Stoyanov und Kateryna Kukhar schon gemeinsam das Pa de deux von Schwanensee getanzt – das Duett, das als Höhepunkt der Aufführung gilt.
Bild: Grand Kiev Ballet
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Tournee durch Norwegen im April

Hilfe bekommen die Tänzer:innen auch aus der ukrainischen Diaspora. Eine norwegische Produktionsfirma, die von Einwanderer:innen aus der Ukraine gegründet wurde, rief eine Solidaritätstournee in Norwegen ins Leben. Orchester und Tanz-Ensembles in Konsberg, Lillestrom, Gjovik, Osoyro und anderen Städten Norwegens traten auf, um Spenden für das Ballett zu sammeln. Im April soll das Grand Kiev Ballet dann selbst auf Tournee durch Norwegen gehen. Ein Teil der durch den Kartenverkauf eingenommenen Gelder wird direkt zur Unterstützung der Balletttänzer:innen und ihrer Familien verwendet. Aber auch für Studierende der staatlichen Kyjiwer Ballettschule, die Kateryna leitet, für Geflüchtete und für Angehörige der Truppe, die nicht aus der Ukraine ausreisen konnten, wird gesammelt.

Alexander Stoyanov wurde auf der Krim geboren. „Dies ist das zweite Mal in meinem Leben, dass Russland mir gewaltsam meine Heimat wegnimmt”, sagt er. Ob er nicht wütend ist auf das Europa, das lange weggesehen hat, als Putin die Krim und den Donbass besetzte?

„Nein”, sagt Alexander entschieden. „Wir spüren jetzt die Unterstützung Europas und der Europäer wie nie zuvor. Und wir wollen ihnen zeigen: Wir haben keine Angst, die Ukrainer sind ein freies Volk, das sein Land bis zum Ende verteidigen wird.” Während er und Kateryna die nächste Schwanensee-Tournee vorbereiten, bricht von Italien bis in die USA eine Debatte über dessen Schöpfer Tschaikowsky aus. Sollte man jetzt, im Angesicht des Krieges, wirklich ein Stück des berühmtesten Komponisten Russlands aufführen? Kateryna findet diesen Gedanken furchtbar. „So wie Shakespeare gehört Tschaikowsky der Menschheit”, findet sie. Und Alexander pflichtet ihr bei: „Ballett ist eine Sprache der Welt, es kennt keine Grenzen.”

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* Anmerkung der Redaktion: Kyjiw ist die ukrainische Schreibweise der Hauptstadt der Ukraine. Das bisher im Deutschen übliche Kiew entspricht der russischen Aussprache und wird angesichts des russischen Angriffskrieges immer weniger benutzt. Der Eigenname des Balletts schreibt sich jedoch nach wie vor Grand Kiev Ballet und wird aus Wiedererkennungsgründen deshalb auch so wiedergegeben.