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29 September 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Für ein modernes Nordafrika

Fotokünstler*innen dekonstruieren das Klischee Marokko

Mit Humor und Tabubrüchen gegen Vorurteile ankämpfen: Via Instagram zeigen junge Fotograf*innen aus Marokko ihren widersprüchlichen Alltag.

Bild: Fatimazohra Serri

Bild: Fatimazohra Serri

Drei junge Fotograf*innen nutzen ihre Reichweite auf Instagram, um auf Tabuthemen aufmerksam zu machen und der Welt die Komplexität und Schönheit ihrer Heimat vor Augen zu führen. Dafür werden sie gefeiert, aber auch bedroht.

Oasen und Kamele, Pfefferminztee und Hennamuster: Marokko gilt vielen Reisenden als Inbegriff einer exotisierten Vorstellung des Orients. Eine wachsende Szene von jungen Fotograf*innen will das Narrativ über ihre Heimat, das von westlichen Stereotypen bestimmt ist, neu besetzen. Mit Instagram als internationaler Plattform interpretieren Fatimazohra Serri, Mous Lamrabat und Ismail Zaidy traditionelle Elemente ihrer Kultur neu, brechen Tabus und geben damit der nordafrikanischen Jugend eine Stimme.

Fatimazohra Serri

Eine schwarz gekleidete junge Frau mit Kopftuch liegt auf einem persischen Teppich und schlägt ihre Hände vor den Mund. Ihre Augen sind von einer blutigen Binde verdeckt. Unter dem Instagram-Bild steht: „Break the silence, stop the violence. Make art to speak for women who suffer.” Das Foto der Künstlerin Fatimazohra Serri spricht ein in Marokko heikles Tabuthema an: die Periode. Die 23-jährige Fotografin, die in einer ländlichen Region im Norden des Landes geboren wurde und mit konservativen Werten aufgewachsen ist, hatte zunächst Angst vor den Reaktionen von Freund*innen und Familie: „Zuerst waren sie überrascht und meine Arbeit war ihnen unangenehm. Sie haben es von einer jungen Frau wie mir nicht erwartet. Doch jetzt unterstützen sie mich bei jedem Schritt”, erzählt sie. „Einige religiöse Leute nennen meine Fotos unangemessen und sagen mir, dass ich das nicht tun sollte. Ich wurde oft in Kommentaren oder privaten Nachrichten beleidigt. Einmal habe ich auch von Frauen drei Tage hintereinander negative Nachrichten und Kommentare über dieses Foto bekommen, sie sagten, dass es ekelhaft sei und es keine Kunst wäre. Das tat mir weh, weil ich die Unterstützung von Frauen wirklich erwartet habe. Aber ich habe mich entschieden, all diese negativen Kommentare zu ignorieren”.

Für dieses Foto, das die Unterdrückung des weiblichen Körpers und das Stigma der Periode darstellt, erhielt Fotografin Fatimazohra Serri viele Beleidigungen. Bild: Fatimazohra Serri

Fotografie war für Serri zunächst nur ein willkommener Ausbruch aus dem Alltag, doch nach und nach entwickelten sich ihre Fotos zu einer bewussten Stellungsnahme für Frauenrechte in Marokko. In den vergangenen Jahren wurden in dem nordafikanischen Land viele rechtliche Fortschritte für die weibliche Bevölkerung erzielt, wie zum Beispiel die Abschaffung eines Gesetzes, nach dem vergewaltigte Frauen ihren Peiniger heiraten müssen, um die Ehre der Familie zu retten (2014) oder die Legalisierung von Abtreibung (2015) – allerdings nur unter sehr strengen Bedingungen, wie etwa nach Vergewaltigung, Inzest oder Missbildung des Fötus. Immer noch leiden Frauen unter kulturellen Tabus und massiven sexistischen Diskriminierungen: Ein Mann darf mehrere Ehefrauen haben, was Frauen wiederum verwehrt bleibt. Die fehlende Gleichstellung in der Familie, Ehe und Erbschaft wird immer wieder von Aktivist*innen und Politiker*innen kritisiert. 

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Durch ihre Fotos will Serri die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen sichtbar machen, sowohl in der Hierarchie in ihren Familien, als auch auf der Straße. „Alle meine Fotos spiegeln mein eigenes Leben wieder: Ich lasse mich von meiner Umgebung, den Frauen, die ich kenne, und den Situationen, denen ich täglich gegenüberstehe, inspirieren. Ich wünschte mir, marokkanische Frauen würde mehr Rechte und Gleichberechtigung bekommen. Ich glaube wir alle in diesem Land träumen davon”. Anfang November werden Serris Fotos – gemeinsam mit den Werken anderer Künstler*innen – im Centre Photographique von Marseille ausgestellt. 

Ismail Zaidy

„Ich versuche, unsere Kultur und unsere Identität auf eine Weise zu zeigen, die nicht traditionell ist”, erklärt Ismail Zaidy, bekannt unter dem Pseudonym „’l4rtiste’” auf Instagram. Doch auch über die sozialen Medien hinaus erreichte er mit einer Solo-Ausstellung in Marrakesch im Frühling 2020 Aufmerksamkeit und wurde im Juni 2020 in der Vogue Arabia gefeatured. Zaidy will sich für eine neue Vision der zeitgenössischen marokkanischen Fotografie stark machen, weit weg von antiquierten Vorurteilen. Durch das Kameraobjektiv seines Smartphones erfindet er Marokko neu: traditionellen Kleidungsstücken, wie dem Hijab, der Djellaba (ein locker sitzendes Unisex-Gewand) und dem Haik (ein traditionelles Kleidungsstück, das von Frauen in Marokko getragen wird) setzt er eine verträumte Farbpalette entgegen – warmes Rosa, sanftes Flieder oder träumerisches Blau.

„Weil wir nicht derselben Nation oder demselben Stamm angehören, akzeptieren wir die Ansichten des anderen nicht oder wollen nicht einmal diskutieren. Wir sind gleich, aber unser Stolz teilt uns.“ Bild: Ismail Zaidy

Typische marokkanische Motive werden durch seine Inszenierung zu einer künstlerischen Installation. Seine Fotos entstehen oft auf dem Dach des Hauses seiner Eltern – als Modelle dienen sein Bruder und seine Schwester und gelegentlich auch seine Mutter. In der marokkanischen Gesellschaft, wo die Spaltung zwischen Generationen, Modernität und Tradition, Heimat und Großstadt, sich immer mehr vergrößert, zeigen Zaidys Fotos die in Marokko immer noch zentrale Bedeutung der Familie. „Sie sind nicht nur Modelle. Wir arbeiten gemeinsam an Ideen, wir unterstützen uns gegenseitig und spielen uns Konzepte gegenseitig immer wieder neu zu”, erklärt der Fotograf. „Dadurch wird das Foto persönlicher und verständlicher. Wenn man mit Fotomodellen arbeitet, kann man sich schnell von seiner eigenen Arbeit lösen“, fügt er hinzu. 

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Über ein Foto, das seinen Bruder und einen Freund zeigt, – sie blicken in entgegengesetzte Richtungen, verbunden nur durch einen Streifen pinkfarbenen Stoffs – sagt Zaidy: „Manchmal fühlen wir uns in Bezug auf etwas vielleicht ähnlich, aber weil wir nicht derselben Nation oder demselben Stamm angehören, akzeptieren wir die Ansichten des anderen nicht oder wollen nicht einmal diskutieren. Wir sind gleich, aber unser Stolz teilt uns.”

Mous Lamrabat

Luxus und Landleben, Djellaba oder Louis-Vuitton-Accessoires, Nike-Logos und Wüste. All diese Gegensätze zeigen das moderne Marokko von Mous Lamrabat. Der in Marokko geborene Fotograf hat 2019 weltweit ausgestellt: Paris, Lagos, Mailand. 2020 gab es die ersten Solo-Ausstellung in SintNiklaas, Belgien. Nach Anfängen in der Modefotografie in Belgien, wohin er als Kind mit seiner Familie übersiedelte, setzt er seine Fotografie nun ein, um zurück zu seinen marokkanischen Wurzeln zu finden und seine plurale Identität auszudrücken. „Nachdem ich zuerst versucht hatte, mich anzupassen und wie alle anderen in der belgischen Modewelt zu sein, wurde mir klar, dass es bei mir nicht funktioniert. Ich bin zu dem zurückgekehrt, was ich am besten kenne: zu der Identität eines marokkanischen Einwanderers.“ Nun verbringt Lamrabat, Mitte dreißig, wieder genauso viel Zeit in Marokko wie in Belgien. Er konfrontiert Elemente der traditionellen nordafrikanischen Kultur und Kleidung mit westlichen Logos, etwa von Nike oder McDonald’s.

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Mous Lamrabat setzt Marken-Logos ironisch in Szene: Dinge, die man nicht haben kann, stellt man auf einen Podest, sagt er. Bild: Mous Lamrabat

„Ich liebe Logos, vielleicht, weil ich von Markensachen besessen war, als meine Eltern sich diese nicht leisten konnten. Menschen stellen Dinge, die sie nicht bekommen können, auf ein Podest.“ In einer Gesellschaft, die ein hohen Wert auf Konsum legt und in der man von Werbung umringt wird, sind diese leicht erkennbaren Logos ein Weg, die Zuschauer*innen schnell für sich zu gewinnen. Doch die Betrachter*innen der Fotos werden so vor allem auf die unzähligen Details der Stoffe und Farben des traditionellen marokkanischen Kunsthandwerks gelenkt. Weltweit werden die handgemachten Kelim-Teppiche, Schmuckstücke und Keramikteller verkauft und nachgemacht.
Lamrabat will die Menschen dahinter international sichtbar machen. Jede*r in Marokko sei auf gewisse Weise ein*e Künstler*in und arbeite sehr hart, sagt der Fotograf. „Kreativ zu sein ist unsere Lebensweise und marokkanische Künstler*innen sind hier, um zu bleiben!