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18 August 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Neue Bühnenformate

Das Theater der Zukunft

Das Stück „About Persephone“ ist ein auditives Theatererlebnis von der Regie-Assistentin Charlotte S. Garraway für die Volksbühne. Ursprünglich als Hybrid aus Bühne und Hörspiel geplant, nun endgültig als Podcast umgesetzt.

Bild: Volksbühne Berlin / Moritz Richter

Bild: Volksbühne Berlin / Moritz Richter

Die Bühnen mussten durch Corona neue Formate schaffen, von performativen Podcasts bis Virtual Reality ist alles dabei. Die Krise könnte dabei die Schauspielhäuser langfristig modernisieren. Aber funktioniert die Intimität des Theaters auch im Digitalen? Ein Selbstversuch.

Sechs Menschen in Tschernobyl-Style-Schutzanzügen, die zu düsterem Techno einen Gesellschaftstanz aus dem 19. Jahrhundert aufführen. Das ist das Bild, das ich für immer mit der Coronakrise in Verbindung bringen werde. Es war Herbst 2020, die Theater hatten gerade wieder und gerade noch so auf und an der Volksbühne wurde Der Kaiser von Kalifornien von Alexander Eisenach aufgeführt, ein kapitalismuskritischer Western, in dem die Pandemie als direkte Folge des Goldrausches gewertet wird. Hartgesottene Cowboys lesen Gewaltfreie Kommunikation für Dummies und beuten trotzdem alles und jeden aus, einschließlich sich selbst.

Wie an jedem guten Theaterabend habe ich gestaunt, gelacht und bin nachdenklich aus dem Saal gegangen. Und traurig. Denn danach fiel der Vorhang wieder – bis Ende Mai 2021. Wie schon im ersten Lockdown sah sich die Bühnenwelt gezwungen, digitale Experimente zu wagen. Was vor Corona eine wenig beachtete Nische war, schien auf einmal alternativlos. Während in der freien Szene ein innovatives Social-Distancing-Format nach dem anderen aus dem Boden spross, lieferten die meisten Theater recht einfallslose Streams und Zoom-Formate. Das viel beschworene Mantra: Man brauche doch das präsente Publikum, die Interaktion, den Geruch der Bühne! Und natürlich ist das auch so, Theaterstücke leben davon, Intimität zu erzeugen, Erschütterung, manchmal auch Ekel und Schock. Alles eben, was einen aus der Lethargie reißt, sich selbst spüren lässt. Nie war das so wichtig wie in Zeiten einer Pandemie.

Dem Argument, Theater bedürfe der Interaktion zwischen den Spielenden und dem Publikum, lässt sich jedoch entgegnen, dass das Publikum in den allermeisten Stücken einen sehr passiven Part spielt. Das berühmte Stück Terror von Ferdinand von Schirach, in dem jede:r Einzelne auf der Tribüne per Abstimmung entscheiden muss, ob ein Mann im Sinne des Utilitarismus schuldig zu sprechen ist oder nicht, ist eine seltene Ausnahme. Ansonsten sitzt man in der durchschnittlichen Stadttheater-Darstellung halt da, gönnt sich in der Pause einen Sekt und erlebt das Schauspiel recht bequem und unsichtbar als Voyeur:in. Ist Corona also nicht eine hervorragende Chance, in einer Zeit, in der die digitale Identität sowieso schon längst mit der analogen verwoben ist, die Intimität in den digitalen Raum zu übertragen? Und für uns, das Publikum, zu partizipieren, anstatt im Sessel dahinzuvegetieren?

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I. Akt

Hören

Ich fange mit etwas Leichtem an. Denke ich. Einem Hörspiel als Podcast, in dem es nicht um Theater geht, sondern das Theater sein will. Es heißt About Persephone, ist kostenlos und wurde von der Regie-Assistentin Charlotte S. Garraway für die Volksbühne kreiert. Ich drücke auf „Play“. Zu hören sind Stimmen, die durcheinander reden, bis eine sich durchsetzt: „Du stirbst. Ja, du. Nicht jetzt, keine Panik. Aber irgendwann. Und kaum jemand wird es bemerken.“ Erzählt wird die Geschichte der antiken Göttin Persephone, die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, durch eine List zwangsverheiratet an Hades, den Gott der Unterwelt. Die Göttin selbst berichtet, wie sie zur Königin des Totenreichs aufsteigt, und beklagt, trotz ihrer Macht und Größe nur als Opfer des Patriarchats wahrgenommen zu werden. Sie weist mich an, über den eigenen Tod nachzudenken und wie stark es mich mache, mich seelisch auf ihn vorzubereiten. Es ist kein durchweg düsteres Stück. Es ist witzig und empowernd. Trotzdem muss ich weinen. Wie so viele andere habe ich einen geliebten Menschen an die Pandemie verloren. Er war – aufgrund der Isolation – allein, bis zuletzt. Ich weiß, dass er keine Angst vor dem Tod hatte. Und auch ich habe seinen Tod nicht gefürchtet, denn ich habe dessen Unvermeidlichkeit verdrängt. Wenn mich Corona eines gelehrt hat, dann, dass wir uns in Deutschland intensiver und angstbefreiter mit dem Thema Sterben auseinandersetzen sollten.

II. Akt

Aktiv werden

Das Projekt  „1000 Scores. Pieces for Here, Now & Later“ von Helgard Haug von der Theatergruppe Rimini Protokoll, dem Künstler David Helbich und dem Dramaturgen Cornelius Pluschke will, dass man selbst performt. Auf einer Onlineplattform sind englischsprachige Anleitungen für Performances aus aller Welt kostenlos abrufbar, die man zu Hause ausführen kann, allein oder mit anderen. Ich klicke mich durch die Kacheln der Scores. Sie tragen Titel wie Four Micro-dances to perform at home. Viele von ihnen drehen sich darum, den gestörten Kontakt zu unserem Körper, etwa durch Angst vor Bakterien und Viren, wiederherzustellen. Andere beschäftigen sich damit, dass dieser Kontakt eigentlich immer schon gestört war: durch Armut, durch strukturellen Rassismus und Sexismus, durch persönliche Traumata. Der Score How to completely lose your sense of identity… der libanesischen Künstlerin Tracy Chahwan fordert mich auf, ein Selbstporträt zu zeichnen. Ich versuche, meine Gesichtszüge vom Spiegel aus auf Papier zu kopieren. Die nächsten Aufträge lauten: Zeichne die Person, von der du Angst hast, dass andere Menschen sie sehen, wenn sie dich anschauen. Zeichne die Person, von der es dir schwerfällt zu akzeptieren, dass du sie nie sein wirst … Uff! Am Ende soll ich alle Zeichnungen verbrennen. Das sehe ich überhaupt nicht ein. Erstens ist es Papierverschwendung und zweitens hänge ich jetzt schon an den Bildern, die ich unter schweißtreibender Selbstreflexion geschaffen habe, auch wenn sie hässlich sind. Ich zögere. Ist es nicht auch ein Vorzug der Eigen-Performance, dass Tracey Chahwan nicht kontrollieren kann, wie und ob ich ihre Anleitungen umsetze? Ich scrolle den Score zum Ende hinunter. Dort steht nach einem Video, in dem Chahwan ihre eigenen Porträts in die Flammen wirft: „Draw something new.“

III. Akt

Virtuelles Theater

Das Staatstheater Augsburg nimmt die Sache ernst. Digitaltheater wird derzeit als dauerhaft gleichberechtigte Sparte etabliert, und das Haus startet auch die Spielzeit 21/22 mit einem Virtual-Reality-Stück, bei dem ein Industrieroboter mit einer Ballerina tanzt. Schon 2020 hat das Ensemble ein halbes Dutzend Stücke in Virtual Reality (VR) umgesetzt. Die Brille dafür kann man bequem nach Hause bestellen. In boléro hat der Ballettdirektor Ricardo Fernando in Zusammenarbeit mit der Hochschule Augsburg das berühmte Stück von Maurice Ravel neu interpretiert. In einem 360-Grad-Video tanzen die Ensemblemitglieder einzeln in kleinen weißen Kästen: Sie spielen mit der Beschränktheit, machen etwas Schönes daraus. Dann brechen sie aus, tanzen zu zweit, auf einmal schillern sie wie Diamanten oder sind in rotes Licht getaucht. Genau wie der immer kraftvollere Rhythmus des Boléro werden auch ihre Bewegungen stärker, fast kriegerisch tanzen sie im Finale alle gemeinsam. Die Darbietung ist ästhetisch, aber sie bleibt ein Video – ich fühle mich nicht anwesend.

Das digitale Theaterstück Boléro bringt die Bühne auf den Bildschirm.
Bild: Staatstheater Augsburg / Robert Rose

Anders ist das bei dem Stück Event. Ich befinde mich im fast leeren Augsburger Theatersaal, hautnah vor mir hält ein Schauspieler einen intelligenten Dialog über die Absurdität des Theaterbetriebs. Manchmal läuft er dabei einfach aus meinem Blickfeld, sodass ich mich selbst drehen und verrenken muss, um ihm folgen zu können. Plötzlich meine ich, den Geruch des Theaters wahrnehmen zu können und die Wärme der Scheinwerfer – aber genau in dem Moment, in dem die Illusion greifbar ist, wird mir schlecht, mein Gleichgewichtssinn setzt aus. Ich muss, wie zuvor vom Theater empfohlen, eine Pause machen. Am Ende des Stücks schaut mir der Schauspieler tief in die Augen und bittet mich inständig, ihm etwas zu erwidern. Als ich mich endlich traue, etwas in den leeren Raum zu sagen, lacht er mich aus. „Natürlich hab ich das nicht gehört. Du siehst lächerlich aus, mit diesem bescheuerten Ding auf deinem Kopf!“

Finale

Wieder unter Menschen

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Es ist der erste Junitag und zum ersten Mal darf ich wieder live ins Theater mit anderen Menschen. Das Stück Tartuffe oder das Schwein der Weisen, das sich über den konsumgeilen Optimierungswahn unserer Zeit lustig macht, wird unter Regie von Jan Bosse auf der Vortreppe des Deutschen Theaters und auf seinen Balkonen aufgeführt. Das Geschehen um mich herum ist dabei mindestens genauso unterhaltsam wie das vor mir: das gemeinsame Tuscheln der Besucher:innen, das Lachen und Aufschreien, als einer der Schauspieler auf die Mauer des Theaters eintritt und diese in die Brüche geht – ein Trick natürlich, aber ein guter. In einer anderen Szene legt Felix Goeser als Narrenkönig Orgon seinen Hermelinmantel ab. Der kalte Abendwind lässt mich frösteln. Und meine nun wieder unleugbar passive Rolle macht mich unruhig. Ich könnte doch einfach aufstehen, nach vorne hechten und mir den Mantel nehmen und überstreifen! Durch nur eine Geste wäre ich Teil des Stücks, würde Publikum und Ensemble aus dem Konzept bringen– und mir wäre warm. Ich wage es nicht. Dafür stehe ich nach der Schlussszene auf, um zu jubeln.