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7 Dezember 2021 / Lesezeit: 2 minuten

Kolumne Histourismus

Warum finden wir weibliche Körperhaare eklig?

Weibliche Körperbehaarung war nicht immer ein Tabu. Als jedoch in den Zwanzigerjahren ärmellose Kleider en vogue wurden, witterten Konzerne das große Geschäft und propagierten den haarfreien Körper.

Bild: IMAGO / Everett Collection

Bild: IMAGO / Everett Collection

Das Stigma der Körperbehaarung hat eine lange Geschichte – und ist für alle Geschlechter belastend.

Langsam, aber sicher wachsen mir Schnurrhaare. Meinem anfänglichen Schock entgegneten freundliche Kommentator:innen, das Stigma weiblicher Körper- und Gesichtsbehaarung sei ein koloniales und patriarchales Erbe. Allein durch die Zurschaustellung von ein paar Haaren schien ich also gleich gegen zwei Systeme zu rebellieren, die ich verachte. Not bad.

Doch ein Blick in die Geschichte zeigt schnell: Das Entfernen von Körperhaaren ist kein reines Erbe aus dem europäischen 20. Jahrhundert, sondern zieht sich durch alle Epochen und Kontinente. Meist ging es dabei um Hygiene: Im alten Ägypten schoren sich Männer wie Frauen Körper und Schädel, um Läuse zu vermeiden, und kreierten so ein neues Schönheitsideal. Während ein Rauschebart im antiken Mesopotamien und Griechenland das absolute Must-have für Männer war, galt in Rom das genaue Gegenteil. Einigen Quellen zufolge enthaarten griechische Männer und der römische Kaiser Augustus auch ihren restlichen Körper mithilfe spitzer Muscheln. Es gab jedoch auch einige Völker, bei denen dichte Behaarung als sexy galt. So erzählte die kanadische Haar-Aktivistin Esther Calixte-Béa, die im Januar 2021 das Cover der britischen Glamour zierte, sie habe sich immer für ihre starke Brustbehaarung geschämt, bis sie herausfand, dass ihr Aussehen bei ihren Vorfahr:innen des Wè-Volkes in der Elfenbeinküste als attraktiv gegolten hätte.

Kolumne Historismus

Die Kolumne Historismus von unserer Autorin Morgane Llanque erscheint in jeder neuen Ausgabe des enorm Magazins. 

Die regelrechte Dämonisierung weiblicher Körperbehaarung im 20. Jahrhundert hat ihren Ursprung im Kapitalismus. Als in den Zwanzigerjahren ärmellose Kleider en vogue wurden, witterten Konzerne das große Geld, brandmarkten weibliche Achsel-, Scham- und Beinhaare als ekelhaft und propagierten Rasierer.

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Nun mögen viele sagen: Was ist das Problem? Seit vielen Jahren applaudieren wir schließlich Madonna und Co, weil sie ihre Achselhaare sprießen lassen und mit Glitzer besprenkeln. Für alle von uns, die nicht Madonna sind, hält sich jedoch hartnäckig der Mythos, weibliche Körperhaare seien schmutzig, obwohl sie uns de facto vor Bakterien schützen. Entblößen wir außerhalb urbaner Blasen unsere Beinhaare, werden wir dafür nicht selten öffentlich geshamed. Rasieren sich Männer aus eigener Vorliebe die Beine, Achseln oder Arme und sind dabei keine Bodybuilder oder Leistungsschwimmer, werden sie gehänselt, weil sie eine „Frauenpraxis“ imitieren. Transfrauen fühlen sich oft gezwungen, auch gegen eigene Präferenzen alle Körperhaare zu entfernen, um nicht als gender-nonkonform wahrgenommen zu werden und damit potenziell Gewalt ausgesetzt zu sein. Unsere Be- und Verurteilung von Körperbehaarung ist daher nicht nur widersprüchlich, sondern auch gefährlich. Weg damit! Und meine Barthärchen? Der Furcht, nun weniger weiblich zu sein, schloss sich der Druck an, sie aus feministischer Sicht behalten zu müssen. Mittlerweile sind sie mir an manchen Tagen egal, an anderen mag ich sie sogar ganz gerne. Und wenn ich doch irgendwann keine Lust mehr auf sie habe, dann ist das meine Sache.

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