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7 Februar 2022 / Lesezeit: 6 minuten

Indigene Geflüchtete in Brasilien

Ein Garten der Hoffnung

Geflüchtete im brasilianischen Camp Jardim Floresta: Seit 2017 sind mehr als 600.000 Menschen von Venezuela nach Brasilien migriert. Mehr als 5.000 von ihnen sind Indigene, die meisten von ihnen Warao.

Bild: Lisa Kuner

Bild: Lisa Kuner

Viele Menschen fliehen derzeit vor der Wirtschaftskrise Venezuelas in die Nachbarländer. Für Indigene ist der Neustart oft besonders schwer. Ein Besuch in zwei Camps in Brasilien.

Von oben sieht der Kräutergarten aus wie ein Stern. Sorgfältig angeordnet wachsen dort Aloe Vera, Goethepflanze, Oregano und viele Gewächse, für die es vermutlich keine deutschen Namen gibt. „In einem Traum hat mir der Geist meiner Ahnen gezeigt, dass ich diesen medizinischen Garten anlegen soll“, erzählt Mauricio Fiscal Grande. Der 42-Jährige steht mit einem Rechen in der Mitte seines Reichs. Es ist später Vormittag, die Temperatur ist in Boa Vista, der Hauptstadt von Brasiliens nördlichstem Bundestaat Roraima, schon weit über 30 Grad geklettert. Fiscal scheint das nichts auszumachen. Er gehört zur indigenen Ethnie der Warao und stammt aus Venezuela. Die spirituelle Führung durch Ahn:innen ist ein integrales Element der meisten indigenen Kulturen, auch der Warao. „Jede Ecke des Gartens hat einen Beschützer“, erzählt Fiscal und vermischt dabei zwanglos indigenen und christlichen Glauben: Neben dem Einfluss der Geister seiner Ahn:innen spricht er auch vom Schutz durch die Jungfrau Maria und die zwölf Apostel.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat Mauricio Fiscal Venezuela verlassen, heute lebt er im Jardim Floresta – einem Geflüchtetenlager. Seit 2017 sind mehr als 600.000 Menschen von Venezuela nach Brasilien migriert. Mehr als 5.000 von ihnen Indigene, die meisten von ihnen Warao. In ihrer Sprache bedeutet das Kanu-Menschen, denn ursprünglich lebte das Volk im venezolanischen Sumpfland des Orinoko-Deltas hauptsächlich von Landwirtschaft und Fischfang. Dort waren Kanus das Hauptfortbewegungsmittel. Die Kultur der Warao hat viele Elemente eines Matriarchats, so zieht der Mann nach der Heirat zur Frau, und bei einer Trennung bleibt der Besitz bei der Frau. Kolonialisiert wurden die Warao nie.

Wolken über dem Geflüchtetenlager Jardim Floresta.
Bild: Lisa Kuner
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Das Ankommen bleibt eine Herausforderung

Aber das Leben der Warao hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: 1960 wurde in Venezuela ein Damm gebaut, der die regelmäßigen Überflutungen des Orinoko-Deltas stoppte und die Feuchtgebiete der Region austrocknete. Fischfang und Landwirtschaft waren darum nicht mehr auf dieselbe Weise möglich. Das und eine Cholera-Pandemie in den 90ern führte dazu, dass viele Warao in Venezuelas Städte wanderten.

Flucht und Migration sind für das Volk also keine Neuigkeit mehr, in Brasilien anzukommen bleibt eine Herausforderung: Indigene haben überdurchschnittlich oft keinen Schulabschluss, sie sprechen kein Portugiesisch, einige von ihnen kein Spanisch, und sie sind noch stärker als andere Einwander:innen von Rassismus betroffen. Denn in Brasilien hält sich hartnäckig das Vorurteil, Indigene seien dumm und ungebildet. Das ist keine einfache Ausgangslage. Gleichzeitig garantieren sowohl das internationale Völkerrecht als auch die brasilianische Verfassung indigenen Völkern einen besonderen Schutzstatus, beispielsweise zur Wahrung ihrer kulturellen Identität. Um besser auf diese Rechte und Bedürfnisse einzugehen, gibt es im brasilianischen Bundesstaat Roraima separate Geflüchtetenlager für Indigene. Eines in der Grenzstadt Pacaraima und drei in Boa Vista. Zuständig dafür ist die „Operação Acolhida“ (etwa: Operation Willkommen), organisiert von brasilianischen Militärs und unterstützt von den Vereinten Nationen.

Das Lager Janokoida (auf Warao: Großes Haus) in Pacaraima ist nur wenige hundert Meter von der venezolanischen Grenze entfernt. Knapp 500 Menschen sind dort untergebracht, sie alle schlafen in Hängematten in zwei großen Hallen. Das wirkt etwas erschreckend, entspricht aber einigermaßen der traditionellen Lebensweise der Warao: Sie leben in Großfamilien, jede davon wird von einer Repräsentant:in, der oder dem Aidamo, vertreten.

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Eine Unterkunft im Camp Janokoida.
Bild: Lisa Kuner

„Nach Venezuela möchte ich nicht mehr zurück”

Die 43-jährige Teolinda Moraleda ist eine davon: An einem Nachmittag im Oktober sitzt sie auf einem Plastikstuhl und knüpft Schmuck und Untersetzer aus den Fasern der Buriti-Palme. „Das ist ein wichtiger Teil unserer Kultur“, erzählt sie. Seit drei Jahren lebt sie in der Geflüchtetenunterkunft. „Wir sind nach Brasilien gekommen, um unser Leben zu retten. Eines meiner Kinder war krank und in Venezuela gibt es nur ein marodes Gesundheitssystem.“ Moraleda hat vier Kinder und zwölf Enkel:innen, für sie alle will sie ein besseres Leben.

Bis sie in Brasilien auf eigenen Beinen steht, pflegt sie die Warao-Kultur im Geflüchtetenheim: Sie zeigt den Kindern traditionelle Tänze und bringt ihnen Lieder in der Sprache der Warao bei. In vielen geht es um die Natur. An diesem Nachmittag singt sie zwei: Das eine handelt vom Delta des Orinoko, das andere erzählt von weiten Steppen ihrer Heimat. „Nach Venezuela möchte ich nicht mehr zurück, dort gibt es keine Zukunft für uns“, sagt Moraleda. „Ich träume davon, irgendwann ein eigenes Haus zu haben, ein Stück Land und eine Arbeit.“ In ihrem Gesang kann man ihre Sehnsucht nach der Natur förmlich hören – Trauer und Hoffnung mischen sich.

Auch im Geflüchtetenheim pflegt Teolinda Moraleda die Warao-Kultur: Sie knüpft Schmuck und Gefäße aus Fasern der Burti-Palme, zeigt den Kindern traditionelle Tänze und bringt ihnen Lieder in der Sprache der Warao bei.
Bild: Lisa Kuner

„Wir versuchen, die Kultur der Warao zu berücksichtigen“

Die indigenen Migrant:innen stellen die Organisator:innen der Geflüchtetencamps und die Politik vor Herausforderungen: „Die Unterbringung in einem Geflüchtetencamp unterscheidet sich sehr von der traditionellen Lebensweise der Warao“, sagt Carlos Alberto Marinho Cirino. Er ist Anthropologieprofessor an der Universität von Roraima und forscht schon lange zu indigenen Gemeinschaften in der Region. Viel Natur und Bewegung müssen die Indigenen in den Camps gegen Enge und Tage voller Nichtstun eintauschen.  Cirino: „Wir versuchen, ihnen unsere Regeln aufzudrücken.“

Ein Beispiel dafür: Brasilien bringt die Migrant:innen aus Roraima vorübergehend in Geflüchtetencamps unter und versucht sie dann im Familienverbund in anderen Regionen anzusiedeln und zu integrieren. Die Warao aber haben ein viel weiteres Verständnis von Familie, sie leben meist in Gruppen von 30 bis 40 Personen zusammen – für so viele Menschen kann man nicht einfach eine Wohnung anmieten.

Ein weiteres Beispiel: In den Unterkünften bekommen die Geflüchteten täglich drei Mahlzeiten. Die machen zwar satt, nehmen den Menschen aber auch die Autonomie, sich das Essen selbst so zuzubereiten, wie es der eigenen Kultur entspricht. Doch gerade das ist für viele der Indigenen ein besonders wichtiger Bestandteil ihrer kulturellen Identität. Anfangs kam es darum mehrmals vor, dass Indigene die fertigen Essenpakete verkauften, um sich von dem Geld Nahrungsmittel zu kaufen, die sie essen wollten.

„Wir versuchen nun, die Kultur der Warao so gut wie möglich zu berücksichtigen“sagt Bruder Luzio, der die Unterkunft Jardim Floresta leitet. Es gibt inzwischen Kochmöglichkeiten und die Aidamos werden aktiv in Entscheidungen zur Camporganisation mit einbezogen. „Bei der Arbeit mit den Indigenen lernen wir jeden Tag viel dazu“, sagt Bruder Luzio. „Sie leben viel mehr in der ewigen Gegenwart als wir, das ist manchmal nicht einfach mit unseren westlichen Konzepten zu verstehen.“

Indigenes Wissen sichert das Überleben

In Boa Vista, etwa 200 Kilometer südlich von Pacaraima, streicht Mauricio Fiscal Grande über die rötlichen Blätter einer Blutenpflanze, eines natürlichen Antibiotikums. „Tee aus diesen Blättern hilft gegen Schwäche im Allgemeinen“, erzählt er. Auch er kam nach Brasilien, weil er für sich und seine drei Kinder keine Zukunft mehr in Venezuela sah. Fiscal begreift sich nicht zuerst als Geflüchteter, sondern als Heiler. Er ist ein Wisirato, so werden Schamanen oder Medizinmänner bei den Warao genannt. „Heilen ist eine Gabe“, erzählt er. „Ich habe sie von meinem Onkel, meiner Mutter, Großmutter und anderen Mitgliedern meiner Familie übertragen bekommen“. Auf der Flucht kann ein Talent für Heilung und Medizin unter Umständen lebensrettend sein, denn eins der großen Probleme in den Unterkünften in Roraima ist der mangelhafte Zugang zum Gesundheitssystem: Schon bevor Tausende Migrant:innen in die Region kamen, war die medizinische Versorgung in der Region schlecht, heute ist es noch schlimmer. Darunter leiden die geflüchteten Warao. Die Kindersterblichkeit in den Camps ist hoch.

Als Mauricio Fiscal hierherkam, fielen ihm die vielen kranken Kinder sofort auf. „Ich bin zu den Koordinatoren der Unterkunft gegangen und habe gesagt: Ich kann etwas tun gegen diesen Durchfall, diese Übelkeit“, erzählt er. Mit natürlichen Heilmitteln wie Zitronenblättern begann er Bauchschmerzen zu behandeln, mit Blättern des Guaven-Baums Übelkeit, aber auch mit Handauflegen und indigenen Gesängen – oft mit Erfolg. „Ich habe schon 37 Kindern geholfen.“ Für allwissend hält sich der indigene Heiler trotzdem nicht: „Wir Warao haben unsere Weisheit, die Brasilianer haben ihre Weisheit und die Kreolen haben auch ihr Wissen.“

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Im Zweifelsfall schickt Fiscal die Menschen deshalb ins Krankenhaus. Nicht immer arbeiten indigene und westliche Kulturen in Roraima so gut Hand in Hand. Das zeigt sich in Nachrichten vom August dieses Jahres: In einer der Unterkünfte in Boa Vista sollen alkoholisierte Indigene von Soldat:innen gezwungen worden sein, in einer „Ecke der Schande“ auf dem Boden zu liegen, bis diese sie wieder daraus entließen. Mitarbeiter:innen der Unterkünfte zeigten diese Vorfälle als „Folter und Verstöße gegen Menschenrechte“ an.

Bruder Luzio vom Jardim Floresta möchte die Indigenen respektvoll unterstützen. Im Jardim Floresta wurde ein indigenes Trainingszentrum aufgebaut. Hier können sie Fähigkeiten erwerben, die ihnen den Zugang zum brasilianischen Arbeitsmarkt erleichtern, zum Beispiel in Näh- oder Computerkursen. Gleichzeitig soll die Kultur der Indigenen gestärkt werden. Aktuell wird ein kleiner Shop für Kunsthandwerk aufgebaut. Und seit Beginn des Jahres gedeiht der medizinische Garten von Mauricio Fiscal Grande. Er kümmert sich dort nicht nur um die Kräuter, sondern gibt sein Wissen auch an jüngere Warao weiter: „Ich hoffe, dass ich noch vielen Menschen hier mit unseren Heilmitteln helfen kann.“  

Die Recherche für diese Reportage wurde durch ein Stipendium der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen gefördert.

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