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28 Mai 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Alarmphone für Geflüchtete

„Rettet diese Menschen“

Geflüchtete, die den Seeweg nach Europa auf sich nehmen, sind großen Gefahren ausgesetzt. Die Organisation Alarmphone übt Druck bei den Behörden aus, um zu verhindern, dass Boote mit Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer sinken.

Bild: imago images / Ikon Images

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Um Migrant*innen in Seenot zu helfen, beantwortet Simeon Leisch seit drei Jahren Notrufe für das Alarmphone. Er übt Druck auf die Küstenwachen aus und weiß: Für die Menschen auf den Booten zählt vor allem seine Stimme.

Das Alarmphone ist eine Notfall-Hotline für Migrant*-innen in Seenot. Warum macht ihr das?

Wir wollen verhindern, dass Boote mit Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer sinken und Menschen sterben. Wenn uns diese Leute kontaktieren, informieren wir die Behörden und fordern: Rettet diese Menschen! Das funktioniert mal besser und mal schlechter.

Was meinst du damit?

Heute Nacht habe ich das Alarmphone betreut und musste die libysche Küstenwache anrufen. Aber der Kontakt nach Libyen ist schwierig. Dort agieren verschiedene Milizen, es herrscht Bürgerkrieg. Klar ist: Wenn die Küstenwache die Geflüchtete rettet, werden sie in Lager gebracht. Sie werden dort oft gefoltert und vergewaltigt. Oder sie werden erpresst und müssen sich freikaufen. Es gibt Menschen auf Booten, die sagen: Bitte ruft nicht die libysche Küstenwache an, lieber sterben wir. Aber wir müssen die relevanten Küstenwachen informieren, damit sie überhaupt gerettet werden.

Auch auf enorm: Rehkitzretter im Einsatz

Und das ist im zentralen Mittelmeer oft die libysche Küstenwache?

Genau. Deren Zuständigkeitsbereich wurde enorm ausgeweitet und europäische Küstenwachen verweigern dort die Rettung. Doch der Kontakt funktioniert nicht immer. Heute Morgen haben sie mir am Telefon gesagt: Rufen sie in zehn Minuten noch mal an, wir müssen erst mal wach werden und schauen dann weiter. Wir waren froh, dass sie überhaupt ans Telefon gegangen sind. Daher informieren wir, bei Anrufen aus dem zentralen Mittelmeer, die uns erreichen, immer auch die maltesischen und italienischen Behörden, gerade die italienischen Beamten haben einen guten Draht zu den Ansprechpartnern in Libyen. Wir machen die achtstündigen Schichten beim Alarmphone immer zu zweit und haben alle Informationen schriftlich auch per Mail an alle drei Seenotrettungsleitstellen geschickt.

Wie genau ging es an diesem Morgen weiter?

Um 6.13 Uhr bekam ich den Anruf von dem Holzboot, das von Libyen aus losgefahren war, mit 85 Menschen. Die Wellen waren sehr hoch und einer der Motoren war kaputt. Wir haben versucht, den Kontakt zu dem Boot zu halten, damit alle ruhig bleiben. Die Lage war sehr angespannt. Die Wellen waren teilweise 1,5 Meter hoch. Wenn man dann in einem manövrierunfähigen Boot sitzt, ist das sehr gefährlich. Die Wellen können das Boot jederzeit kentern lassen. Gegen 7 Uhr haben wir den Kontakt verloren. Ich weiß nicht, was mit den Menschen passiert ist. Hoffentlich erfahren wir über die Küstenwachen, über die UN oder Journalist*innen mehr. Dass die Verbindung abbricht, passiert oft. Es muss nicht heißen, dass das Boot gekentert ist.

Sondern?

Es kann auch sein, dass das Satellitentelefon ausgeschaltet wurde. Die Leute gehen sparsam mit dem Akku um, weil sie wissen, dass Rettung unterwegs ist. Oder sie können den Anruf gerade nicht hören, weil es laut und windig ist. Das Handy kann auch ins Wasser gefallen sein. Oder es wird auf dem Bott darum gestritten, wer das Telefon haben sollte.

Haben nicht mehr Menschen auf dem Boot Handys?

Ja. Doch die Abdeckung durch Mobilfunknetze fehlt auf dem zentralen Mittelmeer. Man braucht Satellitentelefone. Davon gibt es in der Regel nur eins pro Boot. Manchmal auch nur eins für zwei Boote.

Simeon Leisch, 28, ist hauptberuflich Landwirt und lebt in Kassel. Er arbeitet seit drei Jahren ehrenamtlich für das Alarmphone. Bild: privat

Wie viele Ehrenamtliche arbeiten für das Alarmphone?

Mittlerweile machen rund 200 Leute aus Europa und Nordafrika mit: aus Marokko, Spanien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Schweden, Italien, Griechenland, der Türkei, Tunesien, Algerien. Wir können möglichst viele Sprachen abdecken. Auch Unterstützer aus zentralafrikanischen Ländern wie Mali und Burkina Faso sind dabei. Dort wurde auch das Alarmphone Sahara gegründet, mit dem wir kooperieren. Viele haben zuvor selbst die Reise gemacht.

Welche Sprachen sprichst du?

Ich spreche nur Englisch, Französisch und Deutsch. Ich versuche mir immer einen arabischsprachigen Partner in die Schicht dazuzuholen. Auf den Booten wird am häufigsten Französisch, Englisch und Arabisch gesprochen.

Wie viele Menschen haben euch bereits kontaktiert?

Wir hatten in den vergangenen fünf Jahren mehr als 3000 einzelne Fälle. Die Boote sind zwar unterschiedlich groß, aber man kann sagen, dass wir wahrscheinlich mit bis zu 100.000 Leuten in Kontakt waren, die geflohen sind.

Du bist seit drei Jahren beim Alarmphone. Hat sich die Lage seither verändert?

Die europäischen Küstenwachen ziehen sich immer mehr zurück. Vor Malta sehen wir, wie Boote zurück nach Libyen geschickt werden und gleichzeitig die Boote der libyschen Küstenwache weiter nach Norden drängen. Auch die Küstenwache Marokkos dringt immer weiter in vormals europäischen Gewässern ein. Die Küstenwachen von Italien und Malta geben heute viel weniger Informationen an uns und die Medien heraus. Das war früher anders. Als ich beim Alarmphone angefangen habe, war die Zusammenarbeit besser.

Wie wirkt sich die Coronapandemie nun aus?

Italien und Malta haben Anfang April ihre Häfen geschlossen und ihre Schiffe stärker zurückgezogen. Nun müssen Menschen, wenn sie ankommen, auf den Booten in Quarantäne ausharren. Teilweise länger als zwei Wochen. Corona wird als Ausrede missbraucht, um den Zugang zum Asylsystem zu verwehren und die Seenotrettung auszusetzen. Private Seenotrettungsboote werden daran gehindert, den Hafen zu verlassen. Vieles davon zeichnete sich schon vor Corona ab und Seenotrettungs-NGOs wurden kriminalisiert. Jetzt wird es schlimmer auch mit klar rechtswidrigen Methoden von Küstenwachen. Am Osterwochenende sind vor Malta beispielsweise vier Boote in Seenot geraten, zwölf Menschen sind gestorben, weil die Rettung zu spät kam.

Wie werdet ihr beim Alarmphone auf so etwas vorbereitet?

Wir arbeiten im Schichtdienst, man ist nie alleine. Das ist wichtig. Ich musste einmal dabei zuhören, wie ein Boot untergegangen ist und die Menschen um Hilfe gerufen haben. Um das zu verarbeiten, hat mir dann mein Schichtteam, in dem ich mit vier Menschen bin, geholfen. Mit ihnen konnte ich mich austauschen. In der Ausbildung am Anfang habe ich vor allem die technischen Informationen und Anlaufstellen kennengelernt und dann sehr viele Schichten mit erfahrenen Kolleg*innen gemacht. Man braucht Routine, denn es muss sehr schnell gehen, wenn man einen Anruf bekommt. Das Wichtigste ist, die Ruhe zu bewahren.

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Für mich ist das Solidaritätsarbeit. Ich kann direkt etwas tun. Ich bin politisch aktiv für etwas, das mir wichtig ist. Gerade, wenn es um Migrationspolitik geht, ist vieles sehr frustrierend. Aber das Alarmphone schafft Erfolgserlebnisse.

Watch the Med - Alarmphone

Das spendenbasierte Projekt WatchTheMed Alarm Phone betreibt seit 2014 eine Hotline für Migrant*innen, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Es wurde gegründet, weil im Vorjahr bei einem Bootsunglück vor Malta und Lampedusa 260 Menschen ertrunken waren. Notfallnummer: +334 86 51 71 61.
https://watchthemed.net
https://alarmphone.org/en