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26 August 2016 / Lesezeit: 3 minuten

Integration

Die etwas andere Stadtführung

Viele Geflüchtete leben bei uns wie in einem Paralleluniversum. Das wollen die Stadtführungen von Querstadtein ändern

Titelbild: Eder Garrido

Viele Geflüchtete leben bei uns wie in einem Paralleluniversum. Das wollen die Stadtführungen von Querstadtein ändern. Hier zeigen die Neuankömmlinge ihre neue Heimat. Was man bei diesem Perspektivwechsel lernt? Wir haben es ausprobiert

Die arabischen Schriftzeichen auf der kleinen Karte wirken wie kleine Bilder. Was sind das für Worte? Wie spricht man sie aus? – Wie die meisten Teilnehmer dieser ungewöhnlichen Stadtführung habe auch ich keine Ahnung. Doch jetzt sollen wir herausfinden, wo diese Beschriftungen in der Sonnenallee zu sehen sind. Gar nicht so einfach, denn beim genauen Hinsehen merkt man, dass hier an jeder Ecke etwas auf arabisch steht.

Es ist Sonntagnachmittag in Berlin, und ich will den Bezirk Neukölln neu kennenlernen – aus den Augen von Geflüchteten. Wie kann ich mir ihren Alltag hier vorstellen? Welche Orte sind für sie in ihrer neuen Heimat wichtig? – All solche Fragen will die Querstadtein-Stadtführung vom sozialen Unternehmen Stadtsichten beantworten. 2013 hat Querstadtein mit Touren gestartet, bei denen Obdachlose zeigen, wie sie in der Hauptstadt leben. Seit kurzem gibt es auch Stadtrundgänge, bei denen Geflüchtete ihr Berlin vorstellen.

Mit Querstadtein durch eine neue Heimat

„Mit den Führungen möchten wir Orte der Begegnung schaffen und Randgruppen zu Wort kommen lassen“, erklärt Sally Ollech, eine der Gründerinnen von Querstadtein. „Wir wollen die Teilnehmer animieren, hin- statt wegzugucken, in einen Dialog miteinander zu treten, Fragen zu stellen.“ Deshalb zeigen die Rundgänge nicht nur Orte im Bezirk, die für die Geflüchteten wichtig sind, die Touren sind auch eine Mischung aus den autobiographischen Berichten der Stadtführer und Informationen über Flucht und Asyl. „Man stumpft bei der Nachrichtenflut so ab“, sagt Sally. „Hier lernt man die Menschen kennen, die sich aus einer lebensbedrohlichen Situation heraus auf den Weg gemacht haben. Das verändert etwas in einem.“

Heute sind es Samer Seraan, 37, und seine Frau Arij, 29, aus Damaskus, die der oft so abstrakt geführten Diskussion über Geflüchtete ihre Gesichter leihen: Während wir mit ihnen von der Karl-Marx-Straße über die Sonnenallee bis zum Hermannplatz spazieren, reisen wir mit ihnen in unseren Gesprächen nach Syrien und von dort über die Balkanroute zurück nach Berlin.

Noch lange bevor der Krieg ausbrach, haben sie beide Jura studiert, erzählt Samer auf Englisch. Er war anschließend Manager in einer Fleischfabrik und hatte ein kleines Unternehmen für Milchprodukte. Arij arbeitete sechs Jahre in Damaskus als Anwältin. Syrien hätten sie nicht verlassen wollen, sagen sie, wenn nicht die Zerstörung, die Gewalt und die Unsicherheit sie letzten Sommer zu dieser Entscheidung getrieben hätten. Wir hören von der Bombe, die in Damaskus nur 100 Meter von Samer entfernt einschlug, und wir können aus den Erzählungen die Angst erahnen, als sie mit 47 Menschen in einem kleinen Schlauchboot nach Griechenland übersetzten. Einen Monate lang waren sie unterwegs, bis sie im Oktober 2015 in Berlin ankamen.

Die Hauptstadt ist jetzt ihre neue Heimat, und die Sonnenallee bereits ihr Lieblingskiez. Bei den Neuankömmlingen hat sie allerdings einen anderen Namen, erklärt uns Samwer. „Wir nennen sie Arab Street.“ Restaurants, Cafés, Supermärkte, Fotoläden – fast alle Geschäfte hier haben arabische Namen. „Hier können wir in unserer Muttersprache einkaufen gehen“, sagt Samer. „Wenn ich die Menschen hier auf arabisch sprechen höre, fühle ich mich zu Hause.“

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Stadtführung soll Austausch ermöglichen

Das Berlin, das Samer und Arij uns zeigen, ist eher unauffällig. Bei dieser Stadtführung sieht man keine Denkmäler, es geht um Begegnungsorte und Institutionen: „Ausländer“ ist wichtig – so bezeichnen die Neuankömmling, die Ausländerbehörde. Und für Aufregung sorgen die Einladungen vom „Gericht“ – wie sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nennen. Aber auch die Sparkasse in der Karl-Marx-Allee ist für sie ein Ort, den man kennen muss. „Diese Sparkasse ist eine der wenigen Banken, die uns Neuankömmlingen ein Konto anbietet und sogar einen arabischen Übersetzer hat, der bei der Eröffnung hilft“, erklärt Samer. Ewig in Erinnerung wird ihm die Filiale aber wohl auch deshalb bleiben, weil er sich hier nachts um drei Uhr in die Schlange stellen musste, um morgens um halb zehn Uhr ein Konto zu eröffnen.

Doch all das sind nur Puzzleteile dessen, worum es dem syrischen Paar bei der Stadtführung tatsächlich geht: Sie wollen einen Austausch ermöglichen. „Die meisten Deutschen haben ‘Willkommen’ zu uns Flüchtlingen gesagt. Doch eher aus der Distanz. Es entstand kein direkter Dialog“, sagt Samer. „Stattdessen wurde viel Schlechtes über die Flüchtlinge berichtet. Und die Distanz wuchs weiter. Wenn wir nichts dagegen tun, habe ich Angst, dass wir irgendwann in Parallelgesellschaften leben werden. Mit den Stadtführungen will ich dazu beitragen, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht kennenlernen. Dann können wir auch gemeinsam etwas für die Zukunft aufbauen.“

Pläne hat er schon viele, sagt Samer. Er würde gern ein Geschäft für den Import und Export von Waren aufbauen. Doch dafür muss er erst noch eine Hürde überwinden: Deutsch lernen. Denn bislang ist unsere Sprache für ihn noch ähnlich schwierig, wie für mich das Entziffern der arabischen Beschriftungen in der Sonnenallee.