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23 June 2016 / Lesezeit: 7 minuten

Integration

Zwischen wir und ihr

Die deutschtürkische Kabarettistin Idil Baydar sagt: „Deutschland, wir müssen reden!“

Titelbild: Hendrik Rauch

Integration sei in Deutschland ein Prozess, der nie ende, sagt die Kabarettistin Idil Baydar. Ein Gespräch übers Deutschwerden und Fremdbleiben

Mittags um kurz vor 12 Uhr ist noch nicht viel los bei Curry 36. Ein paar Handwerker halten Pause an den metallenen Stehtischen, ein älterer Herr schiebt sich bedächtig Currywurst-Stückchen in den Mund. Die Touristen kehren erst später ein bei dem in ganz Berlin bekannten Imbiss am Kreuzberger Mehringdamm. Idil Baydar, Schauspielerin, Youtube-Comedian, Kreuzbergerin, hat Curry 36 als Treffpunkt vorgeschlagen. Vielleicht, weil jeder diese Bude kennt. Vielleicht aber auch, weil das freundliche Nebeneinander am Mehringdamm perfekt ins Thema einführt. Integration. Migration. Deutschsein und Fremdsein. Kulinarisch gesehen versammelt sich am Mehringdamm die halbe Welt. Nach den Buletten bei Curry 36 gibt es zwei Häuser weiter türkische Döner. Nebenan werden arabische Falafel frittiert. Auf der anderen Straßenseite brät ein Asiate Nudeln. Integration? Auf dem Teller kein Thema.

Idil Baydars Eltern kamen Mitte der 70er Jahre aus der Türkei nach Deutschland. Idil wurde in Celle geboren, die Mutter schickte sie auf eine Waldorfschule. Erst als 15-Jährige, mit dem Umzug von Celle nach Berlin, wird Integration zu einem Thema für sie: „Ich wurde plötzlich als Türkin wahrgenommen.“ Seitdem beschäftigt sie die Frage nach Ankunft und Herkunft. Auch beruflich stolpert Baydar, heute 40, ständig über die Grenzen zwischen wir und ihr. Als Kabarettistin, aber auch als Nachhilfelehrerin an Neuköllner und Kreuzberger Schulen. Dort hat sie mit Kindern aus Migranten-Familien gelernt. Sie mag das Wort „Migrationshintergrund“ nicht: „Es klingt zwar politisch korrekt, aber suggeriert doch nichts anderes als: Vorsicht, diese Leute sind anders als wir, da lauern jede Menge Probleme“

Vor vier Jahren hat Idil Baydar die Kunstfigur Jilet Ayse erschaffen. Seitdem lässt sie Jilet in Youtube-Videos und auf deutschen Kabarett-Bühnen Gott und die Welt kommentieren. Der Name Jilet kommt von Rasierklinge, und genauso scharf sind deren wütende Tiraden. Die 18-jährige hochtoupierte Kreuzbergerin, die Baydar spielt, kriegt keinen Schulabschluss hin und glaubt, ein richtiger Mann müsse seine Frau schlagen. Ihre Schwester, die aufs Gymnasium geht, nennt Jilet verächtlich eine „Integrationsnutte“. Idil Baydar filmt die Jilet-Videos selbst. Das Setting ist schlicht: Jilet sitzt auf einem Sofa, vor sich auf dem Tisch eine Batterie von Handys und Nagellackflaschen. In ihrem Redefluss, höchstens von einem Ein- oder Ausatmen unterbrochen, stecken kabarettistische Perlen. Wie in der Folge, in der Jilet den Deutschen rät, mehr Kinder zu machen, wenn sie nicht aussterben wollen. Denn: „Wer zahlt denn mein Hartz IV, wenn es die Deutschen nicht mehr gibt?!“

Wenn Idil Baydar diskutiert, ist sie manchmal mitten im Gespräch für ein paar Sätze lang Jilet Ayse, Wut macht ihre Stimme tiefer, sie wechselt ins Kiezdeutsch – was sie nie gesprochen, inzwischen aber perfekt gelernt hat. Auch die Berliner Schnauze von Gerda Grischke, Baydars zweiter Kunstfi gur, stiehlt sich immer mal wieder ins Gespräch. Auf der Bühne gibt Baydar beide Figuren, die junge Deutschtürkin Jilet und die Putzfrau Gerda in der geblümten Kittelschürze, die bis in die Spitzen ihrer lockengewickelten Haare voll unreflektierter Kommentare über ihren Neuköllner Kiez steckt. „Die Kanaken da, gehören alle ins Lager“, brabbelt Grischke. Um dann hinterherzuschieben, dass sie das ja gar nicht so böse meine, „ick bin doch hier det Opfer. Ick als Deutsche kann ja gar nischt mehr sagen!“ Und dann bietet sie einem dieser Alis aus der Nachbarschaft ein Pfefferminzbonbon an.

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Frau Baydar, Ihr Bühnenprogramm heißt: „Deutschland, wir müssen reden!“ Worüber wollen Sie reden?

Über sein Verhältnis zu Migranten. Ich will Deutschland fragen: Warum findest du es so schwer, uns zu lieben?

Was heißt für Sie Integration?

Für mich beschreibt dieses Wort einen Prozess, mit einem Anfang und einem Ende. Aber die Realität ist leider, dass er hierzulande kein Ende hat – einfach, weil keines definiert ist. Es gibt keine Liste, die ein Migrant abhaken könnte und danach ist er integriert. Ich finde, dass ganz dringend Kriterien der Integration festgelegt werden müssen. Sonst leben die Migranten in Deutschland weiterhin in einem Dauerkrisenzustand.

Welche Punkte würden auf Ihrer Liste stehen?

Für mich ist jemand integriert, der sich an das Grundgesetz hält und an die kulturellen Gepflogenheiten in Deutschland – der also zum Beispiel respektiert, dass Frauen hier leichtbekleidet unterwegs sein dürfen. Integration bedeutet für mich aber auch, dass sich die deutsche Gesellschaft bewusst macht, dass ihr Land ein Einwanderungsland ist. Ich habe leider den Eindruck, dass diese Tatsache im Bewusstsein Vieler noch nicht angekommen ist. Zu einer gelingenden Integration gehört eine Mehrheit, die integrieren will.

Und die erkennen Sie nicht, trotz vieler offener Arme für die Ankommenden?

Es ist sehr viel guter Wille da. Und es gibt so viele Menschen, die helfen. Das ist überwältigend. Aber sie machen trotzdem noch keinen Mainstream aus. Integration kommt nach der Erstversorgung. Und sie funktioniert nur zweigleisig, beide Seiten müssen sie wollen. Fragen Sie sich doch mal in einer ruhigen Minute, wie Ihr Freundeskreis aussieht. Gibt es da zumindest einen Menschen von woanders, der Ihnen wirklich am Herzen liegt?

Warum tun wir uns so schwer mit echter Integration?

Dafür darf man nicht die Individuen haftbar machen. Man muss sich die Strukturen anschauen. Machen die echte Integration überhaupt möglich? Ein Beispiel: Als meine Mutter und ich von Celle nach Berlin gezogen sind, durften wir uns keine Wohnung in Kreuzberg suchen. Die Verwaltung wollte eine türkische „Ghettoisierung“ verhindern. Für mich ist das ein verzweifelter, inkonsequenter bürokratischer Versuch, aber nicht der Wunsch nach echter Durchmischung. Denn man hat uns ja nicht etwa ins reiche Zehlendorf geschickt, weil es da zu wenig Ausländer gibt, sondern wir sind in der Industrie-Siedlung Siemensstadt gelandet.

Hat sich Ihre Vorstellung von Integration mit den Jahren verändert?

Als ich jünger war, habe ich das Thema viel positiver betrachtet. Aber ich merke, dass wir nicht weiter kommen. Der Unmut und die Missverständnisse wachsen. Lassen Sie sich mal Behörden-Ausdrücke wie den vom „integrationsunwilligen Problemausländer mit polimultiplen Vermittlungsschwierigkeiten und potenzieller Gewaltbereitschaft“ auf der Zunge zergehen. Das sind doch zu Wort geronnene Vorurteile. Ich glaube, weil wir das ganze Thema nicht positiv betrachten, haben wir auch so große Schwierigkeiten, es positiv zu gestalten.

Woher kommt die deutsche Distanz?

Ich glaube: Es ist die Angst, selbst etwas zu verlieren. Aber mein Gott, wir sind eines der reichsten Länder der Welt! Wir leben im Überfluss, sind mit allem total zugeballert. Was hinzukommt, ist die Überzeugung, dass der eigenen Kultur etwas übergestülpt würde. Angesichts der realen Zahlen ist das allerdings eine wirklich grundlose Sorge. 80 Millionen Deutsche werden nicht von sechs Millionen Ausländern verdrängt.

Aber das sind genau die Punkte, die gerade Angela Merkels „Wir schaffen das“ ins Wanken bringen.

Meine Theorie zur jetzigen Situation ist: Wir versuchen immer, an den Menschen herumzudoktorn, aber nicht an den Strukturen. Wir haben ein super Grundgesetz – aber das wird nicht umgesetzt. Mir ist nicht klar, was die Existenz der NPD mit Meinungsfreiheit zu tun hat. Dass sie überhaupt im politischen Bild stattfindet, ist die größte Katastrophe. Für mich gibt es da keinerlei Toleranz. Uns fehlt eine klare Definition, dass Rechts nicht mehr in unser System gehört.

Warum bleiben uns Migranten oft fremd?

Weil die Erzählungen fehlen. Die Integrationsfiguren in Filmen, Büchern, Fernsehserien, überhaupt in den Medien. Ein Beispiel: Hier in Berlin ging durch die Presse, dass ein muslimischer Taxifahrer 11 000 Euro gefunden und mit folgenden Worten bei der Polizei abgegeben habe: „In meiner Kultur ist es verboten, Geld zu behalten, für das ich nicht gearbeitet habe.“ Das habe ich auf meiner Website gepostet. Und es kam sofort der Kommentar: „Was hat denn das mit Muslimisch-Sein zu tun?“ Ich schließe daraus: Ein positives muslimisches Verhalten wird überhaupt nicht zugelassen. Was soll die Nationalisierung von Werten? Es geht hier doch um völlig Allgemeingültiges. Nahezu jede Religion der Welt fordert Menschlichkeit, Fürsorge, Schutz und Nächstenliebe.

Wenn Deutsche Flüchtlingen wirklich begegnen, mit ihnen Fußball spielen, im Chor singen, gemeinsam nähen oder kochen, führt das zu verblüffendem Verständnis. Ist das ein Rezept?

Begegnung ist immer wirksam. Mit den Flüchtlingen läuft es gerade beispielhaft gut – und trotzdem wird viel mehr über Probleme als über Chancen berichtet. Ich glaube, das liegt an einer Erwartungshaltung, die uns viele Deutsche entgegen bringen: Wir Migranten sind immer in der Bringschuld. Wir müssen Integration leisten. Viele von uns sprechen perfekt Deutsch, studieren oder arbeiten, unterstützen ihre Eltern, sind bestens integriert – aber ständig wird ihnen erzählt, sie seien es nicht. Ich habe das im Schulbetrieb immer wieder erlebt: Da kommt eine Schülerin aus einer Migrantenfamilie, mit einem super Notendurchschnitt und will aufs Gymnasium. Aber sie bekommt eine Empfehlung für die Hauptschule, weil es laut des deutschen Lehrers viel zu schwierig ist, ohne den richtigen familiären Background Abitur zu machen.

Die deutsche Gesellschaft ist im Vergleich zu anderen Ländern für Migranten aber auch deutsche Kinder aus armen Familien sehr wenig durchlässig. Woran liegt das?

Wir sind keine echte Leistungsgesellschaft. In Deutschland ebnet wirtschaftlicher Erfolg nicht wie in Amerika den Weg nach oben. Ich glaube: Die Undurchlässigkeit hierzulande ist gewollt. Das Fremde soll unten bleiben. Außerdem hört und sieht man zu wenig über Vorbilder, über Migranten, die es geschafft haben. Das zeigt sich auch an den Schulen. Wo sind denn die türkischen Lehrer?

Für Sie selbst war das Thema Integration lange gar keines, jetzt ist es eine Art Lebensthema. Wie kam das?

Ich bin immer wieder auf Vorurteile gestoßen. Zum Beispiel das Lob, dass ich so toll Deutsch spreche. Das ist für mich kein Kompliment, sondern bedeutet: Mein Gegenüber geht davon aus, dass das erstaunlich ist. Ich finde das anmaßend. Ich bin hier geboren! Außer aus dem Bauch meiner Mutter bin ich von gar nirgends her migriert. Und ich würde auch nicht zu Ihnen sagen: Super, Ihr Deutsch! Ich weiß doch überhaupt nicht, was Sie für eine Sozialisation hatten. Könnte ja auch sein, dass Sie aus Frankreich kommen.

Das heißt: Wer anders aussieht und heißt, bleibt immer Ausländer?

Der springende Punkt ist: Es gibt in der deutschen Gesellschaft einen unausgesprochenen Konsens darüber, dass sich Deutschsein ausschließlich aus der Herkunft ableitet. Und das ist eine unglaublich enge Definition. Sie hat auch viel mit phänotypischen Merkmalen, also mit dem Aussehen zu tun. Polen zum Beispiel bewegen sich relativ unerkannt durch Deutschland. Aber wer dunkler ist oder fremde Züge trägt, ist allenfalls ein Passdeutscher. Und kein echter.

In welchen Situationen haben Sie das zu spüren bekommen?

Als wir nach Berlin gezogen sind, wurde ich plötzlich nach meiner Herkunft gefragt. Und auch heute gibt es immer wieder Situationen, die mich zur Migrantin machen – obwohl ich keine bin. Im Jobcenter ist mir zum Beispiel laut Vorschrift ein türkischer Berater zugeteilt worden – obwohl ich kaum Türkisch spreche und er viel schlechter Deutsch als ich. Er hat mich dann gefragt, warum ich kein ordentliches Türkisch gelernt habe.

Ist es nicht ziemlich traurig, dass Sie dieses Thema doch noch eingeholt hat?

Ja, daher kommt auch meine Wut. Die Wut darüber, dass ich mich permanent damit auseinandersetzen muss. Auf der Waldorfschule spielten meine Wurzeln oder die meiner Familie gar keine Rolle. Darauf wurde nie Bezug genommen. Es geht den Anthroposophen, die natürlich auch in manchem seltsam sind, in der Erziehung hauptsächlich um die Menschbildung. Wie entwickle ich meinen Charakter, was ist wichtig im Zusammenleben mit anderen? Wie kann ich der Gemeinschaft dienen? Genau das vermisse ich in der aktuellen Diskussion: Warum fragt keiner, wie wir alle bessere Menschen werden? Was soll diese Betonung auf Nationalitäten in einer globalisierten Welt?

Verkörpert Jilet Ihre Wut?

Sie ist eine Art fleischgewordenes Vorurteil – das, was alle sowieso von uns denken. Ein überzeichneter worst case in Sachen Integration. Jilet ist für mich aber auch eine Rettung gewesen, weil ich das Thema so selbst verarbeiten kann. Sie verschafft ihm Gehör. Und zeigt: Polemik wirkt.

Sie arbeiten auch in einem Projekt mit, das jugendliche Flüchtlinge zur Beschäftigung mit dem Grundgesetz einlädt. Interessieren die sich für so etwas?

Wir lassen sie Gedichte über die ersten sechs Artikel des Grundgesetzes schreiben. Das ist ungeheuer identitätsstiftend. Ein echter gemeinsamer Nenner. Und Beziehungsarbeit mit dem Land, in dem sie nun leben. Identifikationsangebote sind ungeheuer wichtig. Und das Grundgesetz ist eines. Vor ihm sind wir alle gleich. Den Jugendlichen gibt das Projekt mehr Selbstbewusstsein. Nach dem Motto: Okay, ich habe verstanden, was euch hier wichtig ist. Und ich versuche jetzt, mit meinen Mitteln, mit den wunderbaren Gaben meiner Kultur, dem Grundgesetz entsprechend zu handeln. Das ist gut für Deutschland! Überlebenswichtig. Denn Innovation ist letztlich nichts anderes, als eine Synergie aus Fremdem und Vertrautem.

 

Anmerkung: Idil Baydars Solo-Programm „Deutschland, wir müssen reden!“ hatte 2014 in Berlin Premiere.