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4 März 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Ein Appell an Europa

Ein Film zeigt das Leben in Aleppo

„Ich mache diesen Film für dich Sama“, sagt die Regisseurin Waad Al-Kateab zu ihrer kleinen Tochter, „damit du verstehst, wofür wir kämpfen.“

Bild: Filmperlen

Bild: Filmperlen

500 Stunden Filmmaterial hat Waad Al-Kateab für die Dokumentation „Für Sama“ gedreht. Der Film über den Alltag im belagerten Aleppo während des Kriegs in Syrien zeigt eine selten gewürdigte weibliche Perspektive.

„Was willst du?“, fragt Waad Al-Kateab ihre kleine Tochter Sama, die verwirrt um sich schaut. Draußen fallen Bomben. Die Familie hat sich in einem Krankenhaus im belagerten Aleppo in Syrien verbarrikadiert. Der Vater antwortet aus dem Hintergrund: „Sie sagt: Mama, warum hast du mich geboren? Seit ich da bin, gibt es nichts als Krieg.“ Obwohl es die Wahrheit ist, lacht er in sich hinein. Die Belagerung macht die Überlebenden mürbe, schwärzt ihren Humor ins Makabre.

Es wäre leichtsinnig, Waad Al-Kateabs erschütternde Dokumentation „Für Sama“ zu empfehlen, ohne vorher eine Warnung auszusprechen: Wer den Film sieht, muss sich darauf gefasst machen, etwa 100 Minuten lang in das Trauma der Rebell*innen von Aleppo inmitten der Belagerung durch die Truppen von Baschar al-Assad und Russland im Jahr 2016 einzutauchen: Die Kamera hält auf zwei über und über mit Asche und Blut bedeckte Jungen, die um ihren eben bei einem Luftangriff gestorbenen kleinen Bruder trauern. Die Mutter der Jungen trägt die Leiche ihres Kindes unter Schock aus dem Krankenhaus. Befreundete Rebellen, die man eben noch miteinander scherzen und lachen sah, sind in der nächsten Szene bereits tot.

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Festgehalten wird alles von Waad, einer Aktivistin und Journalistin, die 2009 mit 18 Jahren nach Aleppo kam, um Wirtschaft zu studieren. Von Beginn an war sie Teil der Demonstrationen gegen das Assad-Regime: aus den Protesten wurde nach und nach der syrische Bürgerkrieg, an dem auch Islamist*innen, kurdische Milizen und zahlreiche andere Parteien beteiligt sind. Zunächst mit ihrem Handy, dann mit einer Videokamera und einer geliehenen Drohne filmte Waad alles, was sie erlebte und berichtete seit 2011 auch als Reporterin für den britischen Sender Channel 4. Ihren Film kommentiert Waad selbst aus dem Off, sie zeigt sich selbst und ihre Liebsten beim täglichen Kampf ums Überleben. Einer davon ist ihr Freund Hamza, einer der wenigen Ärzte, die in Aleppo bleiben, um sich um die Kranken und Verletzten zu kümmern. Im Laufe der Belagerung verlieben sich die beiden ineinander, heiraten und bekommen eine Tochter, die sie „Sama“ nennen, „Himmel“ bedeutet das auf Arabisch.

Ein Film für ihre kleine Tochter

Der Film ist Ausdruck von Waad Al-Kateabs Wunsch, den Alltag der Menschen in Aleppo festzuhalten, an ihre verstorbenen Freunde zu erinnern und an das erste Lebensjahr ihrer Tochter. „Ich mache diesen Film für dich, Sama“, sagt Waad. „Damit du verstehst, wofür wir kämpfen.“

Aus über 500 Stunden aufgenommenem Material aus sechs Jahren schnitt die Journalistin den Film in Zusammenarbeit mit dem britischen Dokumentarfilmer Edward Watts. Nachdem die Familie 2016 aus dem völlig zerstörten Aleppo fliehen musste, lebt sie heute in London und Al-Kateab und arbeitet dort weiter als Journalistin. Der Name ist ein Pseudonym, das die Familie schützen soll.

2019 erhielt „Für Sama“ auf dem Festival von Cannes Standing Ovations, im Februar 2020 wurde er bei den British Academy Film Awards (Baftas) mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet, gewann noch drei weitere Baftas und wurde auch für den Oscar für den besten Dokumentarfilm nominiert.

Die Weltgemeinschaft trägt die Verantwortung dafür, den Geflüchteten zu helfen.
Waad Al-Kateab, Regisseurin

Trotz der gewaltigen internationalen Aufmerksamkeit ist nicht eingetroffen, was sich die Regisseurin des Films gewünscht hat: ein Ende der Angriffe auf Zivilist*innen, ein freies Syrien und freie Wahlen. „Millionen von Menschen sehen sich meine Berichte an, aber niemand tut etwas, um das Regime zu stoppen.“ Im Gespräch mit enorm fordert sie: „Assad muss vor Gericht und für seine Verbrechen in Syrien angeklagt werden.“ Sie hofft, dass die Menschen, die aus Syrien fliehen müssen, nicht vergessen werden. „Die Weltgemeinschaft trägt die Verantwortung dafür, den Geflüchteten zu helfen.“

2016 musste Waad Al-Kateab mit ihrem Mann Hamza und ihrer kleinen Tochter Sama aus dem völlig zerstörten Aleppo fliehen. Bild: Filmperlen

In Idlib harren Millionen von Syrer*innen aus: Diese Woche erst kommen die Außenminister*innen der EU zu einem Gipfel zusammen, um über ihr Schicksal zu beraten. Unterdessen ertrinken erneut syrische Geflüchtete an den EU-Außengrenzen, Griechenland verschließt seine Tore, die Grünen haben eine Bitte an Innenminister Horst Seehofer gerichtet, zumindest syrische Kinder unter den Geflüchteten in Deutschland aufzunehmen.

Tapfere Mütter und ihre Kinder in Syrien

Es ist vielleicht die größte Leistung des Films von Al-Kateab, die Tapferkeit dieser Kinder und ihrer Mütter auf die Leinwand zu bringen: Keine Gelegenheit lässt die Regisseurin aus, ihre Freundinnen und deren Töchter und Söhne nach ihren Gefühlen und Gedanken zu befragen. Einen Jungen, der mit einem selbst gebastelten Piratenschiff aus Papier spielt, fragt sie, wie er die Belagerung findet. Die sei schon in Ordnung, antwortet der Junge leise, aber er sei traurig, dass alle seine Freunde ihn verließen, manche, indem sie fliehen, andere, indem sie durch die Bombenangriffe sterben. „Möge Gott ihnen verzeihen, dass sie mich verlassen haben“, sagt der Junge. Seine Mutter, eine enge Freundin von Waad, bereitet währenddessen heimlich eine Mahlzeit aus Reis zu, durch den schwarze Käfer kriechen. „Wir haben nichts anderes mehr, aber ich sage den Kindern und meinem Mann nichts davon, sie würden es nicht essen, wenn sie es wüssten.“

Tapfer ist auch, wie sich Waad selbst trotzig ihre Menschlichkeit bewahrt: Die Fenster des Krankenhauses, in das die Familie während des Kriegs gezogen ist, um dort zu leben und zu arbeiten, sind mit Sandsäcken völlig verschlossen, um vor Beschuss zu schützen, Waad hat davor bunte Bilder von Landschaften aufgehängt. In Rückblenden zeigt sie auch ihre und Hamzas Hochzeitsfeier: Die einzige Dekoration besteht aus einer syrischen Flagge, um die Luftballons drapiert sind. „Unsere Hochzeit war klein, aber wunderschön, unser Gesang war lauter als die Bomben draußen“; erzählt sie glücklich. Als sie schwanger wird, filmt sie sich lachend dabei, wie sie vorm Spiegel übt, ihrem Mann davon zu erzählen. Das Leben geht immer weiter. Nach der Flucht aus Aleppo wird das Paar eine weitere Tochter bekommen, die sie Taima nennen. Waad will einen weiteren Film über Syrien machen. Der soll, so hofft sie, noch mehr bewirken als ihre erstes Werk.

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„Für Sama“ startet am 5. März in den deutschen Kinos.