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18 März 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Indigene Kunstschaffende

Der Protest der ersten Geschichtenerzähler

Der Māori-Regisseur Taika Waititi bekam im Februar 2020 als erster indigener Filmemacher einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch verliehen. Viele Künstler*innen wie er kämpfen für mehr Wahrnehmung und Rechte.

BILD: Imago images / MediaPunch

BILD: Imago images / MediaPunch

Indigene Kunstschaffende weltweit kämpfen für Sichtbarkeit und Teilhabe von Ureinwohner*innen. Dabei gewinnen manche von ihnen Oscars und werden für den Pulitzerpreis nominiert – und unterstützen mit ihrer Prominenz den Kampf für indigene Rechte.

„Sie nannten uns Bürgersteigsindianer, nannten uns verstädtert, oberflächlich, nicht authentisch, kulturlose Geflüchtete, Äpfel. Ein Apfel ist außen rot und innen weiß. Aber wir sind, was unsere Vorfahren getan haben. Wie sie überlebt haben. Wir sind die Erinnerungen, an die wir uns nicht erinnern, welche aber in uns leben, welche wir fühlen, welche uns auf unsere Weise singen und tanzen und beten lassen. Erinnerungen, die in unseren Leben unerwartet aufflackern und aufblühen, wie Blut auf einer Decke, das von einer Schuss-Wunde stammt: von einem Mann, der uns in den Rücken schoss, für unser Haar, für unsere Köpfe, für ein Kopfgeld, oder nur, um uns loszuwerden.“

Diese Worte stammen aus dem Prolog von „There, There“, dem Debütroman von Tommy Orange, der derzeit wohl berühmteste Native American Autor in den USA. Sein Roman schaffte es 2019 in die Auswahl für den renommierten Pulitzerpreis, Barack Obama empfahl ihn auf seinen Social-Media-Kanälen zur Lektüre. Seinen Prolog nannte Orange selbst „ein Gebet aus der Hölle“: Er beschreibt das Gefühl von Generationen weltweit entwurzelter Indigener, deren Sichtbarkeit und Identität von außen definiert wird, nicht von ihnen selbst. Sie müssen mit den rassistischen Vorurteilen leben, sie seien „primitiv“, alkoholkrank, ungebildet und „wild“.

Schreiben für eine selbstbestimmte Identität

Orange selbst gehört väterlicherseits den Stämmen der Cheyenne und den Arapaho an, seine Mutter ist jedoch weiß. Seine Protagonist*innen leben genau wie er in der ständigen Verwirrung, ob sie eigentlich „echte Native Americans“ seien, oder nicht. Er versucht in seinem Buch die Identität der von ihm als „urbane Indigene“ bezeichneten Menschen selbst festzuhalten: hin und her gerissen zwischen der Sehnsucht nach ihrer ursprünglichen Kultur, den Problemen und der Stigmatisierung ihrer Völker und dem gleichzeitigen Bedürfnis, auch als Teil der Moderne anerkannt zu werden und nicht als ein defektes Relikt der Vergangenheit.

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Von der Kritik hoch gelobt, gehört das Buch zum Kanon vieler Creative-Writing-Studiengängen des Landes. Es ist ein Symbol für eine aufstrebende Generation von indigenen Literat*innen, Filme*macherinnen, Musiker*innen und Künstler*innen weltweit, die nicht nur um Territorien und Rechte, sondern auch um ihre individuelle Anerkennung und Sichtbarkeit kämpfen will.

Denn Oranges berühmt gewordener Prolog richtet sich nicht nur an Native Americans in Nordamerika, sondern an alle Indigenen der Welt. „Von den Gipfeln Kanadas und Alaskas bis hin zu der Südspitze Südamerikas, wurden wir erst getilgt und dann auf ein gefiedertes Bildnis reduziert“, schreibt er.

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Ein Oscar für Taika Waititi

Die Gruppe von Indigenen, die durch ihren Erfolg in der Popkultur vielleicht derzeit am meisten von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen werden, sind die Polynesier*innen. Einer von ihnen ist der Regisseur Taika Waititi, der erfolgreichste Filmemacher in der Geschichte Neuseelands: Der Māori gewann im Februar 2020 als erster Indigener der Welt einen Oskar für das „beste adaptierte Drehbuch“ für seinen Film Jojo Rabbit. In seiner Dankesrede bei der Verleihung widmete Waititi seinen Acadamy Award „allen indigenen Kindern auf der Welt, die Kunst machen wollen und tanzen und Geschichten schreiben. Wir sind die ersten Geschichtenerzähler und wir können es auch hierher schaffen.“

Schon davor wurde der Neuseeländer mit seinem sehr erfolgreichen Marvel-Film Thor: Ragnarok (2016) einem Millionenpublikum bekannt: Waititi bestand darauf, in allen Bereichen der Filmproduktion von Ragnarok acht indigene Praktikant*innen zu besetzen. Zwei Raumschiffe im Film sind außerdem komplett in den Farben der Aboriginal-Flagge und der Māori-Flagge bemalt. Während des Drehs tweetete der Regisseur ein Foto von seinem Zelt: Dort hatte er beide Flaggen neben die Regenbogenflagge der LGBT-Gemeinde aufgehängt.

Ein anderes in Hollywood sehr bekanntes, polynesisches Gesicht ist der Hawaiianer Jason Momoa, der mit seiner Rolle als Khal Drogo in der Erfoglsserie Game of Thrones und als Marvel-Superheld Aquaman bekannt wurde. Momoa nutzt seine Berühmtheit immer wieder dafür, sich für die Rechte der Polynesier*innen in seiner Heimat Hawaii einzusetzen. Der Schauspieler unterbrach die Dreharbeiten zum Film Aquaman, um an den Protesten gegen den Bau eines großen Teleskopes auf dem für die Native Hawaiians heiligen Berg Mauna Kea teilzunehmen. Momoa produzierte sogar einen 12-minütigen Kurzfilm, in dem er den Protest dokumentiert.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass sowohl Orange, Waititi als auch Momoa als US-amerikanische und neuseeländische Staatsbürger durch die Geschichte des britischen Kolonialismus Teil des Commonwealths sind; und damit Angehörige des englischen Sprachraums, der die Popkultur dominiert. Für Indigene, die nicht aus diesem Sprachraum stammen, vor allem aber auch für weibliche Indigene jedes Kontinentes, ist Sichtbarkeit immer noch ein schwer erreichbares Privileg.

Geschichten als eine Waffe des Protests

Im Februar 2020 lud der Berliner Kunstraum Savvy Contemporay daher im Rahmen der Berlinale mehrere indigene Filmemacherinnen zu einer Diskussion über ihre Filme als politisches Instrument ein, darunter Patrícia Ferreira Pará Yxapy vom brasilianischen Stamm der Guaraní, die ein eigenes Filmkollektiv für Guaraní gegründet hat und sich vor allem auch für die Sichtbarkeit der weiblichen indigenen Perspektive einsetzt. „Kunst von indigenen Künstlerinnen für die indigene Bevölkerungen“, sagt sie. „Dies ist Teil eines Dekolonisierungsprozesses.“

Auch Claudia Huaiquimille, eine 33-jährige Regisseurin und Aktivistin aus Chile, die zum Stamm der Mapuche gehört, spricht auf der Veranstaltung. „Mapuche werden als bloße gewalttätige Alkoholiker in den Zeitungen und Nachrichtensendern beschrieben“, erzählt Huaiquimille, „Mapuche-Kinder werden in der Schule wegen ihres Aussehens diskriminiert. Wir wachsen so auf, dass wir uns für unser Mapuche-Wurzeln schämen, dass wir versuchen sie zu verstecken. Aus diesen Gründen habe ich entschieden, dass ich etwas dazu beitragen muss, unsere Geschichte neu zu schreiben. Für all diese jungen Menschen, die die Scham ihrer Großeltern geerbt haben, die geschlagen wurden, wenn sie ihre eigene Sprache sprachen.“

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Im November 2019 erklimmen Demonstrant*innen eine Statue in Santiago de Chile. Sie schwenken die Flagge der Mapuche, der Indigenen Chiles. Bild: Imago images / Aton Chile

Auch für die chilenische Regisseurin sind Geschichten eine Waffe des Protestes, um ihre eigene Geschichte wieder für sich zu beanspruchen. Sie verarbeitet in ihrem Werk die zahlreichen Morde an Mapuche der vergangenen zehn Jahre und stellt vor allem auch die Perspektive der jungen Indigenen Chiles da. Ihr Film Mala Junta, der 2016 veröffentlicht wurde, gewann im Rahmen der chilenischen Revolution, die seit 2019 anhält, umso mehr an Aktualität. Er habe ein „zweites Leben“ bekommen, sagt Huaiquimille, „wurde überall in Freiluftkinos und auf Bürgertreffen gezeigt, auf einer chilenischen Filmplattform wurde er zum meistgestreamtesten Film.“ Die Proteste seien für die Filmemacherin sehr bewegend, weil die Mapuche und Chilenen zusammen sichtbar würden. Stolz zeigt sie ein Foto: Zahlreiche Demonstrant*innen klettern eine Statue in Santiago de Chile hinauf, bilden einen Turm aus Menschen, Chilenen und Mapuche zusammen. Ganz oben thront ein Mapuche und hält die Flagge seines Volkes hoch.