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10 January 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Satellitenbilder und Drohnen

Wie Technik dem Frieden dienen kann

Satelliten können Aufnahmen von abgelegenen Orten in Konfliktregionen liefern – sie zeigen, wo Hilfe benötigt wird.

TITELBILD: NASAS/UNSPLASH

TITELBILD: NASAS/UNSPLASH

Atomwaffen, Drohnen, Smartphones – jede technologische Entwicklung kann zur Waffe werden. Doch Technik kann auch helfen, Frieden zu stiften.

Seit zehn Jahren wütet die Terrorgruppe Boko Haram im Nordosten Nigerias. Fast zwei Millionen Menschen wurden seither vertrieben, 80 Prozent davon Frauen und Kinder. Der Terror hat das Land immer weiter in die Armut getrieben: Etwa zwei Drittel der rund 23 Millionen Menschen im Nordosten des Landes leben unter der Armutsgrenze. Gerade junge Nigerianer ohne Perspektive werden von Boko Haram rekrutiert.

„Es sieht sehr düster aus”, sagt Mohammed Danjuma von der nigerianischen Regierungskommission North East Development Commission (NEDC) während einer Podiumsdiskussion auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas zu „Peace Building and Technology”, ausgerichtet von der Weltbank. Die NEDC soll sich vor allem um eine bessere Infrastruktur- und sozioökonomische Defizite kümmern. Kurzzeitig geht es insbesondere darum, die besonders betroffenen und abgelegenen Gegenden besser zu erreichen. „Es stellt uns vor große Herausforderungen, dorthin zu gelangen, auch aus Sicherheitsgründen”, sagt er. Denn beinahe täglich würden Menschen im Nordosten des Landes umgebracht. „Erst gestern starben 35 Menschen.”

In Zusammenarbeit mit der Weltbank wird daher spezielle Technik zur sogenannten Fernerkundung eingesetzt. Abgelegene Orte können so mittels Satellitenbildern beobachtet werden. Dadurch soll schnell klar werden, wo Hilfe gebraucht wird. Im vom Konflikt stark betroffenen Bundesstaat Adamawa richtete das Internationale Rote Kreuz in Kooperation mit verschiedenen Universitäten außerdem ein Zentrum für humanitäre Hilfe ein. Dort sollen am 3-D-Drucker Prothesen für Gewaltopfer entstehen.

In den vergangenen fünf Jahren haben die Konfliktzonen weltweit zugenommen. Wir müssen die Situationen vor Ort schnell und präzise verstehen, um Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.
Mark Polyak, Risikoanalyse-Abteilung von Ipsos

Nicht nur in Nigeria, sondern weltweit verschärft sich die Situation. Mark Polyak von der Risikoanalyse-Abteilung des Marktforschungsunternehmens Ipsos stellt fest: „In den vergangenen fünf Jahren haben die Konfliktzonen weltweit zugenommen. Wir müssen die Situationen vor Ort schnell und präzise verstehen, um Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.” Gerade in Ländern, die fragil sind, von Konflikten oder Gewalt betroffen sind, sei es entscheidend, Frühwarnsysteme zu installieren und Unsicherheit zu reduzieren. „Während eines Desasters wird man mit immer neuen Gerüchten, Falschmeldungen und Manipulationen konfrontiert. Da ist es manchmal schwierig zu verstehen, was wirklich an den Orten vorgeht. Und nicht immer hat man Partner, mit denen man vertrauensvoll zusammenarbeiten kann.” Um das zu ändern und etwa Berichte zu verifizieren, könne die richtige Technologie helfen.

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Technik für den Frieden: Drohnenaufnahmen zeigen, wo Hilfe benötigt wird

Für Polyak spielen Satellitenbilder, Drohnen- und Luftaufnahmen dabei eine Schlüsselrolle. Mit speziellen Satelliten, sogenannte Radare mit synthetischer Apertur (Synthetic Aperture Radar, SAR) könnten Fernerkundungen vorgenommen werden. Sie helfen dabei, genau zu erkennen, wo bei Angriffen Schäden angerichtet wurden. „Wenn Boko Haram Schulen zerstört hat, können wir das über Satellitenbilder erkennen. Dann kann man einschätzen, wie viel Unterstützung, wo genau benötigt wird.” Am wichtigsten in Krisensituationen sei es, dass Menschen wieder Zugang zu notwendiger Versorgung wie Schulen oder dem Gesundheitssystem bekommen. Dabei helfen auch soziale Medien. Diese zu beobachten und zu analysieren sei „sehr entscheidend, um die Menschen zu verstehen”. Dadurch könne man sehen, wo die Versorgung funktioniert und wer dazu Zugang hat.

Das betrifft auch die Land- und Forstwirtschaft. Im Nordosten von Nigeria konnte die Regierung etwa den Schaden für die Forstwirtschaft genauer einschätzen, indem sie auf Satellitenbildern sehen konnte, wo Boko Haram illegale Lager aufgeschlagen haben.

Technik für den Frieden: Mittels Satelliten Konfliktpotenzial erkennen

Auch könne man mittels technologischer Unterstützung frühzeitig erkennen, wo Menschen fliehen werden. Und schließlich können Algorithmen etwa dabei helfen zu erkennen, ob ein Flüchtlingslager offiziell von den Vereinten Nationen installiert wurde oder eine informelle Siedlung ist, erklärt Polyak. Durch Satellitenbilder könne man sogar einschätzen, wie viele Menschen in einem Zelt leben und ob sie Zugang zu sicheren Unterkünften haben. „Wenn man mit Satelliten in die Gebiete hineinzoomt, erkennt man mögliches Konfliktpotenzial.”

Technik könne auch den Geflüchteten direkt helfen, sagt William Sonneborn von der International Finance Corporation (IFC), die sich als Teil der Weltbankgruppe auf die Förderung privater Unternehmen spezialisiert hat. „Mit technischer Ausstattung kann man vertriebenen und geflüchteten Menschen in Flüchtlingslagern Zugang zu Bildung ermöglichen.” Und in Gegenden ohne medizinische Versorgung könne sogenannte Telemedizin ein Ansatz sein.

Für Sonneborn ist es jedoch vor allem entscheidend, dass technologische Innovationen Menschen, auch während Krisen und Konflikten, wirtschaftliche Chancen eröffnen kann: „Das kann den Menschen ein Gefühl von Hoffnung geben.” Ein Ansatz der IFC sei es daher, eine Gründer-Mentalität zu stärken. So habe die IFC zusammen mit anderen Finanzinstitutionen in Liberia während der Ebola-Epidemie in ein damals noch recht kleines Logistikunternehmen investiert. „Heute sind die das UPS von Libera”, sagt Sonneborn.

Wir müssen den Märkten klar machen, welchen ökonomischen Wert Friede hat. Wenn man die Märkte nicht dazu bringt, in Frieden zu investieren, werden wir niemals Frieden haben.
Margarita Quihuis, Peace Innovation Lab, Stanford Universität

Auch Margarita Quihuis vom Peace Innovation Lab an der US-amerikanischen Stanford Universität plädiert dafür, stärker auf wirtschaftliches Potenzial zu setzen: „Wir müssen den Märkten klar machen, welchen ökonomischen Wert Frieden hat. Wenn man die Märkte nicht dazu bringt, in Frieden zu investieren, werden wir niemals Frieden haben.” Man brauche ökonomische Anreize. „Es ist naiv, auf Philanthropie zu vertrauen, um die Welt besser zu machen.”

Dringend notwendig seien weitere technologische Entwicklungen. Doch Quihuis warnt: „Wir brauchen einen ethischen Rahmen, um technologische Innovationen sicher zu entwickeln. Denn jede Technologie kann zur Waffe werden – auf eine Weise, die niemand beabsichtigt hatte.” 

Friedensstiftendes Potenzial von Technik messbar machen

Um das friedensstiftende Potenzial von Technik sichtbar zu machen, hat sie mit ihrem Team in Stanford mittels Verhaltensforschung den sogenannten Hague Peace Data Standard entwickelt. Dieser soll den Preis sowie Wert von Frieden messen und den friedensstiftenden Einfluss von Technologien aufzeigen. Dieser vergleichbare Standard soll sowohl Individuen aber auch Organisationen anhand ihres Friedenspotenzials einordnen. Das soll Investoren und Unternehmen, die nachhaltig investieren wollen, eine Hilfestellung geben, ähnlich dem sogenannten ESG Index, der Umweltaspekte, Soziales und Unternehmensführung einbezieht. Der Peace Data Standard soll jedoch präziser vor allem bei sozialen Aspekten helfen, diese zu messen. Dafür bezieht er etwa ein, wie gut es eine Technologie Menschen ermöglicht zu kooperieren und zusammenzuarbeiten. Er blickt auch darauf, wie einfach eine Technologie negativ verändert oder missbraucht werden könnte und ob sie allgemein zugänglich ist.

„Wir müssen über die Zukunft nachdenken, die wir haben wollen, und nicht einfach nur neue Innovationen schaffen und dann überlegen, wo wir sie verwenden können”, sagt Quihuis. „Wir müssen uns darauf fokussieren, wie wir eine Welt schaffen, die wir wollen.” Eine Welt, in der Technik für den Frieden eine große Rolle spielt.

Der Artikel entstand im Rahmen der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas. Mit einem Journalisten-Stipendium hatte die ausrichtende Consumer Technology Association (CTA) dazu eingeladen.