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19 Januar 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Kälte und Coronakrise

Was du jetzt für obdachlose Menschen tun kannst

In vielen Städten wurden schon zu Beginn der Coronapandemie Gabenzaun-Initiativen gegründet. Gerade in der kalten Jahreszeit und aufgrund des weiterhin bedrohlichen Infektionsgeschehens brauchen obdachlose Menschen jetzt Hilfe.

Bild: imago images / epd

Bild: imago images / epd

Im Winter können kalte Temperaturen für obdachlose Menschen lebensbedrohlich sein. Auch die Coronapandemie gefährdet Menschen, die auf der Straße leben. Doch es gibt Initiativen, die obdachlose Menschen unterstützen. Und auch du kannst jetzt etwas tun.

Wie viele Menschen in Deutschland ohne festes Dach über dem Kopf leben, ist in keiner offiziellen Statistik erfasst. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt: Während des gesamten Jahres 2018 waren etwa 678.000 Menschen ohne Wohnung, ungefähr 41.000 von ihnen lebten ohne jede Unterkunft auf der Straße. Die BAGW schätzt den Anteil der wohnungslosen Kinder und minderjährigen Jugendlichen auf acht Prozent. Männer sind wiederum mit einem Anteil von 73 Prozent häufiger wohnungslos als Frauen (27 Prozent).

Obdachlos und wohnungslos ist nicht dasselbe. Wohnungslos ist, wer in keiner eigenen Wohnung lebt, sondern in Notunterkünften, Wohnheimen oder bei Freund*innen schlafen muss. Einige wohnungslose Menschen sind aber auch obdachlos: Sie leben auf der Straße und schlafen beispielsweise auf Parkbänken oder in Hauseingängen. Für sie ist die kalte Jahreszeit besonders bedrohlich, gerade während der Coronakrise.

Das kannst du tun, um jetzt obdachlosen Menschen zu helfen.

1. Wahrnehmen und Notfälle erkennen

Häufig werden obdachlose Menschen angestarrt oder ignoriert. Nimm sie als Menschen wahr und zeige ihnen Respekt. Wenn er*sie ansprechbar ist, frage, ob und welche Hilfe notwendig ist. Solltest du beobachten, dass ein obdachloser Mensch verletzt, bewusstlos oder aufgrund kalter Temperaturen im Winter in Gefahr ist, wähle den Notruf (112) oder informiere einen Wärmebus in deiner Stadt, der die Person in eine Notunterkunft bringen kann. 

Wenn du dich nicht traust, obdachlose Menschen direkt anzusprechen, solltest du dich, so gut es geht, vergewissern, ob die Person warm genug gekleidet und bei Bewusstsein ist. Aus der Distanz ist dies aber oft schwierig einzuschätzen, weshalb du im Zweifel besser Hilfe rufen solltest. 

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2. Gespräch suchen und Hilfe anbieten

Grundsätzlich gilt die Regel: Mein Gegenüber sagt mir, welche Hilfe er*sie benötigt, nicht ich. Das heißt: Anschauen, Ansprechen und Fragen. Du könntest zum Beispiel fragen, ob die Person eine Spende von dir annehmen möchte beziehungsweise genau in Erfahrung bringen, was sie gerade braucht. Viele obdachlose Menschen freuen sich auch über ein nettes „Hallo“, ein Lächeln oder ein Gespräch. 

Ein gängiges Vorurteil ist, dass obdachlose Menschen sowieso nur Drogen oder Alkohol von einer Geldspende kaufen. Die Gründe für Obdachlosigkeit können jedoch ganz unterschiedlich sein: Meist sind es wirtschaftliche Notlagen, die auf schwierige persönliche Lebensumstände treffen. Wer in so einer Lebenssituation ist, hat Hilfe verdient.

Wenn du dennoch kein Bargeld geben möch­test, erkundige dich stattdessen nach den Bedürfnissen und kaufe entsprechend ein: zum Bei­spiel Hy­giene­artikel, Essen, Getränke, Medizin oder eine Guthabenkarte für ein Pre­paid­handy. Einige Obdachlose haben einen Hund – viele freuen sich über Futter für ihre*n treue*n Begleiter*in. 

Im Winter für Wärme sorgen
Handschuhe, Socken und Unterwäsche oder auch Schlafsäcke und Decken werden im Winter gerne angenommen. Gerade weil solche Kleidungsstücke oft nicht gewaschen werden können und sich daher schnell abnutzen. Viele Organisationen, etwa das Deutsche Rote Kreuz, die Caritas, die Diakonie oder der Arbeiter-Samariter-Bund verteilen gebrauchte Kleidung und Hygieneartikel an Bedürftige. Auf den lokalen Internetseiten der Verbände findest du Informationen, wohin du Spenden in deiner Stadt bringen kannst.

Wichtig: Da viele Menschen die Zeit in der Coronakrise nutzen, um ihre Schränke auszumisten, sind viele Kleiderkammern derzeit randvoll. Erfrage deshalb unbedingt bei einer konkreten Einrichtung, was beziehungsweise ob dein Spendenangebot gerade benötigt wird. Du solltest Dinge außerdem nur in der Qualität spenden, in der du sie selbst annehmen würdest.

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Obdachlosenhilfe gegen die Kälte
In der kalten Jahreszeit sind in vielen Städten – wie etwa in Berlin oder in Hamburg – Kälte- bzw. Wärmebusse unterwegs. Auf dieser Seite findest du eine Übersicht. Geführt von ehrenamtlichen Helfer*innen, sind sie vor allem nachts im Einsatz. In den Bussen erhalten obdachlose Menschen neben medizinischer Hilfe und heißen Getränken auch warme Kleidung, Decken und Schlafsäcke. Zudem informieren die Ehrenamtlichen Bedürftige über Hilfsangebote und fahren sie bei Bedarf in Notunterkünfte.

Hygienebeutel packen
Sich sauber und „ansehnlich“ zu fühlen, bedeutet Menschenwürde und soziale Teilhabe: Die Heilsarmee hat gute Erfahrungen damit gemacht, obdachlosen Menschen „Hygienebeutel“ zu schenken. Hier ein paar Produkte, die erfahrungsgemäß für Menschen auf der Straße sinnvoll sind:

  • Zahnpasta
  • Zahnbürste
  • Deoroller
  • Duschgel
  • Shampoo/Trockenshampoo
  • Hygiene-Handgel/Desinfektionsmittel
  • Hautcreme
  • Lippenpflegestift
  • Pflaster/Verbandsrolle
  • Taschentücher
  • Rasierer/Rasierschaum
  • Tampons/Binden (für menstruierende Menschen)

Wichtig: Es wird empfohlen, möglichst nur Probier-/Reisegrößen von Produkten zu kaufen, da es wohnungslosen Menschen in der Regel nicht möglich ist, „mit großem Gepäck“ herumzulaufen. Eine gute Möglichkeit ist es, ungenutzte Werbepröbchen für solch einen Hygienebeutel aufzuheben. Besondere Bedürfnisse haben außerdem menstruierende Menschen, die obdachlos sind. Der Verein Social „Social Period“ sammelt in Berlin Periodenartikel für sie.

Nahverkehr-Tickets
Tickets für die öffentlichen Transportmittel ermöglichen obdachlosen Menschen einen kurzen Aufenthalt im Warmen, Trockenen und Sicheren. Und sie bewahren davor, ohne gültiges Ticket zu fahren – und sich dabei strafbar zu machen.

Gabenzaun
In einigen Städten wurden in der Coronakrise Gabenzaun-Initiativen gegründet. So funktioniert die Idee: Wenn du etwas spenden möchtest, verpackst du Dinge wie Socken, Hundefutter, Kleidung oder Zahnpasta in durchsichtige Plastiktüten und beschriftest diese etwa mit „Pullover, Größe 52“ und hängst diese dann an einen öffentlich zugänglichen Zaun. Die Tüten sind zwar nicht sehr ökologisch, aber praktisch: So werden die Spenden nicht nass, und jede*r kann sehen, was darin ist. 

Pfand spenden
Eine besonders einfache Art der Spende ist die Pfandspende. Egal, ob Pfandflaschen, Pfandbons oder digital auf den Online-Plattformen verschiedener Initiativen oder wie spendedeinpfand.com oder pfandgeben.de: Das Pfandgeld vermisst du meistens nicht. Ausgegeben hast du es schließlich schon. 

3. Organisationen unterstützen

Eine Alternative kann es sein, Organisationen wie die Heilsarmee, die Diakonie (Statdtmission), die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz oder andere Initiativen finanziell zu unterstützen. Auch so kommt die richtige Hilfe bei obdachlosen Menschen an. 

Eine Möglichkeit ist es außerdem, Straßenzeitungen wie das Hamburger Straßenmagazin Hinz und Kunzt oder den Berliner Karuna Kompass zu kaufen oder an die Organisationen zu spenden. Straßenzeitungen bieten obdachlosen und wohnungslosen Menschen niedrigschwellige Beschäftigungsmöglichkeiten.

Du kannst auch direkt ehrenamtlich in einer Organisation aktiv werden. Dafür solltest du deine persönlichen Voraussetzungen klären: Was ist meine persönliche Motivation? Wie viel Zeit habe ich? Was möchte ich tun?

Neben den deutschen Tafeln, bei denen Lebensmittelspenden immer willkommen sind, haben einige größere Städte Deutschlands ein Winternotprogramm gestartet, etwa Hamburg, um obdachlose Menschen mit warmen Mahlzeiten zu versorgen. In Berlin gibt das Franziskanerkloster Pankow beispielsweise an sechs Tagen die Woche Essen aus. Für das Entgegennehmen von Sachspenden wie Kleidung wurden konkrete Zeitfenster eingerichtet. Die Berliner Obdachlosenhilfe bietet unter anderem eine Hotline für obdachlose Menschen während der Pandemie. Aktive Freiwilligen-Tätigkeiten sind aufgrund der Coronapandemie nicht überall und teilweise nur begrenzt möglich.

4. Dich selbst und andere informieren

Erleben
Queerstadtein: Ehemals obdachlose Stadtführer*innen berichten vom Leben ohne eigenem Dach über dem Kopf. Sie zeigen die Orte im öffentlichen Raum, an denen sie einmal gelebt haben. Aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens werden derzeit nur digitale Formate angeboten.

Lesen
„Ein mittelschönes Leben“ von Kirsten Boie und Jutta Bauer erzählt die Geschichte eines Mannes, der ein angenehmes Leben führte und dann in die Obdachlosigkeit rutscht.

Unter Palmen aus Stahl: Die Geschichte eines Straßenjungen: von Dominik Bloh und Axel Martens: Dominik Bloh war noch ein Teenager, als seine Geschichte auf den Straßen Hamburgs begann. Heute ist er Gründer der Duschbus-Initiative für obdachlose Menschen GoBanyo

Hören
Podcasts sind eine tolle Quelle, um sich über alles Mögliche zu informieren. Das Thema Obdachlosigkeit wird zum Beispiel in diesen Formaten behandelt:

Unter freiem Himmel – Obdachlos in Berlin

Dominik Bloh zu Gast bei Sinneswandel

Sehen
Auch das Fernsehen oder Online-Formate wie Funk berichten über wohnungslose Menschen und zeigen, welche Schicksale hinter den Menschen und ihrer Situation stecken. 

ZDF-Doku: Wie der letzte Penner?– Obdachlos in Deutschland

Arte-Doku: Unser Haus! Kölner Obdachlose helfen sich selbst

Funk-Doku: Obdachlos im Winter: Rettung vor dem Kältetod

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Informiere auch andere über Obdachlosigkeit, sobald du dich selbst besser mit dem Thema auseinandergesetzt hast. Vielen Menschen fällt es schwer, für obdachlose Menschen Sympathie zu entwickeln, da sie die vielen negativen Vorurteile verinnerlicht haben. Du könntest etwa eine*n Freund*in oder Kolleg*in ansprechen, wenn er*sie ein Vorurteil anbringt.