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19 November 2020 / Lesezeit: 5 minuten

„Bag4good Lesvos“: Im Gespräch mit Gründer Jens Feddersen

„Das System ist einfach nur pervers“

Hoffungslos: Das neue Geflüchtetenlager auf Lesbos wurde auf einem planierten Truppenübungsplatz errichtet. Wenn es regnet, stehen die Zelte unter Wasser.

Bild: Judith Büthe

Bild: Judith Büthe

Nach dem Brand im Geflüchteten-Camp Moria ist die Situation auf Lesbos schlimmer denn je. Jens Feddersen berichtet über eine Asylpolitik, die menschliches Leid wohlwissend in Kauf nimmt, und seinen Willen, dagegenzuhalten.

Jens, zusammen mit Judith Büthe hast du 2019 die Bochumer Initiative „Bag4good Lesvos“ gegründet, um den Geflüchteten auf Lesbos zu helfen. Ende September warst du eine Woche vor Ort und hast auch das neue Camp Kara Tepe besucht, wie ist die Situation?

Jens Feddersen: Ernüchternd bis erschreckend. Es gibt weder Duschen noch andere Sanitäranlagen. Die Leute müssen ins Meer gehen, um sich und ihre Sachen zu waschen. Essen wurde täglich nur eine Viertelstunde lang ausgegeben – wer zu spät kam, ging leer aus. Außerdem steht das Camp auf einem alten Truppenübungsplatz, der planiert und mit grobem Kies und Schotter aufgeschüttet wurde. So ein Geröllboden kann kaum Wasser aufnehmen. Als kurz nach unserer Rückkehr nach Deutschland der erste Herbstregen kam, erreichten uns wie erwartet sehr schnell die Bilder: Das Camp stand nach nur vier Stunden zu 90 Prozent unter Wasser. Die Leute haben mit Schüsseln und Stiefeln Wasser aus ihren Zelten geschippt, damit sie das bisschen, das sie vor dem Feuer retten konnten, nicht auch noch verlieren.

Jens Feddersen, 50 Jahre, Besitzer der linksalternativen Bochumer Bar Freibeuter, engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich, derzeit vor allem für Geflüchtete auf der griechischen Insel Lesbos. Gemeinsam mit der Fotojournalistin Judith Büthe hat er vor einem Jahr die Initiative „Bag4good Lesvos“ gestartet. Ende 2019 fuhren Jens und Judith nach Lesbos, um dort Schlafsäcke und Decken für den Winter zu verteilen, nach dem Brand des Lagers Moria sammelten sie nun erneut Spenden für die Geflüchteten.
Bild: Judith Büthe

Ist die Lage schlimmer als im abgebrannten Camp Moria?

Sie ist viel schlimmer. Auch deshalb, weil es nach dem Brand kurz Hoffnung gab. Viele Menschen dachten sich: Jetzt, da alle unser Leid wahrgenommen haben, werden wir evakuiert. Und das wäre damals die einzig richtige, humane Reaktion gewesen und ist es auch heute noch. Die Menschen leiden schon seit Jahren und gehen langsam vor die Hunde, manche warten seit Jahren auf ein Erstgespräch für ihr Asylverfahren. Das darf nicht sein! Wir möchten zeigen, was dort schiefläuft. Daher sind Judith und ich im September auf eigene Kosten nach Lesbos geflogen. Judith hat fotografiert und für Radio Bochum kleine Beiträge gemacht, bei ZDFtivi waren wir im Jugendformat Die WG, für das ich im abgebrannten Lager Moria und im neuen Camp gefilmt habe. Nach unserer Rückkehr gab es einen ausführlichen Bericht in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Und auf Lesbos selbst: Wie habt ihr dort die Geflüchteten unterstützt?

Einen Tag nach dem Brand erreichten uns die ersten Anfragen von Menschen, die helfen wollten. Wir wussten damals selbst noch gar nicht, was zu tun ist, und haben einfach mal eine Betterplace-Seite für Spenden eingerichtet – schon nach einer Woche hatten wir 8.000 Euro gesammelt. Zunächst hofften wir noch, dass die Geflüchteten rausgeholt und auf andere EU-Staaten verteilt werden. Doch wie befürchtet kam es dazu nicht. Stattdessen verweigerte die Regierung den Menschen die Essensausgabe, ging scharf gegen NGOs und Inselbewohner*innen vor, die Nahrung und Wasser an die Geflüchteten verteilen wollten. So wollten sie die Leute in das neue Lager zwingen. Wir haben daher unsere Spenden hauptsächlich an Siniparxi überwiesen, eine NGO, die sich auf Lesbos unter anderem um die Nahrungsmittelversorgung Geflüchteter kümmert. Die Helfer*innen geben Essen aus, kochen Mahlzeiten und organisieren die Verteilung von Lebensmittelpaketen.

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Die Lage im neuen Camp Kara Tepe sei schlimm, sagt Jens Feddersen. Besonders bedrückend ist die Hoffnungslosigkeit für die Kinder dort.
Bild: Judith Büthe

Ihr arbeitet also mit NGOs vor Ort zusammen?

Ja, denn man braucht auf jeden Fall eine Struktur vor Ort. Der NGO Attika Human Support schicken wir zum Beispiel Schulmaterialien, die sie an die Wave of Hope School weitergibt. Das ist eine Schule, die Geflüchtete aus dem Nichts aus dem Boden gestampft haben, ohne Hilfe von NGOs oder der griechischen Regierung. Dort bieten sie Kurse an: von Fremdsprachen über Mathematik bis hin zu Malkursen. Auch die sind wichtig, dort dürfen Kinder wenigstens ein bisschen Kind sein. Viele Menschen sind traumatisiert – nicht nur wegen der Kriege, vor denen sie geflohen sind, sondern auch wegen der Scheiße, die sie auf der Flucht erlebt haben. Und die Situation auf Lesbos, so bestätigen es auch Ärzt*innen vor Ort, traumatisiert sie erneut: diese völlige Hoffnungslosigkeit, diese tristen Tage, dieser Irrsinn, der irgendwann Alltag wird, aber kaum zu ertragen ist. Das war schon in Moria die Grundsituation. Und das gehört zum Konzept der gesamten EU-Asylpolitik.

Wie meinst du das?

Als ich erneut dort war, wurde mir klar: Es liegt gar nicht an der Inkompetenz der griechischen Behörden, dass sie das einfach nicht auf die Kette bekommen. Nein, das soll so sein, sie wollen damit abschrecken. Man hält die Menschen wie Gefangene, wie Tiere. Aber man lässt ihnen ihre Handys, damit sie auf jeden Fall die Bedingungen dokumentieren und das verbreiten können, um andere abzuschrecken. Das System ist so pervers, dass man daran wirklich verzweifelt. Ich habe lange nicht verstanden, dass alles so gewollt ist. Aber es erklärt für uns auch, warum es so schwierig ist, den Leuten vor Ort zu helfen. Selbst wenn man Spenden sammelt, mit Schlafsäcken hinfährt wie wir: Man arbeitet immer gegen den Willen der Regierung – und teilweise auch gegen den Willen der EU.

Zeit totschlagen: Geflüchtete warten mitunter Jahre auf ihr Erstgespräch im Asylverfahren. Bild: Judith Büthe

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Wie bist du zum Helfer für Geflüchtete geworden?

Seit 25 Jahren arbeite ich in der Bochumer Gastronomie, seit 15 Jahren betreibe ich mit meiner ehemaligen Partnerin den Freibeuter, ein linksalternatives Lokal. Als ich 2006 im Radio hörte, dass Kinderarmut in Deutschland wächst, startete ich meine erste Aktion: eine Spielzeugsammlung für Kinder aus sozial benachteiligtem Umfeld. Daraufhin kamen immer wieder Gäste auf mich zu. Zum Beispiel ein Stammgast mit seinem Hilfsprojekt in Gambia, für das wir gesammelt haben, um Medikamente in einem Konvoi dorthin zu fahren. Und schließlich erzählte mir eine Frau, ebenfalls Stammgast bei uns, von einer Freundin, die in der Seenotrettung aktiv war.

Wann war das?

Vor drei Jahren, 2017. Daraufhin habe ich mich viel mit der Situation auf dem Mittelmeer auseinandergesetzt und schließlich gemeinsam mit anderen Leuten, auch mit Judith, einen Verein gegründet. 2018 waren wir das erste Mal auf Lesbos. Seither sind wir in engem Austausch mit NGOs und Aktivist*innen auf der Insel, unter anderem mit der Hamburger Fotojournalistin und Freundin Marily Stroux, die aus Griechenland kommt und sowohl in Deutschland als auch auf Lesbos lebt. Sie war es, die uns im Herbst 2019 geschrieben hat. Damals lebten 13.000 Menschen im Camp Moria, Geflüchtete und Helfer*innen hatten Angst vor dem Winter. Es mangelte an Decken und Schlafsäcken. Ich selbst hatte wiederum seit 15 Jahren einen Schlafsack im Keller, den ich so gut wie nie benutzt hatte. Da dachte ich mir: Wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Wir können helfen. Tatsächlich hatten gar nicht so viele Leute Schlafsäcke, die sie spenden wollten. Aber aus ganz Deutschland haben Menschen Geld gespendet, damit wir neue Schlafsäcke und Decken kaufen konnten. Im Dezember 2019 haben wir 1.500 Schlafsäcke und Hunderte Decken auf Lesbos verteilt. Einen Teil haben Judith und ich mit einem Transporter hingefahren.

Der Alltag im Lager ist hart, denn es mangelt an vielem.  Jens Feddersen und Judith Büthe wollten helfen und gründeten 2019 die Bochumer Initiative „Bag4good Lesvos“.
Bild: Judith Büthe

Habt ihr das alles zu zweit gestemmt?

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Im Wesentlichen waren wir damals zu zweit, aber wir hatten punktuell Hilfe, ein richtiges Netzwerk: Manche Leute haben uns ihre Kellerräume zur Verfügung gestellt, wo wir die gespendeten Schlafsäcke erst einmal sammeln konnten. Jetzt gründen wir gerade einen Verein und streben auch die Gemeinnützigkeit an. Denn wir möchten rechtlich abgesichert sein. Mit der jetzigen Aktion haben wir mehr als 16.000 Euro Spenden gesammelt – und müssten die Einnahmen ab 20.000 Euro privat versteuern. Wir wollen langfristig helfen, wenn wir sehen, dass wir etwas tun können.