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30 March 2017 / Lesezeit: 3 minuten

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„Daran muss kein Kind mehr sterben“

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Noch immer bringen banale Krankheiten unzähligen Kindern auf der Welt den Tod – Dr. Bärbel Reckhardt will das stoppen

Titelbild: Claire Louise Thomas / Image Incubator, Eder Garrido

80.000 Kinder sterben in Südafrika jährlich, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben. Der Grund: banale Kinderkrankheiten sowie Komplikationen bei Durchfall und Atemwegsinfektionen. Ein unhaltbarer Zustand, den Dr. Bärbel Reckhardt mit ihrem Start-up i-MED vision ändern möchte

Frau Dr. Reckhardt, Sie möchten mit ihrem Start-up „i-MED vision“ die Gesundheit von Kindern in Schwellen- und Entwicklungsländern verbessern. Woran erkranken Kinder in diesen Ländern überwiegend?

In Südafrika beispielsweise sterben jedes Jahr 80.000 Kinder im Alter unter 5 Jahren an den Komplikationen banaler Erkrankungen. Sie sterben an Durchfallkrankheiten, an Atemwegsinfektionen, an Tuberkulose. Das sind alles Krankheiten, die man gut behandeln kann und an denen ein Kind heutzutage nicht mehr sterben muss.

Ist das Gesundheitssystem in Südafrika so mangelhaft?

Im Gegenteil: Südafrika hat eigentlich ein hervorragendes Gesundheitssystem – nur haben die Menschen in den Townships leider keinen Zugriff auf eine ausreichende medizinische Versorgung. Es gibt für die Kinder keine regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, wie bei uns in Deutschland. Deshalb ist es ein großes Problem, dass grundlegendes medizinisches Wissen in der Bevölkerung fehlt. Ganz konkret: Die Eltern wissen einfach nicht, wann sie ein Kind zum Arzt bringen müssen.

Wie wollen Sie das verändern? Sie können ja schlecht ein flächendeckendes Ärzte-Netz für die Slums aufbauen.

Wir wollen das medizinische Wissen und den Zugang zu vorhandenen Ärzten verbessern. Dafür nutzen wir vor allem digitale Lösungen, wie E-Learning und Telemedizin, denn so können die notwendigen Informationen zentral von einer Stelle verbreitet, gepflegt und aktualisiert werden.

Wer ist die Zielgruppe Ihrer Arbeit?

Wir sehen Kindergärtnerinnen als entscheidende Multiplikatorinnen an. Sie sind die Personen, die täglich mit den Kindern zusammen sind und somit wichtige Bezugspersonen für die Kinder und deren Familien darstellen. Wir wollen sie deshalb so ausbilden, dass sie Erkrankungen rechtzeitig erkennen um Komplikationen vorzubeugen. Zudem wollen wir sie befähigen, Entwicklungsauffälligkeiten, Seh- oder Hörstörungen und Anzeichen von Gewalt zu bemerken. So können die Kinder rechtzeitig einem Arzt zur Behandlung vorgestellt werden.

Und wie wollen Sie das medizinische Wissen konkret vermitteln?

Für die Ausbildung der Kindergärtnerinnen haben wir eine E-Learning-Plattform entwickelt, die ergänzend zu Veranstaltungen vor Ort funktioniert. Zudem programmieren wir gerade eine App für Eltern, in der nach Eingabe der Symptome eine mögliche Diagnose genannt wird und erste Maßnahmen für die richtige Versorgung der Kinder vorgeschlagen werden.

Grenzt die Verwendung von Technik nicht gerade die armen Bevölkerungsteile aus?

Erstaunlicherweise nicht. Selbst in den Townships Südafrikas sind Smartphones, Tablets und Handys sehr weit verbreitet. Wir wollen sie deshalb nutzen und die medizinische Expertise in die schlecht versorgten Gebiete bringen.

Kommen wir zurück zu den Ärzten. Wie sollen die Menschen in den Township zukünftig besser behandelt werden?

Das Gesundheitssystem in Südafrika ist so aufgebaut, dass die sogenannten Day Clinics die erste Anlaufstelle bilden. Diese kleinen Gesundheitszentren werden von Krankenschwestern geleitet. Wir setzen bei diesen sogenannten Nurses als weiteren Hebel an, denn sie sind diejenigen, die die Patienten primär versorgen. Ihnen steht ein Arzt ungefähr einmal in der Woche vor Ort zur Verfügung. Mit unserer Telemedizin-Software können dem Arzt Befunde, Fotos und Videos zugeschickt und er bei Bedarf per Chat um Rat gefragt werden.

Wie weit sind sie mit der Umsetzung vor Ort?

Wir arbeiten in einem Pilotprojekt mit einer Day Clinic in einem Township mit 16.000 Menschen zusammen. Wir wollen zudem Ende 2018 eine eigenes Gesundheitszentrum inklusive Kindergarten, Heilpflanzen- und Gemüsegarten sowie einer WLAN-Station eröffnen, die ebenfalls von einer Krankenschwester geleitet wird. Das i-MED-Gesundheitszentrum soll zur Anlaufstelle werden, wenn Eltern Fragen haben und die persönliche Verbindung zwischen i-MED vision und der Bevölkerung sein, da ohne ein persönliches Vertrauen unsere Arbeit nicht funktioniert. Über dieses Pilotprojekt wollen wir zeigen, dass unser Ansatz funktioniert. Um dies auch wissenschaftlich untermauern zu können, wird unsere Arbeit universitär begleitet.

Das klingt alles nach einem sehr großen Aufwand – auch finanziell.

Wir finanzieren uns überwiegend aus Spendengeldern und eigenen Mitteln. Wir haben uns gerade zu Anfang erst einmal auf zweckgebundene Drittmittel verzichtet, um frei arbeiten zu können. Uns ist ganz klar: Eine gemeinnützige Organisation kann sich nicht nur durch Spendengelder finanzieren.

Sondern?

Wir möchten das i-MED-vision-Konzept Regierungen und Organisationen anbieten, um darüber Umsätze zu erzielen. Einen kleinen Anfang haben wir mit dem Verein Cardus e.V. gemacht, der sich als medizinische Institution in Syrien engagiert und bei seiner Arbeit unsere Telemedizin-Software nutzt. Bevor wir diesen Weg jedoch mit mehreren Partnern gehen können, möchten wir vorher unser Konzept in unserem Pilotprojekt noch weiter erproben. Unser Ziel ist es, dass i-MED vision in jedem Entwicklung- und Schwellenland einsetzbar ist.