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1 Juli 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Rekonstruktive Chirurgie

Ein neues Gesicht für Abiskar

Der plastische Chirurg Larry Nichter gründete Mission Plasticos, um Opfern überall auf der Welt nachhaltigen und unabhängigen Zugang zu rekonstruktiver Chirurgie zu ermöglichen.

Illustrationen: Larissa Hoff

Illustrationen: Larissa Hoff

In vielen Ländern haben Patient*innen mit Deformationen keinen Zugang zu rekonstruktiver Chirurgie. Die NGO Mission Plasticos behandelt Opfer von Verbrennungen und andere versehrte Menschen umsonst auf der ganzen Welt.

Der achtjährige Abiskar Adhikari spielte an einem offenen Feuer, als der Unfall passierte: Die Flammen verbrannten sein ganzes Gesicht. Die Haut schmolz so stark, dass seine Nase völlig verformte – alle Züge zerflossen, und zurück blieb ein Narbengeflecht.

Abiskar lebt in Nepal. Laut einer Studie der nepalesischen Chirurgen Sanjib Tripathee und Surendra Jung Basnet, die 2017 von der Oxford University Press veröffentlicht wurde, sind Verbrennungen eine der häufigsten Ursachen für schwere Verletzungen und Todesfälle in Nepal. In acht verschiedenen, von den Ärzten ausgewerteten Studien lag die Sterblichkeitsrate behandelter Verbrennungsopfer zwischen 4,5 und 23,5 Prozent. Häufig werden die Opfer erst Wochen nach ihren Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht, viele werden nie behandelt oder sterben sofort an ihren Verletzungen. Ein großes Problem in Nepal und allen Entwicklungsländern weltweit ist auch der große Mangel an plastischen Chirurg*innen, also Ärzt*innen, die beschädigte Gewebeteile und Organe durch Mittel wie Hauttransplantation rekonstruieren.

Zugang zu rekonstruktiver Chirurgie: akute Behandlung reicht nicht

Seit Beginn der 80er-Jahre volontierte der US-amerikanische plastische Chirurg Larry Nichter in Organisationen weltweit, um Opfer von Verbrennungen und andere Menschen mit Deformationen umsonst zu behandeln. „Dabei stellte ich jedoch fest, dass die Methode, Deformationen akut zu behandeln und dann wieder zu gehen, nicht effektiv ist. Nachbehandlung ist absolut notwendig, um sich um etwaige Komplikationen zu kümmern. Und nur, weil man ein paar Menschen behandelt hat, bringt das nachhaltig nicht genug, denn es werden unzählige andere Menschen folgen. Noch schlimmer ist es, dass sich so eine Abhängigkeit von externer Hilfe entwickelt.“ Also beschloss er, Mission Plasticos zu gründen, eine NGO, in der Mediziner*innen, Krankenschwestern und anderes medizinisches Personal aus aller Welt international Patient*innen umsonst behandeln, die durch Armut, mangelnde Infrastruktur und mangelnde Behandlungsmöglichkeiten keinen Zugang zu ärztlicher Hilfe haben. Das können Verbrennungsopfer sein, aber auch Kinder, die mit Lippen- oder Gaumenspalten geboren werden und dadurch nicht richtig essen, atmen oder sprechen können.

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Training in plastischer Chirurgie

Gleichzeitig trainiert die NGO vor Ort Ärzt*innen in plastischer Chirurgie und tauscht gegenseitig Wissen und technische Fähigkeiten aus. So soll langfristig gewährleistet werden, dass eine nachhaltige Gesundheitsversorgung entsteht. In manchen Ländern wie Kenia sind so umfassende Ausbildungsprogramme für Mediziner*innen neu entstanden. Um auch die Ursachen von Verletzungen wie Verbrennungen präventiv zu bekämpfen, organisiert Mission Plasticos gerade gemeinsam mit der Universität Washington und anderen Akteuren einen weltweiten Hackathon, um alternative, sichere und günstige Heiztechnologien zu finden, die in ländlichen Regionen von Nepal die gefährlichen Hausfeuer ersetzen könnten.

Dr. Nichter (links) und seine Kolleg*innen der NGO Mission Plasticos im Einsatz. Die NGO tauscht stets Expertise  mit lokalen Mediziner*innen aus.

Zugang zu rekonstruktiver Chirurgie: Wieder lächeln können

Der kleine Abiskar in Nepal wurde von Chirurg*innen der NGO im Kirtipur Hospital in Kathmandu operiert. Heute sieht man ihm die Verbrennungen zwar noch an, aber seine natürlichen Gesichtszüge wurden wieder hergestellt: Er ist ein hübscher Junge, trotz der Narben kann er frei sprechen und lächeln. Doch nicht alle haben so viel Glück wie Abiskar.

Einmal wurde ein 17-jähriges Mädchen erst drei Wochen nach ihrer schweren Verbrennung in das Kirtipur Hospital eingeliefert. Plasticos-Ärzt*innen behandelten sie, doch es war zu spät: Durch die vielen Wunden hatte sie bereits eine Blutvergiftung, an deren Folgen sie starb. Auch Kinder, die ihre Verbrennungen überleben, haben mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. „Manche verlassen ihr Zuhause nicht mehr und gehen nicht in die Schule“, erzählt Larry Nichter. Kinder wie Erwachsene würden dadurch sozial isoliert und fänden keine Partner*innen, was wiederum zu Armut und Ausgrenzung führe.

Mit manchen Ländern hat die NGO, die komplett von privaten Spenden finanziert wird, eine langjährige Kooperation, darunter Nepal, Guatemala und Kuba. Bei solchen langfristigen Projekten geht es Plasticos auch darum, nachhaltige Finanzierungsmodelle für hiesige Initiativen und ärztliche Einrichtungen zu schaffen: Oft ist auch die Ausstattung in den lokalen Krankenhäusern ein Problem. Die empfindliche Technologie leidet durch die teils extremen Temperaturbedingungen im Globalen Süden, und oft mangelt es an Spezialist*innen, die die Maschinen reparieren könnten. Aus diesem Grund hat die NGO in Nepal auch Medizintechniker*innen auf einen Einsatz mitgebracht, um kaputte Maschinen zu reparieren und das Personal vor Ort zu schulen.

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Globale Einsätze abgesagt

Mit dem Ausbruch der Coronakrise kam die Arbeit von Mission Plasticos jedoch auf einmal zum Stillstand. Gerade begonnene Missionen mussten abgebrochen werden, alle globalen Einsätze für das restliche Jahr sind vorerst abgesagt. „Unser Sitz ist in Kalifornien und wir haben sofort eine Liste über die ganze medizinische Ausstattung, über die wir verfügen und die für die Behandlung der Covid-19-Patient*innen von Nutzen sein könnte, zur Verfügung gestellt. Auch wenn wir wussten, dass es uns sehr stark zurückwerfen würde, all diese Ausstattung aufzugeben“, erzählt Doktor Nichter am Telefon.

Er und sein Team behandeln trotz des Lockdowns in den USA Patient*innen in einem lokalen Hilfsprogramm, das auch während der Pandemie fortgeführt wird. „Es gibt unzählige Menschen in den USA, darunter viele Migrant*innen, die hier in unverzichtbaren und systemrelevanten Berufen arbeiten, aber keinerlei Krankenversicherung besitzen, oder zu arm sind, um sich behandeln zu lassen“, erklärt Nichter. Viele hätten zudem Angst, nach einem Arztbesuch ausgewiesen zu werden, weil sie keine Aufenthaltserlaubnis besitzen.

So auch die Mexikanerin Guadalupe Zumido, die es sich als junge Frau Anfang 20 nicht leisten konnte, die Zysten in ihren Brüsten in den USA entfernen zu lassen. Sie unterzog sich einer billigeren Operation in Mexiko, die jedoch schlecht durchgeführt wurde und chronische Schmerzen bei ihr verursachte. Teile ihrer Brüste waren entfernt worden. 2019 wurde sie von Mission Plasticos operiert, ihre Brüste wurden rekonstruiert. „Es ist ein Wunder“, sagt Zumido heute. Sie spürt nun keine Schmerzen mehr.

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