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30 August 2019 / Lesezeit: 6 minuten

Gentrifizierung

…und Du bist raus

Die Ungleichheit auf dem Wohnungsmarkt in München und anderen Städten steigt und lässt die Lücke zwischen “arm und reich” immer größer werden

TITELBILD: ELIAS KEILHAUER / UNSPLASH

TITELBILD: ELIAS KEILHAUER / UNSPLASH

Die Gefahr, aus der Stadtgesellschaft zu fallen, wächst. Wir haben in München beobachtet, wie sich Initiativen einsetzen. Für mehr Teilhabe, Ausgleich, Miteinander

Tief Axel zieht ab. Endlich. Die ganze Woche hat es geregnet. Samstagvormittag schieben sich zum ersten Mal wieder Sonnenstrahlen durch die Wolken. Am Kiosk auf der Reichenbachbrücke stehen Münchner*innen bereits Schlange. Die einen treffen sich dort auf einen ersten Cappuccino. Die anderen packen sich Schnitzelsemmel und ein kühles Tegernseer für einen entspannten Tag an der Isar ein. Dass auf der anderen Straßenseite ein Mann auf einer Hebebühne Farbkleckse von Wänden und Fenstern kratzt – geschenkt. Der große Protest gegen die noblen Glockenbach-Suiten in der Erhardtstraße 1 ist vorbei. Auch wenn der Kampf um gleiche Chancen auf dem Wohnungsmarkt weitergeht.

Für Maximilian Heisler, Vorstand des Bündnisses Bezahlbares Wohnen, stehen wir so gut wie an einem Scheidepunkt. München ist deutschlandweit die Großstadt mit den teuersten Wohnungspreisen und den höchsten Mieten. Der Groll darüber wächst. War die erste Farbattacke auf die Glockenbach-Suiten „vielleicht noch ganz lustig“, flogen bei der zweiten schon keine Paintballkugeln mehr, sondern mit Farbe gefüllte Flaschen. Ein Sicherheitsmann wurde getroffen, das Haus von 20 Maskierten gestürmt. Auch Immobilienagenturen werden zum Ziel, Steine und Kanaldeckel fliegen nachts durch Fensterscheiben. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns das Thema nicht wegnehmen lassen“, sagt Heisler. „Was wir brauchen, sind keine radikalen Nacht- und Nebelaktionen von Einzelnen, sondern ein demokratischer Austausch der Vielen bei Tageslicht.“

Wir brauchen keine radikalen Nacht- und Nebelaktionen

Ungleichheit – auf dem Münchner Wohnungsmarkt lässt sie sich besonders gut greifen. Menschen, die mitunter seit Jahrzehnten in der Stadt leben, können sie sich plötzlich nicht mehr leisten und fallen aus der Stadtgesellschaft raus. Doch wer mit offenen Augen durch die Straßen läuft, merkt wie Camilla Lopez: „Ungleichheit tritt generell stärker zu Tage.“ Um den Wandel auf Bildern festzuhalten, hat sich die Kunstvermittlerin im vergangenen Herbst mit zehn Hobby- und Profifotograf*innen zu mehreren Foto-Walks getroffen. Anstoß war die Ausstellung „Unequal scene“ von Johnny Miller im Ausstellungsraum Kösk. Der US-amerikanische Fotograf dokumentiert mit einer Drohne die Grenzverläufe zwischen Wellblechhütten und Villen, in Mumbai wie in Mexiko City, in Nairobi wie in Detroit.Die Gruppe zog durch den Alten botanischen Garten, Drogensüchtige und Dealer*innen hängen neuerdings auf den Parkbänken und Wiesen ab, trotz restriktiver Drogenpolitik hat Bayern im Bundesländervergleich die meisten Drogentoten. Gleich daneben erheben sich die weißgetünchten Häuser der Lenbachgärten – vom Bauherrn als Premium-Stadtquartier beworben, Concierge- und Hotelservice inklusive. „Es sind zwar keine Zäune drumherum“, so Lopez, „doch es fühlt sich wie eine gated community an.“ Reiche unter sich. In Neuperlach, im Osten der Stadt, steht „The Wall“. Aus Angst vor einem Heim für unbegleitete minderjährige Geflüchtete pochten die Bewohner*innen einer angrenzenden Reihenhaussiedlung auf den Bau einer Steinmauer. Jetzt steht sie da: 4 Meter hoch, 80 Meter lang. In Pasing, im Westen der Stadt, haben Obdachlose den Eingang eines leerstehenden Kaufhauses mit ihren Matratzen erobert – gleich daneben eine polierte Shoppingmall mit 150 Geschäften und 28 Restaurants. „Es liegt an uns, wie es weitergeht“, so Lopez. Wegschauen oder sich dafür einsetzen, dass die Lebenswelten nicht weiter auseinanderdriften.

Heisler ist zuversichtlich. Manchmal zumindest. Bei der „Ausspekuliert“-Demo, die er im vergangenen September mitorganisiert hat, liefen geschätzt 11 000 Menschen durch die Innenstadt, um gegen soziale Ausgrenzung und für bezahlbaren Wohnraum zu protestieren. Doch das breite Engagement ebbt schnell wieder ab. „Vermeintlich gibt es Wichtigeres zu tun“, so der 31-Jährige. Und sei es, am Wochenende in die Berge zu fahren, um am Montag wieder senkrecht im Job zu stehen. Dabei trifft es mittlerweile auch Menschen mit guter Ausbildung und gutem Gehalt. Hyper-Gentrifizierung: Die Reichen verdrängen die Bessergestellten, die gerade erst die Menschen mit niedrigerem Einkommen aus ihren Altbauten vertrieben haben. „Fühlt sich an, wie wenn du auf einem Schachbrett stehst“, sagt Heisler, „plötzlich kommt von oben eine übergroße Hand und schlägt dich aus dem Spiel.“

Hypergentrifizierung: Die Reichen kicken die Bessergestellten aus dem Spiel

Kompromisse für eine lebenswerte Stadt

Für Heisler geht es nur gemeinsam. Alle müssen an einen Tisch. Um festgefahrene Bilder zu dekonstruieren: Mietnomad*innen, die Wohnungen runterrocken. Gierige Eigentümer*innen. Schmierigere Spekulant*innen. „Stimmt in den wenigsten Fällen“, so Heisler, der schon etliche Male zwischen den einzelnen Gruppen Kompromisse ausgehandelt hat. Aber auch um Möglichkeiten auszuloten, Viertel für Viertel, Straßenzug für Straßenzug. Und um sich auszutauschen: Was macht eine lebenswerte Stadt aus, wie viel Ungleichheit und wie viel Gleichheit halten wir aus? Bei seinen Stadtführungen durch Untergiesing kommt er an 44 Design- und Architekturbüros vorbei. Die alte Backstube, die Schusterei, die Kutscherhäuschen von 1840 – weg. Beim Argument „Verdrängung hat es schon immer gegeben, ein normaler Prozess“, zuckt Heisler mit den Schultern. „Mag sein, aber sollen wir es deswegen laufen lassen?“ Für Grundrechte einstehen, für lebenswerte und soziale Bedingungen kämpfen, ist eher sein Ding. Insbesondere weil eine Wohnung „nach wie vor Dreh- und Angelpunkt ist“. Die Basis für ein gelingendes Leben. Etwas, worauf alles andere aufbauen kann.
Heisler steht mit seinem Engagement nicht allein da. Es gibt in München Initiativen, die sich dem Thema Ungleichheit stellen. Etliche sogar. Ihnen allen geht es um Teilhabe. Vernetzung. Austausch. Sichtbarmachen. Ausgleich. „Kulturraum München“ verteilt Tickets für Konzerte, Theater und Ballett an Menschen mit geringem oder keinem Einkommen. „Die gute Stube“ möchte verhindern, dass Senior*innen einsam und abgehängt zu Hause hocken, ihr Motto: „Bleib neugierig oder geh sterben!“. „Wohnsinn“ setzt gerade ein selbstverwaltetes Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung um. „Münchner Selbstverständlichkeiten“ fordert gleiche Löhne und gleiche Beförderungsprozesse für alle. „Karla 51“ fängt obdachlose Frauen auf – die meisten Wohnprojekte in der Stadt richten sich an Männer. „Import Export“ bietet in seinen Räumen der Subkultur ein Zuhause, die neben der Hochkultur im teuren München nur schwer bestehen kann. Das „Bündnis Bedingungsloses Grundeinkommen“ befeuert die Debatte, wie wir in 10, 20, 30 Jahren miteinander leben wollen – wird die zunehmende Digitalisierung unsere Gesellschaft noch mehr entzweien?

Weniger Geld, weniger Möglichkeiten

Die Münchner Aktionswerkstatt Gesundheit (MAGs) widmet sich dem Thema Gesundheit in der Stadt: Sie will dafür sorgen, dass wenig verdienen nicht zwangsläufig bedeutet, ungesünder, und kürzer zu leben. Wer wenig Geld hat, wohnt in der Regel beengt an einer befahrenen Straße. Vielleicht in feuchten, schimmligen Wänden. Zum Einkaufen geht es zum Discounter. Medizinische Zusatzleistungen sind nicht drin. Eine Massage zur Entspannung zwischendurch, ein Abo für ein Yogastudio – undenkbar. Hinzu kommt: Schlecht bezahlte Arbeit ist oft körperliche Arbeit. Nicht zu wissen, wie man über die Runden kommen soll, verursacht Ängste und Stress. Ganze acht Jahre weniger Leben, so das Robert Koch-Institut, liegen zwischen den Einkommensschwächsten und Spitzenverdienenden.

Um hier entgegenzuwirken, abzumildern, zieht MAGs nach und nach durch die Viertel der Stadt. Vernetzt sich mit Initiativen vor Ort. Schaut, was bereits da ist, was die Bewohner*innen am dringendsten brauchen. „Das kann sehr unterschiedlich sein“, so MAGs-Geschäftsführerin Irmtraud Lechner. Ein urbaner Garten, um gesundes Obst und Gemüse anzubauen. Ein Bolzplatz zum Kicken, gut gelegen, damit sich die Älteren nicht daran stören. Ein Nachbarschaftstreff, in dem mittags gemeinsam gekocht wird. Eine Selbsthilfewerkstatt, in der Bewohner*innen ihre kaputten Fahrräder flicken. Frühstück für Schulkinder, deren Eltern zu müde sind, morgens aufzustehen. Ein Kiosk, der nicht nur Wurstsemmeln anbietet und Brausestangen, sondern auch Schnittlauchbrot. Ein Gesundheitswegweiser im Netz, der schnell informiert: Gibt es in meinem Viertel auch Mediziner*innen, die Polnisch sprechen, Fußpfleger*innen für zu Hause? „Es ist sehr wichtig, nicht mit einem fertigen Produkt in die Viertel zu kommen“, so Lechners Teamkollegin Maike Schmidt, „oft können wir uns gar nicht vorstellen, in welch schwierigen Lagen sich Menschen befinden, was sie annehmen können und was nicht.“ Zudem sei das Gefühl, gehört und gesehen zu werden, „extrem wichtig“: Auch ich bin Teil der Stadt. Auch ich gehöre dazu.

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Aktuell ist MAGs auch in Freiham aktiv. Im Westen entsteht ein komplett neues Viertel auf der grünen Wiese für 25 000 Menschen mit Bildungscampus, Landschaftspark und 50 Prozent sozialem Wohnungsbau. „Die Kommune will nicht warten, bis es Probleme gibt“, sagt Lechner, „sondern mit gezielten Angeboten Armutsfolgen jetzt schon entgegenwirken.“ Beispiel: Kinder aus einkommensschwachen Familien. Sie haben oft kein eigenes Zimmer, in das sie sich für Schulaufgaben oder mit Besuch zurückziehen können. Schlechte Noten können die Folge sein, soziale Isolation oder Jugendgruppen, „die sich selbst überlassen sind“. Alkohol, Drogen. Nicht immer ist es einfach, alle Aktionen, Projekte, Programme wirklich umzusetzen. Die „Präventionskettenstruktur“, wie Lechner sagt, lückenlos zu schließen. Nicht zuletzt, weil es unterschiedliche Interessen gibt. „Sich für mehr Gleichheit und Gerechtigkeit einzusetzen, erfordert viel Energie“, sagen Lechner und Schmidt unisono, „man muss beharrlich sein.“

Es ist Abend geworden. Von der Isar geht es zurück ins Viertel. Der Fassadenmann ist weg, der silbergraue „Edelbunker“ wieder sauber. Das Café Wagners im Erdgeschoss hat geschlossen. Durch die Glasfronten schimmert nur noch der riesige, weiße Marmortresen, über den untertags Smoothies, Bowls und Fresh Salads gereicht werden. „Gentrifizierung macht die Stadt nicht nur teurer“, sagt Miet-Aktivist Heisler. Auch leiser. Einen Kilometer entfernt liegt die Geyerwalley. Die hat er vor fast genau vier Jahren übernommen. Eine echte Boazn, in der sich seit 60 Jahren abends das Viertel trifft und das Bier noch für drei Euro ins Halbliterglas fließt. „Non-Profit-Kneipe“, sagt Heisler dazu. „Doch wenn du gefragt wirst, ob du so ein solches Wohnzimmer erhalten willst, dann sagst du einfach ja.“