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15 April 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Kolumne: Mein erstes Mal

Ehrenamt während der Coronakrise

Die Berliner Tafel wurde 1993 gegründet, als erste der inzwischen über 950 Tafeln in Deutschland. Bis heute werden in Berlin über 300 soziale Einrichtungen beliefert, hauptsächlich durch die Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter:innen.

Bild: Catrin Schmitt

Bild: Catrin Schmitt

Unsere Autorin will sich auch während der Coronakrise sozial engagieren. Deshalb registrierte sie sich als Ehrenamtliche bei der Tafel.

Mein erster Einsatz bei der Berliner Tafel findet in der Zentrale im Ortsteil Moabit statt. In einer großen Lagerhalle kommen alle Lebensmittelreste und -spenden an. Ein Team aus Ehrenamtlichen sortiert alles, packt es in Tüten und fährt diese zu den Ausgabestellen, wo die Bedürftigen sie abholen können. Der Großteil der Nahrungsmittel stammt aus Supermärkten. Jeden Tag muss eine bestimmte Zahl an Lebensmitteltüten gepackt werden, je nachdem wie viel die Ausgabestellen geordert haben. Heute sind es 505. Eine ganze Menge, finde ich. Wir sind zu zehnt an dieser Station und haben nur wenige Stunden Zeit. Es ist neun Uhr morgens und am Nachmittag müssen alle 505 Tüten fertig zum Ausliefern sein.

Ich habe mich als freiwillige Helferin bei der Tafel gemeldet, weil ich mich stärker engagieren möchte. Regelmäßig unterschreibe ich Online-Petitionen und demonstriere für soziale Gerechtigkeit. Aber das reicht mir nicht mehr. Ich will direkt mit anpacken. In der Lagerhalle erklärt mir Miguel, der als Koordinator bei der Tafel angestellt ist, wie es läuft. Dann schnappe ich mir einen Wagen mit Kisten voller Tüten. Obst, Gemüse, Brot und ein paar Süßigkeiten sind in Kisten auf improvisierten Tischen aufgestellt. Wie im Supermarkt gehe ich mit meinem Wagen durch die Reihen und verteile die Lebensmittel gleichmäßig auf alle Tüten.

Jeden Tag werden bei der Berliner Tafel gerettete Lebensmittel von ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen sortiert, in Tüten gepackt und an Ausgabestellen und soziale Einrichtungen ausgeliefert.
Bild: Catrin Schmitt
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In Rezepten denken

Die Auswahl ist erstaunlich groß. Die Lebensmittel haben eine gute Qualität. Bei den vielen verschiedenen Obst- und Gemüsesorten möchte ich am liebsten in jede Tüte etwas von allem legen. Doch davon rät mir Miguel ab. „ Die Tüten wären dann viel zu schwer.“ Ich soll stattdessen darauf achten, dass die Zutaten so zusammen passen, dass man daraus Gerichte für mehrere Tage kochen kann. Ich muss also in Rezepten denken. So macht die Arbeit gleich mehr Spaß.

Wer wöchentlich Lebensmittel von der Tafel erhalten möchte, muss sich dafür bewerben und den Anspruch auf Bedürftigkeit nachweisen, etwa durch Renten- oder Grundsicherungsbescheide. In Berlin versorgt die Tafel aktuell etwa 125.000 Menschen über zwei Programme:  Bei „Berliner Tafel Klassik“ beliefert die Zentrale circa 300 soziale Einrichtungen wie etwa Frauenhäuser.  Und an den 45 Ausgabestellen von „Laib und Seele“ kann sich jede:r Bedürftige wöchentlich eine Lebensmitteltüte abholen. Zudem gibt es das Kinder- und Bildungsprogramm Kimba, das Kinderkochkurse anbietet.

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Gamechanger Corona

Die Pandemie ändert vieles: Im März 2020 wurden Kimba sowie der Betrieb in den meisten Ausgabestellen eingestellt. Zugleich schnellte die Zahl der Bedürftigen nach oben. „Um den Service weiterhin zu garantieren, haben wir die Arbeit von den Ausgabestellen – wo vorher auch Lebensmittel sortiert und verpackt wurden – fast vollständig in die Zentrale verlegt“, erzählt Jessica Vides. Sie koordiniert die Ehrenamtlichen in der Zentrale, also wer wann und wo eingesetzt wird. „Zunächst reichte der Platz nicht aus, deshalb haben wir zusätzlich eine große Lagerhalle angemietet. Von dort wurden die gepackten Tüten direkt zu den Bedürftigen nach Hause gefahren.“ Seit Juni haben nach und nach 42 der 45 Ausgabestellen den Betrieb wieder aufgenommen. Die Hygienebestimmungen wurden verschärft: Vor Ort tragen alle Maske, halten Abstand und desinfizieren regelmäßig ihre Hände. Nur die Kinderkochkurse finden immer noch nicht statt.

Seit Beginn der Pandemie gibt es viel Unterstützung: Mehr als  1.500 Personen registrierten sich innerhalb der letzten zwölf  Monate neu als Helfer:innen, ein Großteil davon bereits im Frühjahr 2020. Es sind vor allem Berliner:innen, die in Kurzarbeit geschickt wurden oder ihren Job verloren haben. Zu ihnen gehörte auch Miguel. Inzwischen ist er fest bei der Tafel angestellt. Vor der Pandemie hat Miguel freiberuflich als Filmkritiker und Aushilfslehrer gearbeitet, jetzt koordiniert er den Betrieb in der Zentrale. „Es kommen immer neue Ehrenamtliche, dadurch bleibt es abwechslungsreich. Alle sind sehr nett und wollen anpacken.“

Zu meinem Team gehören etwa ein junger Abiturient, ein zugezogener Kunststudent und eine pensionierte Berlinerin. Schneller als gedacht sind die 505 Tüten fertig. Anschließend räumen wir auf, einige bereiten schon den nächsten Tag vor. Zwischendurch gibt es ein kostenloses Mittagessen. Langweilig ist es hier nicht. Der routinierte Ablauf und die einfachen Handgriffe, mit denen ich die Tüten befülle, beruhigen mich. In den sechs Stunden Arbeit wird mein Kopf frei. Und ich bin stolz auf meine Arbeit. Ich werde bestimmt wiederkommen.

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