Startseite/Gesellschaft/Gleichstellung/Soziale Ungleichheit
29 Juni 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Hilfe für Menschen ohne Krankenversicherung

Ein rebellisches Ehrenamt

In Deutschland besteht Versicherungspflicht. Dennoch haben viele Menschen keine Krankenversicherung und fallen durch das Raster des Gesundheitssystems. Wie kann das sein?

Illustration: Larissa Hoff

Illustration: Larissa Hoff

In Deutschland haben sehr viele Menschen keine Krankenversicherung. Das Medibüro und das Gesundheitskollektiv in Berlin helfen denen, die durchs Netz fallen.

Irgendwann sind die Schmerzen nicht mehr auszuhalten, der junge Mann geht ins Krankenhaus. Er hat einen Harnleiterstein. Der ist vor allem schmerzhaft, macht auf Dauer aber auch die Niere kaputt. Marian, der eigentlich anders heißt, bekommt Schmerzmittel und wird wieder nach Hause geschickt. Zuhause heißt: die Couch von einem Bekannten. Er hat keine eigene Wohnung, keine Krankenversicherung und keinen Aufenthaltsstatus. Marian kommt aus Südosteuropa. Er lebt ohne Papiere in Deutschland.

Er leidet weiter, die Schmerzen werden unerträglich. Untersuchungen zeigen, dass der Stein entfernt werden müsste. Eine teure Operation. Das Krankenhaus meldet sich beim Medibüro in Berlin, das für Menschen ohne Versicherung oft Behandlungen bezahlt. Doch die Kosten sind zu hoch, das Medibüro überlastet. Marians letzte Chance: eine Abrechnung über das Asylbewerberleistungsgesetz.

Dafür muss sich Marian zuerst an die Sozialberatung wenden. Gleichzeitig heißt das: Die Abschiebung droht. Sozialämter sind dazu verpflichtet, Informationen an die Ausländerbehörde weiterzugeben. Ein Dilemma. Marian entscheidet sich für die Gesundheit und lässt sich behandeln. Wenig später muss er gehen. Er verlässt erst seine Couch und dann Deutschland.

Das Gesundheitssystem gerechter machen: Möglichst keine Gatekeeper

Lukas Kratzsch kann viele solcher Geschichten erzählen. Er arbeitet beim Medibüro in Berlin. Oft sind diese Geschichten dramatisch, nur selten witzig. Seit 1996 vermittelt die Stelle ehrenamtlich Menschen ohne Aufenthaltsstatus und Krankenversicherung an behandelnde Ärzte und Krankenhäuser weiter. Über die Kosten für eine anstehende Operation wird in der Gruppe abgestimmt. „Wir versuchen, möglichst keine Gatekeeper zu sein, unterstellen niemandem einen Missbrauch“, sagt Kratzsch. Doch wegen der hohen Nachfrage lässt sich das ungewollte Gatekeeping, also die Kontrolle über die Verfügung von Ressourcen durch jene, die entscheiden, wer teilhaben darf, nicht vermeiden.

Ein ungehinderter Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht. Trotzdem gilt es nicht für alle. Viele Menschen werden vom System ausgeschlossen, wenn nicht geklärt ist, wer später die Kosten übernimmt. Es gibt in Deutschland laut der Organisation Ärzte der Welt Hunderttausende Menschen ohne Krankenversicherung. Dabei gilt seit 2009 in Deutschland die allgemeine Versicherungspflicht. Wie kommt es, dass Menschen durchs Raster fallen?

Auch auf enorm: Medizin für das Klima: Gesunder Planet, gesunde Menschen

Ohne Papiere in Deutschland

Die Unversicherten bestehen aus verschiedenen Gruppen: Es sind Menschen wie Marian ohne Aufenthaltsstatus, die ohne Papiere in Deutschland leben. Außerdem gibt es EU-Bürger, die in ihrem Heimatland nicht ausreichend versichert sind – und Wohnungslose. Daneben gibt es die Gruppe der selbstständigen Deutschen: Wer die Beiträge für die Krankenkasse nicht mehr zahlen kann, kann nicht so leicht wieder ins Regelsystem zurückkehren. Die nicht gezahlten Beiträge müssen in Form von Beitragsschulden zurückbezahlt werden. Oft entstehen so hohe Kosten, die nicht alle stemmen können. Zudem gibt es Au-pairs oder internationale Studierende, die unterversichert sind.

„Bei Menschen ohne Aufenthaltsstatus ist der Ausschluss dramatisch“, erklärt Lukas Kratzsch vom Medibüro. Diese werden dem Asylbewerberleistungsgesetz zugeordnet. Sie haben damit Anspruch auf eine grundlegende Versorgung. „Vor allem Krankheiten, die über einen längeren Zeitraum Schaden anrichten, werden nicht ernst genommen“, kritisiert Kratzsch.

Damit sich die Menschen überhaupt behandeln lassen können, benötigen sie einen Krankenschein von der zuständigen Sozialbehörde. Und wie sich zeigt, steckt hier der eigentliche „joke“, wie Kratzsch es nennt. Das Sozialamt ist gesetzlich dazu verpflichtet, die Ausländerbehörde über die Papierlosen zu informieren. Folglich vermeiden es die Menschen, zum Arzt zu gehen.

Lang verschleppte Erkrankungen

Die Angst vor dem Arztbesuch führt dazu, dass Erkrankungen verschleppt werden. „Manche mit Krebserkrankungen kommen erst, wenn zum Beispiel die Luftröhre vom Krebs bereits zugedrückt wird“, erklärt Kratzsch.

Angst vor einer Abschiebung ist nur ein Grund. „Kosten der Behandlung, Unsicherheit darüber, wo die notwendige Behandlung zu finden ist und Sprachbarrieren sind Gründe, warum Hilfe nicht oder häufig zu spät in Anspruch genommen wird“, heißt es in dem Bericht „Gesundheitsversorgung für Menschen ohne Papiere“ vom April 2017 der Bundesarbeitsgruppe Gesundheit/Illegalität. Ein ungehinderter Zugang zur Gesundheitsversorgung existiert also nicht. Betroffene werden meist in Parallelstrukturen zum Gesundheitssystem versorgt.

Verbände und Vereine wie etwa Malteser Medizin, Ärzte der Welt oder die Medibüros bieten Sprechstunden, meist auf ehrenamtlicher Basis, an. Sie sind verbunden mit Praxen und Ärzten, die bereit dazu sind, Patient*innen unentgeltlich zu behandeln, und vermitteln weiter. Auch Gesundheitsämter leisten eine gewisse Grundversorgung. Wie groß die Unterstützung ausfällt, unterscheidet sich je nach Bundesland und Stadt. In vielen größeren Städten gibt es das duale Modell der Clearing-Stelle: Menschen ohne Versicherung können sich dort hinwenden. Sozialarbeiter suchen mit ihnen einen Weg, wie sie ins Regelsystem zurückfinden können.

Ein anderes Modell, das in Hannover und Göttingen schon seit 2016 umgesetzt wird, ist der anonyme Krankenschein. Menschen ohne Papiere können ihn bei Sozialämtern abholen, ohne dass Daten an Behörden weitergegeben werden müssen. Mit dem Schein haben sie ungehinderten Zugang zur Versorgung. Auch der Berliner Senat will ihn demnächst einführen.

Gesundheitssystem mit Problemen: Wer ärmer ist, stirbt früher

Von Berlin nach Frankfurt: Beim Occupy Camp 2013 demonstrieren Menschen gegen soziale Ungleichheit und die Macht der Finanzmärkte. Ein südländisch aussehender Mann wird getreten und verletzt. Eine Frau hilft und begleitet ihn in die Rettungsstelle. Doch dort will man ihn nicht behandeln. Der Grund: keine Versicherungskarte. Die junge Frau ist wütend. Auch heute noch, sieben Jahre nach dem Vorfall. Sie heißt Kirsten Schubert und ist Ärztin. „Die ärztliche Ethik sollte sein: Erst behandeln, dann über die Finanzierung nachdenken“, sagt sie. Doch in Deutschland sind Gesundheit und Behandlung ans Finanzielle gekoppelt.

Jetzt will sie ein Zeichen dagegensetzen. Zusammen mit 25 Mitstreiter*innen hat sie ein gemeinnütziges Gesundheitszentrum in Berlin-Neukölln aufgebaut – das Gesundheitskollektiv Berlin. Ärzte, Pflegekräfte, Sozialarbeiter und Wissenschaftler gehören zum Team, denn Gesundheit soll mehr sein als medizinische Versorgung. Dass dies sinnvoll ist, zeigen Studien. Wer ärmer ist, stirbt früher, geht etwa aus einer Studie des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2015 hervor. In Deutschland leben Spitzenverdiener*innen bis zu zehn Jahre länger als Menschen aus der untersten Einkommensgruppe. Auch der Bericht „Closing the gap in a generation“ der WHO von 2008 bestätigt: Gesundheit hängt am meisten von sozialen Faktoren ab. Also etwa davon, wie Menschen wohnen, wie viel sie verdienen.

Auch auf enorm: Effektiver Altruismus: Mit Hirn statt Herz spenden

Mobile Gesundheitsberatung

„Schon bei Kindern gibt es einen starken Zusammenhang gibt zwischen sozialem Status und Gesundheit – und der breitet sich im Laufe des Lebens immer weiter aus“, erklärt Jan Paul Heisig. Der Soziologe beschäftigt sich mit dem Einfluss von sozialen Faktoren auf die Gesundheit. Viele Krankheiten brechen zwar erst im höheren Alter aus, doch der Grundstein werde häufig schon in der Kindheit gelegt. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, ist von Fall zu Fall verschieden.

Soziale Unterschiede zu verringern, kann also nicht nur vom Gesundheitssystem beeinflusst werden. Das Kollektiv in Berlin will daher mit den Menschen direkt in Kontakt treten. Mobile Beratungsangebote klären auf: „Unser Gesundheitssystem ist zersplittert, oft wissen die Menschen gar nicht, welche Leistungen ihnen zustehen“, so Schubert.

Auch Stadtteilbefragungen sind Teil ihrer Arbeit. Das Team will herausfinden, welche Bedürfnisse es in dem Stadtteil gibt. Heisig: „In der Prävention ist noch großer Spielraum. Gerade bei psychischen Erkrankungen sind präventive Ansätze enorm wichtig.“ Ob Medibüros oder Gesundheitskollektiv: Führen solche Parallelsysteme nicht dazu, dass sich der Staat stärker aus der Verantwortung zurückziehen kann? „Es wird sich definitiv zu viel darauf verlassen, das ist aber auch ganz normal“, erklärt Kratzsch vom Medibüro. Ärztin Schubert stimmt zu: „In einem kapitalistisch strukturierten Land kann die Gesundheitsversorgung nicht alleinige Aufgabe des Staates sein.“ Solange Ärzte und Organisationen Profite generieren können, wird es Fehlfunktionen geben.

Mehr Gesundheitszentren

Schubert wünscht sich einen Wandel im Gesundheitssystem. Es sollte mehr Gesundheitszentren geben, in Problemkiezen der Großstädte, in ländlichen Regionen. Es sei natürlich wichtig, dass die vielen Barrieren abgebaut werden. Aber eben auch, dass der Ansatz über die rein medizinische Versorgung hinausgeht.

„Wo es ein gutes Gesundheitssystem gibt, aber die Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht ausreichend sind, wird das System nichts retten können“, sagt Schubert. Denn manche Lebensumstände machen nachweislich krank. „Gegen hohe Mieten, Arbeitslosigkeit oder Rassismus hilft eben auch kein Sport.“ Und Schubert sagt: „Wir wollen keine Lückenbü.er sein, wir versuchen alternative Leuchttürme aufzubauen, um zu zeigen, dass es anders gehen könnte.“ Auch für das Medibüro ist die Arbeit „keine Ehre“, wie es in einem Bericht steht. „Wir sind ein rebellisches Ehrenamt“, sagt Kratzsch. Das eigentliche Ziel des Medibüros ist die Selbstauflösung: Endlich nicht mehr gebraucht werden.

Dieser Text erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe des Magazins transform. Er wurde geringfügig bearbeitet und gekürzt. Das unabhängige Heft stellt Menschen und Ideen vor, die sich und ihr Umfeld verändern – hin zu einem guten Leben. Das jährlich erscheinende Printmagazin wird von Menschen aus Berlin, Leipzig und Hamburg sowie vielen freien Zuarbeitenden produziert. Das Team verzichtet dabei auf Werbung, ganz dem transform-Ansatz folgend, dass weniger Konsum den Weg zu einem schöneren Leben erst möglich macht. Mehr Infos unter transform-magazin.de

Hilf enorm!

Unterstütze konstruktiven Journalismus

Die Coronakrise stellt auch uns bei enorm vor große wirtschaftliche Herausforderungen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, möchten wir die Inhalte auf enorm-magazin.de frei zugänglich halten und auf Bezahlschranken verzichten. Hilf uns mit deinem Beitrag dabei!

Hilf enorm!

Dieser Text ist außerdem Teil des Schwerpunkts „Heilt den Planeten“ in der aktuellen Ausgabe des enorm Magazins.