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12 February 2019 / Lesezeit: 3 minuten

perspektiven

Im Kampf für Ägyptens Frauen

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Mozn Hassan hat viel für Ägyptens Frauen geleistet. Jetzt blickt sie einer ungewissen Zukunft entgegen

Titelbild: Roger Anis/Right Livelihood Award Foundation

Die ägyptische Feministin Mozn Hassan unterstützt mit ihrer Organisation „Nazra für feministische Studien“ Überlebende sexualisierter Gewalt. Für ihr Engagement, das mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, drohen ihr tägliche Schikanen und lebenslange Haft. Doch Aufgeben kommt für sie nicht in Frage

Mozn Hassan setzt sich in der ägyptischen Gesellschaft für ein heikles Thema ein: Frauenrechte. Laut einer Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2013 haben 99 Prozent der ägyptischen Frauen und Mädchen bereits sexuelle Belästigung erfahren. 82 Prozent der Befragten gaben an, sich in der Öffentlichkeit auf der Straße nicht sicher zu fühlen. Kein Wunder also, dass sich viele Ägypterinnen an der #MeToo-Debatte beteiligten.

Die Right Livelihood Award Stiftung ehrt und unterstützt mutige Menschen und Organisationen, die visionär und beispielhaft zur Lösung globaler Probleme beitragen. Mit ihrem Award, der als „Alternativer Nobelpreis“ gilt, wurden bislang 174 Persönlichkeiten aus 70 Ländern ausgezeichnet

Körperliche Integrität von Frauen schützen

Die Menschenrechtsaktivistin Mozn Hassan hat dieses Thema schon lange vor dem bekannten Hashtag aufgegriffen. Im Jahr 2007 gründete sie die Organisation „Nazra für feministische Studien”. Das Ziel: eine dezentrale Frauenrechts­bewegung in Ägypten aufzubauen. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen unterstützt sie Frauen im Wahlkampf, lobbyiert für Gesetzesveränderungen zum Schutz von Frauen, initiiert feministische Bildungs­projekte, schützt Überlebende sexuali­sierter Gewalt und bezieht nicht zuletzt mutig Stellung gegen frauenverachtende Übergriffe.

2011, das Jahr der ägyptischen Revolution, bedeutete für Nazra eine Fokussierung auf das, was Hassan heute als den Kern ihrer Arbeit bezeichnet: die körperliche Integrität von Frauen zu schützen. Während der Proteste gingen zunehmend Frauen auf die Straße, um sich für ihre Rechte einzusetzen und ein neues Ägypten einzufordern. Viele von ihnen waren in der Folge sexuellen Übergriffen ausgesetzt – um sie einzuschüchtern und von der Teilnahme am öffentlichen Leben abzuhalten. Nazra leistete in dieser Situation direkte psychologische und medizinische Hilfe für Überlebende sexualisierter Gewalt und Belästigung und unterstützte Menschenrechtsverteidigerinnen, die aufgrund ihres friedlichen Protests festgenommen wurden.

Auszeichnung für ägyptische Feministinnen

„Für ihren Einsatz für die Gleichstellung und die Rechte von Frauen unter Umständen von anhaltender Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung“ wurden Mozn Hassan und Nazra, deren Vorsitzende sie ist, 2016 mit dem Alternativen Nobelpreis der Right Livelihood Award Stiftung ausgezeichnet. Aber entgegennehmen konnte Hassan den Preis nicht; die ägyptische Regierung erlegte ihr ein Reiseverbot auf. In ihrer Dankesrede per Video sagte sie: „Nichts, was wir getan haben, kann isoliert von der Geschichte der feministischen Bewegung in Ägypten betrachtet werden.“ Ein Umstand, der in Deutschland allzu oft übersehen wird. Auch deshalb bezieht sich Hassan in Interviews gerne auf ihr Vorbild, die Feministin Doria Shafiq. Sie war es, die 1948 die erste Frauenrechtsorganisation in Ägypten gründete. In ihrer Tradition möchte Hassan ihr eigenes Wirken wissen.

Um ein Zeichen gegen Autoritarismus und für Solidarität mit Hassan zu setzen, wurde die Preisverleihung im März 2017 in Kairo nachgeholt. Vor rund 150 geladenen Gästen, darunter zahlreiche Akteure der ägyptischen Zivilgesellschaft, Diplomaten sowie ägyptische und europäische Parlamentsabgeordnete, wurden Hassan und ihre Organisation dann auch persönlich geehrt. Die Auszeichnung mit dem Right Livelihood Award bedeutet für Hassan, dass „die Welt in der Lage ist, ägyptische Feministinnen zu sehen, nicht als Frauen am Rand, sondern als wesentliche Akteure in ihren Gesellschaften und als wirkliche Akteure des Wandels“.

Unsichere Zukunft

Doch nach wie vor ist die 39-Jährige Repressionen und strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt. Im Januar 2017 wurden die Vermögenswerte von Hassan und Nazra eingefroren. Aufgrund vage definierter Gesetze, die zur Kontrolle der Zivilgesellschaft verabschiedet wurden, wird Hassan beschuldigt, ausländische Gelder zur Schädigung der nationalen Sicherheit erhalten zu haben. Dafür droht ihr lebenslange Haft.

Dabei hatte das Gericht bereits zuvor einen Blick hinter die Fassade der scheinheiligen Anklage gewährt. Man argumentierte, Hassan hätte zur „unverantwortlichen Befreiung von Frauen animiert und aufgerufen“. Diese absurd anmutende Begründung legt offen, dass es in dem Verfahren tatsächlich um etwas anderes geht: den Kampf Hassans für die Gleichberechtigung von Frauen.

Das Büro von Nazra musste im März 2018 schließlich aufgrund der eingefrorenen Gelder schließen. Im Juni wurde Hassan erneut vor den Untersuchungsrichter berufen und auf Kaution wieder frei­gelassen. Was die Zukunft bringt, weiß sie gegenwärtig nicht.

Hotline für Opfer

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Aber Hassan lässt sich nicht einschüchtern. Natürlich möchte sie ihr Leben nicht unschuldig in Haft verbringen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit ist sie aber auch nicht bereit, ihre Überzeugungen zu verleugnen und den Drangsalierungen des Staates nachzugeben. Sie sagt: „Ich bereue nichts.“ Im Zeichen von #MeToo ruft Hassan zur weltweiten Solidarität unter Feministinnen auf, um auf die Situation von Frauen in Ägypten aufmerksam zu machen. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen hält sie derweil die Hotline für Opfer sexualisierter Gewalt aktiv. Nicht nur als Zeichen für Justiz und Behörden, dass sie nicht aufgeben – sondern auch, weil es nötig ist.