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18 July 2018 / Lesezeit: 4 minuten

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Gendertrainings gegen Sexismus

Mithu Sanyal setzt sich für Gendertrainings an deutschen Schulen ein

Titelbild: Regentaucher

Was kann eine Gesellschaft tun gegen Sexismus und sexuelle Gewalt? Für die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal liegt der wirksamste Hebel in der Erziehung. Deswegen fordert sie ein verpflichtendes Gendertraining in Kindergärten und Schulen – aber nicht für die Kinder

Frau Dr. Sanyal, was macht Gendertraining als Prävention gegen Sexismus und sexuelle Gewalt so wichtig?

Ein Problem unserer Erziehung liegt darin, dass wir Menschen spezifische Eigenschaften zuzuschreiben, nur weil sie ein bestimmtes Geschlecht haben. Frauen sollen für die Emotionen zuständig sein, Männer für die Logik und so weiter. Und es macht Frauen vom Stereotyp her pauschal zu Opfern und Männern zu Tätern. Das hat zwar zum Teil mit historischen Realitäten zu tun, aber das Problem ist: Wir schreiben diese Bilder im Kopf dadurch fest. Und das müssen wir aufbrechen. Wir müssen in der medialen Kommunikation und besonders der Erziehung von diesen harten Stereotypen wegkommen.

Was wäre Ihrer Meinung nach die nächste Maßnahme, die zurzeit dringend passieren müsste?

Wenn morgen die Bundesregierung zu mir käme und fragen würde, was wir anlässlich der nach wie vor aktuellen Debatte gegen sexuelle Gewalt tun könnten, würde ich als erstes ein verbindliches Gendertraining in Kindergärten, Kindertagesstätten und Grundschulen und am liebsten auch in allen öffentlichen Ämtern fordern. Und zwar nicht für die Kinder, sondern für die Erzieherinnen und Erzieher. Damit Kinder vorgelebt bekommen, dass sie aus der gesamten Palette der Menschlichkeit auswählen dürfen und nicht nur aus der Rosa-oder-blau-Sparte. Es gibt bereits relativ viele Gendertrainer*innen. Da muss man natürlich schauen, welches Angebot zur Einrichtung passt und welche Qualifikationen die jeweiligen Angebote haben. Aber die Auswahl ist groß. Seit dem 1. Februar hat Deutschland sogar die Istanbul Konvention ratifiziert – das heißt, wir sind jetzt verpflichtet, Gelder in Prävention zu stecken. Aber wir haben kein Konzept.

Was sollte Inhalt eines solchen Gendertrainings sein?

Es geht vor allem darum die Erzieher*innen zu sensibilisieren, Jungen nicht nach dem Motto „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ zu erziehen. Im Umgang mit Mädchen sind wiederum die Erwartungen verbreitet, dass sie möglichst sanft und brav zu sein haben. Doch zum Glück wird es in der Erziehung von Mädchen zunehmend normal, dass sie auch frech und mutig sind – es gilt mittlerweile sogar als cool. Doch wir sind noch relativ blind dafür, wie wir Jungen in ihrer Entwicklung einschränken, vor allem darin, wie sie eigene Bedürfnisse und Gefühle erkennen und darüber sprechen. Doch jemand, der seine eigenen emotionalen Grenzen nicht kennt, kann auch schwerer die anderer wahren. Deswegen fängt Prävention gegen Sexismus genau damit an, dass Kinder in Kindergärten und Schulen nicht auf ihr Geschlecht reduziert werden, sondern sich frei entwickeln können.

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An welche Schwierigkeiten stößt eine solche genderneutrale Erziehung in Bildungseinrichtungen?

Der Gedanke, wir könnten Kinder erziehen, ist natürlich naiv: Wir können Kindern etwas vorleben, aber nicht alles kontrollieren. Kinder leben schließlich nicht in einer genderneutralen Blase, nur weil die Bildungseinrichtungen darauf achten – denn auf der Straße, in der Werbung oder im Bekanntenkreis werden sie mit klassischen Rollenbildern konfrontiert. Und Kinder wollen dazugehören – deswegen passen sie sich an. Trotzdem, beziehungsweise erst recht: Wir haben einen gesellschaftlichen Erziehungsauftrag. Und solche Trainings können ein Bewusstsein für das Thema in die Kindergärten und Schulen bringen. Aber es muss natürlich noch weitergehen.

Was müsste neben Gendertraining weiterhin getan werden?

Auch mediale Bildung ist enorm wichtig, um Kinder in die Lage zu versetzen, beispielsweise sexistische Werbung zu erkennen. Und damit meine ich nicht in erster Linie nackte Frauenhaut – nackte Haut ist nicht das Hauptproblem. Das kann ein Problem sein, aber weniger davon würde Werbung nicht weniger sexistisch, sondern nur weniger sexy machen. Sexistisch sind vor allem Werbespots, in denen die Mutter den Kindern den Saft für die Schule mitgibt und der Vater parallel zur Arbeit fährt. Also Geschlechterrollen zementiert werden.

Feministische Selbstbehauptungs-Trainings, auch bekannt unter Wendo, sind auch besonders wertvolle Angebote. Dabei geht es darum, auf der psychischen Ebene anzufangen – also nicht nur körperliche Strategien kennenzulernen – um das Bild von Frauen als wehrlose Opfer aufzubrechen. Es soll Mädchen ermächtigen, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und sich auch ein Recht darauf zu nehmen. Eine vom Europäischen Parlament in Auftrag gegebene Studie hat herausgefunden, dass diese feministische Selbstverteidigung eine der erfolgreichsten und nachhaltigsten Präventionen gegen sexualisierte Gewalt ist.

Doch der Nachteil solcher Selbstbehauptungs-Trainings ist: Wir brauchen sie auch für alle anderen Geschlechter, also auch für Jungen – doch das gibt es bisher nahezu nicht. Aber auch Jungen müssen auf ihre Grenzen achten dürfen. Und alle Geschlechter müssen lernen, herauszufinden, was sie selber wollen, und das auch zu kommunizieren. Das unterrichte ich beispielsweise in Konsens-Trainings. Da ist es mir sehr wichtig, dass ich nicht die Stereotype wiederhole: Mädchen müssen lernen, nein zu sagen, Jungs müssen lernen, das Nein zu akzeptieren. Das ist noch keine erfreuliche Sexualität.

Wie stehen Sie selbst zu den vermeintlichen Unterschieden zwischen Mann und Frau? Was ist biologisch, was kulturell bedingt?

Das ist eine sehr gute Frage, die wir noch immer nicht vollständig beantworten können. Aber der Blick in die Geschichte zeigt, dass alles, was wir als den „echten“ Unterschied zwischen Männern und Frauen wahrgenommen haben, sich immer wieder aufgelöst hat. Auch jetzt noch ist vieles, was wir denken, eher kulturell als biologisch. Beispielsweise: „Programmieren ist typisch männlich.“ Die ersten Programmiererinnen im Zweiten Weltkrieg waren weiblich. Die Männer sollten die Maschinen zusammenschrauben, die Frauen programmieren. Erst als Programmieren mehr an Prestige gewann, wurde es zu einem typischen „Männerberuf“. Wiederum galt rosa, als das kleine Rot, lange Zeit als Jungenfarbe, während himmelblau die Farbe der Jungfrau Maria und damit der Mädchen war. Man fürchtete noch Anfang des 20. Jahrhunderts, eine so starke Farbe wie „pink“ könnte den „zarten Mädchenseelen“ schaden.

Ein anderes Beispiel aus zahlreichen Studien: In Empathie-Tests stellten sich Männer als fast ebenso empathisch wie Frauen heraus – solange sie nicht wussten, dass hier Empathie getestet wurde. Denn dann produzierten die Probanden die gesellschaftlichen Erwartungen und die Frauen schnitten viel besser ab als die Männer: Das menschliche Gehirn ergänzt unvermeidlich die bekannten Rollenbilder. Natürlich macht es in der Medizin häufig absolut Sinn, auf das Geschlecht zu schauen. Doch die Unterschiede zwischen individuellen Frauen, sind viel größer, als die Unterschiede der Gruppe der Frauen zur Gruppe der Männer. Wir sind viel individueller, als Geschlechter-Stereotype uns glauben lassen.

 

Dieser Text erschien zuerst im EduAction-Channel auf Good Impact.