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1 August 2019 / Lesezeit: 3 minuten

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Yetnebersh Nigussie – Anwältin für Inklusion

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Yetnebersh Nigussie fordert alle auf, hinter die Behinderung eines Menschen zu schauen, auf seine Fähigkeiten

Titelbild: Anna Rauchenberger
Bild unten: Right Livelihood Award Foundation/Janine Escher

Als junges Mädchen erblindete Yetnebersh Nigussie. In Äthiopien unüblich, ging sie trotzdem zur Schule – und ist heute eine der bekanntesten Aktivistinnen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde sie 2017 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet

„Blindheit war die Lotterie, die ich im Alter von fünf Jahren gewann“, sagte die äthiopische Menschenrechtsaktivistin Yetnebersh Nigussie, die als Kind infolge einer Meningitisinfektion ihr Augenlicht verlor, einmal in einem Interview. Blindheit als Geschenk? Das ist kein Sarkasmus, sondern in Nigussies Fall erschreckend ernst gemeint. Denn in der armen, ländlichen Region Äthiopiens, in der sie aufgewachsen ist, wurden viele Mädchen bereits mit neun Jahren zwangsverheiratet. Weil Nigussie mit ihrer Behinderung aber als untauglich für die Ehe angesehen wurde und nicht auf dem Feld arbeiten konnte, schickte ihre Mutter sie stattdessen in die Schule. Auch dies sei ein glücklicher Umstand gewesen, so Nigussie, da viele Familien aus Angst, ihren Kindern mit Behinderung könne Gewalt angetan werden, davon absehen, sie in die Schule zu schicken.

Die Right Livelihood Award Stiftung ehrt und unterstützt mutige Menschen und Organisationen, die visionär und beispielhaft zur Lösung globaler Probleme beitragen. Mit ihrem jährlich vergebenen Award, der als „Alternativer Nobelpreis” gilt, wurden bislang 174 Persönlichkeiten aus 70 Ländern ausgezeichnet

Eine Behinderung – und 99 Fähigkeiten

Dass ein behindertes Mädchen wie sie lernen und studieren darf, ist auch heute noch nicht selbstverständlich in Äthiopien. Nigussie weiß: Sie hatte Glück. Und setzt sich nun dafür ein, dass zukünftige Generationen nicht nur durch Glück ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können. In Äthiopien ist sie in mehrfacher Hinsicht eine Pionierin: Beim Abschluss ihres Jurastudiums war sie eine der ersten blinden Absolventinnen in Addis Abeba. Mit ihrem juristischen Fachwissen und einem Master in Sozialer Arbeit gründete sie 2005 das Ethiopian Center for Disability and Development (ECDD). Die Nichtregierungsorganisation leistet direkte Unterstützung für Menschen mit Behinderungen und kämpft für ihre Inklusion in die äthiopische Gesellschaft. Beim ECDD war Nigussie von 2011 bis 2015 Geschäftsführerin. Seitdem ist sie in verschiedenen Positionen für die international wirksame Hilfsorganisation Licht für die Welt tätig und gibt Menschen, insbesondere Frauen mit Behinderungen, eine Stimme. Sie leistet Lobbyarbeit für deren gesellschaftliche Teilhabe und ist eine unermüdliche Advokatin für die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen.

Getreu ihrem persönlichen Motto „Konzentriere dich auf die Person, nicht auf die Behinderung. Wir haben eine Behinderung, aber 99 Fähigkeiten, auf die wir aufbauen können!“ möchte Nigussie das Vertrauen in die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen stärken und diese dazu ermutigen, ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln und sich einzubringen. Damit ist sie nicht nur in Äthiopien ein Vorbild, sondern setzt weltweit ein Beispiel für die unbedingte Notwendigkeit der Inklusion aller gesellschaftlichen Minderheiten.

Yetnebersh Nigussie im Gespräch mit Aktivisten für die Rechte von Menschen mit Behinderungen Credit: Right Livelihood Award Foundation/Janine Escher

Die Right Livelihood Award Stiftung ehrte sie deshalb 2017 mit dem Alternativen Nobelpreis „für ihre inspirierende Arbeit zur Förderung der Rechte und der Integration von Menschen mit Behinderungen, die es ihnen ermöglichen, ihr volles Potenzial zu entfalten und die Mentalität in unseren Gesellschaften zu ändern.“ Nigussie ist stolz darauf, diese Auszeichnung erhalten zu haben und sieht es als wichtiges Zeichen dafür, dass Frauen mit Behinderungen nicht mehr nur als Empfängerinnen von Hilfe angesehen werden, sondern als gestaltende Kräfte in der Welt.

Kampf gegen Vorurteile und Ängste

Denn die Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderungen sind noch immer von Vorurteilen geprägt. Laut Nigussie stellt besonders die Kombination „weiblich“ und „Behinderung“ eine große Hürde dar, die Mädchen in Äthiopien das Leben von Beginn an erschwert. Familien fürchten aus Angst vor Vergewaltigung, ihre Töchter mit Behinderung in die Schule zu schicken. Auch ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Behinderung eines Kindes die Strafe für eine böse Tat der Eltern sei. Solche Vorurteile darüber, wie Behinderungen entstehen, führen über Ausgrenzung und fehlende soziale Unterstützung in einen Teufelskreis von Armut.

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Nigussie hat gezeigt, dass diese Hindernisse weder gottgegeben noch unveränderbar sind. Hürden für Menschen mit Behinderungen würden von Menschen errichtet und könnten deshalb auch von Menschen entfernt werden. Was es dafür brauche, sei der politische Wille, alle Menschen aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen und die Ressourcen, dies auch praktisch umzusetzen. Wenn der Wille stimmt, aber die Ressourcen fehlen, wie es Nigussie über Äthiopien sagt, können andere Staaten aushelfen. Und wo der Wille fehlt, kann eine Begegnung mit Yetnebersh Nigussie möglicherweise eine Wende herbeiführen.