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10 Januar 2022 / Lesezeit: 2 minuten

Inklusion sehbehinderter und blinder Menschen

Mit Braille-Displays die digitale Welt ertasten

Die App ABC Braille übersetzt die Blindenschrift Braille in Text oder andersherum. Noch fehlt es an günstigen mobilen Geräten, die Computerbilder und -grafiken in ertastbare Braille-Muster umwandeln (Symbolbild).

Foto: IMAGO / Xinhua

Foto: IMAGO / Xinhua

Informationen werden immer mehr durch Bilder, Grafiken und Videos übermittelt. Sehbehinderte und blinde Menschen bleiben davon oft ausgeschlossen. Deutsche Wissenschaftler:innen arbeiten an einer Technologie, die ihnen den Zugang zu digitalen Welten erleichtern soll.

Gadija Gonsalwes will Jura studieren. Ihre Schulnoten sind top, ein Studienplatz so gut wie sicher. Doch ob die 18-jährige Südafrikanerin jemals als Anwältin arbeiten können wird, ist ungewiss. Denn Gonsalwes ist blind. Ihre Familie könnte sie nicht finanziell unterstützen und sie hat kaum Zugang zu Technologie, die sehbehinderten und blinden Menschen den Zugang in digitale Welten ermöglicht.

In Südafrika haben Menschen mit Sehbehinderungen kaum IT-Ausstattung. Von staatlicher Seite gibt es nur wenig finanzielle Unterstützung. Gonsalwes und ihre Mitschüler:innen an der Athlone Blindenschule nahe der Touristenmetropole Kapstadt lernen hauptsächlich mit einfachen Braille-Schreibmaschinen. Für 322 Schüler gibt es lediglich 15 speziell ausgestattete PCs und Laptops mit Sprachsoftware. Von der Welt des Internets, in der Informationen zunehmend durch Bilder, Grafiken und Videos vermittelt werden, sind die Schüler:innen isoliert. „Mit der Technologie, die wir momentan haben, können wir nur Basiswissen übermitteln“, sagt Schuldirektor John Philander zum Welt-Braille-Tag am 4. Januar. Wissenschaftliche Fächer könnten kaum gelehrt werden.

Gonsalwes träumt von einer Karriere und einer Zukunft, in der sie ein unabhängiges Leben führen kann. Doch nur drei Prozent der sehbehinderten und blinden Menschen in Südafrika finden nach Angaben des Südafrikanischen Blindenrats einen Arbeitsplatz. In anderen Ländern des Kontinents sind es sogar noch weniger. Im Vergleich dazu ist in Deutschland laut einer Umfrage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands die Mehrheit der sehbehinderte und blinde Menschen erwerbstätig.

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Kleine Braille-Displays für ertastbare Muster

Nach Angaben des Fachmagazins „The Lancet Global Health“ gab es 2020 weltweit mehr als 300 Millionen schwer sehbehinderte und blinde Menschen. Die zunehmende Informationsvermittlung über das Internet stelle sie vor große Probleme, hieß es. Technologie, die Informationen für sehbehinderte und blinde Menschen nutzbar macht, ist für viele unerschwinglich. So haben Unternehmen Braille-Displays entwickelt, die zumindest einfache Grafiken in der Blindenschrift darstellen können – die großen, schweren Geräte können aber mehrere Zehntausend Euro kosten.

Ein Team deutscher Wissenschaftler:innen arbeitet daran, das zu ändern. „Dafür muss es doch eine kostengünstige Lösung geben“, dachte sich die Karlsruher Maschinenbauingenieurin Elisabeth Wilhelm. Im Rahmen ihrer Dissertation entwickelte sie einen Prototyp für einen handlichen Monitor, der Computerbilder und -grafiken in ertastbare Braille-Muster umwandelt. Ihr Ziel sei es gewesen, ein leichtes und mobil nutzbares Gerät in Din-A4-Größe zu schaffen, das um die 3.000 Euro kostet und für den Aufbau von Bildern höchstens zehn Sekunden benötigt, erklärt die heute 34-Jährige.

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Modul in Handygröße

Der Prototyp, für den Wilhelm 2016 den Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung erhielt, war ein Modul ungefähr so groß wie ein Handy mit 300 erstastbaren Punkten. „Der Prototyp hat gezeigt, dass es funktioniert, aber es muss noch weitergeforscht werden“, sagt Wilhelm. Daran arbeitet nun ein Team um Bastian Rapp an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. „Wir sind in ersten Vorstudien, auch bereits mit Sehbehinderten in der Erprobung“, sagt Rapp. Der nächste Schritt sei eine größere Studie in der Hoffnung, erste Kleinserien des Geräts bis Ende 2023 auf den Markt bringen zu können.

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Gonsalwes und ihre 22 Jahre alte Schulfreundin Avril Wessels unterdessen würden gern wie andere junge Frauen YouTube schauen oder durch Instagram scrollen. Vor allem aber schwärmen sie vom aufregenden Leben an der Uni und ihren Plänen für die berufliche Zukunft. Tief im Herzen ist ihnen jedoch klar: Es könnte ein Traum bleiben. (dpa)