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2 July 2014 / Lesezeit: 5 minuten

Dialog im Dunkeln

Blind auf japanisch

Shinsuke Shimura gründete im Jahr 1999 den Dialog im Dunkeln in Tokio

Titelbild: Dialogue in the dark

Titelbild: Dialogue in the dark

Bereits in der eigenen Muttersprache ist der Besuch der Blinden-Ausstellung “Dialog im Dunkeln” ein einmaliges Erlebnis. Kommt dann noch eine neue Sprache und eine neue Kultur dazu, wird das ganze noch eine Dimension spannender. Zu Besuch beim Dialog im Dunkeln in Tokio

Ich stehe in einem vollkommen dunklen Raum. Mein Blindenstock tastet sich in schwingenden Bewegungen über den Boden. Sein Kratzen signalisiert mir, ich stehe auf Asphalt oder zumindest einem harten, rauen Untergrund. So ganz sicher bin ich mir da nicht. Bleibt eigentlich nur noch meine Mitstreiter um Rat zu fragen. Das Problem: Sie verstehen mich nicht – und ich sie nicht. Denn ich bin des Japanischen nicht mächtig, meinen englischen Hilfegesuchen folgt lediglich ein Gekicher. Und so verharre ich in einem dunklen Raum mitten in Tokio. Vollkommen blind und nicht in der Lage zu kommunizieren.

Der Raum ist Teil der japanischen Version des Dialogs im Dunkeln, einer internationalen Ausstellung, in der blinde Menschen sehende Besucher durch die Finsternis und damit in eine neue Welt führen. Besucher erleben so verschiedene Alltagssituationen aus vollkommen neuer Perspektive. Ursprünglich stammt die Idee zum Dialog im Dunkeln aus Deutschland und ist bereits mehr als 25 Jahre alt.

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Den Dialog im Dunkeln gibt es in 32 Ländern

Der deutsche Gründer Andreas Heinecke arbeitete damals für die Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt. In der täglichen Arbeit mit den Blinden entstand die Vision, Sehenden einen Zugang zur deren Welt zu ermöglichen und den Kreislauf von falschem Mitleid und Berührungsängsten zu durchbrechen. Zu Anfang realisierte Heinecke temporäre Ausstellungen in verschiedenen Orten in Deutschland. 1992 folgte mit einer Ausstellung in Paris der Sprung ins Ausland. Seit 2000 gibt es in der Hamburger Speicherstadt, seit 2005 auch im Dialogmusuem in Frankfurt feste Adressen in Deutschland. Weltweit ist der Dialog im Dunkeln als Social Franchise in den vergangenen 25 Jahren in 118 Städten in 32 Ländern zu erleben gewesen. Neben den Ausstellungen wurde das Konzept unter anderem um Business-Workshops, Abendessen, Seminare und Kindergeburtstage erweitert. Acht Millionen Besucher zählten alle bisherigen Ausstellungen des Dialog-im-Dunkeln-Netzwerks weltweit bis heute.

Dass ich nicht vollkommen isoliert durch die Dunkelheit tappe, habe ich den beiden Führern Jun Kojima und Akiko Obayashi zu verdanken. Zwischendurch, wenn wirklich wichtige Informationen für mein Fortkommen notwendig sind, sprechen die beiden auf Deutsch oder Englisch mit mir. Die Fremdsprachen haben sie während ihrer Studienaufenthalte in den USA und Deutschland gelernt. Kojima, der im Alter von 22 Jahren das Augenlicht verlor, bittet mich, mich hinzusetzen und die Schuhe auszuziehen. Hinter mir ist ein typisch japanischer Raum aufgebaut. Um ihn zu betreten, muss ich zunächst über eine Bank auf ein Podest klettern. Auf Knien rutsche ich langsam vorwärts und ertaste einen flachen Tisch. Obayashi, von Geburt an blind, erklärt mir und den anderen Besuchern die Aufgabe: Gemeinsam eine Hortensien-Blüte zu entwerfen. Dazu stehen uns Papierschnipsel und Klebstoff auf dem Tisch zur Verfügung, die herum gegeben werden. Alle fangen an zu basteln. Die Verständigung klappt diesmal erstaunlich gut. Auch weil die Gruppe mittlerweile ein wenig Scheu abgelegt hat und mit mir in Brocken in Englisch kommuniziert. Dunkelheit befreit. Von der Angst sich zu blamieren und von der eigenen Rolle, die man ansonsten in der Helligkeit spielt. Eine Erfahrung, die ich bereits in der Ausstellung in Hamburg und dem ebenfalls in der Hansestadt veranstalteten Dinner in the Dark machen konnte.

Die Geschichte des Dialogs um Dunkeln beginnt in Tokio 1993

Dass die Menschen auch in Japan diese inspirierende Chance bekommen, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Shinsuke Shimura. An den entscheidenden Moment erinnert sich der ehemalige Markt-Researcher genau. „Es war der 27. April 1993, als mir meine Frau einen Zeitungsausschnitt zeigte, in dem über eine Ausstellung vom Dialog im Dunkeln in Wien berichtet wurde. Dort wurde neben dem Konzept auch über die Tatsache gesprochen, dass die Veranstaltungen immer ausverkauft waren. Ich war fasziniert darüber, dass die Menschen für etwas zahlten, was sie gar nicht sahen“, sagt Shimura rückblickend. Vor über 20 Jahren war das in Japan fast schon eine absurde Idee. Das Land lebte in der sogenannten Bubble-Ara in einem regelrechten Kaufrausch. Alles was zählte, waren Geld und Konsum. Doch Shimura wusste, wenn alles gekauft ist, werden die Menschen erkennen, wie wertvoll die Beziehungen untereinander sind und sie werden für eine Ausstellung wie dem Dialog im Dunkeln bereit sein. Der Gesellschaft die Augen öffnen, in dem man sie in die Dunkelheit führt – das war sein Ziel.

Kurzerhand schrieb Shimura einen Brief an Andreas Heinicke und bat ihn, den Dialog im Dunkeln auch in Japan realisieren zu dürfen. Der zeigt sich noch heute von Shimuras Leidenschaft begeistert. „Nach dem Zeitungsartikel hat er sich dann eine Ausstellung in Italien angesehen und die Sache in Japan aufopferungsvoll vorangetrieben“, sagt Heinecke über seinen Franchise-Partner. Dennoch dauerte es noch sechs Jahre ehe 1999 die Türen des Dialogs im Dunkeln in Japan öffneten. Zunächst fand er in unregelmäßigen Abständen an verschiedenen Orten statt. Aber mit Erfolg: „Unsere Veranstaltungen in unterschiedlichen Städten waren alle ausverkauft“, sagt Shimura heute. Dennoch sehnte sich er sich nach einem festen Ort für seinen Dialog im Dunkeln.

Ausstellung wird den Jahreszeiten angepasst

Diesen fand Shimura in Tokioer Stadtteil Shibuya. „Wir hatten es schwer in Tokio einen Platz zu finden, da wir zunächst keine Genehmigung für die totale Dunkelheit bekommen hatten“, sagt Shimura. Im Frühjahr 2009 ging es dann aber doch los. Shimuras Franchise ist zudem die einzige weltweit, die ihre Ausstellung den Jahreszeiten anpasst.

Mitte Juni herrscht in Japan Regenzeit und so präsentiert sich auch der Dialog im Dunkeln während meines Aufenthalts. Es riecht nach feuchter Erde, Regentropfen sind zu hören. Meine Mitstreiter haben sich jetzt meinen Namen merken können. So verstehe ich zumindest wenn sie über mich reden. Auf „Phillip san“ folgt meist das mir mittlerweile vertraute Gekicher. Auch kann ich trotz des völligen Sprachunkenntnis, die Stimmen von ihnen auseinanderhalten. Die letzte Station in der Finsternis ist eine Bar. Hier arbeiten blinde Kellner und sorgen mit schneller Bedienung für Staunen. Mein Mitstreiter Takashi, der sich als Mitarbeiter einer großen japanischen Brauerei entpuppt hat, möchte mir am Ende ein Bier ausgeben.

20 blinde Mitarbeiter arbeiten in Tokio

Insgesamt arbeiten 20 blinde und 16 sehende Menschen beim Dialog im Dunkeln in Tokio. Im Jahr 2013 wurde die Ausstellung von 13.000 Menschen besucht. Die meisten von ihnen sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. „Aktuell schreiben wir eine schwarze Null“, sagt Shimura, der zu Gründung sein gesamtes eigenes Kapital und Bankkredite aufbrachte. Neben den normalen Führungen bietet er zudem Business-Workshops an, die an die Wünsche der Kunden angepasst werden. Sie machen rund 65 Prozent des Umsatzes aus. Darüber hinaus hat Shimura Kooperationen mit Unternehmen realisieren können. So führen seine Mitarbeiter mit ihrem hervorragenden Tastsinn für einen Handtuchproduzenten eine Qualitätskontrolle durch.

Shimura sieht in diesen Kooperationen und in der gesamten Ausstellung eine Inspirationsquelle für japanischen Unternehmen und die Gesellschaft. Rund 300.000 blinde Menschen leben aktuell in Japan. Nur fünf Prozent von ihnen besitzen einen Job – viele von ihnen arbeiten als Masseure oder machen Akkupunktur. Zum Vergleich: in Deutschland sind es mit 150.000 etwa die Hälfte. Per Gesetz sind die japanischen Unternehmen verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz an blinden Menschen einzustellen. Nach Ansicht von Shimura ist dies jedoch der falsche Weg. „Damit findet nur ein Austausch von sehenden Angestellten mit blinden Mitarbeitern statt. Die Unternehmen verschenken das Potenzial, dass ihnen durch die Blinden zur Verfügung steht“, sagt er.

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Blinde Menschen eine Innovationsquelle für die Gesellschaft

Shimura will helfen, dieses Potenzial auszuschöpfen. Dies ist seiner Ansicht nach auch dringend notwendig. „Die japanische Wirtschaft verändert sich gerade. Der alte Stil, bei dem sich die Unternehmen lediglich um das Geldverdienen Gedanken machen mussten, ist nicht mehr erfolgreich. Sie müssen sich heute um so viel mehr kümmern. Wir wollen ihnen dafür Inspiration geben“, sagt Shimura. Aber auch vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft und damit zusammenhängend einer Zunahme von sehbehinderten Menschen sieht er blinde Menschen als Innovationsquelle. Um diese Ziele zu erreichen, ist es Shimuras Plan, jüngere Menschen auf den Dialog im Dunkel aufmerksam zu machen. Dazu möchte er zukünftig Schulen zu Kooperationen überzeugen, um so bereits die Perspektive der Kinder zu ihren blinden Mitmenschen zu verändern und sie für das Potenzial zu sensibilisieren.

Das Ende der Ausstellung ist erreicht. Doch um die Augen zu schützen, sitzen wir alle auf Stühlen in einem Raum, der lediglich durch ein leichtes Dämmerlicht erhellt wird. Aus Stimmen werden wieder Gesichter. Obwohl ich den Dialog im Dunkeln bereits mehrfach in Hamburg besuchen durfte, war diese Führung etwas ganz besonderes. Blind und quasi halb taub und stumm. Durch diese Zusätze gewinnt die Ausstellung mehrere Dimensionen dazu. Obayashi trägt unsere Hortensie herein. Ein großes Lachen bricht aus. Denn wie eine Blüte sieht unser Machwerk wirklich nicht aus. Anscheinend kann die Dunkelheit zwar inspirieren und den Geist befreien, wie Shimura während des Gesprächs immer wieder betont, doch an der künstlerischen Begabung scheitert selbst die Finsternis.