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13 Januar 2022 / Lesezeit: 5 minuten

Illustratorin Laura Breiling

„Ich zeige eine diverse Gesellschaft“

Laura Breiling illustriert unter anderen für die New York Times, Spotify und Greenpeace. Mit ihrem Thema Diversität eckte sie zunächst an, heute ist es ihr Markenzeichen. Breilings Werke sind feministisch, emanzipiert und politisch.

Bild: Lena Giovanazzi

Bild: Lena Giovanazzi

Die Illustratorin Laura Breiling nimmt in ihren Zeichnungen Machtverhältnisse unter die Lupe. Sie zeichnet das Leben divers, kantig und gerne mit Beinhaaren. Anfangs war sie damit Außenseiterin, heute ist sie pop.

„Die hier ist schön, oder?“ Ein Zeigefinger drückt kräftig auf den Griff einer Sprühflasche, feuchter Nebel legt sich auf goldene Blattadern vor einer dunkelgrünen Mooswand. „Das ist eine Juwelorchidee, Macodes Petola.“ Wenn Laura Breiling über ihre Pflanzen spricht, ist ihre Stimme ruhig, beinahe bedächtig. Ein Kontrast zu den bunten Arbeiten, die sie sonst im Internet präsentiert. Die Pflanze mit den Goldadern ist nicht allein. Jede Wand in Breilings Homeoffice erscheint bewachsen, Blätter und Ranken greifen mit grünen Fingern bis unter die hohe Decke. Ein Großstadtdschungel, mitten in Berlin-Kreuzberg. Eigentlich hat die Illustratorin auch noch ein Co-Working-Atelier in Neukölln – aber dort war sie lange nicht mehr, Corona wegen.

Seit elf Jahren ist Laura Breiling selbstständige Illustratorin, sechs davon in Berlin. Zwischen Blattwerk und grünem Geäst findet sie Ruhe und Entspannung vom Arbeitsalltag und den lauten Straßen Berlins. Trotzdem bleibt der Kiez eine ständige Inspirationsquelle: Breilings Werke sind feministisch, divers, emanzipiert und politisch. Sie zeigen die Welt, wie die Illustratorin sie sieht – irgendwo zwischen Realität und Utopie. Da ist die heroische Feuerwehrfrau: einen Fuß auf dem Hydranten, Löschschlauch in der Hand, den Blick in die Ferne gerichtet. An ihrer Brust trinkt ein Baby. Eine Illustration interpretiert Sandro Botticellis Die Geburt der Venus neu – mit einer masturbierenden Venus of Colour, der nackte Frauen von der Seite Sexspielzeuge und Gleitmittel reichen. Die Botticelli-Interpretation sorgte Anfang 2020 auf Instagram für Furore: Die Social-Media- Plattform sperrte den Beitrag mehrfach – angeblich aufgrund sexueller Inhalte. Auf ihrem Profil schreibt die Künstlerin: „Schämt Euch, Instagram! […] Eure Doppelmoral und Willkür sind lächerlich. Ihr sperrt Künstler:innen, während ihr andere Maßstäbe für Firmen und verifizierte Accounts setzt. Schämt Euch für Eure Engstirnigkeit!“

Breiling nimmt Machtverhältnisse unter die Lupe – und prangert sie an. Schon als Kind entwickelte sie einen starken Gerechtigkeitssinn und stellte immer wieder die Frage nach Machtverteilung. Heute sagt sie: „Unsere ganze Welt ist geprägt von weißen Männern. Viele von uns reproduzieren diesen White Male Gaze ganz automatisch. Wir haben das einfach so gelernt. Darauf hatte ich schon ganz früh keine Lust mehr.“

Breiling wächst als ältestes Kind mit zwei Geschwistern in einer Kleinstadt auf. Auf dem Gymnasium eckt sie bei den Lehrenden an: „Es hat mich auch als Kind schon sauer gemacht, dass alte Männer von mir Respekt einfordern, der dann nicht im gleichen Maße zurückkommt. Dieses Machtgefälle habe ich nie verstanden.“ Immer wieder kommt die Frage auf, wem Respekt eigentlich gebührt – und warum. Breiling schwänzt oft die Schule, hinterfragt das Schulsystem und das vorherrschende Verständnis von Autorität mehr und mehr. Damals ist die Kunst für Breiling ein Ventil. Sie zeichnet gerne und viel: auf Papier, in Skizzenhefte, auf die Seiten ihrer Schulbücher.

In ihren Illustrationen zeigt Laura Breiling die Gesellschaft, wie sie wirklich ist: divers, kantig und nonkonform.
Illustrationen: Laura Breiling
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Linien der Emanzipation

Breiling macht ihr Hobby zum Beruf, studiert Kommunikationsdesign und wird Illustratorin. Das nagende Gefühl, das sie schon zu ihrer Schulzeit begleitet hat, trägt für sie inzwischen einen Namen: Patriarchat. Und dem sagt Breiling vom Schreibtisch aus den Kampf an: mit Stift, Pinsel und Grafik-Tablet. Sie will eine Realität abbilden, die so divers ist wie das wahre Leben: abseits von Whitewashing*, Size Zero und dem Male Gaze. Breiling zeichnet, vor allem Frauen. Selbstbewusst, emanzipiert und frei – inklusive Periodenblut und Beinhaaren. Nebenher kontaktiert sie potenzielle Kund:innen, bietet ihre Werke an. „Am Anfang gab es immer mal wieder Stress, besonders mit den weiblichen Körperbildern“, erinnert sich Breiling. „Da wurde über die Achselhaare und Speckrollen meiner Figuren geschimpft. Und auch darüber, dass zu viele People of Colour und Frauen mit Kopftuch im Bild sind.“ Beirren lässt sich die Illustratorin davon nicht. Sie begreift es als ihre Pflicht, die Gesellschaft divers und gleichberechtigt darzustellen. Jobs, die dieser Ethik nicht entsprechen, lehnt sie ab – auch dann, wenn sie eigentlich gutes Geld brächten. In den Anfangstagen jobbt sie nebenher in einem Café, um sich Leben und Moral leisten zu können.

Heute, etwa zehn Jahre später, ist die Diversität, die Breilings Illustrationen zeigen, zu ihrem Markenzeichen geworden. Kunden wie die New York Times, Spotify und Greenpeace geben immer häufiger Illustrationen bei Breiling in Auftrag. Emanzipiert soll es sein, feministisch, laut. Bodypositivity und Diversität sind salonfähig geworden. Mit dem Erfolg kommt der Gegenwind. In den sozialen Medien weht er der 35-Jährigen besonders scharf entgegen.

Im September dieses Jahres entwirft Breiling ein Wahlplakat für die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg, es sorgt für einen der größten Shitstorms in ihrer Karriere. Das Bild zeigt den Kiez in einer Vision der grünen Partei: Spielende Kinder. Eine Frau mit Kopftuch und Sonnenbrille, Aktentasche in der Hand. Eine andere Frau im Rollstuhl führt ihren Hund Gassi. Ein Schwarzer Mann, den Jutebeutel mit Marktgemüse über der Schulter, hat ein Kind im Tragetuch vor der Brust. Auf einem der Häuser im Hintergrund ist ein Graffiti-Schriftzug zu sehen: „Laschet verhindern!“

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Gegenwind von Nazis

Hasskommentare aus der rechten Szene fluten Breilings Instagramkanal: „Burka, Kopftuch … alles mit dabei. Nur kein Netto-Steuerzahler, der die ganze Scheiße bezahlen muss“, heißt es da. Und an anderer Stelle: „Das linksgrüne Berlin liebt Islamisten, Salafisten, Clankriminelle und andere subservise (sic) Strukturen, die die Sicherheit Deutschlands gefährden.“ Breiling meldet Profile, blockiert Nutzer:innen, repostet Hasskommentare. „Ich zeige eine diverse Gesellschaft. Verschiedene Menschen, die frei sind und emanzipiert. Dass sich Leute dadurch provoziert fühlen, ist ein Nebeneffekt, mit dem man rechnen muss, wenn man politische Inhalte verbreitet. Von Nazis Gegenwind zu bekommen, heißt ja auch, dass man etwas richtig gemacht hat. Für mich geht es wieder um diese kleine Brücke zwischen Realität und Utopie.“

Um diese Brücke zu schlagen, braucht es stetige Reflexion, weiß Laura Breiling. Eine diverse Gesellschaft abzubilden erfordert Sensibilität – vor allem dann, wenn die Künstlerin selbst weiß ist. Dennoch sieht die Illustratorin es als ihre Pflicht, öffentliche Räume authentisch  und divers abzubilden, wenn sie für einen Job zeichnet. „Die Lösung ist nicht, dass weiße Menschen nur andere weiße Menschen zeichnen – das ist kontraproduktiv. Aber ich glaube, wir müssen uns ständig reflektieren und im Zweifelsfall eben auch zurücktreten und anderen Perspektiven Platz machen.“ Für Breiling bedeutet das nebst stetigem Austausch mit Kund:innen, Freund:innen und anderen Künstler:innen auch, bei Anfragen genau abzuwägen und den Job im Zweifelsfall weiterzugeben. „Wenn ich als weiße Illustratorin etwas zeichne, das eigentlich eine diverse Perspektive braucht, hat niemand etwas davon. In diesen Fällen versuche ich eher, eine Kommentarfunktion einzunehmen und Kolleg:innen zu empfehlen, die besser passen.“ Das sei nicht immer leicht, so Breiling, gerade wenn es um Künstler:innen mit eigener Diskriminierungserfahrung geht. „Wir dürfen Menschen nicht auf die Benachteiligung, die sie erlebt haben, reduzieren. Das klassische Beispiel sind Schwarze Künstler:innen, die ausschließlich für Rassismus-Beiträge beauftragt werden“, mahnt die Illustratorin. „Wir können eine Gesellschaft nur dann authentisch zeigen, wenn alle Perspektiven zu allen Themen abgefragt werden.“

„Unsere ganze Welt ist geprägt von weißen Männern. Darauf hatte ich schon ganz früh keine Lust mehr“, sagt Laura Breiling. In ihren Zeichnungen beschäftigt sie sich mit den Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft.
Illustration: Laura Breiling

Nachtaktiv(ismus)

Spricht sie über die Verteilung von Jobs, über Machtgefälle und den White Male Gaze, erlebt man eine andere Laura Breiling als die, die liebevoll vor ihrem Pflanzen-Terrarium steht: Da sind Wut, Sorge, da ist vor allem – Aktivismus. Machtstrukturen aufbrechen, Tag für Tag, auch nach Feierabend. Dann geht Breiling zum feministischen Stammtisch, geht für Abtreibungsrechte oder bessere Radwege auf die Straße – oder kehrt noch einmal zurück an den Schreibtisch, um die Dinge zu zeichnen, die sie beschäftigen. Auf die Frage, ob sie nicht manchmal auch gelähmt sei von all dem Weltschmerz, mit dem sie sich tagtäglich auseinandersetzt, wird die 35-Jährige nachdenklich. Ein bisschen, manchmal. „Ich weiß, dass ich hier in Deutschland das Privileg habe, schlechte Nachrichten einfach mal für ein paar Tage auszuschalten – das haben andere eben nicht. Dafür muss man sich einsetzen. Und ich kann viele Themen in meinen Illustrationen verarbeiten.“

Für die Tage, an denen doch mal alles zu viel erscheint, findet Breiling Ruhe zwischen ihren Pflanzen oder draußen in der Natur. Man müsse sich ab und an die Zeit für schöne Dinge nehmen – dann könne der Kampf gegen bestehende Machtstrukturen weitergehen. Aufgeben ist für die Illustratorin keine Option: „Es gibt so viele Stellschrauben, an denen wir als Gesellschaft drehen müssen – dann können wir wirklich viel verändern.“

*Whitewashing beschreibt die Praxis in der Unterhaltungsindustrie, Rollen diverser Ethnien mit weißen Schauspieler:innen zu besetzen. Heute fällt unter den Begriff auch die Abbildung hauptsächlich weißer Menschen und die Unterrepräsentation von People of Colour in der Medienlandschaft.

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