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20 Januar 2022 / Lesezeit: 12 minuten

Innovationen für mehr Inklusion

Transkript: Good News Podcast Folge 43

Barrierefreie Führung im Neanderthal Museum: Das Museum in Düsseldorf hat Barrierefreiheit und Inklusion von Anfang in der Gestaltung mitgedacht.

 

Bild: Neanderthal Museum

Bild: Neanderthal Museum

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 43 von „Good News“. Angefangen vom Tablet mit ertastbarem Bildschirm bis hin zum Headset als Blindenhund: Wir sprechen über Innovationen, die den Alltag für Menschen mit Behinderungen barrierefreier und inklusiver machen sollen. Das Düsseldorfer Neanderthal Museum zeigt, wie das geht und macht vor, wie man Inklusion von Anfang an mitdenkt. Außerdem etablieren weltweit immer mehr Supermärkte „Stille Stunden“: Dann läuft weder Musik noch Durchsagen, die Lichter sind gedimmt. Das soll Personen aus dem autistischen Spektrum das Einkaufen erleichtern.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge spricht Good-News-Redakteur:innen Bianca Kriel mit Astrid Ehrenhauser, Redakteurin beim enorm Magazin über Innovationen für mehr Inklusion.

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News. Heute geht es um Innovationen für mehr Inklusion. Aber erst einmal der Gute-Nachrichten-Überblick.

Bereits 138.000 Quadratkilometer Meeresfläche stehen rund um die Galápagos-Inseln unter Schutz – nun kommen erneut 60.000 km² hinzu. Das erweiterte Meereschutzgebiet soll den Galápagos-Archipel mit den Inseln Coiba (Panama), Malpelo (Kolumbien) und Coco (Costa Rica) verbinden und Wanderrouten für seltene Tierarten schützen.

Bad Neuenahr-Ahrweiler stand 2021 im Zentrum der Hochwasserkatastrophe – 2022 hat die Gemeinde bei der Postcode-Lotterie den Januar-Monatsgewinn in Höhe von 1,4 Millionen Euro gewonnen. Die Gewinnsumme wird unter mehreren Teilnehmer:innen aufgeteilt.

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Videospiele sind bei vielen Kindern beliebt. Das von der Uni Genf und Trient entwickelte Spiel „Skies of Manawak“ dürfte auch die Eltern überzeugen: In einem Experiment mit 151 italienischen Schüler:innen wurde festgestellt, dass sich die Aufmerksamkeits- und Lesefähigkeit der Acht- bis Zwölfjährigen dank des Spiels nachhaltig verbessert hat.

Wenn Autofahrer:innen Fahrräder innerorts überholen, müssen sie einen Abstand von 1,5 Meter einhalten. Doch dieser wird oft falsch eingeschätzt. In Stuttgart wurden deshalb nun Überholverbot-Schilder aufgestellt, die das Radfahren sicherer machen sollen.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca, ich bin Redakteurin bei Good News. Ich freue mich, dass wir heute über Innovationen für mehr Inklusion sprechen. Ich freue mich, dass heute auch wieder Astrid dabei ist, Redakteurin beim enorm Magazin!

Astrid:
Hallo liebe Bianca, ich freue mich auch total, mit dir aufzunehmen.

Bianca: Vielleicht vorneweg Astrid, wir sind beide Menschen ohne Behinderungen. Wir sprechen heute über Inklusion. Das heißt, wir selber haben keine Erfahrungen damit gemacht, wie es ist, sich mit Behinderung durch die Welt sich zu bewegen. Deswegen, wenn ihr Anmerkungen habt zu den Innovationen, über die wir gleich sprechen, wenn ihr damit Erfahrungen gemacht habt, Anregungen, Ideen, schreibt uns gerne an redaktion@goodnews.eu. Dankeschön.

Astrid: Ja, noch eine kleine andere Sache, bevor es direkt losgeht mit der Podcastfolge: Wir vom enorm Magazin. Wir suchen nämlich Verstärkung für unsere Social Media Redaktion. Und am liebsten, wenn du Lust hast dich zu werben und auch schon direkt starten möchtest, könntest du auch schon ab Mitte Februar bei uns anfangen als Social Media Redakteurin. Aber auch ein bisschen später wäre natürlich möglich. Und ja, wir sind ein super nettes Team und du hast da ganz viel Freiheiten und würdest unsere positiven, lösungsorientierten Geschichten auf Instagram, LinkedIn, Facebook, Twitter und wo auch immer du sie verbreiten möchtest also auf den Social Media Kanälen mit Menschen teilen und Menschen inspirieren. Genau. Also super gerne bewerben. Den Link packen wir in die Shownotes! (Hier gehts zur Stellenausschreibung)

Bianca: Bewerbt euch, wir freuen uns auf euch und ich kann nur sagen, es sind ganz, ganz tolle Kolleg:innen. So, zu unserem Thema heute: Inklusion. Ein Begriff, der ja oft verwendet wird, aber vielleicht gar nicht allen so bewusst ist, worum es da eigentlich geht. Inklusion bedeutet im Allgemeinen, dass jeder Mensch am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, und zwar in allen Bereichen. Tatsache ist, dass das nicht in allen Bereichen für alle Menschen möglich ist, weil es viele Barrieren gibt, seien es physische, seien es digitale, seien es Barrieren im Kopf. Und heute sprechen wir über Innovationen, die diese Barrieren etwas abbauen wollen und vielleicht sogar können und Menschen mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

Astrid: Ja, genau, und zwar mit diesen Barrieren fängt es halt auch schon an, wenn ich einfach Lebensmittel kaufen möchte, zum Beispiel im Supermarkt. Es gibt mittlerweile natürlich Geschäfte, Dienstleister, die mir das Essen und ja, Grundbedarf oder so nach Hause liefern, an die Haustür liefern. Aber günstiger ist es natürlich dann doch, wenn ich vor Ort einkaufen kann. Und das kann aber schwierig sein für Menschen mit Behinderungen. Wenn zum Beispiel, ja, die Waren so platziert sind, dass man die vom Rollstuhl aus nicht so gut erreicht oder auch Preisschilder vom Rollstuhl aus nicht lesen kann. Oder eben für sehbehinderte Menschen, wenn diese Preisschilder nicht kontrastreich genug sind. Und auch wenn jetzt eben der Zugang in den Supermarkt für Rollstuhlfahrer innen meist problemlos funktioniert, kann es sein, dass drinnen dann irgendwie Sonderangebote die Gänge blockieren und das natürlich ein Problem darstellt. Also da könnte man ja total einfach auch schon als Supermarktbesitzer:in oder wenn man dort arbeitet, das mitdenken. Und außerdem gibt es natürlich auch noch ein paar innovative Lösungen bzw. Ideen, wie man manche der anderen Probleme oder Barrieren angehen könnte. Zum Beispiel gibt es einen Einkaufswagen, der sich ganz einfach an den Rollstuhl koppeln lässt, damit die Hände von jemandem, der im Rollstuhl ist, eben frei bleiben, wenn man einkauft. Und die gibt es aber leider bisher nur in manchen deutschen Supermärkten. Außerdem, finde ich auch total interessant, ist eine Idee, dass man auch Lagepläne tastbar zur Verfügung stellt, also dass man Menschen, die blind sind oder sehbehindert sind, dass sie sich dann ertasten können, wo welche Produkte im Supermarkt sich befinden.

Oder auch Verpackungen könnten ja mit Brailleschrift versehen sein, dass man dann auch ertasten kann, in Punktschrift, was für ein Produkt ich in der Hand halte und was da drin ist. Außerdem gibt es auch technische Ideen, oder beziehungsweise scheint es tatsächlich, wie zum Beispiel die App Seeing AI, die einem vorlesen kann, um welches Produkt es sich handelt. Und eine App, die mit Freiwilligen arbeitet, ist Be My Eyes. Und da kann man als Mensch, der eben blind oder sehbehindert ist, sozusagen anrufen, per Videoanruf, eine sehende Person die hilft dann und erklärt was man da sieht, also worauf die Kamera zeigt. Genau. Ich habe mir die App auch mal runtergeladen, schon vor einer ganzen Weile. Und es ist total toll, dass da so viele Menschen mitmachen, dass ich bisher noch gar nicht gebraucht wurde, sozusagen. Ich habe ein paar Mal einen Anruf bekommen und habe dann immer verpasst, weil ich dann eine Sekunde zu langsam war, glaube ich. Da hatte schon jemand ihn angenommen. Und ja, aber das ist auch schön zu sehen, dass es da echt sehr viele Freiwillige gibt, die mithelfen.

Bianca: Ich finde es einfach immer noch so eine gute Idee. Du hast mir schon mal davon erzählt. Ich denke, das Prinzip ist eigentlich so einfach und jetzt durch die digitalen Möglichkeiten halt auch umsetzbar, ich finde das großartig. Du sagst, da sind schon viele angemeldet, vielleicht können sich ja doch noch mehr anmelden, dass auf jeden Fall immer jemand zur Verfügung steht, wenn eine sehbehinderte oder blinde Person jemanden braucht. Sehr cool. Wie heißt das nochmal? Be My Eyes?

Speaker2: Genau Be My Eyes, „Sei meine Augen“ sozusagen auf Englisch. Und eine weitere Innovation für blinde und sehbehinderte Menschen, die ist aus Slowenien, nennt sich Feelif, den Text dazu, den haben wir in unserer aktuellen Ausgabe. Wir haben verschiedene High Tech Lösungen und Innovationen aus Osteuropa vorgestellt und es ist Teil unseres Schwerpunkts „Im Osten viel Neues“. Da geht es nämlich genau um Osteuropa. Und die Ausgabe könnt ihr jetzt noch bei GoodBuy einzeln als Heft bestellen oder natürlich gerne auch direkt ein Abo abschließen. Wir haben da auch ganz verschiedene Preise fürs Abo. Man kann zwischen 30 und 72 Euro oder sogar kostenlos ein Abo bekommen und zwar ein Soli-Abo. Die gibt’s gratis für Menschen, die es sich sonst vielleicht nicht leisten können. Und dazu einfach eine E-Mail schreiben mit Name und Adresse an soli@enorm-magazin.de. Genau und über den Weg bei GoodBuy könnt ihr eben auch die aktuelle Ausgabe bestellen, wo es eben um das Start-up Feelif aus Slowenien unter anderen geht. Und zwar hat Feelif ein Tablet bzw. Smartphone-Applikation, nicht unbedingt Applikation, aber eine Art Auflage für den Bildschirm gemacht. Das ist ein taktiles, ertastbares Raster.

Also man kann sozusagen durch Fühlen ertasten, was digital angezeigt wird als eigentlich Bild oder eine Form, Diagramm oder Fotos. Und das ist halt total die super Innovation, weil dieses Tablet zum Beispiel kostet in Anführungsstrichen „nur“ 3.000 Euro. Das wirkt nach viel Geld, aber es ist immer noch viel günstiger als viele andere dieser Anwendungen, die es da gibt, um eben so Bilder im Digitalen erfassbar zu machen für blinde und sehbehinderte Menschen. Und es ist auch viel, viel leichter und kleiner als die vorherigen Sachen, die es so gab auf dem Mark. Und genau mit dieser Kombination aus dem Vibrieren und dem Ton kann man eben dann die Bilder sozusagen ertasten. Man kann außerdem eine SIM-Karte reinmachen und dann telefonieren und Nachrichten schreiben. Das Ganze ist wie ein Telefon, also sozusagen wie ein Smartphone nutzbar und es wird schon eingesetzt, und zwar in Schulen. Für einen inklusiven Unterricht, aber auch in zwei slowenischen Museen gibt es diese Technologie bereits, um einzelne Bilder eben auch für blinden und sehbehinderte Besucher:innen zu gestalten, dass sie die auch hier erleben können. Zu einem Museum hattest du ja auch noch eine total schöne Nachricht Bianca, oder?

Bianca: Ja, ganz genau. Also so toll ich jetzt auch diese Bildschirme finde und dass das jetzt auch in Museen eingesetzt werden kann, habe ich eine konkrete Nachricht aus dem Neanderthal Museum bei Düsseldorf. Wie der Name sagt: Das Neanderthal Museum beschäftigt sich mit der Geschichte der Menschheit. Dort gibt es jetzt auch nicht mehr ganz so neu, aber ich glaube seit letztem Jahr das Projekt NMsee. Das hat eine österreichische Archäologin, Anna Ritus mit der digitalen Design und Game Agentur Wegesrand umgesetzt, und zwar auf Initiative des Blinden und Sehbehinderten Verbands Nordrhein e.V. So, und worum geht es in diesem Projekt NMsee? Es geht darum, dass eine Ausstellung von Anfang an inklusiv gedacht wird, und zwar nicht: Wir erarbeiten uns seine Ausstellung und wir machen dann als extra für zum Beispiel sehbehinderte Menschen ein paar Tast-Exponate, was auch ganz toll ist, wenn das gemacht wird. Aber da war der Ansatz von Anfang an noch inklusiver. Und zwar, dass die ganze Ausstellung von Anfang an eben für sehbehinderte und blinde Menschen und aber auch sehende Menschen konzipiert worden ist. Wie haben die das gemacht? Das ist eine innovative Ausstellungsgestaltung, kombiniert mit einer Game App mit eben, wie vorhin erwähnten Tast-Exponaten, aber eben nicht hier und da mal, sondern es ist einfach fester Bestandteil der Ausstellung. Die Tast-Exponate, die Schilder sind alle tastbar. Es gibt ein durchgängiges Boden-Leitsystem und eben diese Game App. Und was ist besonders an dieser Game App? Die hat eine höchst präzise Standorterkennung. Das heißt, Menschen, die durch diese Ausstellung gehen, können lokalisiert werden und zwar sehr genau lokalisiert werden.

Und so können die Menschen halt passgenaue Informationen bekommen über die App zu dem Kunstwerk, wo sie gerade stehen oder zu diesem Exponat, wo sie gerade stehen. Gleichzeitig ist da auch ein Spiel damit verbunden, also es ist so ein Gaming Ansatz, diese Ausstellung. Ja und es gibt Stimmen, die sagen, das ist absolute Pionierarbeit, was das Neanderthal Museum bei Düsseldorf geleistet hat. Ja, leider ist es halt durch Corona bedingt auch schwieriger für manche Menschen geworden, ins Museum zu gehen. Dennoch finde ich das einfach einen großartigen Ansatz, dass man von Anfang an inklusiv denkt. Und das nicht als so ein Extra noch dazu sich hinkonzipiert. So, ich habe noch ein Zitat von Silke Oldenburg. Sie arbeitet beim Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg und ist Mitglied des Verbunds Inklusion. Diesen Verbund gibt es seit 2015, also jetzt ganz spezifisch im Museumsbau-Bereich. Da sind ganz viele unterschiedliche Museen dabei, unter anderem eben auch dieses Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Und sie hat leicht provokativ gesagt, ich zitiere: „Ich kenne kein barrierefreies Museum in Deutschland und dass es eben nicht damit getan ist, am Eingang eine Rampe aufzustellen und eben nicht damit getan ist, hier und da einzelne Ausstellungsstücke auch zum Beispiel für sehbehinderte Menschen zugänglich zu machen, sondern eben, dass der Ansatz ein ganz anderer werden muss, nämlich wie ein Museum sich versteht. Es ist eine Haltung.” Und sie arbeitet in diesem Verbund Inklusion für dieses Recht auf Bildung für alle Menschen. Und sie sagt auch, dass Museen eine Verpflichtung haben, diese Inhalte für alle zugänglich zu machen.

Astrid: Ja, total schön und auch richtig wichtig glaube ich, dass von Anfang an also nicht nur in Museen, sondern überall in der Gesellschaft mitzudenken. Und ich habe noch eine andere Innovation dabei. Und zwar nennt sich die .Lumen ein Start-up also das schreibt man also mit einem Punkt und dann Lumen. Genau. Und dieses Startup aus Rumänien wiederum ist auch Teil unserer Ausgabe zu Osteuropa. Dieses Start-up hat ein Headset entwickelt und es soll blinden Menschen die eigenständige Orientierung im Alltag erleichtern. Da geht es darum, dass mit fünf Kameras und einer Sensorik wird die Umgebung, Objekte und die Position und so weiter und auch die Bewegungen des Menschen ziemlich genau erfasst. Und diese Technologie soll dann eben Nutzer:innen mit verschiedenen haptischen und auditiven Impulsen, also sozusagen, gefühlten und hörbaren Impulsen zeigen, wie die Orientierung für sie halt möglich ist, also ihnen den Raum zeigen und Anweisungen auch zur Orientierung geben. Und das Ganze ist gedacht, dass man dadurch eine Art Ersatz für einen Blindenhund schaffen könnte, weil das Problem mit Blindenhund ist, dass die natürlich auch Geld kosten und sich auch nicht unbedingt blinde Menschen oft dann selbst auch um ihre Tiere kümmern können oder so. Also die Ausbildung von Blindenhunden ist ziemlich teuer, aber so ein Headset natürlich jetzt auch. Das heißt mal gucken, die werden auch noch auf den Markt kommen, die gibt es gerade noch nicht zu kaufen. Die Vorproduktion soll bald beginnen, aber der Punkt ist ja dann immer, wenn so was irgendwann ja auch größere Massen irgendwie sind und wirklich skalierbar, dann könnte das ja auch wieder günstiger werden. Und genau, als Idee find ich das eigentlich ganz schön, dass man sagt, man kann auch da Hightech nutzen, um Menschen die Orientierung zu erleichtern.

Bianca: Ja, voll, ich mein, stell dir vor, du magst keine Hunde.

Astrid: Ja, das ist auch ein Punkt. Ich bin zum Beispiel ein bisschen ein Schisser, was Hunde angeht. Ja und das gibt’s ja. Also klar, so ein Hund ist ja auch ein Lebewesen und das muss man erstmal auch mögen – einen zu Hund haben, voll.

Bianca: Absolut und oder du hast ne Hundeallergie oder so und ich meine, ist doch großartig, wenn sich sehbehinderte Menschen, blinde Menschen ja eine technologische, ich sage jetzt mal ganz salopp, einen Ersatz dafür anschaffen können, statt eines Hundes, wenn sie das denn möchten. Es geht ja wahrscheinlich einfach auch darum, mehr Alternativen zu schaffen und mehr Freiheiten.

Astrid: Es kann natürlich auch ganz toll sein, einen Hund zu haben. Ich kenne auch ein paar Hunde in meinem Umfeld, die mag ich sehr und das ist ja auch schön, so einen Begleiter zu haben. Deswegen, genau, es ist immer die Frage: Es ist dann vielleicht auch schön mit einem Hund, aber das ist halt einfach eine weitere Option, die es gibt und das ist einfach schön, wenn man verschiedene Möglichkeiten hat. Ja, und den letzten Bereich, über den ich noch gerne sprechen würde, das betrifft jetzt Menschen aus dem autistischen Spektrum und zwar wieder zurück zu der Anfangsnachricht mit den Supermärkten. Als ich mich damit beschäftigt habe, ist mir auch aufgefallen, dass es tatsächlich, man merkt das ja selbst, man geht in den Supermarkt und es ist extrem stressig da drin. Total grelles Licht, der Lärmpegel ist oft super hoch. Am besten läuft noch so eine nervige Musik. Es sind richtig viele Menschen zu den Stoßzeiten. Also das stresst mich manchmal auch. Und gerade Menschen aus dem autistischen Spektrum kann halt das noch mal besonders vor Herausforderungen stellen, wenn sie eben zum Teil Umgebungsreize weniger gut filtern können. Es betrifft ja auch nicht alle natürlich. Und Autismus ist wie gesagt auch ein Spektrum, aber es kann halt ein Problem sein und dementsprechend wurde eine Lösung gefunden, wie man das umgehen könnte und die ist eigentlich super simpel.

Und zwar, man macht einfach weniger Musik oder gar keine Musik, macht keine Durchsagen, die Lichter sind gedimmt und Mitarbeitende werden halt auch speziell geschult, um zu wissen, wie sie auf die Bedürfnisse von autistischen Kund:innen eingehen können. Und das ganze nennt man dann „Stille Stunde“ oder „Autism Hour”. Ich habe auch gelesen, das gibt es in Großbritannien zum Beispiel. Die dortige National Autistic Society, die hat 2017 gestartet mit einer jeweils einwöchigen Kampagne zu dieser „Autism Hour” im Einzelhandel. Und dabei geht es dann darum, dass man darauf aufmerksam macht, wie einfach es eigentlich wäre, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung das Einkaufen zu erleichtern, eben mit solchen „Stillen Stunden”. Und ja, leider wurde die Kampagne wegen der Pandemie pausiert. Aber im Jahr 2019, wo sie eben noch lief, da gab es schon in mehr als 4.000 britischen Läden diese Aktionswoche. Also das sind ja nicht nur Supermärkte, das waren auch andere Einzelhandelsläden. Und manche von denen haben halt tatsächlich jetzt auch schon ganzjährig eine stille Stunde eingeführt. Und als ich da ein bisschen weiter recherchiert habe, fand ich das auch total schön zu sehen, dass es wirklich weltweit eben schon Läden gibt, die das machen.

Zum Beispiel auch in Großbritannien, eine Supermarktkette namens Asda. Ich weiß gar nicht genau, ich kannte die nicht, wie man die ausspricht. Die haben wohl bereits vor fünf Jahren in einer Manchester-Filiale das eingeführt und seit November gibt es jetzt in 630 Läden, also in ziemlich vielen Läden, an vier Wochentagen sogar schon diese stille Stunde. Und bei Lidl Irland zum Beispiel gibt es seit dem Jahr 2018 in allen Filialen Irlands oder Nordirlands auch ein ruhiges Zeitfenster, das einmal die Woche für zwei Stunden ist. Und bei Lidl gibt es dann außerdem eine ganz süß gemachte „Lidl Adventures Karte“, also eine Karte, die den Einkauf erleichtern soll oder auch autistische Kinder speziell eben vorbereiten soll auf ihren Einkauf, die sehr kindgerecht gestaltet ist, wo sie dann sehen können, wo was im Supermarkt zu finden ist. Da ist auch ganz, ganz süß irgendwie vom Ansatz. Seit Sommer 2020 gibt es außerdem zweimal die Woche in ein paar Schweizer Spar-Filialen zweimal wöchentlich so stille Zeiten zum Einkaufen. Ja, ich hab dann auch überlegt, eigentlich würde das tatsächlich am Ende ja doch vielen Menschen nützen, nicht nur Menschen mit Autismus, dass man einfach diese stillen Stunden hat oder überhaupt ein bisschen ruhigeres Einkaufen, das könnte ja am Ende des Ganze entspannter machen für uns alle.

Bianca: Ziemlich cool, dass jetzt eben so breit und großflächig in Europa oder zumindest zum Teil darauf reagiert wird.

Astrid: Ja und ich meine, klar kann man sagen, dass ist vielleicht auch ein bisschen Marketing von den einzelnen Läden und Supermarktketten. Das kann man natürlich auch gut verkaufen, aber am Ende des Tages denke ich mir: Na ja, erstens ist es so, wir werden darauf aufmerksam gemacht, dass es eben besondere Bedürfnisse auch gibt und unterschiedliche Bedürfnisse einfach von Menschen. Und das ist ja schon mal wichtig. Dann kooperieren ja auch manche dieser Läden, zum Beispiel auch die Schweizer Spar Filialen, die kooperieren dann mit dem dortigen Verein „Autismus deutsche Schweiz“. Also da ist es dann auch so, dass sie so ein bisschen in die Richtung auch Awareness schaffen, also Aufmerksamkeit darauf lenken wollen und Bewusstsein schaffen und sensibilisieren. Und außerdem ja, und selbst wenn es ein bisschen Marketing ist, am Ende nutzt es ja dann doch Menschen. Auf jeden Fall.

Und das ist auch so entstanden damals. Also manche dieser Initiativen sind auch entstanden, weil im Supermarkt Mitarbeitende eben selbst ein Kind hatten, das  autistisch war. Und dann wussten die halt selber, das ist schwer mit diesen Kindern einkaufen zu gehen. Und dann wurde das in den Supermärkten geändert. Und ja, ich fand es auch sehr, sehr spannend und wichtig, dass wir da noch ein bisschen sensibler werden und es sich vielleicht auch in mehr Supermärkten ändert. Und nicht nur für Menschen aus dem autistischen Spektrum, sondern auch, ja wie gesagt, diese ganzen anderen Innovationen, die es gibt, dass man da einfach viel mehr mitdenkt und von Anfang an mitdenkt, dass es Barrieren gibt, die man abbauen kann.

Bianca: Ja, sehr schön. Vielen Dank!

Astrid: Dankeschön, Bianca.

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