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26 April 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Balkon-Konzerte

„Deine Seele braucht die Musik”

Musizieren auf Distanz: Auch das inklusive Utopia Orchester spielt jetzt Balkon-Konzerte mit Sicherheitsabstand.

imago images/Ikon Images

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Das inklusive Musikprojekt Utopia spielt während der Corona-Pandemie Balkon-Konzerte vor Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Dirigent Mariano Domingo erklärt, wie ein Orchester auch auf Distanz funktionieren kann.

Warum spielt das Utopia Orchester Balkon-Konzerte für Menschen mit Behinderung?

Die Leute dort haben jetzt oft kaum soziale Kontakte, sondern sind fast den ganzen Tag allein in ihrem Zimmer. Vorher haben sie sich getroffen, um etwa zusammen zu singen. Jetzt dürfen sie das nicht mehr. Die Idee war: Wir können sie zum Mitsingen animieren. So können sie wieder gemeinsam etwas machen – obwohl sie nicht zusammen sind. Wir wollen ihnen ein bisschen Freude bringen.

Wie hat das bisher geklappt?

Es hat sehr gut funktioniert. Bei unserem ersten Versuch vergangene Woche im Hof der Wohnanlage Verbund Darßer Straße der EJF in Hohenschönhausen haben uns etwa 50 Personen die ganze Zeit zugehört. Wir hatten das Gefühl, dass unsere acht Lieder zu wenig waren und wir noch länger hätten spielen können. Wir haben mit Klarinette und Geige einfache Volkslieder gespielt: Komm lieber Mai und die Ode An die Freude etwa. Wir spielen in Duos und mit Sicherheitsabstand.

Mariano Domingo, 42, ist Dirigent und Leiter des inklusiven Musikprojekts Werkstatt Utopia. Seit zwei Jahren musizieren dort 35 Menschen mit und ohne Behinderung. Während der Corona-Pandemie spielen die Musiker*innen zu zweit vor Einrichtungen der Behindertenhilfe.
Foto: Frank Weitzenbürger

Wie gehen sie als Orchester jenseits der Balkon-Konzerte mit den Kontaktsperren wegen der Corona-Pandemie um?

Eigentlich hätten wir dieses Wochenende zwei Konzerte gespielt, die wir schon lange zuvor abgesagt haben. Einen neuen Termin gibt es noch nicht, vielleicht nächstes Jahr erst. Bis dahin wollen wir versuchen, mit unseren Musikern in Kontakt zu bleiben und diese soziale Komponente zu behalten. Das war auch ein Grund dafür, warum wir die Balkon-Konzerte spielen. Das ist nicht nur eine Aktion für andere, wir wollen auch einfach weiterhin Musik machen. Gemeinsam digital Musik zu machen klappt nämlich nicht, weil es keine Software ohne Zeitverzögerung gibt. Das ist wirklich schade. Wir haben aber ein Video mit dem Stück Die Gedanken sind frei zusammen gemacht, als Collage. Jeder hat seine Stimme aufgenommen und dann haben wir es zusammengeschnitten.

Jede Woche am Donnerstag haben wir statt unserer Probe jetzt ein Treffen mit den Mitgliedern des Orchesters per Zoom. Meine Angst war, dass unsere Gruppe durch diese Situation kaputt geht. Aber fast alle sind noch dabei. Das hat mich total überrascht. Viele brauchen diesen Sozialkontakt und sind dankbar, dass es einen Raum gibt, um mit anderen Leuten zusammen zu sein – auch wenn es über eine Software ist.

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Können alle Mitglieder an den digitalen Treffen teilnehmen?

Das ist ein Problem: Nicht alle haben Zugang dazu. Manche hindert ihr Handycap daran. Als Team versuchen wir dann, sie stattdessen anzurufen, denn viele fühlen sich ansonsten einsam. Für ein Mitglied, das im Rollstuhl sitzt, war etwa die Probe jeden Donnerstag ein sehr wichtiger Moment in der Woche. Jetzt ist er viel öfter allein.

Wie geht es Ihnen selbst mit der Situation?

Es ist sehr traurig. Es ist klar, das ist meine Arbeit, aber es hat nichts mit Finanziellem zu tun. Denn als Musiker ist klar: Deine Seele braucht die Musik. Du kannst alleine spielen, aber als Dirigent ist es deine Aufgabe, mit vielen Leuten zusammen zu musizieren, und das geht jetzt plötzlich gar nicht mehr. Daher spielen wir die Balkon-Konzerte nicht nur für andere Leute, sondern auch für uns als Musiker. Ich weiß nicht, warum das nicht noch mehr Orchester machen.

Utopia Orchester

Das Utopia Orchester gehört zum inklusiven Musikprojekt Werkstatt Utopia, das seit Mai 2018 von der Aktion Mensch gefördert wird. Träger der Werkstatt Utopia ist der Verein KulturLeben Berlin, der sich seit zehn Jahren für kulturelle und soziale Teilhabe einsetzt, indem er nicht verkaufte Kulturplätze kostenlos an Geringverdienende vermittelt. Wegen der Corona-Pandemie fallen gemeinsame Proben und Auftritte derzeit weg. Daher gibt es nun das Projekt der Balkon-Konzerte, das die Werkstatt Utopia gemeinsam mit Frank Weitzenbürger, Inklusionsbeauftragter beim Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) in Berlin organisiert.

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Wie viele der Mitglieder des Orchesters haben eine Behinderung?

Ungefähr ein Drittel der Mitglieder. Diese Frage kommt immer wieder. Und ich sage nicht, dass es eine blöde Frage ist, aber für mich und die anderen im Orchester klingt sie ein bisschen komisch. Denn für uns gibt es nicht diese zwei Kategorien, also von Personen mit und Personen ohne Behinderung. Wir sind einfach ein Orchester, das Platz bietet für Leute, die in konventionellen Orchestern Schwierigkeiten haben, weil diese nicht barrierefrei sind.

Wo genau fehlt Barrierefreiheit für Musikerinnen denn anderswo?

Das fängt bei Leuten mit Rollstuhl an, dass es keinen Aufzug gibt und dass eine blinde Person keine kommerziellen Noten lesen kann.

Wie lesen blinden Musiker*innen Noten?

Es gibt Braille-Noten. Aber unsere beiden blinden Musiker finden Braille nicht praktisch. Für sie ist es am besten, wenn wir eine Aufnahme machen und sie lernen das Stück damit auswendig. Dafür bilden sie Tandems. Zum Beispiel eine Saxophonistin, die sehen kann, mit der anderen Saxophonistin, die blind ist.

Ist es daher also wichtig, dass nicht nur Menschen mit Behinderung im Orchester spielen?

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Ich finde, das ist für beide Seiten sehr wichtig. Blinde Menschen können sehr gut hören. Ihre Fähigkeiten machen uns als Orchester viel reicher. Auch die Gesellschaft ist gemischt. Ich finde es nicht gut zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu trennen, gemischt ist es viel interessanter.